Himmel der Bayern (29): Saisonende mit dem Wilden Fräulein.

Wieder mal: Der Himmel der Bayern.

Da nennt man seinen Blog „Kraulquappe“, weil man sich eigentlich überwiegend als Schwimmerin sieht und auf einmal wird’s ein alpines Tagebuch… Ja mei.
Ganz unerwartet hat sich das diesen Sommer so ergeben. Aber wenn die Landschaft demnächst im grauen Novemberregen versinkt, kommt hier auch wieder anderes. Versprochen.

Vor noch nicht mal einem Monat haben das Dackelfräulein und ich uns den Arsch bei Minusgraden in den Tannheimer Bergen abgefroren (wir berichteten hier), ich schlief mit Mütze und bin auf dem nächtlichen Weg zum Klo fast erfroren – und plötzlich kommt ein Oktober daher, bei dem man morgens in Shorts und T-Shirt auf der Hüttenterrasse frühstücken kann.

Ein besseres Saisonende hätt‘ ich mir nicht vorstellen können.

Gestern Vormittag: Vom Schliersee aus über den Spitzingsattel…

 

…ist die Schönfeldhütte bald erreicht…

 

…und nach kurzer Stärkung geht’s weiter zum Highlight des Tages.

 

Auf fast weglosem Gelände steigen das Dackelfräulein und ich hoch…

 

…zum Wilden Fräulein!

 

Kurz ruhen die beiden Fräuleins dicht beieinander…

 

…danach geht’s auf einem schmalen Jägersteig mit etwas beängstigenden Felsstürzen zur Rechten…

 

…dafür umso schönerem Blick über die Schulter…

 

…durch Latschenkiefern hinüber zum zweiten Gipfel des Tages.

 

Auf dem Jägerkamp bläst’s ordentlich – das Dackelfräulein fürchtet sich…

 

…und ist sichtlich froh, als wir nach dem Abstieg wieder die Hütte erreicht haben…

 

…Rucksack und Schuhe endgültig abgestellt werden…

 

…und der gemütliche Teil des Tages beginnt.

 

In der Nachsaison werden die Hüttenwirte so gnädig…

 

…dass wir sogar eine schnuckelige Koje mit Waschgelegenheit auf dem Zimmer bekommen!

 

Das Abendessen findet ohne Pippa, dafür unter dem wachsamen Blick des eigentlichen Hüttenchefs statt…

 

…aber zum Nachtgassi bei Mini-Alpenglühen (rechts oben auf dem Wilden Fräulein) sind wir wieder vereint.

 

Der neue Tag beginnt wie immer: Mensch ohne Decke am Bettrand, Hund und seine drei Decken in Bettmitte…

 

…immerhin darf der Mensch dann in trockene, warme Schuhe einsteigen…

 

…um die Kompanie hinab an den Schliersee zu geleiten…

 

…damit das Fräulein sich ausgiebig die Pfötchen kühlen kann.

Jetzt isses dann auch mal gut.
Viel gesehen, viel erlebt, viel Material gesammelt – nun ist es an der Zeit, das alles zu ver- bzw. bearbeiten.
Wo Geld raus geht, muss auch mal wieder welches reinkommen. Wenngleich ich erfreut feststelle, dass ich mit jeder Unternehmung sparsamer geworden bin, weniger konsumiere, ohne auch nur den Hauch einer Einschränkung oder eines Mangels zu spüren.
Ein ganz neues Gefühl von Freiheit, so wenig zu brauchen!
Solange eine warme Mahlzeit am Abend und ein Schlafplatz in der Hütte noch drin sind, bin ich rundum zufrieden.

Während ich gestern Mittag meinen mitgebrachten Obstquark löffelte und dazu meine Wasserflasche leerte, trafen mich die mitleidigen Blicke manch anderer Gäste (die sich einen üppigen Kaiserschmarrn reinschaufelten und becherweise Kaffee dazu schlürften). Jemand vom Nachbartisch fragte mich glatt, ob er mir einen Kaffee oder was anderes ausgeben dürfe. Unweigerlich musste ich an damals denken. An den Sommer 2002.

Ich überquerte alleine die Alpen, lief von Mittenwald nach Brixen, von Hütte zu Hütte, bergauf, bergab, 10 Tage lang. Hatte mir Urlaub dafür genommen, das Projekt lange geplant. Geld war kein Thema, ich war in nagelneuer Top-Ausrüstung unterwegs, hatte genug Bargeld dabei, um mich jeden Tag nach Lust und Laune vom Lunchpaket bis hin zum Kaiserschmarrn bestens zu verpflegen.
Einige Tage lang traf ich jeden Nachmittag bei Ankunft an der nächsten Hütte einen Mann mit Hund. Um die 50, schlank, sein Equipment, der Hund und auch er recht zerzaust wirkend.
Täglich kramte er seinen mitgeschleppten Proviant aus dem Rucksack hervor, schnitt Käse, Speck, Brot und Obst, mümmelte es am Rande der gut besuchten Terrassen in sich hinein, bestenfalls gönnte er sich mal ein Getränk. Er schlief im Schlafsack auf der Bank vor der Hütte oder im Keller, manchmal hat ihm der Hüttenwirt auch einen Platz in der Gaststube angeboten. Meist hat er abgelehnt, weil der Hund nicht mit hinein durfte. Spar-Schorsch oder Hunger-Hansl haben ihn manche genannt, und manchmal hat ihm einer was spendiert.

„Nein danke“, entgegnete ich dem Herrn vom Nebentisch, „ich bin wunschlos glücklich“.

6 Gedanken zu „Himmel der Bayern (29): Saisonende mit dem Wilden Fräulein.

  1. Ob die Gegenwart chlorreich ist oder nicht, die Zukunft ist generell verschwommen. Trotz des gleichen Himmels, in den wir alle blicken, ist dieser Beitrag den bayerische Himmel wert.
    Da ich in einer ähnlichen Situation bin, gehe, lebe, lerne ich auch mit „Verzicht“ und es geht mir nicht viel schlechter als vorher.
    Berührt.
    Liebe Grüße aus der Nebelsuppe

    Gefällt 1 Person

    • Die Erfahrung, dass Zeit wertvoller ist als Geld und Genuss auch mit schmalem Börsel (so sagt der Wiener doch zum Portemonnaie, oder?) möglich ist, machen ja viele. Hätte man das nur schon etwas eher gewusst.
      Gutes Wandern und Weitergehen – auch der zäheste Nebel verzieht sich irgendwann – wünscht dir Natascha.

      Gefällt 1 Person

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