Die Raumforderung. (Ein Vorruf.)

Wie ihr gemerkt habt: Es herrschte einige Tage lang Blubberpause im Hause Kraulquappe. Heute kann ich erzählen, wieso. Allerdings muss ich dazu ziemlich weit ausholen.

20150822_185258

Geburtstagstisch von Herrn M. (August 2015)

Seit 16 Jahren lebe ich in der zweiten Etage eines 20-Parteien-Mietshauses gegenüber von Herrn M.. Als ich hier einzog, wohnte Herr M. schon ca. zwei Jahre in dem Haus. Mit Beginn seiner Pensionierung hatte er Berlin verlassen und war nach München übersiedelt. Anfangs ging unser Kontakt kaum über ein höfliches Grüß Gott hinaus, gelegentlich vielleicht noch garniert mit einer alltäglichen, meteorologischen oder saisonalen Floskel. Mehr hatten wir nicht miteinander zu tun, dieses Wenige aber in friedlichem Einklang.

Ich erinnere nicht mehr, wann und wie ich erfuhr, dass Herr M. sein Moabiter Berufsleben als Oberstudienrat für Latein und Französisch verbracht hatte. Vermutlich tratschte mir das die damalige Hausmeisterin Frau S. irgendwann im Gemeinschafts-Wäschekeller zu, wo sie besonders gern diejenigen Mieter abpasste, die sich sonst bei Treppenhaus-Begegnungen erdreisteten, ihrem Redefluss mit einer schnellen Ausrede zu entkommen – mitten im Wäscheaufhängen ließ es sich schlecht flüchten. So manche Information über die Nachbarn verdanke ich daher meiner Aversion gegen Wäscheständer in der Wohnung und der Gabe von Frau S., genau zu erlauschen, wann einer der Gesprächsverweigerer auf dem Weg in den Wäschekeller war.

Ansonsten fiel mir an Herrn M. nur auf, dass er nachts Opern hörte (etwas arg laut), sich um eines der Blumenbeete vor dem Haus kümmerte (mit großem Eifer) und relativ viel Zeit mit Herrn H. aus dem Parterre (ein ehemaliger Schauspieler) verbrachte. Da ich in puncto Homosexualität schon immer Tomaten auf den Augen hatte, sofern sich nicht gerade alle Klischees auffälligst in einer Person ballten, habe ich erst nach vielen Jahren – vermutlich ebenfalls von Frau S. und im Wäschekeller – gesteckt bekommen, dass Herr M. nach Beendigung seines Berufslebens wegen Herrn H. nach München gezogen war und es sich damals glücklich fügte, dass zwei Etagen über Herrn H. eine Zweizimmerwohnung für Herrn M. frei wurde, so dass man einander nach 40 Jahren vertrauter Distanzbeziehung nicht zu nah auf der Pelle säße.

Nach zwei eher wortkargen Anfangsjahren als Nachbarin von Herrn M. überkam mich für die Dauer von drei Wintern die bislang einzige Backphase meines Lebens. Ich habe einige Wochenenden mit der Herstellung der aufwändigsten Plätzchensorten verbracht und bergeweise Gebäck produziert, verziert, verpackt und verschenkt (und selbst gegessen, ja sicher!). Nach derlei Küchenorgien stellte ich Herrn M. stets am Morgen danach einen Teller mit Plätzchen vor die Tür. Genauer gesagt: auf seine Süddeutsche Zeitung, die dort lag (auf dem Fußabstreifer haben Plätzchenteller ja nichts verloren). Wenige Tage später klingelte dann Herr M., um den gespülten Teller zurückzubringen und sich zu bedanken – er hatte für jede Sorte eine kurze, liebevolle Rezension parat, die er mir, klein und kugelig in meinem Türrahmen lehnend, vortrug.

So kamen wir allmählich näher in Kontakt. Bald wurde ich Fan seiner gewählten, altertümlichen und dadurch teilweise verschroben anmutenden Formulierungen. Fast noch besser als sein gesprochenes Wort waren seine Zettelchen. Wenn er mich zum Zwecke der Tellerrückgabe nicht antraf, fand ich den Teller mit einem Zettel darunter auf meiner Fußmatte vor (leere Plätzchenteller dürfen da schon stehen).

In etwa zu der Zeit begann sein Ex-Schauspieler-Lebensgefährte sehr zu kränkeln, so dass Herr M. mehr und mehr die Rolle des Versorgers übernahm, obwohl er selbst auch schon nicht mehr der Mobilste war.

Daher ergab es sich, dass ich gelegentlich vor Großeinkäufen (die ich an sich hasse, weil ich Großmärkte schrecklich finde, aber damals, mit Vollzeitjob, waren diese Art Einkäufe aus Zeitgründen noch unvermeidbar) bei Herrn M. nachfragte, ob ich für ihn und Herrn H. ein paar Dinge mitbesorgen könne. Auch aus dieser Aktion resultierten etliche Zettelchen, denn meine Nachfrage zog immer eine Liste nach sich, die Herr M. mir dann am Vorabend des geplanten Großeinkaufs vor die Tür legte, meist im Kuvert mit Geldschein anbei. Mit der Zeit wurden diese Listen immer unterhaltsamer, da ausführlicher oder mit kleinen Scherzen versehen, so dass ich anfing, sie aufzuheben.

Huius, 20 Uhr.
Für den morgigen Einkauf erbitte ich freundlichst:
– 3 Gläser Spreewaldgurken (die ganz dicken)
– 3 Flaschen Campari (wider die Vernunft)
– 2 Rotköhler
– 4 Amphoren Aioli
– 2 Gläser Dijonsenf (den teuersten)
usw. usw.
50 Linsen anbei.
Besten Dank, M.

Bei der Übergabe der Einkäufe wurde ich in die Wohnung gebeten, um die Tüten gleich in der Küche zu platzieren, so dass wir erstmals nicht mehr im öffentlichen Raum kommunizierten. Der eine oder andere Plausch ergab sich, wir lernten einander besser kennen und aus einem höflich-losen Nebeneinander wurde ein recht freundlicher Nachbarschaftskontakt.

Umso schändlicher, dass ausgerechnet parallel zu dieser Entwicklung das dunkle Kapitel unserer Nachbarschaftsbeziehung aufgeschlagen wurde. Und zwar von mir. Natürlich von mir. Denn Herr M. ist ein völlig lauterer, tadelloser Charakter. In mir hingegen tun sich gelegentlich Abgründe auf, aus denen ich mich zwar meist wieder emporarbeite, was aber leider der Tatsache keinen Abbruch tut, dass es sich um Abgründe handelt.
Als ich damals von der Selbständigkeit in ein Angestelltenverhältnis wechselte, veränderte sich meine Einkommenssituation drastisch. Nicht zu meinen Gunsten, versteht sich. Ich musste an vielen Ecken den Rotstift ansetzen, wenn ich weiterhin alleine hier wohnen bleiben wollte (die große Wohnung war eigentlich für eine Person mit Durschnittseinkommen viel zu teuer). Als eine von vielen Maßnahmen bestellte ich damals meine Tageszeitung ab und leistete mir bloß noch das Wochenend-Abo.
Herr M. las die gleiche Tageszeitung, stand aber deutlich später auf als ich. Meine Missetat begann damit, dass ich gelegentlich vor dem Frühstück im Nachthemd über den Flur huschte, mir seine Süddeutsche schnappte, sie für 15 Minuten „auslieh“ und sie dann nach dem Frühstück sorgsamst gefaltet und ohne Fettflecken und Knicke wieder ordentlich zurück auf seine Fußmatte legte. Selbst ein kleines Eselsohr wäre wohl unentedeckt geblieben, da Herr M. damals schon sehr schlecht sah und eine unglaublich dicke Brille trug (weswegen ich ihn, wenn ich in meinem Umfeld von ihm sprach, meist „Marmeladenglas“ nannte – auch dessen schäme ich mich heute ein wenig, selbst wenn es nicht so despektierlich gemeint war, wie es klingen mag).

Die Steigerung meiner kleinen Zeitungsgaunerei vollzog sich etliche Monate später, als Herr M. mittlerweile fast täglich mit der Pflege von Herrn H. beschäftigt war und nur noch für wenige Besorgungen das Haus verließ. Er erzählte mir damals, dass er nichts Kulturelles mehr unternehmen könne, weil seine Kräfte stark nachgelassen hätten und zeitlich würde er es eben auch gar nicht mehr schaffen, wegen der Versorung des Herrn H..
Und was schnitzte ich Gelegenheitscharakterschwein mir aus dieser Aussage zurecht?! Ich mopste ab und zu aus der Donnerstagsausgabe seiner Zeitung das Münchner Wochenkulturprogramm (eine extra Beilage) – und legte es nicht zurück. Mea culpa!
Mopsen sagen übrigens die Menschen, die auch lieber Schwindeln sagen als Lügen, weil sie ihre eigenen Vergehen in selbstgezimmerte Schweregrade einteilen und aus diesen gern mal die mildere Variante für die Etikettierung ihres Tuns wählen, um moralisch besser wegzukommen – das nur am Rande.
Das mit der gemopsten Beilage ging vielleicht ein Vierteljahr so dahin, dann endete diese Phase jäh, da plötzlich auch ich dank des Stresspegels meiner damaligen Beziehung mit U. nichts Kulturelles mehr unternahm.

Ich werde Herrn M. das mit der Mopserei eines Tages noch beichten. Vermutlich sogar bald. Es ist zwar schon über 10 Jahre her, dennoch spüre ich aus aktuellem Anlass ein Bedürfnis nach einer Art Geständnis dieser einzigen, aber umso hässlicheren Schramme in unserem Verhältnis, die ich zu verantworten habe und von der er ja nicht mal etwas ahnt.

Mein Leben nahm wieder eine bessere Richtung, nachdem ich U. aus selbigem rausgeworfen hatte. Einige Zeit später zog erstmals ein Mann mit in diese Wohnung ein – er wohnt immer noch hier und wir haben zwischenzeitlich sogar geheiratet.
Das nachbarschaftliche Verhältnis mit Herrn M. blieb wie es war, der Gatte wurde vorgestellt, durfte fortan auch mal Spreewaldgurken und Campariflaschen in die Wohnung gegenüber schleppen, wir hatten dann auch wieder unsere eigene Süddeutsche im Tagesabonnement, so dass bei mir keinerlei Rückfall in alte Verhaltensmuster zu befürchten war. Kurz: Alles ging seinen gewohnten Gang.

Bis vor gut fünf Jahren Herr H. starb. Ich kam gerade etwas angeschickert von einer Büro-Weihnachtsfeier heim, als mir im Hausflur ein Arzt mit ernstem Blick aus der Wohnung von Herrn H. entgegenkam und mir sofort schwante, dass es nun “ so weit“ ist. So war es auch.
Der Gatte war nicht zuhause, so dass ich mich nicht beraten konnte, was am besten zu tun sei bzgl. Herrn M.. Rübergehen und Klingeln, um zu erkennen zu geben, dass man es mitbekommen hatte? Sofort oder erst am nächsten Tag? Was sagen? Schließlich setzte ich mich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief an Herrn M., kein klassisches Kondolenzschreiben, sondern einfach das, was mir durch den Kopf ging in meiner Unerfahrenheit mit dem Tod und meiner Betroffenheit darüber, dass er nun ganz allein war. Herr M. hat nämlich kaum noch Freunde, nur einen alten Schulfreund, der in Linz lebt und mit dem er manchmal telefoniert, den er aber nie mehr sehen wird, weil beide zu gebrechlich sind, um zu reisen. Und ein befreundetes Ehepaar aus einem Münchner Vorort. Sowie uns Nachbarn (neben uns noch ein weiteres Paar, die auch mit ihm in Kontakt stehen). Das war’s. Keine Familie mehr, Berliner Kontakte auch keine mehr, viele schon gestorben, andere einfach aus den Augen verloren. Der Lebensmittelpunkt von Herrn M. war Herr H., und der war nun tot.

Ich legte meinen etwas holprigen und unbeholfenen Brief auf seine Fußmatte, in der Hoffnung, er würde ihn vielleicht am selben Abend noch finden und so erfahren, dass ich den Todesfall mitbekommen hatte.
Am späten Abend läutete Herr M.. Ich öffnete, im Nachthemd und mit Zahnbürste in der Hand, er stand im Hausmantel und mit bleichem Gesicht vor der Tür. Er wolle sich bedanken für den Brief, für die Anteilnahme, die Worte haben ihn berührt. Es sei gut zu wissen, dass jemand im Bilde sei über das Geschehene, mit dem er nun umzugehen habe.

Jener Abend war der Beginn unserer Freundschaft. Und zugleich das Ende der Campariflaschen, denn die waren eine Vorliebe des Herrn H. gewesen.

Seitdem besuchte ich ihn ohne äußere Anlässe, wir saßen einfach abends in seinem Wohnzimmer und tauschten uns über Gott und die Welt aus (mehr über Letztere). Bei einem Altersunterschied von fast 40 Jahren gab es gegenseitig immer wieder eine Menge zu staunen. Ich erfuhr viel über die Kriegsjahre und das Nachkriegs-Berlin, über Gottfried Benns Lyrik, die Briefwechsel von Thomas Mann; er ließ sich erklären und zeigen, was das Internet ist, in das ja heutzutage alle immer „hineingehen“ würden und wie es kommt, dass manche Leute 300 Facebook-„Freunde“ haben. In Google Maps wollte er den New Yorker Stadtplan großzoomen, per Streetview durch Manhattan „laufen“ und einfach mal was in Wikipedia nachschlagen („Unfassbar, dass  man da nicht mehr den Brockhaus bemühen muss!“). Einer der Höhepunkte unserer gemeinsamen Geschichte war für mich, als er mich eines Tages bat, ihm zwei CDs aufzunehmen: eine von Bruce Springsteen („Der Bursche sieht ja ganz proper aus!“) und eine von Pink Floyd („Wissen Sie, zu dieser Musik hatte ich vor langer Zeit in Berlin so meine Erlebnisse…“). Ich werde nicht vergessen, wie ich in einer Mondnacht unseren Dackel nochmal vor die Tür ließ und plötzlich „Comfortably numb“ statt Fischer-Dieskau aus dem 2. OG in die nächtliche Straße mäanderte.
Er kochte für mich Rouladen, ich besuchte ihn nach seiner Augenoperation, er las mir Proust vor, ich lud ihn zu uns zum Essen ein – vegetarische Gerichte waren eine neue Welt für ihn, der er, wie fast allem, neugierig gegenüberstand. Er war bei der Feier zu meinem 40. Geburtstag mit dabei, bekam unsere Hochzeit mit, hat sich rührend auf unseren kleinen Hund eingelassen – er, der nie zuvor etwas mit Tieren zu tun hatte (außer durch den Beruf seines Vaters, der Metzger war). Er schenkte uns „Und Pippa tanzt“ von Gerhart Hauptmann, weil er dachte, dass sie nach dieser Figur benannt sei, dabei heißt sie so, weil mich Rebecca Millers Roman „Pippa Lee“ so begeistert hat (und ich Gerhart Hauptmann schon nach der 9. Klasse, als uns viel zu früh das Schicksal des Bahnwärters Thiel serviert wurde, für alle Zeiten ungerechtfertigterweise aufs Abstellgleis verbannt hatte).

Seit dem Tod seines Lebensgefährten hat er fast jedes Weihnachten bei uns verbracht. Jeder von uns suchte vorher einen Text für den Abend aus, und wenn wir unser Dreigangmenü verspeist hatten, wurde vorgelesen. Das waren herrlich unweihnachtliche Weihnachten. Herr M. ist so erfrischend mit seinem Witz, seinem Sprachtalent und dem aufgrund seines Alters so ganz anders gelagerten Fundus an Bildung, Erfahrungen und Geschichten.

P1030745

Eines der Weihnachten mit Herrn M.

Er lud uns alle paar Monate in ein Lokal ein, was mit jedem Mal ein beschwerlicherer Ausflug wurde, da er aufgrund einer neurologischen Erkrankung in den Beinen immer unbeweglicher wurde. An seinem Geburtstag versammelt er jedes Jahr die sechs Personen, mit denen er noch in Verbindung steht, für ein Abendessen beim Italiener. Ein Ritual schon fast: mein Mann begleitet ihn samt Rollator mit dem Taxi zum Restaurant, ich kümmere mich vor Ort um die Tisch-Deko und bestelle den Aperitif, dann warten wir bis die anderen vier eintreffen, drei Stunden später alles wieder retour.

Aus Herrn M. wurde irgendwann P., was nach so vielen Jahren des Siezens eine große Umstellung war und zunächst auch unnötig erschien. Mittlerweile können wir uns kaum noch erinnern, dass es mal anders war.

Wir haben in den vergangenen fünf Jahren viel gelacht, angeregt diskutiert, ausgiebig geschlemmt, über ungeliebte Nachbarn gelästert, zusammen Champions League Finale geschaut, einander bei Krankheiten beigestanden und uns bei Schwierigkeiten aus der Patsche geholfen.
Als mir im Sommer 2013 mein nagelneues, mühsam zusammengespartes Fahrrad vor der Haustür geklaut wurde, stand er einige Wochen später mit einem Scheck vor der Tür und spendierte mir ein neues Rad. Einfach so. Weil er seine Rente eh nicht mehr komplett auf den Kopf hauen könne, so sei sie wenigstens sinnvoll investiert und er habe ja alles, was er brauche. Mehrfachdanksagungen waren bei ihm strengstens verboten, einmal Danke genügte, danach durfte über die Angelegenheit kein Wort mehr verloren werden.

Wir besorgen seit Jahren zweimal wöchentlich Brot für ihn, und sonntags, wenn der Gatte zum Bäcker geht, bekommt P.  zwei Laugencroissants oder Semmel und Breze an die Tür gehängt.
Da wir aufgrund des Pendelns des Gatten die Zeitung wieder auf ein Wochenend-Abo reduziert haben, legt P. seit Jahren das Herzstück der Süddeutschen, den Sportteil, jeden Tag für den Gatten beiseite bzw. auf die Fußmatte (wer weiß, vielleicht hätte er mir vor 10 Jahren die Kulturbeilage auch rausgelegt, wenn ich nur den Mut gehabt hätte, ihn danach zu fragen).

Das hätte jetzt noch ewig so weitergehen können. Wenn man nicht genau wüsste, dass auch solche Ewigkeiten ein „Verfallsdatum“ haben (das aber nicht am Deckelrand oder Packungsboden aufgedruckt ist, so dass man sich drauf einstellen könnte).

Seit Februar hatten sich weitere gesundheitliche Probleme bei unserem Nachbarn eingeschlichen, die ihm die Lebensfreude nach und nach ziemlich zu vermiesen begannen und jetzt erneut einen Krankenhausaufenthalt bescherten.
Und im Zuge dessen uns dreien eine neue Vokabel: Die Raumforderung.

Bis dahin kannte ich nur die Raumpflegerin, als vermeintlich ehrbarere, politisch korrektere Bezeichnung der ehemaligen Putzfrau, die scheinbar (oder „anscheinend“, das lern‘ ich nicht mehr, hilf‘, Freundin B.!) zum Schimpfwort verkommen war, weil Putzen zu sehr an Dreck erinnert und mit dem wollen ja viele lieber nichts zu tun haben, weder real, noch verbal.
Die Raumforderung kommt auch erstmal wie so eine Verschleierung oder ein Ausweichmanöver daher, wenn man nicht gerade Mediziner und mit dem Fachjargon vertraut ist.

Als P. in den ersten Zeilen seines Befunds etwas von Raumforderung las, schüttelte er verwundert den Kopf, befragte den Arzt und erfuhr, dass sich dahinter ein Tumor verbirgt. „Ja dann sollen die das doch auch so hinschreiben“ raunte er ungehalten.
Mit Vor- und Zunamen heißt die Raumforderung: Hepatozelluläres Karzinom.
„Das Ding hat seinen Raum längst eingenommen und muss ihn doch gar nicht mehr fordern“ – meinte er trocken zu mir, als ich am Klinikbett saß und wir über die Untersuchungsergebnisse sprachen. Wir waren uns einig, dass wir der Raumforderung keinen 13-buchstabigen Raum einräumen wollen, sondern sie fortan Krebs nennen werden. Ist kürzer. Und klarer.

Es ist noch offen, wie es jetzt weitergeht. In den nächsten Tagen werden ihm die Therapiemöglichkeiten erläutert. Wir werden dann erfahren, ob ihm Monate bleiben könnten oder gar ein paar Jahre. Die Sache ist nur die: P. möchte am liebsten nichts von Therapiemöglichkeiten hören. Er möchte nämlich keine Jahre mehr haben. Sondern seine Ruhe.

Er habe sein Leben gelebt, sagte er zu uns. Er sei 82 und man solle ihn doch bitte in Ruhe lassen, er wolle keine Operation, auch keine Therapie, sondern am liebsten eine Tablette, mit der es zuende wäre. Was das denn jetzt noch bringen solle, das alles in die Länge zu ziehen. Es gäbe keine Perspektiven mehr, er hätte keine Ziele mehr, sein Radius sei bedrückend klein geworden und würde auch nicht mehr größer werden. Er sei fertig – das sagte er ohne Bitterkeit! – denn er habe ein gutes Leben gehabt. Jetzt sei es es aber auch mal genug. Vor dem Sterben hätte er gleichwohl etwas Bedenken und Respekt, denn man wisse ja nicht, wie sich das anfühle und ob das nicht doch weh täte.

Ich saß da, hörte ihm zu, und überlegte, was ich sagen sollte. Bis ich spürte, dass es nicht nötig ist, etwas zu sagen, sondern dass es genügt, ihn anzuhören und ernst zu nehmen.

Ich nickte stumm.

Anschließend bat er um drei Kugeln Krokant-Eis, vom Sarcletti, wenn es sich die Tage mal einrichten ließe.

P1030749

Weihnachtswunsch von P.: Gerne mal was mit Roter Bete.

6 Gedanken zu „Die Raumforderung. (Ein Vorruf.)

  1. Du hast Hernn H. ja ein paar Mal erwähnt, bei unseren Treffen, und es betrübt mich zu hören, dass es ihm schlecht geht. Durch den Pink Floyd-Kommentar in Deinem Beitrag ist er mir gleich noch viiieeeel sympathischer geworden.
    Es würde mich interessieren, wie Deine Zeitungsbeichte gelaufen ist (natürlich erst, nachdem Du sie gewagt hast).

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.