Vorstellungen.

Alle paar Monate läuft mir eine Ausschreibung für eine Teilzeit-Stelle über den Weg, die zunächst so klingt als ließe sie sich gut mit meiner schreibenden, freiberuflichen Tätigkeit verbinden, weshalb ich mich entschließe, eine Bewerbung abzuschicken.

Meist gibt es aber einen Haken an der Sache, der sich im Vorstellungsgespräch offenbart, so dass aus der Idee, kontinuierlich und ohne Klinkenputzen etwas dazuzuverdienen, dann doch nichts wird.

Bei dem gestrigen Termin, der mit einer Abteilungsleiterin und der Gleichstellungsbeauftragten des Unternehmens stattfand, waren es gleich 3 Haken.

  1. Gewünscht wird eine Art ultraflexible Teilzeit, quasi nach Bedarf und auf Zuruf spontan ganztags, sonst halbtags. Ganztags bedeutet für mich, dass ich meine Dackeldame mitnehmen müsste, da ich sie nicht 8 Std. alleine lassen kann – was ich grundsätzlich auch offen anspreche.
  2. Es gab im Unternehmen irgendwann mal einen Vorfall (das Wort mit einem Grienen ausgesprochen und in einer Betonung, die mich irritiert, wieso nicht Klartext: Rottweilerbiss oder kotzender Mops – oder was?) mit einem Hund, seitdem sind die Vierbeiner tendenziell unerwünscht, aber: „Wenn mal jemand mit Hund vorbeikommt, um jemanden abzuholen, der hier arbeitet, ist das schon ok für uns.“. Wow, das ist ja toll. Der Gatte dürfte also glatt mit Pippa an der Leine im Foyer aufkreuzen, um mich von der Arbeit abzuholen!
  3. So ganz zum Schluss des an sich ganz netten Gespräch, bei dem ich mich freundlich, kompetent und sozial unauffällig verhalten habe, kacke ich schließlich völlig unerwartet ab – bei der Frage der bis dahin qua ihres Amtes nur dabeisitzenden und zuhörenden Gleichstellungsbeauftragten, die da lautete: „Wie stehen Sie als Bewerberin und als Frau zu der Tatsache, dass genderkonforme Kommunikation in unserem Unternehmen nicht nur eine Empfehlung, sondern eine Vorschrift ist?“. Als Mensch (und sogar als Menschin) rollen sich mir bei dem Thema leider meine unlackierten Zehennägel auf, ein Vorgang, der sich in meiner Mimik vermutlich nicht ganz verbergen ließ.

Als ich das Gebäude nach gut einer Stunde etwas desillusioniert und zergendert wieder verlasse, fällt mein Blick auf eine der wenigen Ingredienzen des Angestelltendaseins in großen Firmen, die ich schmerzlich vermisse.

Ein verwaister, sehnlichst auf SpielerInnen wartender Kicker im Foyer eines Münchner Unternehmens.

Eigentlich ist es überhaupt das Einzige, was ich vermisse, wenn ich an meine 17 Berufsjahre in der großen Forschungseinrichtung zurückdenke (*).
Die wenigen wichtigen Menschen und Erfahrungen aus der Zeit sind ja geblieben, aber der Kicker und die großen Turniere, die Zeiten, in denen sie mich dort total genderkonform Olivia Kahn (oder Jennifer Lehmann) nannten, das fehlt mir immer noch.

Erinnerungen an das Sommermärchen 2006: Argentinien beim Elfmeterschießen. Gute Handykameras gab’s damals noch nicht.

Wenn man das mal ernst nimmt, sollte man auch an einem Regentag wie diesem, an dem der Altschnee sich in braune Ströme auflösend durch die grauen Straßen der Stadt schiebt, nicht griesgrämig darüber sein, zu einem zweistündigen Mittagsspaziergang mit dem Hund aufbrechen zu müssendürfen und danach in aller Ruhe an den heimischen Schreibtisch zurückkehren zu können, um dort ungestört seinem Tagwerk nachzugehen oder gar bei einem Nachmittagstee mal darüber nachzudenken, wo und wie man in dieser schönen Stadt einen Kicker-Kreis ins Leben rufen könnte.

Eine gute und möglichst unverregnete (und unverhagelte) Woche wünscht euch –
die Kraulquappe.

 

(*) Stimmt nicht ganz. Ich habe auch immer gern auf der jährlichen Weihnachstsfeier eine unserer Betriebsrätinnen (?) beim Klau der Deko-Mandarinen und -Walnüsse, die auf den Stehtischen lagen, beobachtet. Dinge/Situationen, die so ritualisiert wiederkehren, mag ich nämlich sehr.

10 Gedanken zu “Vorstellungen.

  1. Diese Unverschämtheit kenne ich. Selbst von einem Teilzeitverkäufermensch (oder so) wird erwartet, dass er 24/7 bereit steht. Am besten noch geteilte Schicht. Bezahlen möglichst wenig und Forderungen an Einsatz und Verfügbarkeit die an Sklaventum grenzen. Wer einen ganzen Tag Bereitschaft bieten soll, der soll auch entsprechende Gegenleistung erwarten können! Aber warum tut man sich in einer kapitalistischen Gesellschaft einen Hund an? Dabei weiß man doch, dass Freiheit bedeutet jeder Zeit und immer dem Arbeitsplatz hinterherhecheln zu können, ohne persönliche Einschränkungen. Aber es soll ja doch noch Menschen geben die Freiheit mit persönlicher Gestaltungsmöglichkeit ihres Lebens verwechseln, völlig verblendet.

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    • Ein Hund bewahrt einen in der kapitalistischen Gesellschaft z.B. davor, in völliger Verblendung einen Job anzunehmen, in dem man Gefahr liefe, zu viele persönliche Einschränkungen hinzunehmen 😉
      Da lasse ich meine Freiheit lieber vom geliebten Hund an die Leine legen und hechel‘ gassigehend durch den Regen.

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  2. Es ist schon erstaunlich, welche Erwartungen da gestellt werden. Ich habe leider den Eindruck gewonnen, dass gerade bei diesen Teilzeittätigkeiten meistens jemand gesucht wird, der genau so rein passt, damit keiner der anderen etwas verändern muss. Da muss der Neue (oh tschuldigung, die Neue) schon mal zurückstecken und erst mal kleine Brötchen backen… Schwierig! Und ein Parameter, der die Arbeitsstelle meiner Meinung nach auf jeden Fall disqualifiziert, ist dieser „Vorfall“ mit dem Hund. Das hatte ich auch mal. Da war es eine „Allergie“ gegen Hunde, die sich je nach Laune auf alles erdenkliche ausweitete: Kopierer, Telefone, manche Menschen und Männer im speziellen… oh lass bloß die Finger von diesem Job 😉

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  3. Wenn man zu diesen Bedingungen arbeitet, dann muss man ja im Grunde doch Vollzeit, weil jederzeit auf Abruf stehend, zur Verfügung stehen. Ist für einen Teilzeitjob ziemlich viel, finde ich.
    Ich drück die Daumen, dass Du einen passenden Job findest. Liebe Grüße und frohes Kickern (dann demnächst wieder 🙂 )

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