Haklige Sache

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Aufwachen in Berlin

Den dritten Morgen in Folge habe ich mich verheddert. Mit meinem Zeh. In meiner Jeans.
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Vielleicht ist das die Strafe dafür, dass ich mir mit fast 44 gelegentlich gestatte, jugendlich-zerschlissene Klamotten zu tragen. In ordentlichen Hosen bleibt ein Zeh nicht hängen. Vielleicht ist es aber auch ein Sinnbild für mein Berlin-Gefühl.

Mein Berlin-Gefühl ist nämlich eine haklige Sache, schon immer gewesen, und mittlerweile denke ich auch, das wird sich nie mehr ändern.

Berlin ist für mich zu groß, zu voll, zu laut, zu ramponiert, zu roh, zu stark, zu schmutzig, kurz: Berlin ist zu viel für mich. Je älter ich werde, desto deutlicher spüre ich das, desto schlechter funktionieren meine Filter hier, desto angreifbarer fühle ich mich hier, desto kürzer fühle ich mich hier wohl. Berlin aktiviert Ängste und Beklemmungen in mir, die ich nicht habe, wenn ich durch München, Stockholm oder Wien laufe.

Natürlich gibt es viele schöne Ecken in Berlin, natürlich strotzt die Stadt nur so vor kulturellem und anderem Angebot, natürlich treffe ich gern meine Freunde, die hier leben – nur: Auf dem Weg dorthin erlebe ich Pöbeleien, fürchte mich vor manchen Menschen, atme an U-Bahnhöfen Gerüche ein, die mir für Stunden nicht mehr aus der Nase gehen, sehe so viel Elend und Abgrund, dass meine Sinne verwundet werden und nicht mehr frei und unbefangen genug sind für weitere Eindrücke.

Meine Unternehmungslust lässt daher von Tag zu Tag nach, was ich sonst nicht an mir kenne (diesmal kam das reduzierte Programm zumindest meiner Schulter zugute).

Bei einem letzten morgendlichen Lauf durch einen Berliner Park – einzig mögliche sportliche Betätigung im Moment – sah ich heute einen verwahrlosten Mann seinen ebenso verwahrlosten Hund verprügeln, weil der sein Geschäft wohl an der falschen Stelle verrichtet hatte, wenn ich das Gegröle richtig verstanden habe.

Mit diesem Erlebnis in den Knochen bestellte ich mir später zum Mittagessen einen Drink (ich trinke sonst nie vor 16 Uhr), um mich zu desinfizieren und zu imprägnieren für den Weg zum Bahnhof.
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Ein paar Bierflaschen fliegen noch in einer Unterführung herum, ich renne fast, wäre gern unsichtbar, aber verdammt, mein zitronengelber Koffer ist zu auffällig, das nächste Mal nehme ich den dunkelgrauen.
Freue mich auf zuhause, begreife „Heimat“ nochmal neu und anders, wahrscheinlich ist Reisen auch dafür hilfreich: Um sich zu vergewissern, wohin man gehört und wohin nicht.

Aus dem ICE grüßt euch
die Kraulquappe.

PS:
Soeben im iPod:
„When morning comes and I leave Berlin,
I know for certain that I’m a free man when I leave Berlin“

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Kontraste, überall.

12 Gedanken zu „Haklige Sache

  1. Die Zehensache erinnert mich voll Grauen an den Tag, als meine Mutter, und da war ich der Jüngste nicht mehr und im Heimatort nur zu Beusch, als meine gute Frau Mutter auf meine Lieblingsjeans mit meinem Lieblings-Knieriss – sicherlich in gutester Absicht – einen FLICKEN genäht hatte …

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  2. dirty old town klingt dagegen noch jemütlich. und so isses, nicht zu leugnen. immer das gefühl von: da muss man jetzt durch. (nächstes mal: s_chill_er_park! (verspricht auch mehr, als er hält, aber.) 😉

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