Lohnt sich ja nicht mehr. Ein Kompensationsversuch.

Um eines mal klarzustellen: So eine allein unternommene Reise ist keine Aneinanderreihung von Highlights, super Ausflügen bei permanentem Sonnenschein und rund um die Uhr empfundener Seligkeit.

Gut, ich will nicht meckern, die meiste Zeit hier ist das meiste im Lot, bislang. Sogar ich. Meist geht es mir gut und ich komme wunderbar zurecht mit mir, der Tagesgestaltung, der Arbeit, dem Kochen, dem Dackel, der Bewegung, der Einsamkeit und Ruhe. Meist empfinde ich große Zufriedenheit und Dankbarkeit, dass ich mir gerade einen lang gehegten Traum erfüllen kann.

Aber es gibt auch sie, diese dunklen Momente des Alleinreisens und ich will nicht so tun, als würden sie mich nicht heimsuchen. Das soll ein ehrlicher Blog bleiben und kein gekünsteltes Hochglanztagebuch werden.

Die Rede soll sein von jenen Momenten, in denen alles aus den Fugen gerät. Augenblicke oder Stunden, gar Tage!, in denen der Alleinreisende in Abgründe blickt (und zwar in die eigenen, denn sonst ist da ja niemand), ihm die soziale Kontrolle abgeht, mindestens aber der Partner, der einem mittags dezent zu verstehen gibt, dass man jetzt doch mal duschen könne oder bei gemeinsamen Mahlzeiten darauf bedacht ist, dass gerecht halbiert wird. Oder das bloße Zuzweitsein schon dafür sorgt, dass man einander gegenseitig davon abhält, dann, wenn man gerade gut gesättigt ist, sinnlos Schokoladentafeln oder andere Dickmacher zu mampfen, ja sogar komplett zu vernichten, weil es sich irgendwann ja angeblich nicht mehr lohnt, den Rest aufzuheben.

Gestern Abend geriet meine heile Ferienwelt in eine solche Mampf-Schieflage, dass ich heute unbedingt dafür sorgen wollte, alles wieder in Balance zu bringen. Aber der Reihe nach!

Es begann damit, dass meine Vermieterin mir ein Willkommenskörbchen auf den Tisch gestellt hatte. An sich eine nette Geste. Bei näherer Betrachtung aber ein Affront, zumindest für Menschen wie mich. Das Körbchen war bestückt mit: Blaubeerkeksen, Schokolade, einer Nussmischung, einem Tetrapack Himbeersaft und einer Tüte Tortillachips, Geschmacksrichtung Nacho-Cheese.

Ich freute mich still und artig ob der Geste, bedankte mich umgehend per WhatsApp und räumte alles beiseite, damit es mir weder im Weg herumläge, noch irgendwelchen abendlichen Gierattacken zum Opfer fiele.

Das funktionierte 24 Std lang im Großen und Ganzen gut. Die Kekse sind nämlich nicht mein Ding, weil dieser ins Mittelloch des Kekses reingepresste Beerenklumpen eklig in den Zähnen klebt. Die Schokolade enthielt neben Haselnüssen, auf die ich wenig Wert lege, auch noch Rosinen, die ich hasse wie die Pest. Die Nussmischung ebenso, und aus solchen Mischungen picke ich mir allerhöchstens die Cashews und Walnüsse raus, da es aber nach Billigmarke aussah, war eh klar, dass sich nicht mehr als 2-3 Cashews und Walnüsse da hineinverirrt haben. Der Saft ist mir zu süß, ich trinke kaum Säfte und wenn, nur als Direktsaft oder zur Schorle verdünnt.

So blieben noch die blöden, fettigen, unnützen Maischips als Fressoption übrig. Mais ist mir zwar auch wurscht, aber in Form von Popcorn oder Tortillachips mag ich ihn ganz gern. Also landete diese Tüte besonders weit hinten im Küchenschrank. Ich wollte bei keinem Handgriff über sie stolpern, ich wollte sie ignorieren oder am besten ganz vergessen. Schließlich ist mein Kühlschrank voll mit Dingen, die ich mag und die keine 900kcal pro Packung haben. Und ich mag Reisen und Urlaube, nach denen man keine Diät machen muss, um wieder in all seine Sachen zu passen. Als Selbstversorger sollte das spielend leicht einzurichten sein.

Aber die blöde Tüte knisterte und flüsterte vor sich hin. Unaufhörlich. Seit sie da nach ganz hinten in den Schrank verbannt worden war, gab sie permanent Geräusche von sich. Ich wette, der eine oder andere von euch kennt das und weiß genau, wie sich das anhört! Umso besser, wenn man fast den ganzen Tag draußen ist, dann ist man auf der sicheren Seite.

Gestern Abend, ich saß gerade drinnen und an meiner Arbeit und hatte nebenbei Musik laufen (an Geburtstagen des Lieblingssängers gehört das zum Fan-Pflichtprogramm), fing die blöde Tüte an, lauter zu werden, aufdringlichder, impertinent geradezu, wohl um die Musik zu übertönen oder um nachhaltiger auf ihr verwaistes Dasein aufmerksam zu machen. Was auch immer. Ich blieb zunächst hart. Irgendwann schrie sie. Es klang wie „Hilfe, hol mich hier raus!“ und „Nimm mich zu dir!“. An konzentriertes Arbeiten und Genießen der Musik war beim besten Willen nicht mehr zu denken.

Und irgendwann, bevor mir das Geplärr den gesamten Abend vergällt hätte, erbarmte ich mich ihrer, und das, obwohl ich pappsatt, wirklich absolut pappsatt von meinem üppigen Abendessen war.

Erst war es nur ein gesittetes Schälchen voll, und die Tüte gleich wieder im Schrank verstaut. Dann nochmal nachgefüllt. Und nochmal. Und danach war nur noch so wenig übrig, dass es sich nicht mehr lohnte… Um 22:30 war die Schlacht geschlagen, die Tüte trug ihren Sieg davon und lag leer, erschöpft und verrunzelt auf der Küchenablage, während ich meine Kapitulation in Rotwein ertränkte.

Wäre ich nicht alleine hier, hätte mich jemand abhalten können oder ich hätte mich als die Disziplinierte aufführen können und den anderen abgehalten. Oder wir hätten die Tüte gemeinsam, mit vereinten Kräften, zum Schweigen gebracht. Und wenn auch das nicht geglückt wäre, hätten wir sie zumindest teilen können! Aber als Alleinreisender hat man keine Chance, wenn so eine Tüte sich erstmal ins Feriendomizil eingeschlichen hat.

Viel zu vollgefuttert und mit einem Hauch von Selbstekel wegen dieses elenden Völlegefühls (und auch noch selbst schuld daran zu sein!) kroch ich ins Bett, lag noch eine Weile wach und sinnierte über Phänomene wie Willensschwäche und Genussfähigkeit, und wo da wohl die verträgliche Mitte sei. Über derlei ergebnislosem Grübeln sank ich schwerer und schwerer in die Matratze – und schlief irgendwann ein.

Beim Aufstehen heute Morgen, die Erinnerung an das Geschehene wollte sich gerade wieder meiner bemächtigen, beschloss ich sofort, gnädig zu mir zu sein und mir diese Orgie zu verzeihen. Was soll’s. Darf ja mal sein. Bikinisaison ist eh vorbei. Und man sprengt ja nicht wegen einer albernen Chipstüte bereits am Tag danach alle Hosen. Schwamm drüber. Nicht der Rede wert. Neuer Tag, andere Ernährung. Die Sonne scheint, ich bin in Schweden, das Meer glitzert, die Gegend will entdeckt werden. Carpe diem.

Himbeermüsli zum Frühstück. Gepressten Orangensaft später. Hach ja, bahnt sich da vielleicht ein kompletter Obst-Gemüse-Tag an!?
Vormittags plötzlich Lust auf Laufen, also rein in die Joggingsachen und fast eine Stunde losgedüst. Strandlauf wohlgemerkt, das ist anstrengender als Asphalt oder Waldboden. Mit jedem Kilometer fühlte ich mich besser: Ha, von wegen Schwere und Völllegefühl, die Erinnerung an gestern verblasste bis zur Unkenntlichkeit, leicht wie eine Feder fühlte ich mich, als ich wieder bei meiner Hütte ankam, mich im Garten noch dehnte und bei einem Glas Wasser auf der Terrasse ausdampfte.
Alles wieder im Lot. Totale Katharsis, mental, physisch und überhaupt – dem Sport sei dank.

Beim Duschen überlegte ich mir bereits die Route für den langen Marsch mit Pippa sowie eine Gemüsekreation fürs Abendessen. Als ich anschließend meine Handtücher im hinteren Teil des Gartens zum Trocknen aufhängte, fielen mir erstmals die üppigen Beerensträucher auf.

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Was für eine Pracht. Voll von reifen Himbeeren. Ein Wink des Schicksals musste das sein – an meinem Obst-Gemüse-Tag!

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Ich erntete sie ab, auf dem Weg durch den Garten sprangen mir dann noch die reifen Äpfel ins Auge, ich pflückte sie beherzt ab – Her zu mir, ihr gesunden Gefährten! – und vollbeladen mit Gartenobst stand ich anschließend in der Küche, legte meine Beute in die Spüle, um sie abzubrausen und zuzubereiten.

Tja, die Zubereitung. Plötzlich war da der ernüchternde Gedanke: Äpfel mag ich eigentlich gar nicht sooo sehr und Himbeeren pur sind auch irgendwie seltsam. Ja, und nun? Es ist Quark noch im Kühlschrank, das wäre eine Option. Aber Apfelquark? Geht gar nicht.

Um es abzukürzen: die Lösung hieß Apfel-Himbeer-Crumble.

Butter, Haferflocken und Zucker waren im Haus. Der Ausflug wurde verschoben. Erstens, weil die Zubereitung des Crumbles nun mal seine Zeit braucht, zweitens, weil ich wenigstens eine ofenwarme Portion kosten wollte, und zu guter Letzt, weil ich natürlich wieder die Lohnt-sich-ja-nicht-mehr-Grenze überschritt und mich danach nicht mehr in der Lage zu einem dreistündigen Ausflug fühlte.

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Der Apfel-Himbeer-Crumble-Obst-Tag.

Schuld ist: die Vermieterin. Mit ihrem verdammten Fresskorb hat sie den Anfang gemacht, mit dem dämlichen reifen Obst in ihrem Garten perfide den zweiten Anschlag vorbereitet und dann hat sie nicht mal eine kleine 1-Personen-Backform in ihrer Hütte, stattdessen aber Zucker und Haferflocken en masse.

Vielleicht geh ich morgen wieder Laufen. Das macht den Kopf ja so schön frei.

Aus dem Sommerhaus, in dem nun nichts mehr außer dem Ofen knistert, grüßt euch satt für 3 und immerhin doch noch nach einem Spaziergang in den Nachbarort,

die Kraulquappe.

PS: Die Bilderserie des Tages will ich euch nicht vorenthalten (Hunde-Desinteressierte können nun wegklicken):

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Oh, island in the sun, willed to me by my father’s hand …

 

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… all my days I will sing in praise of your forest, waters, …

 

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… your shining sand!

 

 

 

7 Gedanken zu „Lohnt sich ja nicht mehr. Ein Kompensationsversuch.

  1. Pingback: F63.9 oder: Der Wunderfitz. | Kraulquappe

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