Fiesta Dackeliana oder: Abschiede.

Es gibt ja Menschen, die schütteln sich einmal kurz, stehen auf und gehen, drehen sich bestenfalls nochmal fix um und winken lässig zurück, und widmen sich dann voller Elan dem Neuen und Unbekannten. Ich hingegen hadere mit jeder größeren Veränderung und hasse Abschiede. Niemand hat mir je beigebracht, wie das geht, und ich selbst habe es in über 40 Jahren auch noch nicht richtig gelernt.

Wobei mich die Lebenserfahrung immerhin gelehrt hat, dass es bei Abschieden zwei Kategorien gibt, die sich unterschiedlich anfühlen, indem sie jeweils die Enden meiner Hass-Skala markieren: Die guten und die schlechten Abschiede.

Letztere zeichnen sich dadurch aus, dass man nur noch weg will, nichts und niemandem hinterhertrauert (und womöglich auch auch umgekehrt niemand da ist, der einem nachweint), froh ist, wenn man die Situation, die Beziehung(en), die Tätigkeit, den Ort, das Gefühl oder alles zusammen hinter sich lassen und den Neubeginn so bald wie möglich anpacken kann. Man kommt auch mit dieser Art von Abschieden irgendwie klar, nur „gut“ sind sie langfristig nicht. Weil das, was weg sein wird, irgendwie schon lange vorher weg war oder man selbst sich bereits so weit davon entfernt hatte, dass es zu abstrakt geworden war, um noch etwas sein zu können, das man vermisst. Und das ist letztlich schade, vor allem, wenn es um eine längeren Abschnitt des eigenen Lebens ging.

Gute Abschiede sind jene, die spürbar machen, dass man auch etwas zurücklässt, das einem wertvoll und wichtig war oder ist, dass da Bindungen waren oder sind, die sich nun lockern oder auflösen werden, dass man dort, wo man war, auch wirklich gewesen ist – und gelebt hat (mit allem, was so dazugehört).

Gute Abschiede bringen mit sich, dass sie ziepen oder wehtun, womöglich bricht man ihretwegen sogar in Tränen und Wehmut aus.

Der Auszug aus meiner Würzburger Studentenwohnung war ein solcher Abschied (wenngleich ich mich zunächst freute, wieder nach München zu kommen, dort meinen ersten Job anzufangen und in dem Viertel zu wohnen, das mir als Teenager so erstrebenswert erschien): Alle heulten am Umzugstag, manche vielleicht auch nur, weil ich so heulte, ich wollte den Nachbarn und die Freunde nicht zurücklassen, wusste plötzlich gar nicht mehr, was ich in München sollte und wollte, und es kam mir idiotisch und grausam vor, all die Menschen, die Orte, die Gewohnheiten und mein ganzes schönes Leben in dem kleinen Städtchen, das ich plötzlich mit völliger Verklärung betrachtete, zurückzulassen.

Ich bin schon immer ein elender Bewahrer gewesen, ein schlechter Loslasser, ein übles Gewohnheitstier. Egal, ob es um Freundschaften, Beziehungen, Situationen, Gewohnheiten, Jobs, Orte oder Wohnungen ging: Ich verändere etwas erst dann (oder verabschiede mich), wenn es nicht mehr anders geht (ob aus Einsicht oder Zwang sei mal dahingestellt).

So sehr ich mich nun auf die herrliche neue Wohnung, dichte Fenster, eine funktionierende Heizung, den großen Balkon, nette Vermieter und eine Gegend mit viel mehr Grün freue, so beginnt es jetzt doch manchmal bei Kleinigkeiten zu ziepen. Als ich dieses Ziepen heute erstmals in aller Deutlichkeit wahrnahm, war ich froh, weil ich in dem Moment wusste: Der bevorstehende Abschied von dieser Wohnung wird wohl einer der guten Abschiede werden.

Der Anlass des Ziepens war eine Begegnung mit Frau G., einer älteren Dame aus unserem Haus. Frau G. ist die Witwe eines bekannten Schlagersängers, dessen Leben ebenso ominös wie tragisch endete, Attribute, die wie wohl auch – wenn man der Boulevardpresse Glauben schenken möchte – ihre Ehe treffend beschreiben würden (was ich vor vielen Jahren mal kurz ergoogelt habe, als ich kapiert hatte, wer Frau G. überhaupt ist).

Jahrelang hatte ich mit Frau G. nichts weiter zu tun außer einem freundlichen „Grüß Gott“ (und meinem kurzen Luftanhalten ob ihres Parfüms, wenn ich mich nach oder mit ihr im Aufzug oder Treppenhaus aufhielt). Man munkelte so Einiges über das Leben von Frau G. (noch mehr über das ihres verstorbenen Gatten) und als Hausmeistern Frau S. noch hier lebte, erfuhr man dieses Gemunkel auch ungefragt. Umso zurückgezogener lebte Frau G. und schien froh um jeden, der sie in Ruhe ließ.

Seit Pippa hier eingezogen ist, haben sich unsere Beliebtheitswerte im Haus ja rasant verändert. Wo man früher mit einem knappen Gruß davonkam, musste man plötzlich Gespräche führen und es gar erdulden, dass sich Nachbarn vor uns auf den Boden werfen und dort herumwälzen. All das hat nichts damit zu tun, wer wir sind oder wie wir sind, sondern der Zirkus gilt ausschließlich dem Dackelfräulein. Und die krasseste Kandidatin für derlei Vorstellungen ist Frau G..

Mit ihren schätzungsweise knapp 80 Jahren und trotz Einschränkungen aufgrund mäßig erfolgreicher Knie- und Hüft-Operationen flippt Frau G. jedes Mal aus, wenn sie Pippa sieht. Als Erstes lässt sie ihre Tasche zu Boden fallen, um beide Arme ausbreiten zu können, damit sie den Hund auch ja komplett an ihren Busen drücken kann. Pippa darf ihr sogleich die ordentlich toupierte Frisur ebenso zerstören wie das sorgfältig aufgetragene Make-Up. Sie darf ihr Ohren, Gesicht und Hals abschlecken, während Frau G. juchzend und unter Ausrufen wie „Mein Schatzilein, ja, guten Morgen, du kleine Prinzessin!“ auf den Treppenabsatz sinkt, um noch besser und bequemer für Pippa erreichbar zu sein.

Unser Hund nutzt die Situation schamlos aus, stürzt sich erst mit Inbrust auf Frau G., bis diese gut eingespeichelt und selig japsend am Boden liegt, danach stürzt sie sich in die Tasche von Frau G., in der immer (!) ein Hundewürstchen zu finden ist, da Frau G. ihre Wohnung nur bestens präpariert für etwaige Pippa-Begegnungen verlässt.

Anfangs habe ich noch versucht, diesen Zirkus zu unterbinden, habe den Hund gemaßregelt und angeleint, Frau G. wieder auf die Beine geholfen und versucht, die Situation so abzukürzen, dass sie nicht völlig ins Würdelose abglitte. Zwecklos. Vollkommen zwecklos. Denn Frau G. will es gar nicht anders, sondern das Theater macht sie so glücklich, dass ich es einfach geschehen und die Erziehung mal kurz Erziehung sein lasse. Mittlerweile bete ich in solchen Momenten nur noch, dass kein weiterer Nachbar vorbeikommen und Zeuge dieses peinlichen Szenarios werden möge.

Gestern Abend haben wir am schwarzen Brett einen Aushang gemacht: „Garagen-Nachmieter zum 1. Mai gesucht“ (inkl. der Mitteilung, dass wir nach 17 Jahren hier ausziehen). Die blöde Hausverwaltung beharrt nämlich auf einer absurden Quartals-Kündigungsfrist für den Tiefgaragenstellplatz, obwohl es hier im Haus eine Warteliste für die wenigen und daher heiß begehrten Garagenplätze gibt und obwohl der Mietvertrag für unsere Wohnung bereits einen Monat eher endet (da können sie plötzlich eine Gründlichkeit und Aufmerksamkeit für Fristen an den Tag legen, dass man nur so staunt).

Heute Mittag klingelte es an der Tür. Draußen stand Frau G.. Ich öffnete und sie wedelte aufgeregt mit unserem Aushang herum und stammelte, sie wisse gar nicht, was sie sagen solle. Natürlich nahm ich an, es ginge um unseren bzw. um Pippas Auszug (und wunderte mich dennoch, dass sie den Aushang gleich von schwarzen Brett entfernt hatte).

Das aber war nur einer der Gründe für ihre Aufgescheuchtheit. Der andere war der, dass ihr vorgestern ihre ein paar Straßen weiter angemietete Garage gekündigt worden war, zum 30. April. (Nebenbei: mich traf fast der Schlag bei der Vorstellung, dass Frau G. noch selbst Auto fährt, nie und nimmer hätte ich das vermutet!) Und weiter: was für ein Glücksfall es doch sei, dass wir jemanden suchen, aber zugleich sei es ja so ein Drama, dass ausgerechnet wir es seien, denn dass das Schatzilein dann nicht mehr hier wohnt, das wäre ja schrecklich… (ein Glück, dass der Gatte gerade mit dem Dackelfräulein draußen war, sonst kullerten die beiden jetzt noch auf dem Sisalteppich herum).

Ich versprach Frau G., die keinen PC hat, sofort eine Mail an die Hausverwaltung zu schreiben, mich um alles zu kümmern und anschließend nochmal bei ihr zu klingeln. Eine halbe Stunde später stand ich vor ihrer Tür, drückte ihr die ausgedruckte Mail in die Hand und meinte, sie müsse jetzt nur noch bei der Hausverwaltung anrufen und bestätigen, dass das alles seine Richtigkeit hätte und dann sollte die Sache wohl klappen (eine Seltenheit zwar, dass mit dieser Hausverwaltung etwas klappt, aber da sie es nicht selbst angeleiert hatten, schien es möglich). Sie fiel mir um den Hals. Das hatte es noch nie zwischen uns gegeben.

Eine weitere halbe Stunde später klingelte Frau G. erneut bei mir. Diesmal fiel sie mir bereits im Türrahmen um den Hals. Denn alles hatte geklappt! Sie übernimmt unsere Garage nun nahtlos zu unserem Wunschtermin, der Mietvertrag trifft in den nächsten Tagen ein und sie ist überglücklich, dass sie ihren 3er BMW nun auf einem der hauseigenen Stellplätze parken kann. Schatzilein und ich wurden zu einem Abschiedskaffee eingeladen, besser gesagt: dazu verdonnert, und, tja, dann sah ich ihre feuchten Augen und wir waren auf einmal beide gerührt – und zum Abschied fiel schließlich ich ihr um den Hals, obwohl ich eigentlich gar nicht so der Um-den-Hals-Faller bin und wir ja weder befreundet, noch sonst näher in Kontakt waren.

Als ich vorhin den Müll runtertragen wollte, stolperte ich vor der Wohnungstür fast über eine Tüte, die dort stand. Eine sehr bayrische Tüte. Drinnen: Eine Flasche Schampus, oben auf dem Karton klebte ein Begleitkärtchen, unterzeichnet von Frau G..

Ein paar berührende Zeilen in zittriger Schrift, der man die Betagtheit ihrer Inhaberin ansehen kann. Ich musste schlucken. Und es ziepte.

Wie gesagt: Es wird einer dieser guten Abschiede.

14 Gedanken zu “Fiesta Dackeliana oder: Abschiede.

    • Genaus so ist es: jahrelang Nebensächliches gewinnt plötzlich an Bedeutung. Da sieht man mal, wie sehr alles eine Frage der Perspektive und der inneren Verfasstheit ist.
      (Vielleicht ergänze ich irgendwann noch die Story von Herrn K., auch so ein Nachbar.)
      Schönes Wochenende euch dreien!

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    • Jetzt geht das wieder los: Sie lagen mal wieder im Spam-Ordner! Neben irgendeiner „Florence“, die tatsächlich Spam war.
      Daher nun ein verspäteter Dank für die Blogblumen nebst der Antwort auf Ihre Frage: Nachdem das Dackeltier die Tüte (die so vielversprechend nach Frau G., der Würstlspenderin, roch) fast zerlegt hatte, musste es feststellen, dass da nur der doofe Pommery drin war. Aber ich bin sicher, Frau G. wird diesen faux pas bei nächster Gelegenheit wiedergutmachen.
      Schönen Abend!

      Gefällt 1 Person

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