Himmel der Bayern (13): Skandinavisches Brauchtum, zerlegt.

Einer der bereichernden Aspekte von Freundschaft ist ja die en passant stattfindende, wechselseitige Horizonterweiterung. Heute sogar im wahrsten Sinne des Wortes im Vorübergehen und noch dazu als kleines „Tauschgeschäft“: Luciafest gegen Votivkapelle.

Es war das letzte Treffen für 2016 mit D., die auch gern spazierengeht und sich daher mal wieder unserem großen Mittagsgassi anschloss. Ihre Gesellschaft tat heute ganz besonders gut, da die gestrige Stimmung zwischen der Dackelmadame und mir gelinde gesagt etwas zerknirscht war. Normalerweise ereilt uns diese Krise in den Alleinerziehendenphasen immer an Tag 4, diesmal haben wir es bis Tag 7 geschafft – und zumindest ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass wir auch verspätet noch mit dem Tag-4-Syndrom konfrontiert werden könnten. Umso härter traf es uns gestern!

Daher waren wir heute froh um etwas Ausgleich durch die Anwesenheit einer Dritten, in der Konstellation ist man einfach nicht mehr so aufeinander fixiert und findet leichter aus der Krise heraus und in ein gutes Miteinander hinein. Außerdem wirft dann auch mal jemand Anderes das Bällchen, was ebenfalls entlastend und belebend wirkt (vor allem, liebe D., wenn es so geworfen wird, wie du es heute hinbekommen hast 😉 – aber das ist eine andere Geschichte…).

Am Ufer des Starnberger Sees erzählte mir D., ob ich wisse, dass heute der Lucia-Tag sei. Äh, nein, wusste ich nicht.

Das Fest zu Ehren der Heiligen Lucia kommt ursprünglich aus Schweden und wird in weiten Teilen Skandinaviens bis heute gefeiert. Der 13. Dezember ist der Tag der Wintersonnenwende und da die Skandinavier ja wie wild Mittsommer feiern, wird 6 Monate später eben der kürzeste Tag des Jahres auch entsprechend zelebriert. Hierzulande gibt es nur vereinzelte Gemeinden, die diesen Brauch aufgegriffen haben und in abgewandelter Form pflegen.

Während in Schweden weißgewandete Mädchen mit Kerzenkranz auf dem Kopf singend Lichter vor sich her tragen und sich die Bäuche mit Lussekatter (Safrangbäck) vollschlagen, derweil sich die ältere Generation mit Glögg (selbsterklärend) zulaufen lässt, sieht die (etwas spartanische) deutsche Variante so aus, dass kleine Holzboote mit Kerzen darauf ins Wasser gesetzt werden.

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D. war bestens präpariert, hatte Kerzen und Zündhölzer dabei, so dass wir uns nur noch um die Barke bemühen mussten, in der unsere Lichter übers Wasser schippern sollten. So fiel auch dem Dackel eine verantwortungsvolle Aufgabe zu und schon nach Kurzem ward ein schiffchenähnliches Holzstück gefunden, das nur noch mit etwas Geschick den Fängen des Hundes entwunden werden musste, bevor wir uns minutenlang dem bei Wind etwas schwierigem Unterfangen widmen konnten, Wachs auf den Holzscheit zu träufeln, um die Kerzen darauf zu befestigen (langer Satz, aber ich glaub‘, er stimmt).

Das Ende unseres kleinen Lichterfests ist schnell erzählt. Kaum ins Wasser gesetzt, erloschen die Kerzen, aber immerhin – unser Boot hielt sich tapfer über Wasser (denn über die Doppelsymbolik „Licht ausgegangen“ und „Boot gekentert“ möchte man an diesem die wintergraue Psyche stabilisierenden Sonnentag keinen Gedanken verschwendet haben).

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Nur hatten wir die Rechnung ohne den Wirt Waldi gemacht!

Kaum war die Beute wieder in Reichweite, sprang der Hund ins kalte Wasser, schnappte nach dem Holzstück, ließ sich am sonnigen Ufer nieder und zernagte – bar jeden Respekts vor Traditionen – das bayrische Überbleibsel skandinavischen Brauchtums.

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Eine Stunde später durfte sie in der Votivkapelle für ihren Jagd- und Kautrieb Buße tun…

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… während wir den Streifzug durch das für D. noch unbekannte Gelände genossen und dabei errechneten, dass König Ludwig auf den Tag genau vor 130,5 Jahren an hier zu jenem Spaziergang aufgebrochen war, von dem er nicht mehr zurückkehrte …

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… wodurch sich sein Ausspruch „Ein ewig Rätsel bleiben will ich mir und anderen“ posthum bewahrheiten sollte.

Nach einer ausgieben Pause im Schlosscafé Berg begaben wir uns auf den Rückweg, auf dem Lucia ihrem Feiertag nochmal alle Ehre erwies.

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Nach so viel lichten Momenten hängt der Haussegen nun wieder schön gerade und ein zufriedener Hund schnarcht zu meinen Füßen, auf dem Sofa, unter der Wolldecke, die wir wieder einträchtig teilen.

Einen gemütlichen Abend und eine gute Nacht wünscht
Die Kraulquappe.

10 Gedanken zu „Himmel der Bayern (13): Skandinavisches Brauchtum, zerlegt.

  1. In der Frankfurter Schirn ist zurzeit eine Giacometti-Ausstellung, daran musste ich bei dem feuerroten Foto denken. Daher hatte der Künstler also die Idee für seine anorektischen Skulpturen: Vom Schatten der Spaziergänger am Starnberger See bei untergehender Sonne. Ganz schön simpel, aber eben auch einfach nur schön.

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    • Ahh, die Ausstellung sah ich seinerzeit in Zürich, und du nun also in Frankfurt?
      Ab Freitag darfst du dir die Schatten am Starnberger See wieder live angucken. Gern auch 10 Mittage hintereinander (an der Stelle fehlt mir das passende WhatsApp-Emoticon, das schick‘ ich dir gleich noch gesondert zu).
      Gute Nacht nach Mainhattan!

      Gefällt 1 Person

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