Die Schmutzblume oder: Zusammen alt werden.

Wenn man nach reiflicher Überlegung und anhaltender Liebe zu dem Entschluss kommt, den Bund der Ehe einzugehen, verbinden meist beide Bündnispartner damit auch die Perspektive (oder Hoffnung), „zusammen alt zu werden“ (wie man das immer so verklärt nennt, so lange man vom ernsthaften Altgewordensein noch ein geraumes Stück entfernt ist).

Der Mann, mit dem ich das Abenteuer Altwerden noch vor mir habe und seit ein paar Jahren verheiratet bin, ist inzwischen zum gemäßigten Springsteen-Fan geworden. Vielleicht ist es auch nur ein Deal: ich akzeptiere seine Liebe zum FC Bayern und er meine zu dem Kerl aus New Jersey. Jedenfalls geht er bei jeder Tournee zu einem der Konzerte mit (angeblich auch gern), kann den einen oder anderen Song tonsicher mitpfeifen, und ab und an versucht er sogar, bei ein paar Textpassagen ein bisschen mitzusingen.

So auch bei einem Song, den ich erst 2012 (nach bereits 27 Jahren Fansein) live in East Rutherford (ein Kaff in New Jersey, in dem man nicht gewesen sein muss, außer für diese Konzerte) kennelernen durfte: „Jole Blon“.

Ich gebe zu: es ist ein eher schlichter Song, mit eher geringem poetischen Gehalt oder inhaltichem Anspruch, letztlich eigentlich kaum mehr als ein kleines, fröhliches, musikalisch simples Liebesliedchen, das zudem nicht mal von Springsteen selbst stammt und das er seinerzeit zum Besten gab, weil sein alter, aus den Südstaaten stammender R&B-Buddy Gary U.S. Bonds, der mit „Jole Blon“ in den frühen 1980er Jahren einen großen Hit gelandet hatte, in East Ruhterford kurz mit auf die Bühne gehievt wurde.

Aber wie das eben oft so ist: in der Fremde sind manche Eindrücke, Klänge, Gerüche, Farben und Erlebnisse strahlender, heller, belebender, freundlicher – kurz: besser als sie es daheim je sein könnten, und so kehrte ich von dieser Reise damals mit „Jole Blon“ im Ohr und Gepäck nach München zurück und der Gatte musste für den Rest des Sommers diese neue Errungenschaft akustisch über sich ergehen lassen.
Irgendwann als er vermutlich gerade nichts Besseres zu tun hatte oder sich von dem eigentlichen Gedudel etwas ablenken wollte, muss er wohl mal genauer hingehört haben, was Bruce da sang.

Die Lyrics lauten wie folgt :

Jole Blon, Delta Flower
You’re my darling, you’re my sunshine
I love you and adore you
And I promise to be true

In the evening in the shadow
I’ll be waiting by the river
When I hear your sweet voice, I rejoice
I save my kisses for you

Sha la la, sha la la
Sha la la, sha la la
[ich verkürze an dieser Stelle ein wenig, ohne dass wichtige Bedeutungszusammenhänge verloren gehen würden]

When your hair turns to silver
I’ll still call you Delta flower
Pretty Blon I’ll still love you
And I will wait for you

[da es mit „sha la la“ weitergeht, kürze ich erneut ab, auch auf die letzte Strophe verzichte ich, weil sie nichts wesentlich Neues bringt]

Eines Tages, Jahre später, wir saßen gemeinsam im Auto, „Jole Blon“ shalalate nach Langem mal wieder vor sich hin, sang er zu meiner Überraschung ein bisschen mit, der Gatte.
Und während er sang „(…) when your hair turns to silver, I’ll still call you Dirty Flower (…)“ lächelte er zu mir hinüber und legte kurz seine Hand auf meine.

Ich war entzückt! Darüber, wie er mich beim Singen ansah und dass er Teile des Textes kannte. Noch mehr aber darüber, dass aus der von Bruce besungenen Delta Flower eine kleine Schmutzblume geworden war, der er versicherte, dass er sie immer noch lieben würde, auch wenn ihr Haar eines Tages grau geworden wäre.

Das hat mich zutiefst beruhigt. Als Dirty Flower lässt es sich recht ungeniert leben, den ersten grauen Haaren mit Gelassenheit begegnen und wahrscheinlich auch ziemlich entspannt gemeinsam alt werden.

In diesem Sinne wünsche ich euch ein ungezwungenes Leben, Lieben und Altern, und das nicht nur heute, zum Hochfest des Leibes!

Eure Kraulquappe.

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