Weitermachen oder: The Mum&Dog-experience.

Es war ein Tag des Abschieds, innerlich wie äußerlich, und so kam ich gestern Nachmittag etwas gerädert und verheult in Abbekås (gesprochen: Abbekoos), ein paar Kilometer westlich von Ystad, an.
Aus Solidarität weinte auch der Himmel ein bisschen mit.

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Abendstimmung an abbekåsischen Küste.

Wieso Abbekås – wo Ystad doch so viel netter klingt?

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Fischerdorf Abbekås in der Gemeinde Skurup.

Weil hier die „Reichsstraße 9“ (für deutsche Ohren gefälligerer Name: „Südküstenstraße“) nicht den Ort halbiert und zugleich weitmöglichst von der Küste entfernt verläuft.
Anders gesagt: Wohnt man in Abbekås am Meer, hat man die Küstenstraße nicht im Nacken und hört sie nicht. Die ist zwar nur während der Hauptsaison wirklich stark befahren, aber ganz ohne Autogeräusche ist’s mir lieber.

Diese Pendanterie bei der Ortswahl und Quartiersuche rächt sich natürlich. Zwar bin ich es gewöhnt, für meine Spießerattitüden und Zwanghaftigkeiten vom Schicksal einen Klaps zu bekommen, aber es ist immer wieder spannend zu sehen, welcher Gestalt der Klaps wohl sein mag. Und diesmal war es sogar ein Doppelklaps.

Die Wohnung im Erdgeschoss eines Hauses auf dem Grundstück des pensionierten Schuldirektors und seiner Gattin (die im Nebenhaus leben), das am Ende einer Sackgasse liegt, ist von außen betrachtet ein Glücksgriff, vor allem für den überaus günstigen Nachsaison-Mietpreis. Außerdem sind wir die einzigen Gäste, so dass in der anderen Ferienwohnung über uns auch Ruhe herrscht.

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Im Garten: Bälle, Äpfel und noch keine Krater.

Was die Inneneinrichtung angeht, so wirkt das Interieur wie ein Streifzug durch etliche Generationen von Familienumzügen, Entrümpelungen und Renovierungsanfällen. Schönes Bad, schöne Küche, trostloses Schlafzimmer, zwei Wohnräume mit Stilmix, aber auch gemütliche Ecken und Plätzchen, alles in allem ein Kompromiss, aber ein guter.

Die Vermieter sind ausgesprochen freundliche Endsechziger, meine Befürchtung, sie könnten mir zu sehr auf die Pelle rücken (zumal das auch noch der Vorname des Schuldirektors ist), zerstreut sich bereits in den ersten Minuten des Kennenlernens. Sie zeigen mir die Wohnung, erläutern alle Besonderheiten und stellen Pippa und mir auch ihren Mini-Pudel vor, einen 8 Jahre alten, lebenslang von pädagogischen Maßnahmen verschonten Kläffer, der gelegentlich auf den Namen Diesel hört (gesprochen: Diiisssälll), aber bei Pippas Anblick tatsächlich sowohl verstummt als sich auch wie ein Kavalier zu benehmen weiß.

Der Garten, den wir in Gänze mitnutzen dürfen, endet – und das ist das Highlight der Unterkunft – im bzw. am Meer. Durch die Sackgassenlage des Grundstücks latscht einem da auch niemand durchs Bild, d.h. freie Sicht aufs Wasser, vom Esstisch aus, von der Couch aus.

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Blick durch die fast bodentiefen Fenster in den Garten und auf die Ostsee.

Eine Oase der absoluten Ruhe und der schönen Aussicht, offensichtlich eine gute Wahl.

Von zwei Kleinigkeiten abgesehen, eben jenem eingangs erwähnten Doppelklaps. Während der Stunden des Auspackens, Umräumens und Einrichtens werde ich mit solchen Mengen und Schichten an Staub konfrontiert, dass ich erstmal alle Schränke, Schubladen, Flächen und Gegenstände zu entstauben beschließe. Entweder bin ich so ein übertriebener Sauberkeits-Fan oder die Gäste vor mir waren spezielle Schmutzfinken (hier übernimmt der Gast die Endreinigung, schlechtes Konzept).

Als der Staubsauger in den spätereren Abendstunden längst wieder verstummt ist, wundere ich mich, dass ich noch immer ein Dröhnen in den Ohren habe. Ich gehe dem anhaltenden Brummton nach und lande vor dem Kühlschrank. Der Kompressor macht ein Dauergeräusch, das störender ist als jede 500m entfernte Küstenstraße!

Dummerweise steht der Kühlschrank in einer Nische direkt neben der Tür zum Schlafzimmer. Selbst bei geschlossener Schlafzimmertür dringt das Dröhen unüberhörbar durch dieselbe, sogar den Ohrstöpsel-Test meistert es mit Bravour.
Was tun? Den Kühlschrank ausschalten? Die Schlafzimmertür mit den Matratzen aus dem Babybett abdichten? Im Garten schlafen? Heimfahren?

Die Lösung liegt quasi in der Luft. Die Gastgeberin hat es gut gemeint und die Bleibe für die Feriengäste mit einem Raumduftspray bearbeitet. Statt der herrlichen und kostenlosen Meerluft durchzieht ein Hauch von unnatürlicher Apfelfrische (ich tippe auf Granny Smith) die gesamte Wohnung.

Ich lüfte sofort nach der Schlüsselübergabe überall. Für Stunden. Ist zwar abends ganz schön frisch draußen, aber da ich ja durchs Putzen gut in Bewegung bin, ist mir herrlich warm.

Als wir ins Bett gehen, will ich das Schlafzimmerfenster schließen.

Und da bemerke ich’s: Man hört das Meer rauschen, und wie! Ein kraftvolles, rhythmisches wusch-wusch-wusch. So laut, dass es sogar den Kühlschrank übertönt! Wir kuscheln uns in dem kühlen Raum unter der Decke eng aneinander – auf volle Länge ausgeklappt ist so ein Dackel eine Wärm-Wurst von über einem Meter! – und schlafen bei offenem Fenster, staub- und apfelfreier Luft sowie Meeresrauschen ein.

Beim Sonntagsfrühstück kratze ich nach dem Motto „Neuer Ort, neues Glück“ meinen Mut zusammen und riskiere bei den zwei Lokalen im Ort die Nachfrage, ob man mir samt Hund für die Dauer eines Abendessens Asyl gewähren würde. Fünf Minuten später antwortet das erste Restaurant:

Hej hej,
thank you for your e-mail.
Of course, you can bring your dog!
All doggies are welcome along with Mum & Dad 😉

Wishing you a warm welcome and let us know if you want to book a table.
Med vänlig hälsning
Erik.

Einerseits: Hurra. Andererseits: was soll dieses with Mum&Dad?! Hoffentlich genügt es auch with Mum 🙂
Aber ich werd‘ hingehen, in gut zwei Stunden, und wenn man uns nun die Tür weist, weil der Dad fehlt, also dann, liebe Schweden, dann könnt ihr mich endgültig mal gern haben mit euren schrägen Zugangsbestimmungen für eure überteuerten Restaurants!

Einen ebenfalls spannenden Sonntagabend wünscht euch –
Die Kraulquappe.

4 Gedanken zu „Weitermachen oder: The Mum&Dog-experience.

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