Kvinnan med tax oder: Schwedische Hunde-Hysterie.

Eigentlich war das ein Tag, der es verdient hätte, einzig mit einer ehrfürchtigen und stillen Fotoserie gefeiert zu werden: Gut geschlafen, tolles Wetter, beste Stimmung zwischen Mensch und Hund, wunderbarer Ausflug auf eine traumhaft schöne Insel, Picknick in der Natur usw..

Sätze, die mit „eigentlich“ beginnen, schreien natürlich nach einem „aber“. Gleich kommt es, das ABER, ich versuche dennoch, mich damit so kurz zu fassen wie es geht (es wird eher nicht gehen) und den Fokus überwiegend auf das Erfreuliche zu richten.

Als wir am Vormittag in Hällevik eintrafen, hätte mir das Ortschild schon eine Warnung sein müssen, dass die Schweden, heidnisch verbrämt wie sie offenbar sind, nicht alle Tassen im Schrank haben. Stattdessen hielt ich erfreut an, schoss ein Foto von dem lustigen Schild …

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… und fuhr weiter Richtung Fischereihafen Hällevik.
Wieder einer dieser hübschen Orte an der Südküste, die nach Saisonende ganz der Natur und den Tieren zurückgegeben werden.

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Nur die Räucherei (hier hat man sich auf Aalfang spezialisiert) hat Museum und Verkaufsstube offen, was aber bloß Pippa interessiert, denn ich vertrage Fisch wegen des hohen Histamingehalts leider nicht so gut.

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Der Ort hat neben netten Häuschen auch einen kleinen Leuchtturm zu bieten …

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… wir können uns aber nicht allzu lange dort umsehen, weil wir noch 3km bis zum Fährhafen im benachbarten Nogersund zu laufen haben.

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Von hier aus legen die Fähren Kutter zur Insel Hanö ab. Die Insel Hanö wird von meinem alten Reiseführer-Freund Rasso in seinem Südschweden-Buch als „Perle der Ostsee“ bezeichnet und bislang konnte ich Rasso immer vertrauen.

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Pünktlich sind wir am Anleger, gehen an Bord und – jetzt kommen wir zu dem ABER! – werden, als wir uns in den einzigen für Fahrgäste gedachten Raum begeben wollen, von der Kapitänsgehilfin angeraunzt. Höflich entgegne ich auf Englisch, dass ich sie nicht verstehe, woraufhin sie mir, nun ebenfalls auf Englisch, erklärt, ich dürfe mit Hund dort nicht hinein.

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Ich frage, wieso. Sie zeigt auf ein Hund-in-rot-durchgestrichen-Schild über der Tür. Ich frage nochmal, wieso Hunde dort verboten seien. Sie murmelt was von „some passengers have allergies“. Ich frage, welche anderen Passagiere sie meine. Sie zeigt auf ein schwedisches Ehepaar, das hinter mir den Kutter betreten hat. Ich erkläre ihr, dass dieses Paar nichts gegen meinen Hund hat, da es ihn bereits am Hafen ausführlich gestreichelt hatte und sich sogar am Ohr abschlecken ließ. Die netten älteren Leute bestätigen das. Sie sind außer mir die einzigen Fahrgäste.

Die Kapitänsgehilfin beharrt auf dem Hundeverbot und ergänzt, dass auf Hanö ein kranker Mann mit Allergien lebe, der diesen Kutter auch benutzt. Zwar nicht heute, aber gelegentlich. Aha. Sie deutet mir an, ich könne mit Pippa aufs Außendeck gehen oder im Vorraum stehenbleiben. Ich fluche auf Deutsch, zunächst ein „Verdammt nochmal, dass ich nicht auf Englisch oder – noch besser – auf Schwedisch fluchen kann!“, dann „Scheiß-Schweden!“.

Die haben hier echt landesweit eine bekloppte Hunde-Hysterie. In kein Lokal, in kein Café, in kein Hotelrestaurant (manchmal nicht mal ins Hotel!) kommt man mit Hund rein, zumindest nicht ohne hartnäckige Verhandlungen, und wenn es dann klappt, dann landet man an einem Katzentisch im hinterletzten Eck (und mal ehrlich: mit einem Hund am Katzentisch, das schlägt dem Fass doch den Boden aus!).

Dann klemme ich mir schnaubend meinen kleinen Hund unter den Arm und stapfe die Treppe zum Außendeck hoch.

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Da hocken wir nun. Auf den Stufen, nah an der Reling. Der Kutter startet. Die 30 Minuten nach Hanö sind ein Abenteuer, denn es hat so krassen Seegang, dass die Gischt aufs Deck spritzt, der Kutter schaukelt wie wild, der Wind pfeift uns um die Ohren, die Motoren dröhnen, der Diesel stinkt. Ich kann mich auf den Stufen sitzend nicht anlehnen, Pippa ist das Ganze nicht geheuer und als die beruhigende Hand nicht mehr hilft…

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… muss ich sie auf den Schoß nehmen und festhalten, was mir nach 20 Minuten schief sitzen und Wackelausgleichsversuchen üble Rückenschmerzen beschert.

Kurz vor Hanö kommt die Kapitänsgehilfin aufs Außendeck geschwankt und will das Geld für den Fahrschein kassieren. 68 Kronen für die Hin- und Rückfahrt, toller Nachsaisonpreis zwar, aber ich sag‘ ihr, dass ich das nicht voll bezahlen werde, weil ich hier oben nicht den vollen Komfort hatte. Ehrlich gesagt: ich hatte gar keinen. Es geht nochmal eine Weile hin und her, schließlich zahle ich den halben Preis für diese genussreduzierte „Vuxen rundtur“ durch das Gewässer im Land des Hexenkults.

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Genug gemotzt. Schweden hat großes Glück, dass es mir sonst so gut gefällt, dass ich auch weitere Male hierher reisen werde, aber in Sachen Hundefreundlichkeit kann man dem ganzen Land nur eine intensive Verhaltenstherapie verordnen (inklusive Aufklärungsarbeit über Gesundheitsrisiken durch Kontakt mit Hunden).

Die Stunden auf Hanö entschädigten mich allerdings für den Ärger bei der Überfahrt mehr als reichlich.

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Der Hafen von Hanö.

 

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Auf dem Weg durch den winzigen Ort.

 

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Herbst auf Hanö. Fußballsaison für Pippa.

 

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Auf dem Weg zum Fyren, dem höchstgelegenen Leuchtturm der Ostsee.

 

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Auf 74 Meter Höhe: Der Hanö Fyn.

 

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Eine Skulptur auf dem Weg zum Englischen Soldatenfriedhof.

 

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Achso, das ist gar nicht Kunst, sondern eine David-Bowie-Gedenkstätte!

 

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Der Engelska kyrkogarden. Viele Soldaten waren’s ja nicht.

 

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Wanderung bis an die Nordspitze der Insel, zur Landzunge Brönsäcken, die von Wind und Wellen ständig umgeformt wird.

 

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Zurück zum Hafen an der Westküste entlang.

 

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Ohne Worte.

Nach 3 Stunden sind wir geschafft wieder am Hafen und nehmen den Nachmittagskutter zurück nach Nogersund. Die Kapitänsgehilfin knurrt kurz, als wir das Boot betreten, sie sagt was zum Kapitän, und rechnet nicht damit, dass ich einen kleinen Satzfetzen verstehe, weil ich den nun schon öfter gehört habe, im Café, im Hotel, im Klostergarten: „(…) kvinnan med tax (…)“.

Genau, das bin ich! Kvinnan med tax. Die Frau mit dem Dackel.
Wir knurren zurück, trollen uns aufs Außendeck, lassen uns zurückschunkeln und von den ollen Hundehysterikern auf keinen Fall unser schönes Leben vermiesen.

Einen guten Abend wünscht
Die Kraulquappe, vom Winde verweht.

Postskriptum.
Gerade trifft eine Email vom Gatten aus der fernen Heimat ein, die einen Absatz enthält, den ich gleich in diesen Beitrag einfügen und auch beantworten möchte.
Der Gatte schreibt, wie immer anteilnehmend und interessiert an meinem Schicksal, folgende Worte:

"(...) Die Insel sieht wirklich nett aus. 
Hab sogar auf Wikipedia nachgelesen und zu meinem Entsetzen festgestellt, 
dass es im Ort einen krassen Bevölkerungsschwund gibt: 
Im Jahr 2000 gab es 39 Einwohner, 2008 aber nur noch 33!!! 
Aktueller ist Wikipedia nicht, aber wenn das kontinuierlich so weitergegangen ist, 
dann waren es heute, 26.09.2016, nur noch 27! Hast du die alle getroffen?(...)"

Lieber Gatte,
Wikipedia ist wirklich gar nicht mehr auf dem Laufenden. Ich hatte heute, am Nachmittag des 26.09.2016, nur noch das Vergnügen, 8 Einwohner der Insel Hanö zu treffen! In zwei Häusern in Hafennähe sah es zudem so aus, als säßen jeweils Rentner beim Apfelschälen in der Küche. Also lass es 10 sein. Falls der Kapitän und seine Gehilfin auch noch dazugehören, was ich aufgrund der miesen Stimmung zwischen der Besatzung und mir nicht klären konnte, sind es maximal 12.
Wenn es, wie du korrekt berechnet hast, weiterhin alle 8 Jahre zu einer Schrumpfung um 6 Einwohner kommt, ist Hanö im September 2032 leer. Das wär‘ doch dann was für uns! Sind wir da schon in Rente?
Ich vermutlich schon, denn ich rentiere ja jetzt schon vor mich hin, aber wie steht’s mit dir? Naja, zur Not nimmst du mal ein Sabbatical oder drei Forschungssemester am Stück.
Wobei ich zu bedenken gebe, dass Rasso in seinem Reiseführer schreibt: „Seit 1956 leben Damhirsche auf Hanö, zunächst 5, heute geschätzte 100 bis 200 Tiere.“ Nicht auszudenken, wie viele es sein mögen, bis die Insel menschenfrei ist. Das gäbe dann ein Problem mit unserem Hund. Heute konnten wir die Hirsche noch in die Flucht schlagen, aber wie viele Hunde müssen wir mitnehmen, um die riesige Population 2032 noch in Schach halten zu können? Rechnest du das bitte mal aus?
Ich wünsch‘ dir einen schönen Abend und küsse dich!

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Vor kvinnan med tax flüchtender Hirsch auf Hanö.

 

7 Gedanken zu “Kvinnan med tax oder: Schwedische Hunde-Hysterie.

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