München am 17. Juni: A sneeze to seal our fate tonight.

Vielleicht war es kein Wunder, dass Bruce Springsteen gestern, am 8. Todestag seines langjährigen Weggefährten und Bandmitglieds Danny Federici und einen Tag bevor sich der Tod seines engsten Freundes und Saxophonisten Clarence Clemons zum 5. Mal jährte, etwas angeschlagen die Bühne des Münchner Olypiastadions betrat…

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…und den 57.000 Fans im Münchner Olympiastadion zur Begrüßung etwas nachdenklich und trotzig zugleich „Prove it all night, prove it all night, there’s nothing else that we can do“ entgegen schmetterte.

Die Abendsonne (ja, es gab sie!), deren Strahlkraft in der ersten Stunde des Konzerts einem Frontscheinwerfer gleichkam, ließ es gnadenlos erkennen: Müdigkeit, Erschöpfung und Furchen in Springsteens Gesicht, die nicht nur den letzten Tournee-Monaten geschuldet sind, sondern auch immer deutlicher erahnen lassen, dass der Held unserer Jugend stramm auf die 70 zugeht (was uns  unweigerlich daran erinnert, dass wir vermutlich ebenso 20, 30 oder gar 40 Jahre älter geworden sind seit den ersten gemeinsamen Konzertnächten) – verstärkt wurde dieser Eindruck gestern noch von anfangs völlig zugeschwollenen Augen und verschnupfter Nase.

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Entsprechend modulierte er in den folgenden fast dreieinhalb Stunden manch stimmlich riskante Passage in den Songs ein wenig oder passte ganze Parts der Setlist seiner Verfassung an. Beglückte uns neben dem Erwartbaren („Born to run“, „Waitin‘ on a sunny day“, „Dancing in the dark“) auch mit seltenen Highlights wie „Youngstown“ und „American skin (41 shots)“ sowie einer finalen Solo-Akustik-Version von „For you“, in der sich Brüchigkeit der Stimme und Lyrics stimmig und innig umarmten.

Umarmt habe ich ihn nicht, aber dank der vollen Schmerzmitteldröhnung war ich immerhin fix genug, um bei den ersten Tönen des unsäglichen und unvermeidlichen „Hungry heart“ zur hinteren Absperrung des FOS-Bereichs zu sprinten, mich am Wellenbrecher festzuhalten und abzuwarten, bis Bruce dort vorbeikam….

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…so dass ich meinen derzeit noch beweglichen rechten Arm bloß auszustrecken brauchte, um kurz seine Schulter zu erwischen, als er von seinem Podest hinabstieg.
Es war seine linke Schulter! War das ein Zeichen? Falls ja, müsste sich dann nicht auch längst eine Wunderheilung in meiner linken Schulter vollzogen haben? Oder hat er mich bestenfalls mit seinem Schnupfen angesteckt?

Verschnupft bin ich bislang nur aufgrund der Feststellung, dass sich die Zeitungen nun wieder mit den üblichen Rezensionen überschlagen, obwohl doch im Grunde alles längst mehrfach gesagt worden ist: das breitbeinige Akkord-Schrubben, das Gitarrenhals-Hochreißen, das Fäusteballen und Zum-Himmel-Zeigen des ehrlichen Rock-Arbeiters aus New Jersey.

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Nur mit den „bis zum Bizeps hochgekrempelten Ärmeln“ wird uns die Presse diesmal verschonen müssen, ganz einfach, weil es warm genug war, dass er den Abend im T-Shirt  bestreiten konnte.

Ich kann die Phrasen nicht mehr hören, diese Wiederholungen in all ihrer Klischeehaftigkeit. Natürlich ist Springsteen an diesem Klischee ganz und gar nicht unschuldig, pflegt er doch seit Jahrzehnten im Großen und Ganzen ein und dasselbe Image und scheint nicht im Entferntesten daran zu denken, seine Performance auf Rentner-Modus umzustellen (und genau deshalb ist es so langweilig, immer wieder dasselbe darüber zu lesen). Lediglich die Sprünge auf Roy Bittans Flügel und die Kniefälle vor dem Mikro hat er aus dem Programm verbannt, so wie die Biker Boots mittlerweile formidablem Schuhwerk, einem vernünftigen Kompromiss zwischen Doc Martens und Dachstein, gewichen sind. Und die früher 4-stündigen Shows wurden mittlerweile auf gut 3 Stunden gestutzt, worüber viele seiner mit ihm alternden Fans auch nicht unglücklich sein dürften (denn selbst im Pit sind etliche LWS-Kurztrainings oder Dehnübungen zu beobachten, sofern man sich nicht gleich einen Sitzplatz gegönnt hat).

So lange er das alles noch packt und Freude dran hat, soll er ruhig weitermachen. Wäre es sein Ding, sich alle paar Jahre neu zu erfinden (musikalisch, modisch oder menschlich), dann hätte er das sicher getan. Stattdessen hat er es sich in den vier Jahrzehnten seiner Karriere gestattet, auch ein paar Alben zu veröffentlichen, die eigentlich nur aus einem einzigen Song bestehen, aus einer einzigen langen Geschichte, die er erzählen wollte, unterteilt in ein paar Kapitel, die 8-12 Songs des Albums. Ein paar dieser Geschichten liebe ich (Darkness, BTR, The Ghost of Tom Joad, Devils&Dust) andere sind mir ziemlich egal (Lucky town, Magic, Working on a dream) – als Fan bin ich aber gnädig und verstoße  nichts völlig.

Ich persönlich lege in meinem Leben wert auf ein paar Konstanten, je verlässlicher und unerschütterlicher, desto lieber sind sie mir – und diese Geschichten und Konzerte gehören auf jeden Fall zu diesen Konstanten (und hier stimmen mir sicher die Tramps, mit denen ich befreundet bin, aus tiefster Seele zu).

Da es nie eine Abschiedstour geben wird, wie der „Rolling Stone“ 2012 irgendwann mal schrieb, sondern die E Street Band plötzlich aufhören wird, steht uns irgendwann ein Sommer bevor, in dem uns schmerzlich klar wird, dass diese Konstante weggebrochen ist. Deshalb stehen wir bereits seit einigen Jahren leicht bang in den Arenen, nicht wissend, ob dieses Mal vielleicht das letzte Mal sein könnte.

Ich vermag nicht zu sagen, ob es so besser ist oder ob ich nicht doch lieber wüsste, wann der Vorhang fällt.

Aber solange wir derart traumhafte Sommernächte miteinander verbringen können wie gestern hier in München, mag ich darüber auch nicht allzu sehr nachdenken, sondern mich einfach ganz auf das einlassen, was wir in diesen Stunden teilen, erkältet oder gesund, alt oder jung, das spielt keine Rolle mehr, nach so vielen Jahren.

Wenn du dich – so wie gestern – verabschiedest mit „I could give it all to you now, if only you could ask.“…

… dann kann ich nur glücklich zurückrufen: „I asked. And you gave it. Thank you.“

See you all tomorrow in Berlin & get well soon, Bruce!

7 Gedanken zu “München am 17. Juni: A sneeze to seal our fate tonight.

  1. Besser kann man eine Review nicht schreiben. Da hast Du ganz schön was hinter Dir. Und schon geht es weiter in Berlin…

    Wie auch schon beim ersten Mal wünsche ich Dir auch heute wieder ein tolles Konzert und komm bald wieder heim!

    Dein Zaunfink

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    • Danke, lieber Zaunfink. Die Abende waren einander ausnahmsweise mal recht ähnlich, was ich bei Bruce bisher nie erlebt habe, aber ich könnte mir auch nochmal dasselbe anhören 🙂
      Meine Schulter hat allerdings endgültig die Nase voll von derlei Strapazen (also falls Schultern Nasen hätten, wäre es so). Daher komme ich bald wieder heim und hänge nicht noch den Scandinavian-Leg dran. Bis bald, deine Kraulquappe

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  2. Liebe Kraulquappe,
    warum schreibst DU eigentlich nicht für die Süddeutsche Zeitung? Oder zumindest für die Münchener Abendzeitung?!
    Nun kenne ich die Abendzeitung nicht allzu gut, vermute aber mal, da müsstest du die Springsteen Rezension auf 10 Zeilen beschränken, was nur Platz lassen würde für Zuschauerzahl, seine Hits zu erwähnen und den geneigten Leser darüber zu informieren, wer der wahre Boss ist und dass dieser als solcher es sich nehmen lässt, Kind und Kegel aus dem Publikum auf die Bühne und somit ins Rampenlicht zu holen, um diese glücklich zu machen.
    Insofern – schreibe besser weiterhin hier im Blog, da hast du mehr davon – und wir als Bruce- und Kraulquappen-Fans auch.
    Wäre ich nicht selbst live am Freitag dabei gewesen, so wäre ich jetzt auch so bestens informiert. Da ich aber auch einer der (angeblich) 57.000 war, kann ich deine Zeilen nur bestätigen.
    Nun, dass er heute ‘nur’ noch 3 Stunden (genau genommen sind es mehr 3,5 anstatt 3) spielt, während er früher 4-Stunden-Shows hinlegte, ist bewiesenermaßen eher ein Mythos.
    Gewiss waren es zumeist lange Konzerte, aber die 4-Stunden-Grenze wurde tatsächlich nur ein einziges Mal durchbrochen – und das auch erst im Sommer 2012, in der Weltmetropole und dem Nabel der Welt: Helsinki. Aber das nur mal am Rande!
    Jedenfalls kann ich dir nur zustimmen – es war eine traumhafte Sommernacht und noch immer kann ich es noch nicht so richtig fassen, wie nahezu perfekt alles war. So einen Sonnentag nach all den Regenfällen zuvor zu erleben, unter Tausenden von Gleichgesinnten und Bruce zwar verschnupft, aber dennoch in blendender Spiellaune – das war schon alles sehr besonders.
    Auch ich bin für diesen Sommerabend sehr dankbar!
    Und du hattest nun, da ich das schreibe, gleich noch einmal das Vergnügen, diesem 67-jährigen Musik-Malocher aus nächster Nähe zu lauschen – hoffentlich mit ähnlich schönen Emotionen wie 2 Tage zuvor und einer schmerzfreien Schulter.
    Also, wenn es nach mir geht, darfst du hier gerne einen weiteren Konzertbericht zum Besten geben.
    Mindestens ein Leser wäre darüber begeistert.

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    • Dear Bobby Jean,
      nur wahre Fans können sowas in DER Länge kommentieren – vielen Dank für diese ergänzende Rezension sowie die mir natürlich nicht unbekannte Info, dass Helsinki das längste Konzert aller Zeiten war. Ich hatte halt großzügig um ein paar Minuten aufgerundet, damit es noch toller klingt.
      Ich habe dein Empfehlungsschreiben an die Süddeutsche weitergeleitet und lasse dich dann wissen, was draus geworden ist.
      Einen zweiten Konzertbericht werde ich vermutlich nicht schreiben, da die Setlist gestern zu 70% dieselbe war wie in München (der Schnupfen ebenso) und die Parts, die anders waren, nicht meine Favoriten beinhalteten. Bis auf eine Ausnahme: er hat „Backstreets“ gespielt, allein dafür hat es sich gelohnt und dieses Epos verdient ja fast eine eigene Würdigung. Ich denk‘ drüber nach.
      Greetings not from Asbury Park, but from Charlottenburg, trying to get my feet back on the ground somehow!

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  3. Sehr schön geschrieben. Das ist das Besondere an Konzertberichten von Springsteen-Fans, ich kann völlig hineintauchen und zu vielem meinen Kopf zustimmend nicken – und da ich schon seit mehr als 20 Jahren auf „Thunder Road“ brenne, muss ich auf einen kleinen, klitze-kleinen Fehler hinweisen: Danny Federici ist am 17. April 2008 gestorben. Aber genauso wie der „Big Man“ hat er die E Street Band nie verlassen. Die Musik, der „Spirit“ lebt weiter…

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