Hundstage.

Die Sonne steht ab Ende August für ein paar Wochen in der Nähe des Sirius. So müssten die Tage in dieser Phase eigentlich Siriustage heißen. Tun sie aber nicht. Sondern sie heißen Hundstage – der Sirius ist der sogenannte Hundsstern (auch „Großer Hund“ genannt). Im alten Ägypten waren das die heißesten Tage des Jahres, im durchwachsenen Sommer 2016 sind sie es ebenso.

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Die Hundstage haben also mit dem Haushund nichts zu tun, obwohl man einen Hochsommertag auch mühelos am Verhalten der meisten Haushunde ablesen könnte, wozu man keinerlei astronomische Grundkenntnisse braucht.

Sobald das Thermometer die 25°C-Marke überschreitet (oder ein paar Grad mehr oder weniger, hier sind die Hunde je nach Fellfarbe, Rasse, Alter und Konstitution ja unterschiedlich), sieht das Verhalten so aus: Faulenzen in der Sonne, Hecheln, Umzug in den Schatten, ggf. Verkriechen unters Bett, wahlweise Bauch an der Mauer oder an den Badkacheln kühlen, erneut kurzes Sonnenbaden, Hecheln, Ausdampfen im Halbschatten, Kachelkühlen im Bad usw.

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Diese Abfolge plus Ausflüge zum See oder Flusswandern, inklusive der gewohnten Dosis Fressen und Zuwendung, zur Krönung zwischendurch ein Eiswürfel oder kühlen Quark – mehr braucht so ein Hund nicht.

Mit den Ausflügen zum See ist es aber so eine Sache: An heißen Wochenenden in der Badesaison muss man mühevoll suchen, an welchen Seen, in die man auch als Mensch einen Zeh hineinhalten würde, Hunde überhaupt gestattet sind. An den meisten Seen wird man angemault, manchmal sogar angepöbelt, Mütter brechen in Panik aus, weil ein igittigitt-ach-so-unhygienischer Dackel im selben Wasser zu baden gedenkt wie der Sproß (wehe, man weist dann darauf hin, dass im Unterschied zu Kleinkindern Hunde nicht in den See pieseln würden), oder Badegäste fürchten um ihren Proviant oder einen Wassertropfen auf ihren sonnenverkokelten Körpern (die sie genauso anderswo verkokeln könnten, da sie eh nicht ins Wasser gehen, wozu also der See?) – dabei ist diese Belästigung ja leicht zu unterbinden, wenn der Hund entsprechend erzogen ist (na gut, unmittelbar neben einem Grill wird’s schwierig…).

Kurz: Es nervt ziemlich, unerwünschte Randgruppe zu sein.

Gestern habe ich daher stundenlang recherchiert, an welchem See wir uns diesen Terror ersparen könnten. Das ernüchternde Ergebnis: Es gibt nur einen einzigen (!) See im Münchner Umland, dessen Badegelände als explizit hundefreundlich gilt.
Der Mallertshofer See. Nie gehört. Ist irgendwo im Norden Münchens, bei Eching (wo man nur hinfährt, wenn man zu IKEA muss).

Also die Karte aufgeschlagen, geguckt, wo das ist und dort eine hübsche (viel zu lange) Route ausgewählt: am südlichen Ortsrand von Eching geparkt, über Felder zum „Mallertshofer Holz und Heide“ (heißt so!) gelaufen…

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…durch die Hölzer und Heiden gekrochen (wegen Schatten), nach über einer Stunde dann beim See angekommen.

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Eine derartige Hundedichte hab‘ ich noch nie zuvor gesehen. Die Mensch-Hund-Quote liegt hier bei 2:1, es fliegen die Wassertropfen nur so herum vor lauter Geschüttel und die Picknickkörbe haben alle intelligente, verschließbare Deckel. Mensch und Hund gehen gemeinsam Baden, keiner regt sich über irgendwas auf. Klar, hier sind alle, die sonst nirgendwo sein dürfen.

In dem Ausmaß ist das nicht jedermanns und jederhunds Sache. Der Geräuschpegel ist ähnlich übel wie im Freibad-Kinderbecken.
So brauchte Pippa ein Weilchen, um sich zu akklimatisieren und zu verstehen, dass hier jeder Köter sein Wasserspielzeug hat, es sich also nicht lohnt, das eigene mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.

Dann fand sie es toll, super, phänomenal, spitze.

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Nach einer Stunde an diesem gut besuchten See war der Hund überglücklich – und ich fix und fertig. Sie hüpfte munter den langen Weg zurück und ich schlurfte hechelnd und erschlagen von Hitze und Hundetrubel hinterher.

Manchmal ist es mir wirklich ein Rätsel, wieso der Ausdruck „Leben wie ein Hund“ negativ konnotiert ist.

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Nach einer Woche voller Hundstage grüßt euch (und besonders den unverschwitzten Gatten im hohen Norden!) –
Die Kraulquappe.

8 Gedanken zu “Hundstage.

  1. Nicht jedes Hundeleben sieht so wie das von Pippa aus, ganz und gar nicht, erst heute wieder den Beweis dafür erhalten. Daher ist die negative Konnotation dieser Redewendung wohl leider berechtigt. Vielleicht würden ein paar mehr Hundebadeseen daran ja was ändern. Aber der Mensch als Mähänsch, oder wie Grönemeyer so subtil dichtete, ist sich selbst der Nächste, dabei könnte er vom Hund lernen, was es heißt zu leben.

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    • Welche skandinavischen Grausamkeiten musstest du denn mit ansehen?
      Ich hab in meinem Leben ja nicht viel geschafft, aber wenigstens ein guter Oberhund bin ich geworden.
      Jetzt schlafen wir dann mal Seite an Seite ein.

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  2. man könnte tatsächlich so einiges lernen … (wann bin ich zuletzt so über die wiese gekullert?!)
    kennst du den gleichnamigen film von seidl? … (suche übrigens noch 1 unerschrockene person, die mit mir die glaube_liebe_hoffnung trilogie dieses regisseurs anschaut …)

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  3. Pingback: Im Naherholungsgebiet

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