Verschwitzt oder: Die Gletscherspalte.

„Du schaffst das schon“, meinte er damals zu mir, als ich mich auf den Weg machte, alleine die Alpen zu überqueren, „und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“

***

Heute sind das Dackelfräulein und ich auf den Riederstein gestiegen, um die Grödel und die Winterwanderhose einem ersten Härtetest zu unterziehen.

Auf dem Riederstein war ich bislang nur ein einziges Mal, mit dem Papa, als er noch fit war und ich noch keine Lust auf Bergtouren an freibadtauglichen Sommertagen hatte und daher mürrisch hinter ihm bergauf schnaufte. Rund 30 Jahre sind seitdem vergangen.

Vom südlichen Ortsende in Tegernsee brechen wir bei zähem Nebel auf…

…und ich wundere mich, wie der Papa morgens am Telefon behaupten konnte, im Tegernseer Tal schiene die Sonne…

…doch schließlich behielt er recht, wenn auch erst jenseits der 1.000 Höhenmeter.

Pippa kriegt sich nicht ein vor Freude, sobald sie Schnee unter den Pfoten spürt…

…und fliegt geradezu aufwärts, so dass man kaum hinterherkommt.

Folglich ist sie als Erste oben auf dem Gipfel…

…der eine kleine Kapelle mit Aussichtsbank beherbergt…

…von wo aus sich ein bombastischer Blick auf die Tegernseer Berge bis weit nach Tirol hinein auftut…

…nur der See ist komplett bedeckt von dem flauschigen Wolkenteppich.

Ich bin verschwitzt und etwas außer Atem (das Hinaufstapfen durch den Schnee strengt gewaltig an), aber das Dackelchen findet das Panorama völlig unerheblich und drängt schon bald ungeduldig zum Aufbruch.

Beim Abstieg rasten wir ausgiebig auf der Galaun, spielen Wurststückchensuchen im Pulverschnee…

…kehren auf ein Haferl Kaffee samt Kuchenstück in der Hütte ein…

…und ich versinke in einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit: für diesen Tag, für die wärmende Sonne und den Kaffee, für das neue Equipment und für meine kleine, fröhliche Begleiterin.

Anschließend besuchen wir den Papa in Rottach-Egern.
Er ist recht angeschlagen zur Zeit. Schaut sich die Fotos von unserem Winterwanderglück an und seufzt ein bisschen. Die Berge sind für ihn nur noch Kulisse, der Parkinson und andere Beschwerden fesseln ihn ans Tal und mehr und mehr auch ans Haus. Das schmerzt, wenn man Jahrzehnte lang so gern gewandert ist, aber der Schmerz über den geschrumpften Aktionsradius ist mittlerweile einer unter vielen geworden, und beileibe nicht der größte.

Während ich unter die Dusche springe, fängt er an, in der Küche zu werkeln. Schnippelt Zuckerschoten klein, mariniert das Fleisch, pinselt den Wok mit Sesamöl aus. Als ich wieder dazukomme, rührt er gerade Pippas Futter um, Karotten und Fleisch sollen vermischt werden. Seine Hand zittert, die Bewegungen sind fahrig und zäh, die Gabel pflügt ungelenk durch die Schüssel.
Stets muss ich mir auf die Lippen beißen, wenn ich ihn so sehe. Immer hatte er alles im Griff – im Job, in der Freizeit und besonders in der Küche – und nun fordert eine Kleinigkeit wie Umrühren seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Und obwohl dieser Prozess nun schon seit 5 Jahren voll im Gange ist, sträuben sich in mir immer noch eingebrannte Bilder und Erinnerungen aus 40 Jahren dagegen, die Realität endlich als solche anzuerkennen.

„Hast du schon auf dein Konto geguckt?“, fragt er.
„Ja“, sage ich, und füge hinzu, dass ja noch gar nicht Weihnachten sei.
„Aber du gehst doch jetzt in die Berge und nicht erst nach Weihnachten“, entgegnet er, „also besorg‘ dir bitte neue Stöcke und den Rest hebst du auf für die kleine Operation von Pippa.“

Beim Abendessen erzählt er mir, dass er neulich zum ersten Mal in seinem Leben einen Termin verschwitzt hat. Dabei hätte er den Termin doch notiert gehabt. An zwei Stellen sogar. Das beschäftigt ihn schwer. Er, der immer pünktlich war und dem nie etwas durch die Lappen ging. Ob er sich künftig etwa einen Zettel schreiben müsse, auf dem er vermerkt, dass er sich bereits Listen zu den anstehenden Erledigungen angefertigt hätte.
Er versucht, dem Ganzen mit den verbliebenen Resten seiner rheinischen Frohnatur einen galgenhumorvollen Anstrich zu geben, ich lache ihm zuliebe, spiele mit bei dem Gag, und empfehle ihm die gelben Haftnotizen wiederzubeleben, die er früher ergänzend zu seinen Listen (quasi als Meta-Liste) an Türrahmen klebte oder an innen an seine Haustür (damit ihn die Ermahnung rechtzeitig vor Verlassen der Wohnung anspränge). Er lacht zurück, Sekunden später fallen ihm unvermittelt die Augen zu, der Kopf sinkt Richtung Brustkorb, für einen Augenblick befindet er sich im Nirwana der Nebenwirkungen seiner täglichen Dopaminzufuhr, kurz darauf schaut er mich an und will wissen, ob er mal wieder kurz weg gewesen sei.

Als ich am späten Abend über vereiste Landstraßen und durch dichte Nebelschwaden nachhause fahre, muss ich heulen, weil mir plötzlich jener Satz einfällt, den er vor vielen Jahren zu mir sagte, als ich noch die Unsichere war und er der Fels in der Brandung: „Du schaffst das schon, und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“
Er, der immer für alles eine Lösung wusste und mir immer das Gefühl gab, ich sei ebenso stark wie er (was er, wie ich heute weiß, gar nicht immer war, aber er strahlte es aus und ich glaubte daran), ist in den letzten Jahren langsam, aber unaufhaltsam ein anderer geworden.

Ich wünschte, nun könnte ich ihm mal ein „Du schaffst das schon“ mitgeben, aber es wäre nicht glaubhaft, denn wir wissen beide, dass wir schon froh sein können, wenn seine gesundheitliche Lage stagniert.
Und was die Gletscherspalte angeht: Er wird es nicht mehr sein, der mich dort rausholt, sollte ich da je hineingeraten.

Es fühlt sich beklemmend an, wenn eine Ahnung zur Gewissheit wird, selbst wenn man schon immer um die Metapher in diesem Part des väterlichen Satzes wusste und auch nicht ernsthaft auf Gletschern herumzuturnen gedachte.

13 Gedanken zu “Verschwitzt oder: Die Gletscherspalte.

  1. Vor 20 Jahren waren wir mit unseren Töchtern in der Jugendherberge am Tegernsee und ich „motivierte“ sie zu traumhaften Wanderungen, auch auf den Riederstein. Ich hatte es schon fast vergessen. Nachher werde ich meinen Vater anrufen und ihm anbieten, dass wir am Wochenende gemeinsam Zeit verbringen. Danke für deinen tollen Beitrag. Grüße.

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    • Vielleicht haben eure Töchter ja auch im Nachhinein noch ihre eigene Liebe zu den Bergen entdeckt, so ging es zumindest mir. Und mein Vater hat den Grundstein dafür gelegt und mir die Möglichkeit geboten, diesen Teil der Natur von Kindheit an kennenzulernen. So sehe ich das heute. Bei meinem Vater habe ich mich auch vor Jahren schon für das viele Gequengel von damals entschuldigt.
      Herzliche Grüße und am Wochenende evtl. ein schönes Treffen mit deinem Vater!

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  2. Dein Vater scheint ein wirklich liebevoller und toller Mensch zu sein. Es wird mir immer richtig warm ums Herz, wenn du über ihn schreibst. Nicht mehr so zu können wie früher und zu wissen, „das wird schon wieder“ gilt nicht mehr, ist eine ganz schön große Herausforderung im Alter, glaube ich. Mein Vater hat übrigens auch mächtig damit zu kämpfen. Schön, dass du so viel bei ihm sein kannst. Liebe Grüße aus dem immer noch grauen Norden von Andrea

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    • Liebe Andrea,
      nun ja, liebevoll war er immer, toll fand ich ihn nicht immer. Wir haben auch häufig und unerbittlich gestritten, es gab einige Phasen des Abstands und großen Unverständnisses auf beiden Seiten. Je älter und je gebrechlicher er nun wird, desto weicher wird er auch und die wenigen Gräben zwischen uns lassen sich so leichter zuschütten als früher (und auch ich bin milder geworden). Aber selbst wenn das nicht so wäre: ich hing schon immer an ihm und bin froh, so einen Papa zu haben und mag mir gar nicht vorstellen, wie das wird, wenn er eines Tages nicht mehr nur kurz weg ist, sondern für immer.
      Liebe Grüße aus dem (ich wage es kaum auszusprechen) schon wieder blaubehimmelten Bayern!
      Natascha

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  3. Es ist schon traurig, wenn ein geliebter, starker Mensch anfängt zu verblassen. Mir ist hierzu ein Songtext von Anna Depenbusch eingefallen:

    Am nächsten Tag kommt er ins Bad und kann es selbst nicht fassen
    Der Mann den er im Spiegel sieht, scheint langsam zu verblassen
    Ganz transparent wird auch sein Hemd, der Anzug und die Schuhe
    Fast unsichtbar steht der nun da, verschwommen ohne Konturen

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  4. Liebe Natascha. Das berührt mich sehr und trotz der Beklemmung lese ich ja viel Weisheit: jetzt leben! Nicht warten auf die Zukunft, weil man das doch so und so macht. Nein, nutze den Tag und nimm dir, was du brauchst. Worauf warten?
    „Ich hol dich da raus“ bedeutet ja auch „ich bin für dich da und steh dir bei“.
    Liebe Grüße, Heike

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    • Liebe Heike,
      vielen Dank für diese Worte. Das ist auch immer mehr meine Erkenntnis, von der ich mich leiten lassen möchte: das zu tun, was jetzt möglich ist und es nicht auf irgendwann zu verschieben. Das hilft mir auch dabei, die Dinge, die momentan leider nicht möglich sind (z.B. Berufliches) leichter anzunehmen.
      Mein Papa guckte sich gestern die Grödel unter meinen Bergschuhen an und meinte etwas traurig, dass er auch immer vorhatte, im Winter in die Berge zu gehen und dachte, dass er dann als Rentner endlich dazu käme.
      Liebe Grüße zurück und bis bald,
      Natascha
      PS: Dieses stets indirekt formulierte „ich bin für dich da“ von ihm hat mich tatsächlich mein Leben lang begleitet.

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  5. Auch ich hab geheult. Heimlich versteckt hinterm Bildschirm. Weil es so schön ist und gleichzeitig so grausam. Wie schön jedoch, dass du ihm die Berge bringst.
    Und ich musste an einen Artikel denken aus dem Walden-Magazin. Kennst du das? Wenn nicht, schicke ich es dir. Liebe Grüße von uns.

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  6. Schöner (mir fehlt das Wort) Beitrag, sehr schwieriges Thema. Same here (ob mich mein Vater, die verloschene Lichtgestalt, noch erkennen würde?). Ich denke zur Zeit oft dann lieber schnell nicht daran (an vieles andere auch) und versuche zumindest die Kunstfigur (Herrn Speed, der mit dem Hasen) wieder fit zu machen, innen und außen (außen und innen?). Dann sieht man weiter.
    LG

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