F63.9 oder: Der Wunderfitz.

In ein paar Wochen werde ich 45. Ein Alter, von dem ich, als ich noch jung war, eine bestimmte Vorstellung hatte: Davon, wie ich dann sein bzw. nicht mehr sein würde. Nicht äußerlich betrachtet (hier ist ein gewisser Verfall nun mal unaufhaltsam), sondern in Bezug auf Verhaltensweisen, Einstellungen, Temperament etc.

Vor 35 Jahren z.B. bin ich spätestens ab Anfang Juli neugieriger als sonst durch die Wohnung getigert, habe meine Eltern aufmerksamer als üblich beobachtet, v.a. wenn sie von Einkäufen zurück kamen. Ich platzte vor Neugierde und Vorfreude, was ich wohl zum Geburtstag bekommen würde. Ich zählte die Tage bzw. wie viele Male ich noch schlafen musste, bis es endlich soweit wäre.

Zweimal – noch heute treibt es mir die Schamesröte ins Gesicht, wenn ich dran denke – kam es ganz krass, und ich nahm heimlich den Küchenhocker zu Hilfe, um in die obersten Fächer des elterlichen Schlafzimmerschrankes gucken zu können. Einmal habe ich dort meinen allergrößten Wunsch im Karton stehen sehen – der allererste, heiß ersehnte Radio-Kassettenrekorder (Stereo!) – und glatt gewagt, ihn schon mal auszuprobieren. Was für ein Graus war es, das Kabel wieder aufzuwickeln und in das winzige Tütchen zu zwängen, in dem es originalverpackt gesteckt hatte! Und danach noch tagelang wie auf glühenden Kohlen zu sitzen, bis ich endlich „offiziell“ mit dem Gerät Musik hören durfte.

Es muss so um meinen 25. Geburtstag herum gewesen sein, als mir bewusst wurde, dass ich aus diesen Verhaltensweisen immer noch nicht herausgewachsen war, obwohl ich mich bereits für mordsmäßig erwachsen hielt. Seinerzeit ertappte ich mich nämlich dabei, zu Beginn des Julis beim Staubsaugen im Zimmer meines ersten Gatten, plötzlich auch sehr gründlich unter dem Bett, in Schubladen und Schränken nach Abzustaubendem zu fahnden…
Fortan arbeitete ich hart an mir, diese Neigungen zu unterbinden, mich in Geduld und Gelassenheit zu üben. Überraschungen sind doch schließlich sowas Wunderbares und Vorfreude ist die schönste Freude!

Mit den Jahren wurde es dann wirklich besser und mittlerweile hab ich’s im Griff: Warte ab, wühle nicht mehr, zähle keine Tage oder Nächte mehr und kann trotzdem ruhig schlafen. Bin drüber weg, habe diese Kindereien endlich überwunden. Dachte ich.

Bis diese Woche ein großes, in vollendetem Schwimmer-Design gestaltetes Kuvert im Briefkasten lag. Es war an mich adressiert und auf der Rückseite – ich traute meinen Augen kaum – mit dem Hinweis „Bitte erst am Geburtstag öffnen!“ versehen.
Wie bitte?!? Über drei Wochen sollte ich die Finger davon lassen? Das konnte nur ein Scherz sein, allerdings ein schlechter.

Während ich überlegte, welcher meiner Freunde aktuell Anlass haben könne, ein solches Attentat auf meinen so mühsam errungenen Erwachsenenstatus zu verüben, sah ich mir den Absender an und war sogleich milder gestimmt. Das Kuvert kam aus Paderborn, von Frau Hikeonart.

Nun gut, dachte ich, wir kennen einander noch nicht so lange, und offenbar weiß sie trotzdem, dass sich mein erster Schrei in diese Welt jetzt irgendwann jährt, aber eben nur so ungefähr. Ich schickte ihr eine WhatsApp, bedankte mich artig, erwähnte dennoch offen die Bürde, die sie mir mit ihrer doch sehr frühen Briefsendung auferlegt hatte, gelobte aber, die gewünschte Frist einzuhalten. Schlappe drei Wochen… – das wird man ja wohl schaffen, nach 44,9 Lebensjahren.

Die Antwort war erfreulich ehrlich, aber zugleich knallhart: Das Ganze sei ein Test für meine Impulskontrolle. Das saß.
Woher wusste die das? Nur 2x live gesehen und schon dermaßen durchschaut worden? Oder hatte sie heimlich den Gatten über meine wunden Punkte ausgefragt, hatte er mich verraten?

Ich beschloss, standhaft zu bleiben und packte das Kuvert in eine Schublade meines abschließbaren Sekretärs. Leider merkte ich schon am selben Abend, dass dem Frieden nicht zu trauen war. Es ist wie mit Chipstüten, die im hintersten Winkel des Küchenschranks gelagert werden, damit man sich ihrer möglichst erst dann erinnert, wenn eine adäquate Gelegenheit zu ihrem Verzehr gekommen ist (Gäste, WM-Endspiel, Fernseh-Abend am Ende eines Tages, an dem man nicht sonst schon esstechnisch über die Stränge geschlagen hat etc.) und nicht einfach so bzw. aus purer Gier zuschlägt. Diese Tüten rascheln ständig vor sich hin, bisweilen sind sogar fiese Lockrufe aus dem Schrank zu hören (wie das endet, ist hier nachzulesen). Wir kaufen deshalb keine Chipstüten mehr. Denn: keine Tüte => kein Rascheln und Rufen => keine sinnlose Fresserei bis zum letzten Krümel am Tütenboden.
[Randnotiz: Dummerweise haben wir jetzt einen „Notausgang“ entdeckt, quasi die Hintertür zu unseren ungezügelten Gelüsten gefunden. Unser neuer Nachbar hat immer Chipsvorräte in seiner Küche gebunkert. Unvorsichtigerweise hat er uns das mal erzählt. Also: Nebenan klingeln => Notfall verkünden => aus mehreren Tüten eine aussuchen dürfen => sinnlose Fresserei bis zum letzten Krümel am Tütenboden. Gestern getestet, mit Erfolg.]

Zurück zu der gut verstauten Sendung aus Paderborn. Sie verhielt sich also wie eine Chipstüte, das Miststück. Drei Tage ging das so dahin, einen davon bin ich sogar in die Berge geflüchtet, um ihr enervierendes Plärren nicht hören zu müssen. Gestern habe ich dann kapituliert.

Ich schloss den Sekretär auf, riss die Schublade auf, danach den Umschlag, aber damit noch nicht genug: drin war ein weiterer Umschlag! Der war zu hübsch zusammengebastelt, um ihn aufzureissen, also musste ich auch noch ein Messer holen gehen, dachte dabei an Schulzeiten und diese Kuverts im Kuvert im Kuvert im Kuvert…, die einem Freundinnen damals schenkten – und im allerletzten, kleinsten Kuvert lag dann ein verziertes Zettelchen mit „Ätsch“ drauf.

Im Zweitkuvert verbarg sich gottseidank kein Drittkuvert, sondern das, was ich erst in drei Wochen auspacken und an mein Geburtstagsfrühstücksei hätte lehnen sollen: das Präsent.

Und zwar ein sogenanntes „persönliches Präsent“. Ein Kunstwerk. Ein zum Original transformiertes Original, Teil der aktuellen Postkarten-Serie, die Frau Hikeonart gerade entstehen lässt.

Mit meinem absoluten Lieblingsmotiv drauf!

@hikeonart: WauWow! Herzlichen Dank dafür. Es wird eingerahmt auf meinem Sekretär stehen.
Und eine Frage noch zum Kartenmotto „geführte Touren 2017“: ich dich ziellos durch München oder du mich an der Nase herum oder nochmal ganz anders?

Bin ich also beim Test durchgefallen, kläglich gescheitert. Mal wieder auf ganzer Linie versagt.

Ich dachte immer, Mitte Vierzig wäre ein Alter, in dem man entspannt abwarten, sich Überraschungen aufheben, Impulse im Zaum halten könnte. Keine schöne Erkenntnis, dass das nicht klappt. Immer noch auf dem Niveau einer Zehnjährigen. Und wenn es bei einem Kuvert schon nicht klappt, klappt es bei einem Päckchen oder Paket erst recht nicht.

Daher die Bitte an alle anderen, die vorhaben, etwas zu schicken, ganz egal, in welcher Größe und Verpackung: Bitte erst drei Tage vorher losschicken (der 10.07. wäre ein guter Tag, da hat die Post noch einen Puffer oder DHL Gelegenheit für den üblichen zweiten Zustellversuch).

Dann kommt das hier so an, dass niemand mit Psychotests für Erwachsene drangsaliert wird und in dem einzigen meist durchweg positiven Monat im Jahr, in dem das sonst wacklige Seelenleben mal einigermaßen in der Balance ist, dermaßen über die eigenen Unzulänglichkeiten stolpern muss.

Besten Dank für die Rücksichtnahme!

17 Gedanken zu „F63.9 oder: Der Wunderfitz.

  1. Man sollte Ihnen also keine Mails mit einem Überraschungslink schicken, versehen mit der Aufforderung, noch NICHT draufzuklicken? Gut. Übrigens Danke für die nur wenig verrätselte Datumserinnerung. Habe heut‘ beim Laufen schon drüber nachgedacht, ob ich mich denn richtig erinnere (habe eine massive Geburtstagsdatenschwäche).
    Schöne Woche wünscht Ihr S.

    Gefällt 2 Personen

    • Gell, das war schön gradheraus und ohne Blabla drumherum.
      Genau, die Mail mit dem Überraschungslink darf keine solchen Hinweise enthalten und überhaupt am besten nur am Tag selbst eintreffen. Und bitte auch nicht um kurz nach Mitternacht, denn für mich beginnt der Geburtstag erst ab 7:13 Uhr.
      Für weitere Rückfragen stehe ich jederzeit gerne zur Verfügung.
      Auch Ihnen eine schöne Woche und herzliche Grüße!

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  2. Was für eine tolle Karte! Ich verstehe gar nicht, wieso es üblich ist, bis zum Geburtstag zu warten, so lässt sich die Freude doch gleich über ein paar Tage verteilen und geht nicht im Freudenmeer unter. Noch viele schöne vor_tage! Lgk

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    • Nicht zu fassen: Zum ersten Mal landete einer deiner Kommentare im SPAM-Ordner!
      Daher hab ich ihn jetzt erst gefunden.
      Ja, ich sehe das wie du: Warum warten, wenn man sich doch dann sofort freuen kann und nicht alles auf einmal kommt. 🙂
      Vor allem 3 Wochen hätte ich nicht geschafft.
      Liebe Grüße zurück!

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  3. Hihi! Ich glaub, ich war schon wieder Nr.13 beim „Gefällt mir“. In ungefähr demselben Alter hab ich früher auch mal geschaut und wußte, ich bekomme den Walkman mit Kopfhörer. Damals Kassette. Für mich war dann aber die Vorfreude weg und das Gefühl fand ich sehr traurig. Freut mich, dass sie dir gefällt. Liebe Grüße an alle, Heike PS F63.9 passt auf ziemlich viele abnormale Verhaltensweisen der Menschheit.

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  4. Sehr sehr schönes Geschenk! Aber was hat es mit den „geführten Touren“ auf sich? Habe ich etwas verpasst?? Das mit den Chipstüten kenne ich auch und das mit der Neugierde und Ungeduld ebenso, Aber bei Geburtstagsgeschenken bin ich merkwürdigerweise total eisern. Mir ist es schon passiert, dass ich vorher durch Zufall ein (schlecht verstecktes) Geschenk entdeckt habe. Da war ich richtig ein wenig sauer, dass sich derjenige so wenig Mühe mit dem Versteck gemacht hat und mir nun die Überraschung zum Geburtstag genommen hat… Einen schönen Tag und liebe Grüße von Andrea

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    • Liebe Andrea,
      das mit den geführten Touren erschließt sich auf Heikes Blog (das findet oder fand in Paderborn statt). Gell, Pippa ist gut getroffen, sogar der Blick ist absolut perfekt!
      Schön zu hören, dass die Diagnose F63.9 auch für dich zutrifft. Leidensgenossen zu kennen, ist immer beruhigend!
      Und Glückwunsch, dass du’s bei Geburtstagsgeschenken so eisern aushältst. Ich ja auch, wenn es nur 3 Tage sind, aber 3 Wochen waren mir dann echt zu lang.
      Wann ich mit der Überraschung beglückt werde, ist für mich letztlich einerlei. So ballt sich das wenigstens nicht alles an einem einzigen Tag 😉
      Deine Idee bzgl. Salzburg/München finde ich übrigens klasse, aber dazu maile ich dir noch, wenn ich wieder unten bin vom Berg. Habe beim Aufstieg runtergewunken zu deiner alten Heimat!
      Liebe Grüße von der Benediktenwand & bis bald,
      Natascha

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  5. Ach ja, die Störungen der Impulskontrolle. Die gibt es bei mir nur beim Essen und dann haben sie eine andere Nummer.
    Ich kann sehr gut auf meinen Geburtstag warten, aber wehe der Tisch ist nicht gedeckt, wenn ich aufwache. Da werde ich richtig sauer. Ich kann also warten, aber wenn es dann soweit ist, will ich es auch SOFORT haben. Insofern kann ich dich verstehen. Man stellt keine zu großen Hindernisse zwischen einem ungeduldigen Menschen und seinem Ziel. 😉

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