Die Kalkschulter oder: Save the last dance for me

In fünf Tagen endet eine dreijährige Durststrecke: Am 17. Juni rockt Bruce Springsteen das Münchner Olympiastadion.

Für einen nicht mehr blutjungen Fan ist das ein Ereignis, das eine ganze Menge Aufwand bedeutet. Und der finanzielle Aufwand ist noch mit der geringste.

Erste Etappe: Der Ticketkaufstress.
Am Vorverkaufstag Wecker stellen, eine Stunde vor VVK-Beginn an 3 verschiedenen Geräten 2-4 Ticketanbieter in jeweils eigenen Browserfenstern aufrufen. 10 Minuten vor VVK-Beginn Konferenzschaltung zum genauso bekloppten Fan-Kollegen nach Berlin starten. Kreditkarte bereitlegen, Nummer einprägen. Etwa 20 Internetverbindungen warten dann auf den Startschuss zum Einkauf. Irgendeiner von uns beiden wird wie immer Glück haben. Hecheln, Zittern, Schweißausbrüche, hastige Absprachen („Ich glaub, ich hab Berlin“ oder „München ist wieder aus dem Warenkorb geflogen“), ins Telefon gekeuchte Flüche („Verdammt, die Seite hängt!“ oder „Der aktzeptiert meine Prüfnummer nicht!“) und schlussendlich Freudenschreie, wenn 3 bis 15 Minuten nach VVK-Start die heißbegehrten FOS-Tickets endlich im Warenkorb liegen. Der restliche Tag vergeht wie im Suff: Man weiß, man wird dabei sein UND im vorderen Viertel der Arena stehen!

Zweite Etappe: Die Vorfreude.
Nach erfolgreichem Ergattern der FOS-Tickets für mindestens 2-4 Orte der Tournee (je nach Alter, Verfassung und Kontostand) beginnt die Zeit der Vorfreude. Tournee verfolgen, Youtube-Mitschnitte inhalieren, Setlists im Fanforum diskutieren, eigene Requests überlegen oder gar Schilder für diese malen, Songtexte auffrischen, kritische Stellen üben, um keinesfalls während der Show aus dem Takt oder dem Text zu geraten, die Fan-Shirts aus dem Schrank holen, anprobieren und testen, ob der Aufdruck schon abblättert, weil man den verwaschenen Fetzen seit 20 Jahren trägt oder sich die Körpermaße seit 1990 allzu einschneidend verändert haben.

Dritte Etappe: Die Vorbereitung.
Etwa einen Monat vor dem großen Tag bzw. dem ersten Konzert beginnt dann die konkrete Vorbereitungsphase. Sportdosis etwas erhöhen, um 3 Std. Tanzen und Springen durchzuhalten, überhaupt verstärkt auf die Gesundheit achten, um sich nur ja keine Verletzung, Erkältung oder irgendetwas zuzuziehen, das das Vergnügen beeinträchtigen könnte.
Eine Woche vor dem Ereignis täglich 10x vier verschiedene Wetter-Apps aufrufen, um sich mit Prognosen verrückt zu machen oder zu beruhigen. Dasselbe gilt für die Setlists der letzten paar Konzerte: Wenn er xy beim vorletzten Mal gespielt hat, könnte es u.U. bis München wieder dran sein oder umgekehrt: wenn xy die letzten vier Shows nicht dabei war, werden wir es diesmal mit Sicherheit hören.

Vierte Etappe: Das Konzert selbst.
Ab dem Aufstehen nur noch Speisen und Getränke zu sich nehmen, die garantiert zu keinerlei Beschwerden führen. Vormittags leichte sportliche Betätigung, um letztmals die Rückenmuskulatur zu kräftigen und die Schultern zu lockern für dreistündiges Arme-in-die-Luft-Recken, Klatschen usw. Ab Mittag weniger trinken, damit der hart erkämpfte Platz im Pit nicht zu früh einer Pipipause zum Opfer fällt. Je nach Wetter mehrfaches Umziehen: 3-Schichten-Modell oder doch lieber ein kleines Risiko eingehen und die sperrige Goretexjacke daheim lassen? Passendes Schuhwerk wählen, ggf. alles nochmal imprägnieren. Rechtzeitig losgehen, um früh genug am Einlass zu sein (je nach Alter und Verfassung). Kräfte so dosieren, dass man nach 5-1o Stunden Stehen und 3 Std Konzertgenuss noch in der Lage ist, den Heimweg aufrecht und ohne Hilfsmittel anzutreten.

Gell, da kann es einem echt vergehen! Verstehen können das wohl nur Menschen, die auch Fan sind oder es mal waren.

Ich muss zugeben, dass ich über die Jahrzehnte bereits viele, viele Abstriche gemacht habe, was die konsequente Durchführung dieser 4 Etappen angeht. Etappe 1 packe ich noch wie beschrieben, dabei kann man ja auch gemütlich sitzen. Bei Etappe 2 verlässt mich der alte Ehrgeiz schon ein wenig und ich vertraue einfach auf mein umfangreiches Textrepertoire aus den 80er und 90er Jahren, das für alle Ewigkeit in mein Hirn eingemeißelt ist. Man kann halt nicht mehr überall mitplärren, einige der neueren Songs muss man mitsummen, sofern man sie in der ersten Strophe überhaupt schon erkennt. Wurscht! Und der an den Rändern sich auflösende Aufdruck auf meinem Lieblings-Shirt ist auch kein Drama. Schließlich ist der Großteil der Fans gemeinsam gealtert, samt der T-Shirts.

Richtig kritisch wird es mittlerweile bei Etappe 3. Trotz regelmäßigen Sportpensums und sorgsam gepflegter Grundfitness macht einem der Körper seit ein paar Jahren hier und da unerwartet einen Strich durch die Rechnung und lässt einen spüren: Hey, du bist keine 25 mehr! Die Knie, der Nacken, die Hüften, der Rücken, der Kiefer, die Schultern, ach, derlei Malaisen einfach mal im munteren Wechsel in den Alltag eingestreut und – schwupps! – muss man sich eingestehen, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen mittlerweile bei Konzertbesuchen ebenso fest mit einzuplanen sind wie der Regenponcho (als Steigerung sind nur noch möglich: Ohrstöpsel und Klapphocker).  Ein bisschen dämpft das schon die Vorfreude.

Nimmt man die Einschränkungen von Etappe 3 ernst, ist es vernünftig, rechtzeitig Vorkehrungen für Etappe 4, also das Konzert selbst, zu treffen. Vorbei die Zeiten, wo man schon vormittags vor den Stadiontoren campierte und in sengender Hitze oder strömendem Regen bis 19 Uhr ausharrte, um dann einen Kaltstart die Treppen runter in die Arena hinzulegen und sich dort noch weitere 2 Stunden vor der Bühnenabsperrung festzukrallen, bis es mal losgeht.
Ab Anfang 30 ertappt man sich plötzlich dabei, vorsorglich am Tag nach dem Konzert Urlaub zu nehmen, um sich von den Strapazen erholen zu können. Ein paar Jahre später nimmt man auch schon am Vortag des Konzerts frei. Und eines Tages lässt man den Irrsinn mit dem stundenlangen Anstehen einfach bleiben, kauft sich zwar immer noch ein FOS-Ticket, geht aber dem Rücken und den Knien zuliebe erst eine Stunde vor Konzertbeginn zum Stadion (und nimmt trotzdem 3 Tage Urlaub).

Diesmal ereilte mich mitten in Etappe 2 ein für einen Fan herber Schicksalsschlag: Ich bekam Schulterbeschwerden. Schlimme Schulterbeschwerden. Obwohl ich Orthopäden nicht über den Weg traue, habe ich einen aufgesucht, um mir bestätigen zu lassen, was ich selbst schon diagnostiziert hatte, da ich das Ganze vor einigen Jahren an der anderen Schulter erlebt hatte: Kalkschulter. Inklusive Bursitis (was wesentlich netter klingt als „Schleimbeutelentzündung“, finde ich). 10 Tage Ibuprofen gefressen, keine Besserung (außer komatösem Nachtschlaf ohne jeden Schmerz :-)). Ratlos, frustriert, ein Gefühl von Älterwerden (bzw. -gewordensein) und, naja, Verkalkung.

Ich sah Etappe 4 ernsthaft in Gefahr, denn wenn mir die Schulter schon beim Anziehen eines Shirts höllisch weh tut, wie soll ich da 3 Std Jubeln und Klatschen durchhalten?
Ganz zu schweigen von dem Moment, auf den wir Bruce-Fans alle insgeheim hoffen:

crowd-surf-philly

Stagediving Bruce

Was, wenn er wegen meiner mangelnden Kraft unbequem inmitten seiner Fans liegen müsste oder gar aufgrund meiner instabilen Schulter zu Boden fiele? Nicht auszudenken! Der Gute geht schließlich stramm auf die 70 zu und muss mit größter Sorgfalt behandelt werden!

Was also tun, um das Konzert in alter Manier feiern und genießen zu können und ggf. auch diese Mega-Panne beim Stagediving zu verhindern? Eine Ibuprofenkur? Die teure Stoßwellentherapie bezahlen? Einen anderen Orthopäden aufsuchen?

Meine Rettung hieß Zaunfink.

Mit Zaunfink bin ich seit meiner Meniskus-OP vor 3 Jahren befreundet, sie war die Physiotherapeutin, zu der ich vier Tage nach der OP mutlos und niedergeschlagen auf Krücken hinhumpelte, die mir Gehen, Treppensteigen und Hinknien wieder beibrachte und mir vor allem die Zuversicht gab, dass ich irgendwann wieder ein „normales“ Knie haben würde, mit dem ich auch nachts auf der Seite liegen und schlafen können würde (was tatsächlich so kam).
Da ich damals noch Privatpatient war, wurde uns der Luxus zuteil, in über 20 langen Sitzungen nicht nur mein Knie auf Vordermann zu bringen, sondern uns auch nebenbei unser Leben zu erzählen und festzustellen, dass wir so viele Gemeinsamkeiten haben, dass mein wiederhergestelltes Knie keinesfalls das Ende unserer Bekanntschaft markieren würde.

Außerdem: In jedem gut sortierten Freundeskreis sollte man eigentlich neben einem Rechtsanwalt, einem Tierarzt, einem Steuerberater, einem Kfz-Mechaniker, einem Hardware-Experten, einem Weinbauern und einem Ferienhausbesitzer spätestens ab 40 auch einen Physiotherapeuten haben.

Zaunfink und ich haben den Deal, dass ich in Notfällen meinen Körper außerhalb ihrer Praxiszeiten zur Reparatur vorbeibringen darf und mich dafür mit einem Abend in unserer Lieblingsbar revanchiere – wobei wir nie adäquat die Menge wegkippen, die Zaunfink mit seiner Hände Arbeit in mich investiert hat. Aber unter Freunden geht es letztlich ja um die Gesamtbalance – und da ist bei uns alles im Lot.

So verbrachte ich also einen Teil des gestrigen Samstags in der Praxis und dort mit Herbert…

20160611_130158

Lerneinheit „Schulter“

…einer gründlichen Anamnese durch den Zaunfink…

20160611_120519

Zaunfink bei der Vorarbeit

 

Befundbogen

Kraulquappes Kalkschulter in Wort und Bild

… deren Ergebnis (beängstigende Blitze und Ausrufezeichen überall auf dem Papier!) mich bestürzt und willenlos auf die Pritsche sinken ließ …

20160611_130142

Folterbank

… wo dann über eine Stunde bis an die Tränengrenze an mir herumgedehnt, -gedrückt, -gekurbelt, -gestreckt und -gebogen wurde …

IMG-20160611-WA0007

Körperteil des Grauens

… bis ich winselnd, massakriert und benommen von der Pritsche glitt, aber – siehe da! – erstmals seit Wochen wieder ohne Verrenkungen in mein T-Shirt schlüpfen konnte. Auf dem Heimweg kroch ein Hauch von Hoffnung in mir hoch, dass ich in fünf Tagen zwar vielleicht noch keinen Einsatz beim Stagediving oder Crowdsurfing gewachsen wäre, aber zumindest hierfür fit sein könnte:

Danke, lieber Zaunfink, dass du deiner kalkigen Kraulquappen-Freundin hilfst, auch in fortgeschrittenem Alter noch an solchen Fan-Freuden teilhaben zu dürfen!

Lockere Schultern fürs Beklatschen der heutigen EM-Tore und einen schmerzfreien Wochenausklang wünscht euch

Eure Kraulquappe.

 

PS: @Zaunfink: hab ich dir eigentlich gesagt, dass ich 2 Tage nach dem Münchner Konzert den nächsten Einsatz habe? Bist du am Tag dazwischen da?

3 Gedanken zu “Die Kalkschulter oder: Save the last dance for me

  1. Liebe Kraulquappe,
    das war eine super Idee von Dir, die gemeinsamen Posts zu machen. Und es ist tatsächlich interessant zu sehen, was dabei herauskam und worauf wir unseren Fokus gelegt haben.
    Ich hoffe, Du konntest heute beim EM-Spiel schön mitjubeln (zwei Gelegenheiten gab es ja) und hast auch jerzt noch die Hände in der Höhe.
    Der obligatorische Physio Deines Freundeskreis möchte Dich außerdem noch wissen lassen, dass sie die Abmachung immer noch spitze findet: Dehnen für Drink.
    Natürlich bin ich auch nach den Konzerten wieder für Dich da.
    PS: Was Du da erzählst, mit früherer und heutiger Konzert-Vorbereitung, ist für mich komplett verständlich. Trotz der paar Jahre, die altersmäßig zwischen uns liegen, habe ich mit solchen Torturen auch schon gebrochen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s