Und weiter geht’s.

So, da samma wieder.
Alle miteinand in relativ aufgeräumter Verfassung.

Der Artikel geschrieben und abgegeben:
Zu meiner großen Freude hat die Redaktion mit meiner mitgelieferten Fotoauswahl ziemlich genau das angestellt, was ich mir erhofft hatte. Oft setzen sie ein Foto ins Großformat, das man selbst völlig nebensächlich findet, lassen die besten Aufnahmen ganz weg, oder sie nehmen eines der Top-Bilder zwar mit rein, platzieren es aber in Streichholzschachtelgröße irgendwo zwischen den Textspalten, wo es unbemerkt verschwindet.

Das Dackelfräulein nicht mehr im Hormonrausch:
Wir genießen nun die 9-wöchige Ruhe vor dem nächsten Sturm, der Scheinmutterschaft. Und widmen uns bis dahin anderen Herzensangelegenheiten.

Den medizinischen Kram auch erstmal wieder überstanden:
Zwischen bildgebendem Verfahren Nr. 1 und bildgebendem Verfahren Nr. 2 lag ich wartend auf einer Pritsche und starrte auf einen August Macke an der gegenüberliegenden Wand. Ich zählte die Hüte und Rechtecke auf dem Gemälde, versuchte jedes Zeitempfinden und jede Panik zu eliminieren, im Nebenzimmer sehr wohl um den Arzt wissend, der sich Teil 1 der Bilder schon mal ansah, um Teil 2 ggf. gezielter anfertigen zu können.
Dauert es lange, fragt man sich: Sucht der noch oder hat er schon gefunden und sucht nur noch nach den passenden Worten? Oder bedeuten die 4,5,6 oder 7 Minuten, dass es nichts zu sehen gibt und der Arzt froh ist, mal in Ruhe einen Kaffee runterkippen zu können? Oder sitzt der gar nicht mehr nebenan und bespricht sich bereits mit Kollegen, was zu tun sei? Würde mich die Erinnerung an jenes Bild von August Macke fortan daran erinnern, dass bei der Betrachtung desselben mein Schicksal besiegelt wurde?

[Dabei fällt mir immer die allererste der Situationen ein, in der mich dieses schicksalshafte Gefühl erstmals beschlich. Über 20 Jahre her, ich noch Studentin, brachte zum ersten Mal in meinem Leben den Papa mit meiner kleinen Karre zum Flughafen, dreiwöchige Dienstreise nach China, vor der Sicherheitskontrolle drückten wir uns zum Abschied, er reihte sich unter die Wartenden, ich lief zum Ausgang, drehte mich aber kurz vorher nochmal um, erwischte genau den Moment, in dem auch er sich umsah, unsere Blicke trafen sich, dazwischen etlicher Abstand und diese dicke Glasscheibe, wir hoben beide winkend die Hand zu einem allerletzten Gruß und lächelten etwas schief, ich ging zum Auto, schloss auf, ließ mich auf den Sitz fallen und brach in Tränen aus wegen des plötzlichen Bewusstwerdens, dass ich diesen letzten Blick immer und ewig erinnern würde, aber dass er nur dann eine erträgliche Erinnerung wäre, wenn er bloß ein vorübergehend letzter Blick gewesen sein würde, weil der Papa unversehrt wieder nach München zurückkäme, was er auch tat, dennoch hatte dieser Augenblick eine nie zuvor in dem Kontext dagewesene Wucht, die in dem Wissen um die potentielle Endgültigkeit immer und überall bestand, und seither versuche ich, solche letzten Bilder/Blicke/Berührungen auf keinen Fall bewusst zu bemerken, ich praktiziere das wie einen kleinen, albernen Aberglauben, so als gelänge dann ein Deal mit dem Schicksal und es würde mir nie etwas nehmen von dem oder denen, die mir so wichtig sind, was natürlich so nicht funktioniert, zum einen, weil ich weder ernsthaft an den Deal, noch an das Schicksal glaube, zum anderen, weil es sich mit diesem Wissen über die bloße Möglichkeit, was aus diesen letzten Bildern/Blicken/Berührungen werden könnte, genauso verhält wie mit der Unschuld, die Rede ist hier nicht von der des Körpers, sondern von der des denkenden Geistes: Einmal verloren, kehrt sie nie mehr zurück. Das nur so am Rande und aus der Rubrik „Was so alles in einem herumdenkt, während man wartet, und zwar in Sorge wartet.“]

Zurück ins Behandlungszimmer. Da ich beim Macke auf 7 Hüte und 31 Rechtecke kam, das Ergebnis also alle meine Lieblingszahlen enthielt, musste das wohl ein gutes Omen sein und weder ein letztes Bild, noch eine letzte Berechnung. Und so war es auch.

Und sonst so?

Das große Triefen hat begonnen…

…und die große Suche geht ebenfalls weiter.

Zur Stimulation oder zum Abreagieren gucke ich mir dazu mittlerweile gern Youtube-Videos wie dieses an, die an Aktualität und Realitätsnähe schwer zu übertreffen sind (obwohl in den 1970er und 80er Jahren gedreht).
Polt-Sketche als orwellsche Münchner Mieter-Dystopie, großartig ist das (unklar nur, wieso die Serie „Fast wia im richtigen Leben“ hieß).

Wär’s nicht so ein kabarettistisch abgegrastes Thema, hätt‘ man jetzt genug Stoff für ein Mieter-in-München-Buch beisammen. Man kommt ja rum, wenn man sucht, lernt viele Menschen und Häuser kennen, letztere sogar von innen, sieht und hört Sachen, die man sich nicht hätt‘ träumen lassen. Es weht schon ein rauer Wind da draußen in den Straßen unserer schönen Stadt.

Und je länger man sucht, desto rabiater und radikaler wird man auch selbst. Das fängt schon beim Auswählen der Inserate an.
Eine Annonce wie diese, bei der mir als einziges (!) Bildmaterial zu einer 91m²(!)-Wohnung nur dieses poplige Foto von einem Schlafzimmer mit einer geschmacklosen Bettdecke für zwei, heruntergebrannten Duftkerzen, billigem Funkwecker, IKEA-Funzel und Eau-de-Toilette-Humpen auf dem Sideboard geliefert wird…

…ich aber im Gegenzug per Mail alle (!) unsere Daten liefern soll, bevor der Eigentümer sich vielleicht herablässt, einem dann noch eine Ansicht der anderen Zimmerseite (mit Sicherheit: 2-3 Meter Schrank mit Schwebetüren und Spiegel in der Mitte, in Buche-Nachbildung und mit Lichtdekorleiste oben) zuzusenden, kann mir den Buckel runterrutschen, obwohl die gut geschnittene Bude angeblich in Schwabing und sogar parknah liegt und nicht mal so viel kostet, dass man gleich jegliche Urlaubsvorhaben für die nächsten 10 Jahre streichen müsste.

Das Leben ist eine ewige Baustelle. Mal dominiert die Abrissbirne, mal hält das Gerüst.
Und Zuversicht, das ist die Einsicht in die Chance auf Aussicht.

Also, weiter geht’s.

3 Gedanken zu „Und weiter geht’s.

  1. „Das Leben ist eine Baustelle“ – mit solchen Formulierungen kriegen Sie mich und ich will da auch nicht widersprechen. Übrigens hat die Mitbewohnerin schon wieder eine neue Idee und schaut sich nach einem Zweitsitz für’s Wochenende & Teilzeitalleinsein um. Herrlich die Maklerprosa für Objekte im erschwinglichen Bereich. „Handwerkerschnäppchen“! „Ein Schmuckstück mit Potential“, „Hier können sie ihre Ideen verwirklichen!“, oder (wörtlich:) „Geschickte Hände – schnelles Ende!“ Ich will hier aber nicht mein Pulver für Blogbeiträge verschießen …
    Viel Glück bei der Suche auf Mingas güldenem Pflaster!

    Gefällt 1 Person

    • „Hier haben Sie Raum für Ihre Kreativität“ habe ich hier auch schon mal gelesen – das war dann eine Wohnung in der Au, die man sich komplett selbst herrichten „durfte“, aber damit man das nicht so merkt, hätte man von Anfang an den „marktüblichen Preis“ blechen dürfen.
      Wenn Sie Ihr Bad mal fertig haben, hoffe ich nur, dass Sie sich nicht gleich die nächste Baustelle ans Bein binden.
      Einstweilen beste Grüße ins Allgäu!

      Gefällt 1 Person

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