Himmel der Bayern (15): Uphill, downhill.

Von wegen Ruh-Polding.

Schon die Nacht war alles andere als ruhig. Gerade friedlich eingeschlummert, werde ich wieder wach, weil dem Dackelmädchen übel ist. Sie stupst mich an und trottet mit Hängeohren und Würgen zum Bad, dort erbricht sie sich (wegwischfreundlich – was man einem Hund nicht alles beibringen kann!). So ging das dann im 2 Stunden-Takt bis die Morgensonne durch die Eiszapfen vor dem Balkon hereinlugte.

Beim Morgengassi zittert der Hund trotz Mantel am ganzen Körper, immerhin hat sie keinen Durchfall, aber in Sorge ist man trotzdem. Zumal unser Hund quasi nie Magenprobleme hat und – wenn überhaupt – nur 1x kotzt (danach ist’s stets wieder gut). Nach dem Gassi verkroch sie sich ins Bad, kauerte sich in eine Ecke und blickte erbärmlich drein.

Gerädert zum Frühstück gegangen, die einzige morsche Semmel im riesigen Brotkorb erwischt. Egal, dem Rührei sei Dank rutschte sie schon runter. Der Hund immer noch im Bad.
Um 9:30 Uhr Termin in Vorderbrand 4 vereinbart, bei Dr. H.. Mein eigentlich recht gutes Hörverständnis des Bayrischen wird auf eine harte Probe gestellt, aber das Wichtigste ist ja zunächst, dass der Tierarzt meinem Hochdeutsch entnehmen kann, was mit Pippa los ist. Und „Schnee-Streusalz-Gastritis“ verstehe ich dann gottseidank sofort, das klingt auf Ruapaddingerisch fast genauso.

Wie kommt’s? Erwischen Hunde zu viel eiskalten Schnee – und den zu erwischen ist beim Sausen und Spielen im Tiefschnee keine Kunst, da so ein Dackel mit der Schnauze ja recht bodennah unterwegs ist – kann sich die Magenschleimhaut entzünden. Kommt dann noch der Chemie-Cocktail diverser Streusalzmischungen hinzu, reagieren einige Hunde mit Erbrechen, manche sogar direkt während oder nach den Spaziergängen. 

Hatten wir noch nie. Dr. H. meint, das käme in strengeren Wintern häufiger vor und allzu oft gibt’s die ja nicht mehr. Auch diese arktische Kälte kann den Hundekörper zusätzlich strapazieren. Nun ja.
Mit einer Dose magenschonendem Diätfutter und dem guten Rat, der Hund solle heute geschont und warm gehalten werden, marschierten wir wieder von dannen.

Um 10:30 Uhr stieg ich folglich taufrisch, bestens ausgeschlafen, ziemlich erholt und energiegeladen in die Loipe hinterm Haus ein. Traumwetter! Nix los!

In beiden Richtungen bot sich nach wenigen Metern nur eine steile Abfahrt an. Um Himmels Willen. Ich steh doch erst zum vierten Mal seit der Knie-OP wieder auf den Brettern… „So you’re scared and you’re thinking that maybe we ain’t that young anymore“ – singt es in mir (merke: Es gibt keine Lebenslage, für die es kein Springsteen-Zitat gäbe.)
Jedes Bangen um meine Menisken und Schultern ignorierend wählte ich beherzt die sich gen Süden hinunterstürzende Spur. Natürlich war die Spur unten ausgefranst, vereist noch dazu, aber in einem dämlichen, ungelenken Pflug dem Ende des Hangs entgegenbremsend konnte ich das Gröbste verhindern. 

Nach ein paar weiteren Kilometern – immer noch sonnig, menschenleer und bester Schnee – schwante mir, dass ich mich für die falsche Abfahrt entschieden hatte: Mir kamen andere Langläufer entgegen, die mich anmeckerten, dass ich gefälligst die Laufrichtung einhalten solle. Ich fuhr weiter und nahm in Kauf, dass ich in ein paar Kilometern erneut einen Anschiss kassieren würde. War grad so gut reingekommen in die Bewegung, die alten Fischerski flitzten noch wie eh und je.

Ein zweiter Rüffel blühte mir nicht mehr, stattdessen aber eine Loipe, die kein Ende zu nehmen schien. Künftig empfiehlt es sich, die Lesebrille aufzusetzen, wenn man den Loipenplan studiert. Dann sähe man auch, dass die angebliche Verbindungsstelle von zwei Loipen (die Taille einer 8, die ich brillenlos klar zu erkennen glaubte) keine Verbindung ist, sondern dass da noch Platz dazwischen ist. Im Gelände gestalten sich diese 2 Milimeter Platz dann so: bewaldeter Hang mit unpassierbarem Tiefschnee. Kein Abkürzen, sondern Weiterlaufen (vom gestrigen Lohengrin Nr.2 ist spätestens jetzt kalorientechnisch nix mehr übrig, so viel ist gewiss).

Fast zwei Stunden später (geplant war eine!) kroch ich nach 17 Kilometern inklusive viel zu vielen Steigungen und Abfahrten sowie zwei schmerzenden Blasen an den Fersen die letzte Steigung zu meiner Unterkunft hoch.

Pippa schnarchte in ihrem mit Decken ausgepolsterten Krankenfauteuil noch tief und fest ihrer Genesung entgegen, war dann aber sofort hellwach und im Krankenschwester-Modus, als ich meine Socken auszog und sich die eine Blase als kleines Blutbad entpuppte.
Nach einer heißen Dusche und notdürftigem Abkleben der Fersen wandertenhumpelten wir gemeinsam nach Ruhpolding-City. 

Ja, wir humpelten beide. Dem Hund taten nun auch noch die Pfoten weh. Die Kälte? Das Streusalz? Die miese Allgemeinverfassung? Das hündische Solidarisieren mit Frauchens Leiden? Keine Ahnung. 

Somit hatte mein geplanter Gang zur Apotheke gleich doppelt Sinn: zu Compeed-Extra (das Beste, was man auf kaputte Füße kleben kann!) gab’s nun auch noch eine Tube Vaseline. Zwei Stunden später und wieder „daheim“ im Warmen, konnten alle 6 Füße erfolgreich verarztet werden.

Einen zweiten cross-country-Ausflug kann ich mir glatt sparen, dachte ich mir beim Compeeden und Cremen, während Pippas Magen schon wieder beunruhigend blubberte und rumorte. Wir reisen nicht am Freitag, sondern morgen ab. 
Obwohl es hier wirklich schön ist, aber in dem Zustand wäre nur noch eine Pferdeschlittenfahrt (in Bärenfelle gehüllt und mit becherweise Punsch) möglich, die das Touristenamt Ruhpolding 3x täglich anbietet (eine davon sogar mit Einkehr bei der Windbeutelgräfin).

Rundum ramponiert (erwähnte ich schon mein seit dem Wohnungstermin entflammtes Halsweh? und das allmonatliche Hormonübel?) schlurfte ich runter in den Hotelkeller und schlief in der finnischen Sauna fast ein. Urlaub pur eben.

Das mit dem Abstandgewinnen von den nervigen Themen daheim in der Stadt, das hat echt voll super geklappt. 

So ist es ja oft mit diesen Kurzurlauben: man ist intensiv mit all den neuen Eindrücken und Erlebnissen beschäftigt, taucht völlig ein in das Hier und Jetzt, da kommt man gar nicht mehr auf die Idee, dem Schnee von vorgestern noch länger nachzuhängen und sich das Leben davon vermiesen zu lassen. 

Das müssen manchmal gar keine 3 Tage Auszeit sein, wenn so ein kleines Urlaubsparadies mit einem Event nach dem anderen aufwartet.

Da reichen sogar zwei Tage. Locker.

Aus dem Biathlon-Mekka grüßt euch etwas angeschossen
Die Kraulquappe.

14 Gedanken zu „Himmel der Bayern (15): Uphill, downhill.

  1. Au weh, ja manchmal haut’s nicht so hin … Trotzdem sehr schöne und vor allem motivierende Ski- und Loipenfotos!

    (Ruhpolding, Du kaltes Loch! Ich erinnere mich … waren wir mal in einem extrem kalten doch ungewöhnlich schneearmen Winter abkommendiert, um für die Loipe irgendeiner Militärmeisterschaft sämtlichen Schnee der Umgegend zusammenzukratzen und daraus ein weißes spurfähiges Band herzuschaufeln … Fuhr dann das Spurgerät durch, vorn unser Feldwebel drin, ich seh ihn noch durch die kleine rückwärtige Luke nach mir Ausschau halten; ich nämlich als Spurläufer eingeteilt, um der Präparation sozusagen den letzten Schliff zu geben. Nach einer saumäßig steilen Abfahrt mit scharfer Linkskurve am Ende hat’s mich dann aber dermaßen … Resultat: Riesenloch in der Piste, tsts.)

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  2. Oh, arme Pippa. Bobby gab das gleiche Bild ab nach seinen letzten Tauchgängen im Schnee (zum Glück ohne Kotzen). Gute Besserung (natürlich auch dir 🍀✊)! Schön, dass du im Schnee von heute Abstand zum Schnee von vorgestern gefunden hast😀. Nur schade, dass wir keine Fotos mehr von der Kutschfahrt (mit weiteren Windbeuteln) sehen werden 😘

    Gefällt 2 Personen

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