Two lost souls swimming in a fish bowl…

Nein, das wird kein Beitrag zu Pink Floyd. Sondern ich dachte mir beim Morgenlauf am Strand, dass zur Abrundung der gestrigen Ereignisse noch ein Nachtrag ausstünde, um der Intention eines „Schwimm-Blogs“ auch mal wieder nachzukommen. Hier ist er.

Der gestrige Mittwoch war, genau wie letzte Woche in Höör, mein allwöchentlicher Schwimm-Tag. Aufgrund der Entfernungen zur jeweils nächsten Schwimmgelegenheit kann ich derzeit meiner Leidenschaft ja leider nur einmal pro Woche nachgehen. Alleine mit Hund zu reisen bedeutet eben unter anderem, die Aktivitäten ohne Hund so zu optimieren, dass das längere Alleinlassen im Auto oder der Hütte auf ein Minimum beschränkt bleibt.

Also: Öffnungszeiten des Schwimmbads in Bromölla recherchiert, gefreut, dass Mittwochnachmittag zufällig kinderfreie Schwimmzeit ist, den Weg zum Hallenbad gut eingeprägt, ins Auto gesprungen, fehlerfrei nach Bromölla gefunden.

Zwischenbemerkung: 300 Meter vor dem Schwimmbad ein „Systembolaget“ entdeckt – das sind diese schwedischen Alkohol-Shops, in denen ich bislang noch nie war, da aber mein heimischer Biervorrat trotz strenger Rationierung allmählich zur Neige geht, habe ich spontan angehalten und bin da mal reingegangen. Nachmittags um 16:00 Uhr in einem reinen Spirituosengeschäft durch die Regalreihen zu gehen, beschert einem irgendwie ein komisches Gefühl. Dabei guckt einen gar keiner komisch an, denn die paar Kleinstadt-Alkoholiker sind eh mit sich und den harten Sachen beschäftigt, und sonst treibt sich da um die Uhrzeit niemand rum. Zu meinem Entzücken finde ich im Bierregal auße der 8 Meter breiten Auswahl an Lagerbier doch tatsächlich auch die gute Schneider Weiße in einem Eckchen stehen. Mit vier Pullen bewaffnet sause ich zur Kasse, bezahle, verstaue die Flaschen im Kofferraum – nicht dass mir auf dem Schwimmbadparkplatz noch jemand das Auto aufbricht, wenn das teure und exotische Gesöff da so offen sichtbar auf der Rückbank liegt.

Bromölla macht nämlich nicht gerade einen soliden Eindruck, sondern hat in etwa den Charme von Waldkraiburg (falls das zufällig jemand kennen sollte). Das Schwimmbad liegt am Rande des Industriegebiets.

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Eigentlich könnte ich den Bericht an dieser Stelle beenden. Denn was es von außen versprach, dieses Hallenbad von Bromölla, das hielt es auch von innen. Und zwar zu 100%.

Daher lasse ich die atmosphärischen Details zu Umkleide, Dusche und Schwimmhalle unerwähnt. Vuxen 50 Kronen (echt teuer für die Bude), Geld hingeblättert, Vorhängeschloss bereits in der Hand (von daheim mitgebracht, ist in fast jedem Schwimmbad Schwedens Pflicht), in die Umkleide gestürmt (die hübschen Schwedinnen, die sind ein Gerücht, zumindest in der Provinz), geduscht und ab in die Schwimmhalle.
Dort: Schummerlicht. Von 8 Neonröhren sind 6 defekt. Dafür dudelt Kleinstadtmusik eines Kleinstadtsenders aus den Lautsprechern. Ein 25-Meter-Becken, 8 Bahnen, in der Mitte durch Schwimmleine unterteilt, also 2×4 Bahnen. Kein Schild „snabb simma“ oder „motionsim“, so dass alles für alle zu sein scheint. Ich entscheide mich für die noch komplett leere Hälfte. Nach 10 Bahnen seh‘ ich den Bademeister am Rand rumfuchteln und unterbreche. Er deutet mir an, in die andere Hälfte zu wechseln – und durch die leicht beschlagene Schwimmbrille sehe ich den Grund dafür bereits ins Becken klettern: ein Hausfrauen-Wassergymnastik-Trupp. So ein Mist, denn in der anderen Beckenhälfte schwimmen schon ein paar Leute, aber nur wenige, also begebe ich mich rüber.

Ich wähle die Bahn gleich neben der Leine, denn die brauch‘ ich später zur Orientierung beim Rückenschwimmen. Schwimme 3 Bahnen und plötzlich: Gegenverkehr. Zwei quallenartig ausufernde Wesen kommen mir entgegen, zwischen sich einen riesigen Abstand, damit ihre voluminösen Tentakel sich nicht verheddern, während sie im Schneckentempo durchs Wasser strudeln, Tendenz: vorwärts. Sie belegen aufgrund ihres absurden Radius‘ beinahe die Hälfte der vier Bahnen. Es handelt sich übrigens um Frauen, deren Hauptgrund für den Schwimmbadbesuch ausgiebiges Ratschen ist. Da die Köpfe einander zugewandt sind, weil man sich ja beim Ratschen angucken möchte, schauen sie nicht nach vorn. Es kommt fast zum Zusammenprall. Sie bemerken mich in allerletzter Sekunde und sehen mich völlig erstaunt an, nach dem Motto: Huch, da schwimmt ja jemand!

Außer ihnen sind noch zwei Rentner in dieser Nicht-Wassergymnastik-Beckenhälfte, die aber am Rand hängend mit Denken, Dämmern oder Dösen beschäftigt sind und daher nicht weiter stören. Bei der nächsten Bahn bemerke ich erfreut, dass mir die beiden Quallen nicht mehr entgegenkommen. Man sollte ja auch meinen, dass sich 3-5 Personen vier 25m lange Bahnen wirklich entspannt teilen können.

Plötzlich, einige Bahnen später, wabern sie mir aber schon wieder entgegen, die beiden Weiber, und wieder mitten auf meiner Bahn.
Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Sie schwimmen im Rechteck! Also 3x am Beckenrand entlang, 1x an der Schwimmleine, immer schön links herum. Im extrabreiten Zweier-Pflug durchkämmen sie also das Becken bis auf den Mittelbereich der beiden inneren Bahnen.
Vorteil: Sie können durchratschen, weil sie nicht am Beckenrand wenden müssen, sondern schwimmend abbiegen. Nachteil: Ich bin auch im Becken.

Als wir ein paar Bahnen später erneut beinahe zusammenstoßen, kommt es zu einem kurzen Dialog. Sie quaken irgendwas auf Schwedisch, ich pruste ihnen kurz auf Englisch zu, dass man in einem Schwimmbad die Bahnen üblicherweise vor und zurück schwimmt. Fragt die eine doch glatt, wieso.
– Ja, weil wir hier nicht Goldfisch im Glas spielen, sondern beim Schwimmen sind!

Bei der übernächsten Bahn greife ich prophylaktisch zu einem altbewährten Schwimmertrick, wenn es trotz ausreichend Platz im Becken zu Ärger mit Mitschwimmern kommt: Ich wechsle in die Rückenlage und gebe Gas. Da sehe ich nichts mehr und bin schuldlos, wenn es zur Kollision kommt. Was dann auch geschieht. Patsch, und schon trifft meine nach hinten geworfene Flosse auf ein Quallen-Ektoderm.

Bingo. Danach herrscht endlich Ruhe, ich habe die eine Bahn für die restlichen ca. 23 Bahnen für mich allein (dummerweise haben sie mich aus dem Zählen rausgebracht, die zwei verlorenen Seelen mit Linksdrall).
Ich hab ja schon viel erlebt in Schwimmbädern, aber Rechteckschwimmen echt noch nie. Seht euch also vor, wenn ihr mal in schwedische Provinzhallenbäder kommt und beginnt am besten gleich in Rückenlage!

Liebes, schönes, sauberes, trainingsfreundliches Münchner Dantebad mit deinen vielen 50m-Bahnen, du fehlst mir!

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Auch deshalb ist Reisen eine gute Sache: Durch konkret erlebte Unterschiede wird einfach mal deutlich, was man daheim alles hat, das so selbstverständlich geworden ist, dass man es im Alltag manchmal kaum mehr zu schätzen weiß.

Mit weiteren Schwimmausflügen warte ich nun erstmal ab, bis ich meinen Standort wieder in die Nähe eines modernen, städtischen Hallenbads verlegt haben werde.

Am Samstag verabschieden wir uns nach 9 Tagen aus der paradiesischen Einsamkeit zwischen Västra Näs und Västra Torsö und ziehen weiter, in westliche Richtung.

Es grüßt euch gut durchgeweht –
Die Kraulquappe.

13 Gedanken zu „Two lost souls swimming in a fish bowl…

  1. Wussten Sie, dass die Boje (= im Wasser treibendes Großobjekt, das seinen Ort nur geringfügig ändert) in schwedischen Schwimmbädern erfunden worden ist? (Scherz)

    Endlich wieder mal ein Beitrag mit Schwimm-Stichworten! Ist Ihr Blog doch meine (sozusagen) Markierungsboje für den Plan, wieder regelmäßig schwimmen zu gehen, zumal seit dem Umzug sich ein Bad in Laufweite befindet! Wie’s dort ist, wird sich dann zeigen.

    Gefällt 1 Person

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