Von der Versmoothieierung des Lebens.

Dank Villeroy und Boch hatte ich vor einigen Wochen eine Erkenntnis. Ihre Vorläufer schlummerten wohl schon seit Längerem unsortiert und nicht zu Ende gedacht in mir. Im Bad meines Hotelzimmers in Wien kam sie mir schließlich durch ein zufälliges Erlebnis zu Bewusstsein. So ist das ja oft mit Erkenntnissen, sie kommen nicht immer dann, wenn man nach ihnen sucht, sondern nebenbei.

Ich war auf dem Weg unter die Dusche, benutzte vorher noch die Toilette und wollte – da es neben der Dusche keinen Haken oder Handtuchhalter gab – mein Duschhandtuch auf dem Toilettendeckel ablegen, so dass ich nach der Dusche nicht tropfnass durchs Bad zum Handtuchhalter tappen musste, sondern das Handtuch in Griffweite läge. Ich wollte also den Toilettendeckel schließen, aber der Deckel war einer dieser hochmodernen Edel-Klodeckel, die nur nach einem kleinen Stupser verlangen, um sich dann sanft der Klobrille entgegen zu senken. Ein Vorgang, der ein wenig dauert (ich glaube, ich hatte zudem ein Wiener Modell erwischt, also ein besonders gemächliches). Und mich in dem Moment auch nervte, da ich einfach nur fix mein Duschtuch auf dem geschlossenen Deckel platzieren wollte, dann aber mit dieser Zeitlupenaktion konfrontiert wurde.

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Ich versuchte, das Ganze zu beschleunigen, indem ich den Deckel nach unten drückte, aber der Deckel leistete Widerstand! Um nicht am Ende diesen teuren Slow-Motion-WC-Sitz zu beschädigen, wartete ich lieber ab, bis er völlig geräuschlos seine Parkposition erreicht hatte.

Warum ich das erzähle? Weshalb mir ein Klodeckel ein Aha-Erlebnis bescherte?

Ganz einfach. Weil mir in dem Moment klar wurde, dass das Phänomen, dessen ich durch diesen modernen Klodeckel gewahr wurde, sich mittlerweile in alle möglichen und unmöglichen Nischen und Räume unseres Alltagslebens eingeschlichen hat. Ich taufe es jetzt einfach mal „Versmoothieierung“.

Was hat es auf sich mit der Versmoothieierung?

Moderne, gut verdienende Menschen, die ihre IKEA-Küche irgendwann gegen ein neues, womöglich vom Fachmann geplantes und durchgestyltes Modell eintauschen, gönnen sich neben hochwertigen Markengeräten und der Granit-Arbeitsplatte in jedem Fall auch Schubladen mit „Soft closing“. Das ist dieser gedämpfte Selbsteinzug, bei dem man die Schublade nur kurz antippen muss und den Rest erledigt die Schublade von alleine, untertänig und diskret.
Feine Sache, wenn man nicht mehr selbst darauf achten muss, die Schublade nicht aus Versehen zu heftig zuzuhauen, so dass das Besteck im Inneren lärmt und zittert. Vorbei die Zeiten, in denen man die Dämpfung in Form von kleinen Anschlagpuffer-Punkten selbst aufkleben musste, um zumindest die Geräusche der Schublade gering zu halten.

Dasselbe begegnet uns beim Neuwagen (oder bei neueren Gebrauchten), den man sich – entsprechende Solvenz vorausgesetzt – mit „Zusatzpaket Comfort“ bestellt: Die Heckklappe muss nur noch angestupst werden oder erhält per Fernbedienung den Befehl, sich zu schließen. Kein lästiges Herumfingern mehr nach der Griffmulde in der Kofferraumklappe, die man dann mit einem gekonnten Schwung nach unten ziehen muss (und rechtzeitig vorher die Hand rausziehen). Sitze und Spiegel huschen per Knopfdruck und bestenfalls begleitet von einem dezenten Surren in die einprogrammierte Position für den jeweiligen Fahrer.
Und wo der Cabriofahrer früher die Persenning noch von Hand aufgezogen hat, schnurrt heute – während der Fahrt! – eine automatische Abdeckung herunter, und – schwupps! –  hat sich das Autodach ohne Aussteigen, Schimpfen oder Scheppern von selbst verstaut.
Von der Servolenkung will ich hier gar nicht mehr reden – seit Jahrzehnten gehört die ja zum Standard. Ich würde auch einen Teufel tun und sie kritisieren, speziell jetzt, da mir meine Schulter viele Bewegungen zur Hölle macht, bin ich wirklich froh, dank einer butterweichen Lenkung völlig kräfteschonend mit dem Auto rangieren zu können.

Das Phänomen zieht seine Kreise, wohin man nur schaut.
Wo es früher in Schwimmbädern Sprungtürme gab, stehen nun Wasserrutschen, damit wir ins Wasser gleiten, ohne Bauchplatscher.
In anderen sportlichen Kontexten ist es ähnlich. Als ich mit dem Laufen begann, irgendwann zu Studentenzeiten, tat ich das in dem einen Paar Turnschuhe, das ich für jede Art von Sport im Schrank hatte. Heute habe ich gedämpfte High-Tech-Asics, welche für Asphalt und ein Zweitpaar für Waldböden, in denen ich fast schweben kann (naja, wirklich nur „fast“, oft genug fühle ich mich trotz der Asics wie ein Betonklotz).

Alles gleitet, huscht, surrt geschmeidig und nahezu geräuschlos vor sich hin. Wie schön. Weniger Lärm, weniger Mühe, Aufprallschutz an allen Ecken und Enden. Der Alltag und das Leben wird optimiert und versmoothieiert.

Als ich klein war, stellte mir meine Mutter immer Obstteller hin, mundgerecht portioniert, alle zwei Obstschnitze ein Stückchen Schokolade dazwischen – irgendwie musste man ja das Kind zu den Vitaminen locken. Sie wusch das Obst, schälte, schnitt und entkernte es. Smoothie-Maker waren noch nicht erfunden. Man musste noch selbst ran. Gab es Spargel, stand sich mein Vater beim Schälen die Beine in den Bauch, es war mühsam, und daher blieb Spargel nicht nur aus Kostengründen ein besonderes und seltenes Essen.

Heute können wir den Spargel geschält und das Obst in pürierter, trinkfertiger Form kaufen.
Quasi „to go“. Ist praktisch, geht schneller.

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Vor der Versmoothieierung unseres Alltags enthielt Erdbeer- oder Himbeermarmelade grundsätzlich diese kleinen Kernchen, die sich zwischen den Zähnen verhakten und an denen man, war man unterwegs und die Zahnbürste daheim, den ganzen Tag mit der Zunge rumpopelte, um sie zu entfernen (was meist nicht gelang). Heute gibt es die Smooth-Version (heißt wirklich so) dieser Fruchtaufstriche. Hurra, wieder sind wir eine lästige Komponente losgeworden und können unsere Zungen schonen. Kommt bald das Essen in Breiform, so wie zu Beginn unseres Lebens und oft auch am Lebensende?

Wir entledigen uns des Zupacken-Müssens, des Anpackens, des Hinfassens, des Aufpralls, der Geräusche. Wir tippen nur noch an, geben kleine Initialschubser, wischen von „on“ nach „off“, tändeln und tindern auf unseren Smartphones herum, so halten wir Distanz, machen uns die Finger nicht weiter schmutzig und schonen unsere Kräfte, Nerven und Zeit. Wir müssen manche Arbeiten nicht mehr alleine vollenden, denn sie geschehen von selbst, im gefälligen, leisen Smooth-Modus. Outsourcing der Fährnisse des Alltags, wo immer möglich und finanzierbar. Härte unerwünscht. Das Leben, der Job, die Familie, der Alltag – alles hart genug. Also Dämpfen und Abfedern, Pürieren und Versmoothen, wo immer es geht.

Manches davon spart Zeit, vieles spart Kraft und Mühe. Mit der gewonnenen Zeit und Energie können wir uns Wichtigerem zuwenden. Was auch immer dieses Wichtigere sein mag. Quality time mit der Familie und Freunden? Selbstfindung oder Selbstverwirklichung? Oder einfach noch mehr Arbeit, noch eine Sprosse auf der Karriereleiter?

Nein, auch ich gebiete der Versmoothieierung nicht konsequent Einhalt. Gelegentlich – eigentlich nur an Bahnhöfen, wenn ich mich für die Zugfahrt rüste – kaufe ich einen Smoothie. Ich möchte auch nicht mehr ohne mein Smartphone sein. Oder ohne meinen iPod. Meine Laufschuhe schätze ich ebenfalls sehr. Unser Auto genauso, obwohl es kein Soft-Closing der Heckklappe beherrscht. Vieles davon ist angenehm und praktisch.
Ich bin daher keinesfalls der Ansicht, früher sei alles besser gewesen oder Technisierung sei Gift oder jeder solle sich immerzu seine Orangen selbst pressen (was ich zwischen 15. November und 15. März allerdings täglich tue) oder dürfe keinen Spargel essen, wenn er ihn nicht selbst zu schälen gewillt ist.

Trotzdem denke ich, die Versmoothieierung könnte uns auf lange Sicht, und wenn sie noch mehr um sich greift, ein bisschen „verderben“.
Weil sie teilweise eine Weichzeichner-Wirklichkeit konstruiert, die mit den originären Tatsachen nicht mehr viel gemein hat. Weil sie uns vielerorts vor Spelzen, Geräuschen, Anstrengungen und Widrigkeiten verschont, die aber zu den Gegenständen, Tätigeiten, Situationen, Elementen und Phänomenen dazugehören. Weil sie uns so mancher Erfahrung berauben könnte, wenn sie uns immer mehr abnimmt. Weil sie Konturen verwischt, den Alltag und das Leben womöglich an zu vielen Stellen in Watte packt, die uns Weichheit vorgaukeln, wo eigentlich Härte ist. Weil sie uns in manchen Bereichen die Entlastung nur um den Preis der Entfremdung beschert.

Die Versmoothiierung sollte eigentlich all denen vorbehalten sein und dienen, denen es an Fertigkeiten, Kraft, Eigenständigkeit oder Zeit mangelt: Säuglingen, Kleinkindern, alten Menschen, Menschen mit Behinderung oder kranken Menschen.
Alle anderen profitieren meiner Ansicht nur bedingt von dem Smooth-Modus. Es ist nämlich stinknormal, dass es im Alltag nicht flutscht wie püriert. Das ist, wie ich finde, nicht nur lästig, sondern schult einen auch. In Vorsicht, Rücksicht, Umsicht und Einsicht. Ein paar Mal den Finger an der Schublade eingeklemmt und schon ist man aufmerksamer (ich kann „achtsam“ nicht mehr hören), wenn man das nächste Mal mit diesem Möbelteil zu tun hat. Das Leben ist oft genug so gestrickt, dass es kein Soft-Closing und keinen Aufprallschutz beeinhaltet. Schon gar nicht, wenn es dem Ende entgegengeht.

Heute Nacht, ziemlich genau zur jetzigen Stunde, ist es ein halbes Jahr her, dass ein Freund von mir gestorben ist. Der Tag, an dessen Ende er starb, war grau und trüb, es war der Tag, an dem es keinen Radiosender gab, in dem nicht „Ashes to ashes“ mit „Heroes“ um die Wette lief.

Er war noch nicht mal Mitte 50, er war gesund, sportlich, geistig und körperlich fit. Nach dem abendlichen Laufen in den Isarauen ist er umgefallen, einfach so. Zack, bumm, aus und vorbei. Ungedämpft, knallhart.

Die einzig smoothe Komponente bei seinem Sterben war bestenfalls die, dass er auf eine dünne Schneedecke fiel, die der Winter in jener Nacht erstmals ausgebreitet hatte.

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Sommer an den Isarauen bei Großhesselohe.

Es war meine erste Bekanntschaft mit dem Tod eines Menschen. Und sie machte mir klar, dass es noch wesentlich härter kommen kann, wenn es mal Menschen trifft, die mir noch näher stehen.
Darauf kann man sich nicht vorbereiten, schon klar. Ich vermute aber, ich versuche es dennoch ein bisschen. Vielleicht, indem ich bewusst formuliere, dass er „gestorben“ und nun „tot“ ist (dieses „er ging von uns“ oder „er ist verstorben“ fühlt sich für mich zu abgefedert an). Vielleicht auch, indem ich bemüht bin, den Pakt mit der Versmoothieierung nicht zu eng werden zu lassen. Zu riskieren, mich beim Spargelschälen auch mal in den Finger zu schneiden. Zu ertragen, dass es nun mal einen Knall tut, wenn einem Klodeckel oder Schublade auskommen. Es ist einfach näher dran an der Realität.

Heute, ein halbes Jahr nach diesem Ereignis, kommt mir sein Tod langsam etwas vertrauter vor. Zumindest soweit vertraut, dass ich dir, lieber N., diesen Beitrag widme, der ganz in deinem Sinne gewesen wäre. Du, der du jeden Abend deinen Apfel samt Kernen gegessen hast und der du noch vor kurzem in deinem alten Nissan ohne Servolenkung um die Ecke gebogen kamst.

Das hier ist für dich, falls es im Jenseits, an das ich nicht glaube, Youtube geben sollte.

8 Gedanken zu „Von der Versmoothieierung des Lebens.

  1. Klasse! Ein ausgezeichneter Beitrag und ein hervorragender Text.
    „Die einzig smoothe Komponente bei seinem Sterben war bestenfalls die, dass er auf eine dünne Schneedecke fiel, die der Winter in jener Nacht erstmals ausgebreitet hatte.“
    Wunderbar.

    Gefällt 2 Personen

  2. Eine wunderbare Phänomenologie unserer Wohlstandsgesellschaft und gleichzeitig eine berührende Liebeserklärung an das Leben in all seinen Härten. Werde heute als Dank dafür einmal den Klodeckel fallen lassen und meinen Apfel samt Kernen essen.

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