Geschüsselt, nicht geniert.

Gestern im Moloch „Mietwohnungsmarkt“ einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Mittäglicher Besichtigungstermin in einem der bevorzugten Viertel, eigentlich den Fotos nach die Traumwohnung. Vom Balkon hätte man fast ins geliebte Schwimmbecken gucken können. Hundehaltung erlaubt (!), rund um die Wohnanlage Grünstreifen en masse fürs Dackelfräulein, sogar ein Stellplatz fürs Gefährt, zunächst netter Kontakt zu den Vermietern per Mail.

Dezenter Hinweis einen Tag vor Besichtigung, dass aus unerfindlichen Gründen das Parkett etwas geschüsselt habe („geschüsselt“?, nie gehört! – wir googeln das erstmal, aha: „geschüsselt“ kann man also ganz wörtlich nehmen!), vielleicht die Kälte oder so, oder das viele Lüften während der Badrenovierung, man müsse da nun nach einer „gemeinsamen Lösung“ suchen.

Die sah dann vor Ort, als sich beim Anblick des durchgehend geschüsselten Holzbodens unsere Zehennägel vor Schreck beinahe ebenfalls zu schüsseln begannen, so aus, dass der kleinkarierte, näselnde Schwabe allen Ernstes vorschlug, der Mieter dürfe sich ein Parkett ganz nach eigenem Geschmack aussuchen und das dann in Eigenregie verlegen lassen. Natürlich auf eigene Kosten („desch koschd au ned mehr als 6.000€!“). Und vorher müsse halt der geschüsselte Boden entfernt werden, sind ja nur schlappe 80m². Natürlich auch auf eigene Kosten.

Mietbeginn müsse dennoch zum 1. März (gestern war der 25. Februar!) sein, man könne sich jetzt unmöglich noch weitere Monate Leerstand leisten (gerade sei der Umzug ins eigene Haus erfolgt). In 4 Tagen sicher eine etwas sportliche Leistung, aber wenn man gleich morgen loslegte, ja durchaus zu schaffen (er habe da einen Bekannten an der Hand…, wenn man wolle, stelle er den Kontakt her…).
Dafür sei die Kaltmiete ja auch absolut fair (einen Kotau dafür: sie lag nur 250€ über dem nach gültigem Mietspiegel ermittelten Preis für diese Lage und Ausstattung, anderswo liegt sie schon mal 400€ drüber).

Worin das „Gemeinsame“ dieser Lösung bestand, wurde nicht verraten. Dafür verriet man uns beim Streifzug durch die Wohnung an der einen oder anderen Stelle noch die bis dahin nirgends erwähnten Ablösesummen für uralte Schränke oder Regale in potthässlichem 80er-Jahre-Design („desch is Massivholz, desch häld no a Ewigkoit!“).
Wir kamen recht gut an bei dem Vermieterpaar, hatten beste Chancen, den Zuschlag für die Wohnung zu bekommen.

Nach dem Termin schlich ich deprimiert um die Ecke zum Schwimmbad, sprang bei minus 8 Grad Außentemperatur ins geliebte Becken, schwamm mir den Frust aus den Knochen, ließ mir den eisigen Wind um Nase und Schultern wehen, und schrieb danach eine vernichtende Email an den kleinkarierten, näselnden Schwaben. Dass wir natürlich wüssten, dass es Gang und Gäbe sei, aus der Wohnungsknappheit ungeniert Kapital zu schlagen, und dass das mit Sicherheit leider auch in seinem geschüsselten Fall von Erfolg gekrönt sein würde, er sich aber andere Deppen als uns suchen müsse, denen er zum 1. März seine renovierungsbedürftige Bude zum schwäbischen Schnäppchenpreis andrehen könne.

Manchmal überkommen mich Mordgelüste und Amokphantasien (das schrieb ich ihm nicht, ich hab mich schließlich im Griff).
Das Schlimmste sind die Ohnmachtsgefühle und diese immer wieder entstehende und wenig später sich zerschlagende Hoffnung.

Am Abend liegen wir wie erschlagen auf der Couch, stöbern in den diversen Wohnungsportalen, schütteln die Köpfe und schütten uns die Gläser voll.
Zwei brauchbare Angebote finden wir noch, von denen eines bei näherer Betrachtung sofort unter den Couchtisch fällt, da Absätze wie diese an Tagen wie diesen nichts als ein inneres Messerwetzen auslösen:

Zum Besichtigungstermin bringen Sie bitte Folgendes mit:
– gültiger Personalausweis / Reisepass
– Bonitätsauskunft der Schufa
– Gehaltsnachweise der letzten drei Monate
(alternativ Steuererklärung bzw. Bestätigung durch Wirtschaftsprüfer / Steuerberater bei selbständiger Tätigkeit)

– Schriftlicher Nachweis der Mietschuldenfreiheit vom letzten Vermieter
– Mieterzeugnisse vom Vorvermieter bzw. bisheriger Mietvertrag und Kontaktdaten vom Vorvermieter.

[Habt ihr jetzt vollends den A…. offen: „Mieterzeugnis“?!? Und wo bleibt das Gegenstück, das „Vermieterzeugnis“? Wo kann man endlich Noten vergeben für die Kategorien „Ausbeutung & Abzocke“, „Schamlosigkeit & Schurkerei“, „Gier & Geiz“?]

Irgendwann schlägt der Gatte, müde am Rotwein nippend, vor, doch mal „völlig verrückt“ über das ganze Thema nachzudenken:
Auswandern nach Bodø (er hatte da doch mal einen universitären Kontakt)?
Raus aufs Land (neulich sah ich ein Inserat eines herrlichen Hauses am Schliersee, zum Preis einer Zweizimmerwohnung in München)?
Drastisch verkleinern (Möbel verkaufen, das Wohnzimmer abschaffen, Abende mit Gästen kriegt man auch am Küchentisch rum)?

Wir surfen weiter suchend durchs Netz, vom Nordkap bis zum Alpennordkamm, vom Haus am See übers Appartment in der Au und Schwabinger Hochhäuser bis hin zur Hütte in den Bergen.

Meinen Sonntag beende ich mit diesem Bild:

48m² Wohnfläche, 1.600m² Dackelfläche, 800€ warm.

Kann man dann auch entspannt Teilzeit arbeiten, ist ja nix mehr groß zu finanzieren.
Urlaube und Ausflüge überflüssig, den Berg vor der Nase habend und das Karwendel einen Katzensprung entfernt.
Ich von dort aus direkt hoch zur Hütte für den Saisonjob, der Gatte 1x wöchentlich zur BOB für den Einsatz in Frankfurt.
Klamotten braucht man eh nicht mehr viele, ist auch kein Platz da, um die aufzuhängen (außer draußen).
Stattdessen: Gartenhausbau erwägen. Oder gleich ein Austragshäusl für die Teckelzucht.
Wohnzimmerfrage kann man ebenso abhaken wie den ganzen Schwachsinn mit offenen Küchen und modernen Belüftungssystemen.
Kino etc. haben wir sowieso reduziert seit wir den Hund haben und ein DVD-Player nimmt nicht viel Platz weg.
Die Süddeutsche kann man auch online lesen. Der Paketbote hat endlich Platz zum Parken und stört niemanden sonst.
Grünstreifensuche entfällt ebenfalls, eher sucht man nach der Teerstraße für die Fahrt ins Dorf, zum Einkaufen.
Aber das ginge auch mit dem Bollerwagen.
Zeit hat man dann ja ebenfalls, und der Dackel würde sich gut machen vorn drin im Wagerl, so als bayerische Galionsfigur.

Um 21 Uhr verkrümle ich mich ins Bett, absolviere so mühelos wie selten einen zehnstündigen Erholungsschlaf.
Träume von planen Ahornholzböden in überteuerten Wohnungen, wackligen Baumhäusern in dichten Wäldern und windigen Tipis am tosenden Wildbach.

Neue Woche, neues Glück.

Selbiges wünscht Euch
Die Kraulquappe.

39 Gedanken zu „Geschüsselt, nicht geniert.

  1. Stichwort „Mieterzeugnis“: So etwas fordert vehement der Geschäftsführer des Unternehmens, bei dem ich gearbeitet habe. „Wird in Deutschland begrüßt“, so sein Kommentar über die ach so bösen Mieter. Wenn schon, dann soll ruhig auch ein Zeugnis für Vermieter und Hausverwalter geben.

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    • Wie bitte? Ein Arbeitgeber will sowas haben? Oder ist der Typ zugleich auch als Vermieter unterwegs?
      Dass das Mieterzeugnis hier offenbar Schule gemacht hat, wusste ich noch nicht (und verdränge es auch gleich wieder, bin ja grad erst den gestrigen Frust los).
      Und wie du richtig sagst: wenn schon, dann auch umgekehrt. So wie bei Airbnb sollte das Ganze immer erst freigeschaltet bzw. sichtbar werden, wenn beide Seiten eine Bewertung abgegeben haben.
      Naja, utopisch, aber man kann ja mal rumträumen. Liebe Grüße nach Wien!

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  2. Das ist ja Frust pur. Wir hier am Niederrhein versuchen ein repräsentatives Geschäftshaus ohne Renovierungsstau mittem im C- Zentrum für einen Spottpreis zu verkaufen : 230m2 + 100m2 ausbaufähiges Mansarddach für unter 300000€ und bekommen es nicht weg Streichen, einziehen, fertig.
    Die Welt ist verrückt.

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    • Spontan fand ich das auch und fühlte sofort eine große Sehnsucht nach dem kleinen Häusl!
      48m² könnten aber (bei aller Liebe und selbst wenn wir noch so ausmisten) etwas knapp werden.
      Liebe Grüße zurück – mit gerade wieder aufgetauten Fingern (nach dem Gassi in arktischer Kälte)!

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  3. Du wirst es nur so ändern können: absolute Kapitulation, wobei man sagen muss, dass man da wahrscheinlich ein Gewinner wäre. Ansonsten ginge der Aufstand auf der Straße, aber die meisten bleiben da doch lieber auf dem Sofa, im Hygge-Wohnzi. Ganz erschreckende Entwicklung. Spontan fiel mir noch folgendes zur Liste ein: Impfausweis und Röntgenpass 😉
    Ganz herzliche Grüße, Heike

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      • Nein, du kapitulierst so wie beschrieben und ziehst „aufs Land“ mit all den positiven Seiten, die du beschreibst und würdest ja doch in vielerlei Hinsicht gewinnen. Der Markt wird sich ja nicht ändern und deshalb legt man die Waffen nieder, streicht die Segel, und steigt wie ein Phönix aus der Asche. Und ich weiß ja, das klingt abenteuerlich. Manchmal hilft es ja schon, wenn man auch noch eine dritte Möglichkeit hat!

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      • Ah! So meinst du das.
        Wenn wir die Option „raus aufs Land“ in die Tat umsetzen, sollte es dann allerdings auch überwiegend gewollt sein und nicht nur rein aus der Not geboren. Sonst wird das nix, da bin ich sicher. Außerdem gibt es ja noch für einige Jährchen ein paar praktische Gesichtspunkte zu beachten, die passen müssen, wie z.B. die Zuganbindung für den Gatten. Der will ja schließlich nicht auf die Alm (oder noch nicht 😉 ).
        Na, du wirst es mitkriegen, wann und wie wir dem Aschehaufen entsteigen! Ich gebe nicht so schnell auf (Aufstand ist ja auch noch ne Option: „Mieter aller Münchner Stadtviertel – vereinigt euch!“).

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      • Finde ich auch. Wäre überfällig.
        Alle jammern und alle machen mit (genau wie bei diesen unwürdigen Auswahlverfahren mancher Firmen).
        Werden ja schon die Wenigsten solche Meckermails schreiben wie ich, um denen mal die Meinung zu geigen, aber das allein bringt halt gar nichts!

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  4. Ich kann deine Mordgelüste gut nachvollziehen. Ich hasse kaum etwas mehr, als dieses von dir beschriebene Ohnmachtsgefühl, sowie die Ausnutzung von ungleich verteilten Machtverhältnissen. Das Haus auf dem Land klingt auch irgendwie verlockend. Manchmal habe ich auch so Träume vom „einfachen Leben“. Aber dafür muss man glaube ich ganz schön in sich ruhen … Ich drücke weiterhin die Daumen, dass ihr das Richtige für euch findet!

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  5. Gott (bzw. Maria, Patrona Bavariae) schütze Sie vor schwäbischen Vermietern. Heilandzack! Des isch ja nicht zom glauba, was Sie do schreibat! [Schäme mich ja fast zu bekennen, dass ich noch ein Häusle im Stuttgarterischen habe …, bin da aber nicht mehr und habe dem Dialekt abgeschworen; nur noch zu parodistischen Zwecken oder wenn ich die Mitbewohnerin schocken will :-)]

    Alles Gute bei der weiteren Suche (votiere, wie die Vorkommentatorinnen, ebenfalls für das abgebildete Berghäusl!).

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    • Dankedanke. Ja gottseidank schwäbeln Sie nicht, sondern versuchen sich eher am Bayerischen oder Österreichischen, sonst dad i a ned no amoi mit Eana aufn Berg geh.
      [Um Himmels Willen: „Heilandzack“ hab ich nicht mehr gehört, seit ich den ständig fluchenden Ex-Freund, der aus der Nähe von Rottenburg stammte, vor vielen Jahren vor die Tür setzte. Das sagte der ständig. Beliebt auch die Variante „Hergottzack!“. Und die Zahl 21 hieß bei dem „oisezwanzisch“. Herrje, was hat man schon alles für einen Mist erlebt.]

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  6. Es heißt übrigens (auch im Rottenburgischen) sicher eher ‚Oisazwanzig‘, das macht es aber nicht besser. ‚-isch‘ am Ende ist eher Badisch statt Schwäbisch. Kennen Sie übrigens den (Kontext: Baden-Württemberg ist historisch aus Baden und Württemberg=Schwaben zusammengefügt worden): Es gibt die Baddische und die Unsymbaddische … 🤡

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  7. Pingback: Charmant (= sth. between Folsom Prison and Mercedes Benz). | Kraulquappe

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