Wo die Sinne herrschen oder: Vom Schweigen des Sinns.

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Kürzlich fragte mich ein Leser dieses Blogs, ob ich eigentlich – wie ja manche der Fotos vermuten ließen – im Dauerurlaub sei, wie es denn käme, dass ich mir mein Leben so einrichten könne und ob das alles dem Gatten zu verdanken sei. Er schloss seine Mail mit dem Fazit, wie traumhaft das doch alles sein müsse. Obgleich mich diese Fragen per Mail erreichten, möchte ich sie öffentlich beantworten. Rein prophylaktisch, falls noch jemand dieselben Fragen wälzt, noch stellen wird oder sie sich nicht zu stellen traut.

Nein, mein Leben ist kein Dauerurlaub, trotz der zahlreichen Himmel-blau-alles-prima-Fotos vom glücklichen Hündchen, mir und den sonnendurchfluteten Bierhumpen. Mein Leben ist auch kein Wunschkonzert. Nicht mal ein Ponyhof. Ganz profan habe auch ich einen Sack an Sorgen, den ich mit mir rumtrage, so wie alle anderen (ab und zu plumpst eine raus oder eine neue wird dazu gestopft).

Zum Beispiel: Ich bin derzeit die Erwerbsarbeit los, was oft befreiend ist und selbst so gewählt war, aber zugleich eben Erwerbsarbeitslosigkeit mit all den dazugehörigen Überlegungen, Einschränkungen, Zweifeln und Ängsten bedeutet – und keineswegs ein kontinuierliches Urlaubsgefühl und Freiheit pur. Da der Gatte seine Arbeit ganz und gar nicht los ist (was so auch gut und gewollt ist), also quasi für zwei arbeitet, kommen wir schon über die Runden. Aber nicht für alle Ewigkeit. Über kurz oder lang sollte auch ich wieder in Lohn und Brot stehen. Denn – um auch auf das Fazit des oben erwähnten Lesers zurückzukommen – der momentane Zustand ist zwar immer wieder recht angenehm (dienstags in den Bergen zu sein könnte glatt ein Dauerhobby werden!), aber als einzige Zukunftsperspektive eher belastend statt traumhaft.

Dass ich dieses Thema hier nicht breittrete, hat viele persönliche Gründe. Den simpelsten davon will ich nennen: Jammern ist unsexy, nervtötend, langweilig und macht also weder mich, noch den Leser froh. Außerdem schöpfe ich mein Jammerpensum (im Blog sowie im echten Leben) bereits mit Themen aus, die noch bedrängender und schmerzlicher waren oder sind. Zum Beispiel: Lamentieren über die Kalkschulter.

Die wuchs sich nämlich zu einem in der vergangenen Dekade noch nie dagewesenen persönlichen Elend aus: Vier Wochen lang war ich nicht beim Schwimmen. Es war grauenhaft, wirklich! Aber es wäre einfach nicht gegangen, die Schulter hätte keinen der mir bekannten Schwimmstile zugelassen. Ob einarmiges Schwimmen machbar ist, wollte ich partout nicht testen, es wäre mir wie eine Kapitulation vorgekommen (und die muss man sich für Extremsituationen wie Schulter-OP oder -Amputation aufheben).

Ich habe gejammert, was das Zeug hielt (und tue es noch!).

Es gibt ja etliche Menschen, die in fast jeder Krankheit und auch sonst jedem Ungemach einen tieferen Sinn oder zumindest ein Zeichen sehen können (oder wollen), das einem der eigene Körper (gerne auch: das betroffene Körperteil oder Organ) oder das Schicksal sendet. Ich sträube mich beharrlich gegen diese Betrachtungsweise, dazu bin ich zu nüchtern oder zu wenig spirituell und insgesamt wohl zu pragmatisch.

In den drei Monaten, die ich nun mit meinen Schulterbeschwerden herumziehe, habe ich mich daher nicht in die Frage vertieft, ob und wenn ja, was mir der Kalk oder die feinen Risse in der Sehne für eine Botschaft überbringen möchten (lastet da etwas zu sehr auf meinen Schultern? das Leben etwa? oder die Zukunftssorgen? oder all die Gedanken in meinem Kopf? oder gar der Kopf selbst?).

Hinzu kam die schnöde Tatsache, dass der Auslöser der Schulterbeschwerden ein „Unfall“ war. Ein paar dämliche, pubertierende Jungs gaben mir – Rolltreppe abwärts fahrend, mit Pippa auf dem Arm – am 17. April um 10:32 Uhr von hinten einen Schubs, der mich samt Hund unsanft über die Treppen stürzen ließ. Auch darin sehe ich im Übrigen kein Zeichen, es ging halt einfach mal so richtig abwärts, das kommt vor.
Das einzige Zeichen, das ich erkennen konnte, war jenes auf meinen Schienbeinen, die aussahen wie eine Adidas-On-body-Werbung, nur dass die drei Streifen nicht – wie meist – weiß waren, sondern blutig rot. Seitdem hab‘ ich „Schulter“ und eine große, hässliche, noch immer taube Beule am Bein (lästigerweise genau dort, wo die Zungenspitze des Bergstiefels endet).

Drei Monate sind eine lange Zeit – für die Schulter, für mich und für meine Mitmenschen.

Die Schulter durchlief diverse Stadien der Entwicklung und Schmerzes. Ich durchlief eine Menge neuer Körperzustände: Vom Schlafen in Sargposition über das einarmig-verkrampfte Wäscheaufhängen bis hin zur Schmerzmittelunverträglichkeit, die aussah wie Masern und sich anfühlte wie ein Magen-Darm-Infekt, fiese Spritzen unters Schulterdach, und – nicht zu vergessen! – zwei Springsteen-Konzerte ohne Klatschenkönnen und andere Arm-Ekstasen. Wenn man zudem drei Minuten braucht, um alleine ein T-Shirt an- oder auszuziehen, kaum noch rückwärts einparken kann und für vieles um Hilfe bitten muss, schlägt das mit der Zeit aufs Gemüt.

Seit geschlagenen drei Monaten jammere ich nun mein Umfeld voll, meine Laune war und ist gelegentlich unterirdisch, und der Alltag an vielen Ecken eine Qual. Und ein Ende ist noch nicht abzusehen 🙂

Das strapazierte Umfeld reagierte mit Mitleid, Nachfragen, Zuspruch, Genervtheit, Kopfschütteln, noch mehr Mitleid, noch mehr Zuspruch, guten Ratschlägen, aber auch selteneren Nachfragen oder kritischen Anmerkungen (an dieser Stelle ein Dankeschön an alle, die mich und meine Schulter immer noch tapfer ertragen!).
Die kritischen Fragen oder Kommentare, die bislang an mich herangetragen wurden, fokussierten allesamt mehr den psychsichen Kontext meines Leidens: Meine Einstellung zum Schmerz, mein Umgang damit, meine Unfähigkeit (oder, noch schlimmer: mein Unwille), die Zeichen und den Sinn hinter den Symptomen zu erkennen.

Ich bin bei sowas ein ungnädiger, ekelhafter und dogmatischer Zeitgenosse.
Wenn die drei Reizworte – „Zeichen“, „Sinn“, „Einstellung“ – mal gefallen sind, wische ich sie mit einer rabiaten Handbewegung vom Tisch, schrubbe ihre Splitter von der Oberfläche, desinfiziere alles und stelle unmissverständlich klar, dass ich damit nichts zu tun haben will. Diese Radikalität gibt natürlich umgehend Anlass zu neuen Mutmaßungen, denn solche Vehemenz und Ablehnung muss ja einen Hintergrund haben, und der würde mir was sagen wollen, wenn ich denn bereit wäre, ihn mal zu erhören…

Bin ich aber nicht. Wenn’s weh tut, tut’s weh. Und der Schmerz wird nicht weniger, wenn ich da eine Prise Schicksal hineingeheimnisse oder ein Stück der „Am Leiden wachsen“-Philosophie herausschnitze. Ich war schon beim Yoga immer unfähig, einen krassen Dehnungsschmerz wegzuatmen und gäbe auch einen miserablen Fakir ab.

Meine Strategie ist: Ertragen und Klagen (also Pragmatismus und Ventil). Abwarten und sich mit Alternativen ablenken. Das Unterkellern von Krankheiten, um dort Sinn einzulagern, ist jedenfalls nicht mein Ding. Wo die Sinne herrschen – in dem Fall der Schmerz – hält der Sinn am besten die Klappe.

Seit der Tour auf den Hirschberg gibt es ein wenig Hoffnung. Ich will es noch nicht beschreien, aber es kommt mir so vor, als ginge es langsam aufwärts (und das nicht nur auf den Wegen zu diversen Berghütten). Das musste ich sofort ausnutzen und war letzte Woche endlich wieder Schwimmen!

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Der zweimalige Versuch war allerdings noch weit entfernt vom einst so fröhlichen Flossenschlag:

– wie auf rohen Eiern ins Wasser gegangen (über die Leiter, welch‘ Schmach!)
– wie eine Omi auf Reha mit vorsichtigem Brustschwimmen begonnen
– wie ein Angsthase das Kraulen nach einer Bahn wieder bleiben lassen
– wie ein begossener Pudel nach 45 Minuten aus dem Becken gestiegen (dummerweise nicht über die Leiter!)

Da fällt mir gerade dieser saublöde Spruch ein, dass das Schwimmen schon so manchem geholfen hätte, sich über Wasser zu halten. Haha. Ja, mehr ist es gerade auch nicht. Ich halte mich über Wasser.

Zu Land und auf meinen Füßen halte ich mich derzeit deutlich besser. Nichts tut weh, wenn ich gehe, und mit Trekkingstöcken zu gehen tut der Schulter sogar richtig gut. Früher war ich ja gleichermaßen intensiv in den Bergen wie im Wasser unterwegs, in den letzten 5 Jahren hat das Bergsteigen etwas gelitten. Wir legen täglich so viele Schritte mit dem Hund zurück, dass mir die Lust auf noch mehr Gehen tatsächlich ein wenig vergangen war und ich die regelmäßigen Bergtouren nicht nur vernachlässigt, sondern mit der Zeit als weitere Sport-Option schon fast vergessen hatte.

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Vorgestern, während des stundenlangen Abstiegs im Karwendel, schlich sich doch glatt der Gedanke in mein sonnenverbrutzeltes Hirn ein, ob ich dem Umstand, „dank“ meiner Wasser-Zwangspause nun meine alte, große Liebe zu den Bergen wiederentdeckt zu haben, nicht doch ein Fitzelchen Sinn unterjubeln soll.

Über derlei sinnierend grüßt euch zur Nacht –
Die Kraulquappe.

PS: Das war das letzte öffentliche Äußern zur Schulter. Ich schwöre.

14 Gedanken zu „Wo die Sinne herrschen oder: Vom Schweigen des Sinns.

  1. Meine liebe Kraulquappe,
    so sehr gejammert hast Du bis jetzt gar nicht. Ehrenwort, da höre ich in der Praxis täglich viel viel mehr Gejammer. Du erträgst Deine Schmerzen und Zustände tapfer und harrst der Dinge, die wohl noch kommen mögen. Und ganz ehrlich, das ist das beste, was Du bei „Schulter“ tun kannst.
    Ohne philosophisch werden zu wollen, kann ich Dir sagen, dass nach jeder Talfahrt die Bergfahrt kommt und sich schon alles so fügt, wie es sein soll. Vielleicht sogar mit einer Prise Schicksal dahinter (Das hat schon alles so sein sollen). Was? Das ist zuvile mit dem Schicksal? Ok, wieder runter vom Tisch, desinfinzieren musst Du selber. Wischende, kreisförmige Bewegungen tun der Schulter gut, genauso wie Bergwandern mit Stöcken (wie Du ja selber schon herausgefunden hast).
    Und ich bin immer da, wenn es auch nur für temporäre Schmerzlinderung ist.
    Das sage ich Dir als Dein Physio und als Deine Freundin.

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    • Lieber Zaunfink,
      dank dir für die aufbauenden Worte! Mirko (ein Hüne von einem Mann) gibt sich nun alle Mühe, mit mir zu wischen und zu kreisen und die Beweglichkeit wiederherzustellen. So gehe ich es nun weiter pragmatisch an, heule den Hünen voll und mach meine Übungen. Dass das alles schon so hat sein sollen, wird dennoch nicht zu meiner Wahrheit. Es ist halt wie es ist, nicht mehr und nicht weniger.
      Weiterhin einen schönen Urlaub für euch!!!

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  2. Wie indiskret von Ihrem Leser, denke ich spontan. Man entscheidet halt, wovon man im Blog schreibt und wovon nicht (oder es entwickelt sich halt so und fühlt sich dann richtig an). Aus verschiedenen Gründen, z.B. Erkenntnissen/Erfahrungen darüber, was einem guttut zu thematisieren (und das noch öffentlich) und was nicht. Wenn ich in meinem Blog (mehr) über das schriebe worüber ich nicht schreibe, wär‘ es auch ein anderes Bild als Hasen und Gipfel. Aber mal ganz gelinde gesagt.
    Das mit der Schulter kann ich total verstehen. Hatte eine (sehr lange) Zeitlang (so vor 2,3 Jahren) eine ‚Frozen Shoulder‘, und wem Sport so sehr ein Lebenselixier, Bedürfnis und inneres Harmonium (so im Sinn von ‚Harmonisierendes‘) ist, und dann kannst‘ den fucking Arm nicht mal mehr bis in die Waagrechte heben oder mal flott ins/aus den Hemd schlüpfen, und das MONATE …

    Gute Besserung und nehmen Sie sich eine gute Physio (die oft mehr zuwege bringen als die Orthopäden) und ey was sollen so Sprüche wie nach dem tieferen Sinn (und ich habe durchaus Sinn für tieferen Sinn). Es tut halt die Schulter weh und man begibt sich in fachkundige Hände.

    Nach Überbrückungssportarten zu schauen, die den beschädigten Teil nicht zu sehr belasten und den Rest trainieren finde ich sehr schlau! Grad‘ wenn der Hund mitkann 🙂

    (Scusi für den langen Text, aber das sprach doch einige Parallelen im Eigenen an.)

    Herzlich
    S.

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  3. Wunderbarer Text, vor allem der Satz: „Das Unterkellern von Krankheiten, um dort Sinn einzulagern, ist jedenfalls nicht mein Ding. Wo die Sinne herrschen – in dem Fall der Schmerz – hält der Sinn am besten die Klappe.“

    Ich stimme dir in deinen Ansichten voll und ganz zu. Die Suche nach einem, nein: DEM Sinn hinter einem körperlichen Schmerz oder sonstigen Leiden halte ich persönlich für Unsinn. „Schuld“ daran ist vermutlich die Religion, v.a. das Christentum. Religion spielt zwar in unserer Gesellschaft keine zentrale Rolle mehr, ist aber untergründig (im Keller!) weiterhin wirkmächtig: Weil der Herr Jesus so viel Leid auf sich genommen hat, und zwar für uns arme Sünder, glauben viele, dass auch ihr persönliches Leiden irgendeinen Sinn haben muss. Daran kann man natürlich glauben, nur wissen kann man es halt nicht. Vielleicht ist der Mensch aber eben so gestrickt, dass er ohne Sinn nicht Leben kann, dass er einen Lebenssinn braucht, wobei er den seltsamerweise vor allem da zu finden glaubt, wo’s weh tut. Fragen sich diese Leute eigentlich auch, welchen Sinn es hat, wenn ihnen etwas gut tut? Ich vermute nicht. Da kommt nämlich gleich wieder der mahnende christliche Zeigefinger, der das verhindert und sogar noch eins draufsetzt, indem er einem untersagt, dass es einem rundherum gutgehen darf. Und komischerweise schweigen diese Sinnfinder auch immer bei der Frage, welchen Sinn Gewalt hat (wozu ich auch das Hinabschubsen auf der Rolltreppe zählen würde). Welcher Sinn verbirgt sich hinter dem Schmerz, den die in Würzburg niedergestochenen Personen und in ihre Angehörigen empfinden? Kann mir das einer der Schicksalgläubigen sagen?!

    Wie auch immer. Zu glauben, dass sich im Schmerz oder Leid Sinn zeigt, ist eine menschliche (Hilfs-)Konstruktion, um irgendwie mit Schmerz und Leid klar zu kommen. Vielleicht täten die Leute, die sich auf diese Krücke stützen, gut daran, zwischen Sinn und Bedeutung zu unterscheiden: Ein körperliches Zeichen bedeutet zweifelslos etwas, z.B., dass in der Schulter etwas gerissen ist, aber ein größerer Sinn verbirgt sich dahinter nicht.

    Der Bergfex

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    • Hallo Bergfex,
      besten Dank für die umfassende Auseinandersetzung und Ergänzung meiner Betrachtungen. Besonders gut gefällt mir Ihr Hinweis, in dem Kontext genau zwischen Sinn und Bedeutung zu unterscheiden.
      Ebenso stimme ich dir zu, was das Fehlen des Nach-dem-Sinn-Stocherns bei positiven Ereignissen angeht, da schaut es echt mager aus. Noch nie hat jemand zu mir gesagt: „Hey, dir geht’s ja grad verdammt gut, hast du denn schon mal nachgeforscht, was da dahinter steckt und was dir das sagen will?“.
      Schönen Tag und viele Grüße
      Die Kraulquappe

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