Wieder daheim oder: Where’s the ball?

Nach 50 Stunden Blogpause wird es mal wieder Zeit für ein Lebenszeichen.

München empfing mich mit 16 Grad und Regen und einer – na, sagen wir’s mal so: etwas prekären Situation daheim. Derjenige von uns, der einige Tage bei überwiegend schlechtem Wetter alleinerziehend ist, hat dann immer ziemlich die Nase davon voll, 3x am Tag den Hund im Regen zu bespaßen, dreckige Pfoten sauber zu rubbeln und das eigene Regen-Outfit im Bad zum Trocknen aufzuhängen. Das schlägt einem ab dem dritten Tag immer etwas auf die Stimmung, was der Hund leider auch spürt, so dass man auch gemeinsam nicht mehr durchgehend in Top-Laune ist, sondern eine latente Gereiztheit auf beiden Seiten Einzug hält. Da ist dann die Freude über die Rückkehr des Partners wirklich besonders groß.

Prekär aber war die Situation daheim nicht nur deswegen, sondern weil wir just vor meiner Abreise nach Wien festgestellt hatten, was die wahre Ursache der bereits wochenlang andauernden Schlappheitssymptome unserer Dackeldame ist. Da wir beide der ausschließlichen Hormontheorie (Läufigkeit, Scheinträchtigkeit und eingebildete Welpenaufzuchtphase – alles in allem übrigens ein Zeitraum von über 3 Monaten am Stück, in dem die Hündin neben der Spur sein kann) sowie dem psychischen „Reset“ durch die Phosphorus-Heilwirkung misstrauten, sind wir nochmal alle Möglichkeiten und Beobachtungen durchgegangen, die jeder von uns in den letzten Monaten so gemacht hatte: Wann tritt die Schlappheit auf, wie lange hält sie an, wodurch verschwindet sie usw.. So kamen wir schließlich dahinter, dass sie nur draußen auftritt und auch nur, nachdem Pippa mit ihrem Bällchen spielen durfte oder aber auch, wenn wir Spaziergänge machten, bei denen das Bällchen nicht mit von der Partie war. Fazit: Die Schlappheit ist ziemlich sicher Ausdruck eines extremen Frusts, dass der Ball weg ist oder dass er gar nicht erst da war. Wir stöberten ins unseren Hundebüchern und im Internet zu diesem Phänomen – und wurden in unserer üblen Vorahnung schnell bestätigt: Unsere Pippa ist ball-süchtig geworden.

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Pippas Lebensmittelpunkt: das gelbe Bällchen.

Das hat sich schleichend entwickelt, letztlich über Jahre, wie sich Süchte eben so entwickeln. In einem langen Artikel eines erfahrenen Hundetrainers fanden wir alle Phänomene der Ballsucht ausführlich beschrieben und mussten uns eingestehen, dass sie alle auf unseren Hund zutreffen.
So verging der Tag vor meiner Abreise mit dem Studium der Therapiemöglichkeiten: Welche Maßnahmen sind zu ergreifen? Wie soll man am besten vorgehen? Womit soll sie alternativ draußen beschäftigt werden? Ist der Ball nun für alle Zeiten tabu? Empfiehlt sich eine Substitution (Frisbeescheibe etc.) oder ist der kalte Entzug der beste? Wie lange dauert der ganze Scheiß und gibt es irgendwo eine Selbsthilfegruppe für co-abhängige Hundeeltern, bei der man sich Unterstützung holen oder einfach mal ausheulen kann?

Die Empfehlungen wiesen alle in dieselbe Richtung: Den Ball komplett entziehen, sofort und für lange Zeit, vielleicht für immer. Stattdessen völlig neue Spiele einführen, die allesamt den Hund gleichermaßen geistig wie körperlich fordern, so dass er von seinem Apportier-Turbo-Trip runterkommt und dennoch rundum gut ausgelastet wird. Zusätzlich an der Mensch-Hund-Bindung arbeiten, indem die Objektfixierung aufgelöst wird und gemeinsame Beschäftigung mehr in den Vordergrund gerückt wird. Ach du meine Güte…

Ganz ehrlich, ich war nicht allzu unglücklich, mich unmittelbar vor dem Start dieses neuen Programms (und es ist völlig klar: das wird keine Sache von ein paar Wochen, sondern eher von einigen Monaten!) drücken konnte, indem ich mich nach Wien verkrümelt habe.

Neben langen Arbeitstagen, Selbstverpflegung und dem Regen hatte mein Mann also noch mit einem Hund zu kämpfen, der massiv unter Entzugserscheinungen litt und auf Spaziergängen das Gefühl vermittelte, sein Leben habe ohne den Ball jeglichen Sinn verloren.

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Zufällig im Museumsquartier in Wien entdeckt: Comic zu ballsüchtigen Hunden (immerhin: wir sind offenbar nicht allein mit dem Problem!)

 

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Zwischen Hoffnung und Enttäuschung: ewiges Warten auf das Highlight

Wieder daheim wurde ich dann umgehend instruiert, wie die neuen Abläufe beim Gassigehen aussehen, wie die Therapie bislang verlaufen ist, welche ersten kleinen Erfolge sie bereits zeitigt und wie der Hund gut abgelenkt werden kann, sobald ihr der Entzugsfrust anzumerken ist.

Damit werden wir uns nach meiner Einschätzung wohl bis zum Herbst konsequent befassen dürfen – was für Aussichten!

Sollte sich der therapeutische Weg, den wir nun eingeschlagen haben, als unpassend erweisen, gibt es noch zahlreiche Alternativen, die speziell parallel zur EM und wenn man den gesamten Freundeskreis ein bisschen mobilisiert, durchaus Event-Charakter haben können:

Entscheidend ist jedenfalls, dass wir nicht vorschnell die Flinte ins Korn werfen, wenn es kleine Rückschläge gibt, sondern das Anti-Sucht-Training mit Geduld und Konsequenz durchziehen (fast hätte ich gesagt: am Ball bleiben, aber genau das ist ja jetzt verboten).

Die ersten 90 Minuten sind ja bekanntlich die schwersten, aber vom Feeling her haben wir ein gutes Gefühl, dass wir das schon hinbekommen werden.

Ein schönes Wochenende und viele spannende Bälle wünscht euch Nicht-Süchtigen
die Kraulquappe

5 Gedanken zu „Wieder daheim oder: Where’s the ball?

  1. Dumme, aber interessierte Frage eines Nicht-Hundehalters: Warum sollte man dem Hund das mit dem Bällchen überhaupt abgewöhnen? Wär’s nicht eine Lösung, einfach immer mit Bällchen … ? Ist ja irgendwie kein Substanzmissbrauch mit negativen Folgen oder so.

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    • Eine gute Frage stellen Sie da! Ich danke für das ungewöhnliche Interesse (zumal von einem Nicht-Hundehalter)!
      Die Antwort: Hat der Hund das Bällchen bei jedem Spaziergang (und so ist es bei uns über die Jahre eingerissen) und tendiert zugleich zum „Balljunkie“ (was auch rassespezifisch begünstigt sein kann), kann sich die Sache mit der Zeit so entwickeln, dass der Hund nur noch am Bällchen interessiert ist. Das heißt, er nimmt sich kaum noch Zeit zum Schnüffeln, ist nicht mehr am Spielen mit anderen Hunden und auch kaum noch an seiner Umwelt interessiert (damit meine ich natürlich nicht sowas wie schöne Aussicht oder den ersten Enzian). Es zählt nur noch der Ball. Bekommt er ihn nicht, ist er frustriert bis apathisch, schleicht mit Tunnelblick hinter einem her und bleibt wie ein Pflock an allen Orten sitzen, von denen er sich gemerkt hat, dass er dort immer den Ball bekam… DANN ist es Ballsucht (mit durchaus negativen Folgen) und man sollte was dagegen tun, denn diese starke Objektfixierung tut dem Hund nicht gut, schränkt ein, macht unfrei (auch uns).

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  2. Ja um Gottes Willen! Das höre ich zum ersten Mal, dass Hunde ballsüchtog werden können. Eure Kleine lässt ja wirklich nichts aus.

    Maya spielt zwar nicht mit Bällen, aber wenn es so etwas wie eine Ballsucht gibt, dann können Hunde doch bestimmt auch von anderen Spielsachen abhängig werden, oder? Sie liebt nämlich ihr Tau, das wird zu jeder Gelegenheit bearbeitet, zerrupft, weggekickt, eingefangen, beschmust und abgeleckt.

    Bin gespannt, wie’s euch im „Cold Turkey“ ergeht.

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