Kraulquappenkindheit oder: Bubbles, grün-blau.

Während der Kombi heute Morgen beim Service war, bin ich zum Duschen gegangen. Man kann sich das schon angewöhnen, nicht mehr daheim, sondern im Schwimmbad zu duschen. Selbst wenn’s zuhause wieder ginge. Das Auto kann man auch ungeduscht abgeben.

Die Service-Zeit musste überbrückt werden und ich hatte keine Lust, sie mit Wochenendeinkäufen zu verbringen. Sondern ich wollte nach über 30 Jahren dem Schwimmbad meiner Kindheitstage einen Besuch abstatten, weil das in der Nähe liegt. Das will ich schon ewig machen!

Das 70er-Jahre-Moosgrün ist an nahezu allen Stellen durch ein modernes Dunkelrot ersetzt worden. Schön. Ein architektonisches Glanzstück ist es dadurch trotzdem nicht geworden.

Was 1978 noch „Familienumkleide“ hieß, ist heutzutage patchwork-konform unterteilt in „Vater-Kind“- und „Mutter-Kind“-Umkleide.

Und wie fast immer, wenn ich fremde Bäder aufsuche, ist MEIN Spind belegt und wie ebenfalls fast immer sind links und rechts davon mindestens 10 Spinde frei. Aber ich bin geübt darin, mir 3 Ziffern zu merken.

Nach dem Duschen ab in die Schwimmhalle. Ich kann Hallenbäder eigentlich nicht ausstehen, mir ist Frischluft beim Schwimmen einfach lieber. Und 25m-Becken sind auch nicht mein Ding. Heute mache ich mal eine Ausnahme. Wobei die Halle wirklich hässlich ist, dafür ist die Belüftung besser als vermutet.

Hier, in diesem Becken, und zwar auf den Bahnen im linken Bereich des Beckens, hat die Kraulquappe das Schwimmen gelernt. So zwischen 1976 und 1978. Der Hallenhimmel ist immer noch blau und vernetzt.

Aber das Beste ist, …

… dass die Bubbles noch da sind! In den Originalfarben auf den Originalkacheln meiner Originalkindheit!
Damals habe ich in dem Gesamtgebubble immer ganz klar die Umrisse von Elliot, dem Schmunzelmonster erkannt.

Heute wirkt es auf mich wie grüne und blaue Kreise, bestenfalls wie das Modell einer chemischen Reaktion (was wird man doch einfältig).

Als ich so schwimme und nach 20 Minuten wie immer am Beckenrand meine Flossen anlege, überkommt mich die stärkste aller Erinnerungen.
Ich greife an den Beckenrand, meine Hand spürt diesen rauen, leicht geriffelten Rand, und erinnert sich sofort, wie oft sie dieses Material schon angefasst hat (bewusst hätte man das nie erinnern können, aber im Körpergedächtnis ist’s noch wie in Stein gemeißelt da!) und ich fühle mich um 40 Jahre zurückversetzt.

Das Kind, sich an den Beckenrand klammernd, weil 25 Meter damals so unendlich weit schienen, und weil man ihm die Schwimmflügel abgenommen hatte, fieserweise auch noch auf der tiefen Seite des Beckens, damit es nicht schummeln und sich hinstellen konnte.
Der Papa, ein paar Meter vor dem Kind im Wasser paddelnd und die Arme ausbreitend, mit allerhand Lockrufen und Pommes- oder Steckerleisversprechen, damit sich das Kind, das ja längst schwimmen konnte, auch ohne Schwimmflügel die 3 Meter bis zum Papa wagt: „Komm, du kannst das! Schwimm, du gehst nicht unter, ich bin doch da!“.
(Dann hat er geschummelt, ist heimlich ein paar Meter zurückgewichen, damit ich weiter und weiter schwimme.)

Und jetzt ist man da, ganz allein, am Beckenrand und im Wasser, 1 Stunde lang, ohne Angst, ohne Sich-Überwindenmüssen.
Aber eben auch ohne die Aussicht auf die genoppte blau-weiße 70er-Jahre-Badekappe des Papas und auf Pommes und Steckerleis.

Erwachsensein heißt: Freiwillig ins Wasser gehen, ohne Hilfsmittel, zur Leibesertüchtigung, danach einen gesunden, frisch gepressten Saft trinken und das Auto vom Service abholen.

Schade, dass einem das damals keiner gesagt hat, man wär‘ glatt Kind geblieben.

Wünsche allseits ein schönes Wochenende,
Eure Kraulquappe.

12 Gedanken zu “Kraulquappenkindheit oder: Bubbles, grün-blau.

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