Phos for you, phos for me, phos for us.

Die Überschrift?!? Bloß ein kongeniales Wortspiel. Eines von der Sorte, das einem bei zwei Stunden mit Hund im Pissregen, wenn einem das Wasser bereits zu den angeblichen Goretexschuhen reinschwappt, zumindest für 13 Sekunden von dem meteorologischen Ungemach und anderem Lebensmist abzulenken vermag.

Um gleich zur Sache zu kommen: es geht um Phosphorus. Ein homöopathisches Mittel, ein sogenanntes Konstitutionsmittel. Das sind die, die es auf die gesamte Person mit all ihren Macken abgesehen haben.
Ich bin kein Fan der Homöopathie, bin aber auch insofern nicht mit ihr verfeindet als ich denke: wenn’s hilft, soll’s mir recht sein, auch wenn ich nicht dran glaube (und schaden tut’s auf keinen Fall).

Heute waren wir beim Tierarzt. Ich schreibe ganz bewusst „wir“ und das nicht nur, weil der Hund da nun mal nicht allein hingehen kann (und selbst wenn sie es könnte, so täte sie es niemals). Also liegt es in der Natur der Sache, dass einer von uns mit ihr hingeht.
Unser Tierarzt ist ein gemütlicher, empathischer, in sich ruhender Alt-68er, Typ „Dr. Dolittle“, immer freundlich zu Mensch und Tier, mit viel Zeit und ohne jegliches Gequieke, was ich neben seiner langen Erfahrung am meisten schätze. Die beiden Tierärztinnen, die wir vor ihm konsultierten, gingen uns mit ihrem Gequieke auf die Nerven: unsere Hündin ist selbstverständlich zutiefst entzückend und natürlich auch der schönste Dackel weit und breit, dennoch war es bei Arztbesuchen eine Plage, wenn die Tierärztin sich im infantilsten Duziduzi-Ton unserem Hund zugewandt und das sogar noch intensiviert hat, wenn Pippa ihre große „Ich bin der weltärmste Hund“-Nummer (aus Angst davor, was ihr vielleicht widerfahren könnte, wenn man sie gleich auf den Behandlungstisch hebt) abzog. Unerträglich! Dackel sind begnadete Schauspieler, ich erwarte von einem Tierarzt, dass er das sowohl weiß, als auch damit umzugehen weiß, und diese Tour nicht noch verstärkt. Aber zurück zum Thema.

Unser Tierarzt hat sich heute in aller Ruhe mein Klagelied angehört: Hund ist schlapp seit der Läufigkeit, schleicht seit Wochen häufig müde hinter uns her (Ballspielphasen ausgenommen), ist arg verfressen usw.. Ich bin ein genauer Beobachter und da kommt in den paar Wochen, die Pippas Unpässlichkeit nun schon andauert, Einiges zusammen. Das Ganze dann noch garniert mit meinem Hang zur Sorge um das geliebte Hundetier… – es wurde ein 30-minütiges Arztgespräch. Kein Problem für unseren Tierarzt. Er hörte genau zu, machte sich Notizen, fragte nach, stellte Vermutungen an, verwarf sie wieder, erklärte Zusammenhänge. Währenddessen hatte sich das Dackelchen unter ein Regal gezwängt und zitterte dort schon mal vorsorglich vor sich hin, was Dr. Dolittle nicht entging.
Was ihm ebenfalls nicht entging, waren meine Reaktionen auf den Hund („Mäuschen, komm‘ doch mal her!“) – gelegentlich kommentiert er sowas augenzwinkernd. Momente, in denen ich mich frage: Wer ist hier eigentlich der Patient? Pippa? Ich? Wir beide? Sind wir wirklich beim Tierarzt oder nicht aus Versehen beim Psychotherapeuten gelandet? Fragen wie: „In welcher Stimmung sind Sie denn in den letzten Wochen gewesen? Könnte Ihr sensibler Hund das nicht ein Stück weit spiegeln?“ lassen einen da schon mal kurz stutzig werden.

Der Moment der Untersuchung nahte, Pippa kroch sogar mit Hilfe einiger Bestechungshäppchen völlig verstaubt unter dem Regal hervor und setzte ihr Zähneklappern nach der Zwischenmahlzeit auf dem Behandlungstisch fort. Tastbefund in Ordnung, Herztöne ebenfalls, alles andere auch.
Schlussendlich die Diagnose: der Hund ist sehr sensibel, hormonelle Vorgänge und Psyche haben sich ungut verheddert, eines bedingt das andere und – jetzt kommt’s! – ist die Bindung zwischen Mensch und Hund eine besonders enge und intensive, dann spielt die Verfassung des Menschen eine nicht unerhebliche Rolle für die Verfassung des Hundes. Er riet dazu, dem Ganzen einfach etwas Zeit zu geben und nur homöpathisch zu behandeln, denn organisch sei alles bestens.

Das Mittel der Wahl: Phosphorus D30, für zwei oder drei Wochen, alle paar Tage ein paar Kügelchen. Damit sollte alles wieder ins Lot kommen.

Und: „Sie können das Mittel ruhig auch nehmen.“
„Wie bitte? Ich soll dieselben Globuli nehmen wie mein Hund?“
Dr. Dolittle schmunzelt in seinen Bart hinein und meint: „Bei enger Bindung prägen sich bei sensiblen Hunden nach ein paar Jahren mehr und mehr menschliche Züge aus, die denen der Bezugspersonen ähneln. Ihr Hund ist ein klassischer Phosphorus-Typ.“

Aha. Botschaft angekommen. Nur gut, dass ich nicht an die Homöopathie glaube. Eigentlich. Denn ich muss zugeben, dass Ignatia D200 unserem Hund schon mal ganz toll geholfen hat. Oder es war Zufall, was ja leider im Nachhinein nicht zu klären ist. Oder war es ein Fehler, dass ich es nicht auch genommen habe. Wie dem auch sei: ich werde ihr natürlich auch Phosphorus verabreichen, logisch.

Nach 50 Minuten Therapiesitzung schlurfen wir beide – organisch gesund, psychisch verstört, aber wenigstens noch nicht phosphoreszierend – nachhause. Auf dem Heimweg holen wir uns Phosphorus D30 aus der Apotheke.

Daheim schlage ich bei Dr. Google nach, was eigentlich der „klassische Phosphorus-Typ“ sein soll:

„Der Phosphorus-Typ zeichnet sich durch seine körperliche und geistige Lebendigkeit aus. Er ist sehr schnell für allerlei Dinge zu begeistern, aber genauso schnell auch wieder gelangweilt oder gar enttäuscht. Jegliche Reize aus seiner Umgebung beeindrucken den Phosphorus-Typen. Sowohl visuelle, als auch akustische oder taktile Sinneswahrnehmungen beeinflussen ihn stark und sorgen für eine ausgeprägte emotionale Reaktion.
Jene Personen werden darüber hinaus häufig von diversen Ängsten geplagt wie beispielsweise Angst vor Gewitter, dem Eintritt der Dunkelheit oder auch Angst vor zukünftigen Erkrankungen. Da diese Menschen schnell auf äußere Einflüsse reagieren, können jene Ängste gut durch Zureden anderer Personen gebessert werden.
Ein starkes Leeregefühl im Bauch ist geradezu klassisch für den Phosphorus-Patienten. Zusätzlich wird als häufiges Leitsymptom ein vermehrtes Hungergefühl beschrieben. Der Kranke ist meist direkt nach einer Mahlzeit wieder hungrig und isst somit über den Tag verteilt mehrere Mahlzeiten. Er wird dann oft von starkem Heißhunger geplagt, wobei klassischerweise kalte Speisen bevorzugt werden. Durst hingegen empfindet der Phosphorus-Typ häufig zwischen 15 und 18 Uhr. Diesen stillt er ebenfalls am liebsten mit kalten Getränken. Typischerweise zeichnen sich jene Personen durch schlanke Statur aus. Zudem läuft der Phosphorus-Typ die meiste Zeit mit nach vornüber gebeugtem Oberkörper.
Erleichterung verspürt der Patient bei aufrechtem Sitzen oder bei Liegen auf dem Bauch. Generell tun ihm Ruhe und Entspannung gut, weshalb auch nach einem kurzen Nickerchen meist viele Beschwerden abgeklungen sind. In Gesellschaft von vertrauten Menschen fühlt er sich grundsätzlich gut aufgehoben und genießt die Geborgenheit durch andere. Zusätzlich kann das Massieren einer schmerzhaften Körperstelle zu einer Symptomlinderung führen.“

Nun ja, was soll ich sagen? WIR fühlen uns erkannt. Durchschaut geradezu. Die schnelle Begeisterungsfähigkeit, die hohe Emotionaliät, die ständige Leere im Bauch, die diversen Ängste, das komische Essverhalten, die häufige Müdigkeit, die Sehnsucht nach Geborgenheit. Und endlich haben wir es mal schwarz auf weiß, dass wir trotz unseres Heißhungers eine schlanke Statur haben, das hören alle Frauen gern.
Wenn uns dann noch jemand gut zuredet, krault und auch tagsüber schlafen lässt, kommen wir schon irgendwie über die Runden, wir zwei Phosphörchen, selbst wenn wir bei verhassten Unwettern durch die Gegend hatschen wie ein Doppelpack des Glöckners von Notre-Dame.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten, was der Phosphor mit uns anstellt.
Jetzt müssen wir erstmal was essen und danach nochmal durch den Regen um den Block buckeln.

Die Kraulquappe und ihr kleiner Hund.

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Der Phosphorus-Typ: ein Freund des gepflegten Nickerchens.

3 Gedanken zu „Phos for you, phos for me, phos for us.

  1. Ich habe auf „Gefällt mir“ geklickt, weiß aber gar nicht, ob mir das, was ich da lese, wirklich so gefällt…
    Ich biete Dir aber gerne wieder meine Dienste an, schließlich fühlst Du Dich in vertrauter Gesellschaft wohl, gut zureden kann ich auch (v. a. bei ein paar Mai Tais) und ein bisschen die schmerzhaften Stellen massieren hab ich ja auch schon gemacht. Nur auf dem Bauch liegen und schlafen musst Du noch selber machen.
    Dein Zaunfink

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    • Für diesen Kommentar klicke ich gleich 3x auf „Gefällt mir“ 🙂
      Komme gern auf dein Angebot zurück, am besten in dieser Abfolge: Physio, gut Zureden, Mai Tai, Auf den Bauch legen und Schlafen.

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