Himmel der Bayern (28): Das Sackgassenglück.

Das Gefühl von Sackgasse oder Endstation mag ich im Inneren gar nicht, draußen in der Welt aber umso mehr. An solchen Endpunkten erübrigen sich die Entscheidungen, ob man nun links/rechts/geradeaus/hoch/runter/zurück fahren soll. Es gibt keine Richtungen mehr, es ist einfach mal Schluss – und damit meist auch Ruhe. Allenfalls zu Fuß geht es noch ein Stückerl weiter, manchmal nicht einmal das.

Die schönsten Endstationen, an denen ich mich je aufgehalten habe, waren Altaussee im Salzkammergut (hier endet die Straße im Ort bzw. am See und am Berg) und Hoburgen auf Gotland (hier endet der Weg am Leuchtturm bzw. am Meer). Natürlich muss man nicht ins Ausland fahren, um dieses beglückende Sackgassengefühl zu erleben. Sowas gibt’s auch in heimatlichen Gefilden.

Das Dackelfräulein am Ende (der Jachenau).

Hier in der Region habe ich drei Lieblingsendstationen, an denen sich das perfekte „Am Arsch der Welt“-Feeling erleben lässt: Das Elmauer Hochtal am Fuße der Wettersteinwand, das Almdorf Eng im Karwendelgebirge (na gut, das ist ganz knapp schon nicht mehr Bayern) und die Jachenau, Bayerns kleinste Gemeinde, südlich von Lenggries.

Ersteres ist, wenn man nicht mit einem Millionär verheiratet ist, nur für Tagestouren geeignet, denn die Nobelherbergen Schloss Elmau und Das Kranzbach sind unerschwinglich (Hotels, die ihre Exklusivität hervorheben wollen, erkennt man heutzutage am vorangestellten, gern auch großgeschriebenen Artikel oder an Untertiteln wie Hideaway und dergleichen).

In der Eng gibt es leider nur einen potthässlichen Alpengasthof, ansonsten muss man nach Hinterriß ausweichen, wo es nur einen mittelscheußlichen Gasthof direkt am tosenden Rißbach gibt oder gleich in die Ortschaft Fall am Sylvensteinsee, die immerhin ein passables Outdoorhotel im modernen Jugendherbergsstil bietet – allerdings mit morschen Aufbacksemmeln am Morgen (großspurig beworben als „Ludwig-Ganghofer-Brunch“).

Die Jachenau ist von den drei Supersackgassen die einzige, die touristisch nicht ganz so beliebt ist, obgleich sie ähnlich schön ist: Umgeben von Bergen, in unmittelbarer Nachbarschaft des Walchensees und mit dem rauschenden Jachen als pulsierende Ader des sonnigen Tals, an der die paar kleinen Ortschaften liegen. Man kann in schmucken Bauernhöfen oder einem der urigen Gasthöfe Quartier nehmen, die Halbe kostet noch keine 3,50€ und für ein zierliches Dackelfräulein werden einem nicht unverschämte Aufschläge berechnet, wie sich das die besseren Häuser gern erlauben.

[Randnotiz: Das wär‘ auch nochmal so ein Projekt – ein Hotelführer für Hund&Mensch in Oberbayern. Wo gibt’s die schönsten, hundefreundlichsten und günstigsten Unterkünfte, die, in denen es morgengassitaugliche Wiesenwege in Hotelnähe gibt, am besten noch mit Gassisackerlspender und Mülleimer am Wegesrand, die, in denen Waldi unkompliziert mit zum Frühstück darf, ohne dass der Tussi am Nebentisch das Proseccoglas aus der Hand fällt, die, in denen es frische Brezn gibt und Eier von glücklichen Hühnern sowie kein Hofbräu- oder Spatenbier und mehr als nur Schweinereien auf der Karte.]

Jedenfalls sind das Dackelfräulein und ich heute Morgen spontan in die Jachenau gefahren. Zu Schulzeiten habe ich meine Sommer in Lenggries verbracht, da hab ich die Gegend rundum kennengelernt. Später war ich meist im Winter hier, zum Langlaufen.
Seit N. viel zu früh gestorben ist, war ich überhaupt nicht mehr in der Jachenau, es war seine Lieblingsgegend, vor allem im Winter, weil die Sonne so lang hier ins Tal reinscheint – man kann über 30km Kilometer in der Loipe runterspulen und hat ununterbrochen Sonne im Gesicht.

Für zwei Tage sind wir nun im Sackgassenendstationsparadies. Der Wirt schenkt uns zur Begrüßung nicht nur ein Lächeln, sondern ein Upgrade. Weil er auch einen Dackel hat. Die haben ja gern den Überblick, weiß er. Deshalb nun ein Zimmer mit Balkon und Aussicht aufs Ende der Straße und den „Dorfplatz“. Und mit Flauschteppich zum Schubbern des vom Wandern strapazierten Hunderückens.

Heute Jochberg, morgen Scharfreuter, übermorgen Walchensee – falls das kurze Zwischenhoch noch bis Freitag durchhält.

An dieser Stelle besonders liebe Grüße an D.: nächstes Mal gehen wir gemeinsam von hier aus los, denn nach 25 Jahren Jochbergbegehungen hab‘ ich heute festgestellt, dass die Ostroute ja viel schöner ist!

Und schon wieder: Immer diese Entscheidungen!

Immerhin mit Entscheidungshilfe (siehe kleines Schild).

Aussicht auf den Herzogstand.

Ziehen Sie vom linken Dackelohr aus eine gerade Linie nach oben – und Sie landen direkt auf dem 2.100m hohen Berg, auf den wir erst morgen hochschnaufen.

Blick ins Vorkarwendel und Karwendel (man kann das schöne Wort gar nicht oft genug schreiben) – leider wird die westliche Karwendelspitze von den Tannen verdeckt.

Manchmal seh ich den Wald vor lauter Bäumen nicht, heute sah ich den Weg vor lauter Laub kaum – eine vierbeinige Vorhut ist da von unschätzbarem Wert.

Wald, Walchensee, Wettersteingebirge.

Die drei Dorfenten auf der Flucht vor dem Dackelfräulein (verwackelt wegen Sauseschritt).

12 Gedanken zu „Himmel der Bayern (28): Das Sackgassenglück.

  1. Deine Sackgassentheorie hat mich zum Nachdenken gebracht. Denn ich glaube, es gibt keine Sackgassen. Es gibt vielleicht Orte, an denen geht es nicht so offensichtlich weiter, sondern langsamer, versteckter, unerwarteter, beschwerlicher, über Umwege …
    Mein Sackgassenerlebnis hatte ich in Nepal / Himalaya. Da enden auch irgendwann die Autostraßen (auf denen man mit dem Jeep höchstens Schritttempo fahren kann). Aber das Leben hört keineswegs auf. Dörfer, Landwirtschaft und auch Guesthouses für Trekking-Touristen: alles nur zu Fuß zu erreichen – teilweise über mehrere Tagesmärsche. Und dieses Leben spielt sich in Höhen ab, wo bei uns der höchste Berg bereits sein Gipfelkreuz hat. Dort gibt es dann kein „schnell mal mit der Gondel zurück“ oder „kurz mal die Abkürzung ins Tal“. Für die Menschen, die dort leben, ist das Alltag. Für mich war es teilweise beängstigend. Aber irgendwie und -wo geht es immer weiter. Und diese Erlebnisse bleiben nachhaltig im Gedächtnis.
    Ich denke, ich weiß, was du mit Sackgasse meinst. Und ja, ich liebe diese Orte auch. Besonders wenn diese in meiner alten Heimat sind 😉 Mensch, so schön ist es da? Bei dem Foto mit dem Blick aus dem Fenster, dachte ich erst, das wäre ein kitschiges Bild als Wandschmuck…
    Liebe Grüße aus dem verregnetem Norden von Andrea

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    • Liebe Andrea,
      Dein ultralanger Kommentar war von Tirol aus gar nicht zu lesen, das Handy hat die Ladezeit nicht gepackt. Erst zurück in Bayern ging’s wieder.
      Ich danke dir für den persönlichen Nepal-Sackgassen-Erlebnisbericht – da kann ich nicht mitreden, weil ich keine Fernreisende bin und nun, da wir Pippa haben, auch keine mehr werde. Kenne das Leben dort oben nur aus Diavorträgen.
      Mit Sackgasse/Endstation meinte ich tatsächlich die fahrbare Erreichbarkeit. Ich mag es, wenn man von solchen Punkten aus nirgends mehr hinfahren kann. Dass es meist zu Fuß weitergeht – beschwerlicher, über Umwege, wie auch immer – gefällt mir ebenfalls. Letztlich sind ja auch viele Berggipfel eine Art Endstation, wenn nur ein Weg hinauf-/hinunterführt. Das beglückt mich!
      Tja, deine alte Heimat hat es wirklich in sich. Ich werde mich hier niemals sattsehen. Lass uns hier gern mal zusammen eine Runde Gucken&Gehen.
      Liebe Grüße aus dem mittlerweile stürmischen Oberbayern von Natascha & Pippa.

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      • Tja, die Frage nach dem Sackgassenglück ist ja auch schon fast philosophisch. Da muss man mal länger ausholen 😉 Ich hoffe sehr, dass das mal klappt mit dem gemeinsamen Gucken&Gehen im schönen Oberbayern. Ach übrigens: Der Sturm hat uns auch erwischt. Kein Durchkommen mehr zu uns mit dem Auto. Umgefallene Bäume versperren die Straße. Sackgasse 🙃!

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  2. Pingback: Bassotto. | Kraulquappe

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