Mia san mia – aber wer bin i?

Schwerfällig schäle ich mich morgens aus dem Bett, um den Dreiteiler Morgengassi-Dusche-Frühstück zu bewältigen.

„Du kannst! So wolle nur!“
Der innere Schweinehund schlägt mit der Faust auf den Tisch und schubst mich wenig später erneut nach draußen.

Ein beinahe laues Frühlingslüftchen weht durch die Altstadt, fleecedeckenumwickelte Touris schlürfen beim Donisl überteuerten Kaffee und recken ihre puckbebrillten Bleichgesichter in die Münchner Morgensonne.
Das „Mia san mia“-Schaufenster beim Münzinger leuchtet noch in tiefroter Trunkenheit vom gestrigen Sieg und selbst beim Brezenkauf kann man diesem ach so variantenreichen Motto nicht mehr entrinnen.
Mia san einfach ois!

Sind aber auch mit die besten Brezen, wenn Sie mich fragen (vielleicht ja tatsächlich wegen ihrer Handgeflochtenheit?).
Für meinen Geschmack jedenfalls genau die richtige Menge Salz, der passende Bräunungsgrad und die ideale Teigbeschaffenheit im Inneren (was beispielsweise der Pfister wohl niemals hinbekommen wird.)

Nun mögen ja mia zwar mia sein (und die Brezen haben’s gut, die san sogar glei Munich!), aber wer zum Teufel bin eigentlich ich?

Habe heute die Kunsthalle besucht, nicht nur um der Verblödung Vereinseitigung durch die drei großen H’s vorzubeugen (Hund, Hatschen, Haushalt), sondern weil eines der großen Themen meiner Spätadoleszenz seit letzter Woche dort aufmarschiert ist. Der Faust. Hat mich damals fast zwei Jahre beschäftigt, bevor ich mich in die Lehr- und Wanderjahre begab.

„Man sehnt sich nach des Lebens Bächen
Ach! Nach des Lebens Quelle hin.“

Montags sprudeln die Quellen der Kunst dort zum halben Preis, und ist man zeitig dort, also bevor all die anderen Rentner/Erwerbsarbeitslosen/Selbständigen/Müßiggänger/Zeithabenden dort aufkreuzen, kann man das Ganze in relativer Ruhe durchwandern.

„Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit, ins Rollen der Begebenheit!“ (Buch-Raum).

„Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen.“ (Buch-Raum)

„Du entschuldige, i kenn‘ di doch ned“ (Überraschungen gab’s auch!)

„Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.“ (Mephisto-Raum)

Der Hochgenuss schließlich auf einer ledernen Bank in Raummitte:
Ganz allein mit der Video-Installation, privatissime mit dem Brandauer, eine der Lieblingsstimmen meines Lebens, der ich einst Hunderte von Kilometern nachreiste, allein des Klanges wegen.

Da könnte man locker einen Vormittag einfach so versitzen, würden einen nicht andere Pflichten daran hindern!

„Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“

Auch toll: die Gretchen-Räume.

Vor allem die Postkartenwand. Ist wohl mal ein richtiger Hype unter Liebenden gewesen, sich die zuzuschicken, gern versehen mit Geheimbotschaften. Heute schickt man eher ein paar vieldeutige Emojis und Akronyme hin und her oder Selfies in Sepia (damit’s nicht gar so fleischlich wirkt).

„Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen.“ (Gretchen-Raum)

„Mit Frauen soll man sich nie unterstehn zu scherzen.“ (Gretchen-Raum)

„Er liebt mich. Liebt mich nicht. Liebt mich.“ (Gretchen-Flur)

Zum Schluss dann eine Prise Selbstreferentialität.
Tritt man nach allen Stationen und Rezeptionen der Tragödie nämlich wieder hinaus ins Licht der Flure, stellt einem die Ausstellung selbst eine Art Gretchenfrage:

„Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen.“ (Am Ausgang)

Der zauselige Mann vor mir rollte sich ohne zu zögern beeindruckende zwei Meter gelbe Fäuste ab, die Ex-Oberstudienrätin an seiner Seite pappte sich kieksend ein rotes Herzerl ans Revers ihres grünen Lodenmantels.

Ich war unentschlossen und hab‘ mir dann mal 13 Stück gemischt mitgenommen, mit leichter Tendenz zu lila.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen.“ (Technische Spielerei neben dem Café in der Kunsthalle).

Mein Tipp: Planen Sie am Schluss noch mindestens ein Viertelstündchen extra ein für das Fotoshooting. Allein die Menüführung und die Anweiseungen/Fragen auf dem Display machen Spaß:
„Einzelfoto?“/“Gruppenfoto?“
„Stellen Sie sich auf die Markierung!“ (Obacht: es wird von 7 runtergezählt, dann ausgelöst!)
„Schön?“ – „Ja!“/“Nein, wiederholen!“
„Dürfen wir dein Foto auf unsere Facebookseite stellen?“ – „Ja“/“Nein“
„Sollen wir dir dein Foto per Email senden?“ – „Ja“/“Nein“ (Bei „Ja“: großartige Riesentastatur folgt!)

Empfehlenswerte Sache, die Ausstellung.
Gerade zu Wochenbeginn und wenn man mit dem inneren Schwung noch ringt.

[Beinahe alle Zitate aus Goethes Faust. Wer tatsächlich die genaue Versnummer wissen will, der frage nach oder google.]

13 Gedanken zu „Mia san mia – aber wer bin i?

  1. Liebe Natascha,
    mir persönlich wieder einmal 100% zuviel Bezugnahme auf den rot-weißen Kriminellen-Verein von der Schäbigen Straße, ansonsten aber ein schöner Einblick in den Faust-Overkill, der derzeit diese Stadt heimzusuchen scheint.
    Liebe Grüße,
    Gerhard

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    • Lieber Gerhard,

      kann es sein, dass du beim Lesen gelegentlich eine Anti-FCB-Brille aufhast, also in dem Sinne, dass ein bis zwei kleine Reizworte wie „Mia san…“ schon ausreichen, um die leidenschaftliche Antipathie (um nicht zu sagen: Hass) sofort zu entfachen?

      Das spreche ich deshalb an, weil mein gestriger Faust-Beitrag zwar eine Prise rot-weiß enthält, aber das war von mir rein deskriptiv gemeint (weil ich das Münzinger-Fenster im Vorübergehen wahrnahm, dort auch das erste „Mia san mia“). Dann sprang mich bei Rischart ein weiteres „Mia san…“ an und ich fragte mich, wer diesen Slogan eigentlich noch alles meint ausschlachten zu müssen.

      Mein „Mia san mia“ sowie „Mia san einfach ois“ war daher mindestens ironisch, wenn nicht sogar als Kritik gemeint.
      Deine Bemerkung – und hier v.a. das „100% zu viel Bezugnahme“ – kommt bei mir nun so an, als wären dir sowohl der rein deskriptive Touch als auch die ironische Note vor lauter Unmut über den „Kriminellenverein“ schlicht durch die Lappen gegangen.

      Zu guter Letzt noch eine ganz persönliche Anmerkung: Mir ist Fußball eh wurscht (nur durch den Gatten krieg‘ ich das halt am Rande mit), ich bin kein Fan irgendeines Vereins, daher hege ich weder Sympathien, noch Antipathien, und dass ich den Arjen so fesch finde (und auch den Olic), hat mit Fußball bzw. Vereinszugehörigkeit ja auch nur insofern zu tun, als ich die Kerle halt unter deren „Flagge“ rumlaufen sah/sehe.

      Das wollte ich jetzt einfach mal gesagt haben, da du schon mal einen Kommentar in der Richtung hinterlassen hast (ich glaub, da ging es um den Arjen) und bei all dem hab‘ ich auch nicht überlesen, dass dir der Faust-Einblick gefallen hat (worum’s ja eigentlich ging in dem Beitrag).

      Liebe Grüße,
      Natascha

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      • Liebe Natascha, nein, nein, mir ist der ironische Touch durchaus nicht durch die Lappen gegangen, aber ich habe – wie Du so schön anmerkst – beim Lesen und auch sonst zu jeder Gelegenheit immer meine Anti-FCB-Brille auf, weil diese selbstherrliche Bande von meiner Seite gar nichts anderes verdient hat, und an der Stelle ist es mir jetzt ehrlich gesagt auch wurscht, ob Du das Hass oder sonstwas nennen magst, eine oder zwei Stufen drunter tut es auch und da schwingt dann auch immer noch genug Ablehnung gegen diesen Verein mit 😉
        Nix für ungut, liebe Grüße,
        Gerhard

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    • Hallo Gerhard,
      dass man den FCB nicht mag, kann ich verstehen (so prinzipiell, persönlich natürlich nicht). Einen Verein, egal welchen, aber pauschal als „kriminell“ abzukanzeln, ist, um es in deinen Worten zu sagen, „schäbig“. Mit deinem Kommentar zu diesem (!!) Blogbeitrag hast du ein grandioses Eigentor geschossen.
      Gruß vom S.d.S.

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      • Servus „Stern des Südens“,
        mei, jedem seine Meinung, zur Not auch Deine. Wenn ein wie Dein permanent arrogant und selbstherrlich auftretender Verein maßgeblich von zwei einschlägig (und mindestens in einem Fall uneinsichtigen) Vorbestraften geführt wird, der Ehrenpräsident seit Monaten permanent wegen irgendwelcher WM-Schmierereien in den Schlagzeilen ist und dieser feine Club sich vor Jahren an den Liga-Konkurrenten vorbei einen bis heute nicht aufholbaren Wettbewerbsvorteil durch zig Millionen Kirch-Schmiergelder erschlichen hat, dann mag einem schon mal das Wörtchen „kriminell“ in die Tastatur fließen. Der Begriff „Schäbige Straße“ ist ein unter Fußball-Fans bundesweit durchaus geläufiger, vielleicht etwas flapsiger Begriff für die Säbener Straße, aber das mag evtl. einem FCB-Nachläufer nicht bekannt sein.
        Wer sich selbst nach dieser unsäglichen Vereinshymne vom Kriminellen-Verein in WP Nick-named, sollte m.M. nach mit dem Begriff „Grandioses Eigentor“ eher etwas vorsichtiger hantieren.
        Schönen Tag noch,
        G.

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      • Hallo Gerhard,

        das Schöne am Fußball und vor allem am Fußballfan-Sein ist bekanntlich die damit verbundene Irrationalität und Emotionalität. Hier darf man Feindbilder haben und ungerecht sein, ohne das groß begründen zu müssen, hier darf man pöbeln, beleidigen, dumm daherreden, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, hier darf man das eigene intellektuelle und sprachliche Niveau unterschreiten, ohne sich dafür schämen zu müssen. Was täten wir nur ohne den Fußball!

        Herzliche Grüße vom Stern des Südens, der niemals untergehen wird! 🙂

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  2. Hach ich hab das nu geliked, obwohl ich den Geheimrat eigentlich gar nicht leiden kann. Aber die Ausstellung hat was, man springt ja doch in reiferen Jahren immer wieder/immer noch auf dieses Faust-Ding an: Wieso musste gerade DIESES Theaterstück das Rennen machen und nicht z.B. „Nathan“ vom Lessing oder „Vor Sonnenaufgang“ vom Hauptmann? Oder sonst irgendwas.
    Ist ungefähr die gleiche Frage wie die, warum „Sgt Pepper“ den „Pet Sounds“ den Rang ablief.

    Übrigens ging mir das schon mal so: Man besucht etwas, wovon man sich eher nichts verspricht -und ist dann doch verblüfft: 2009 Wiener Hofburg, die Sissy-Ausstellung: Gedichte von ihr, neuzeitliche Ambient-Vertonung —oops; Erkenntnis:Der wurde via Kitschfilm aber extrem der Ruf ruiniert.

    Nunja, der Goethe bleibt ein Charakterlump, auch wenn der Faust gut is‘. Der Grass war ja auch kein Sympath, aber er schrieb die Blechtrommel…

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    • Dank Dir für den ausführlichen Kommentar!

      Auf die Schnelle:
      Wieso „Sgt. Pepper“ den „Pet Sounds“ den Rang ablief, ist auch mir nicht klar, zumal sich der Paul ja wohl von den Wilsons zu diesem Album inspirieren ließ.
      Dem „Faust“ hingegen kann ich viel abgewinnen (was nicht heißt, dass ich den „Nathan“ nicht schätzen würde), und ich finde den Stoff auch nicht nur in reiferem Alter aktuell (Suchwahn des modernen Menschen, Verführbarkeit, Moral, Gesellschaftsstrukturen), im Gegenteil: je nach Lebensphase/-alter kann ich da immer Neues rausziehen, das ich spannend finde.
      Und: Ich erwarte keine Likes, wenn einem Leser ein Thema nicht behagt oder völlig wurscht ist oder der Beitrag aus anderen Gründen (Bild, Sprache, Ton) nicht zusagt. Weißt du aber sicher und handhabst das ebenso.

      Viele Grüße einstweilen,
      Natascha

      PS: „Charakterlump“ ist ein schönes Wort 🙂

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  3. Ein sehr schöner Beitrag: Die Ausstellung hätte mir sehr gefallen und sollte ich es nicht mehr rechtzeitig schaffen, sie vor Ort erleben zu können, dann danke ich Dir recht herzlich für das virtuelle Mitnehmen.
    „Charakterlump“ hin oder her – Goethe ist einfach nicht wegzudenken. Da, wo ich herkomme – Erfurt liegt ja nicht so weit weg von Weimar und Ilmenau – hat er längst Kultstatus erreicht. Ich mag sein Werk und – sind wir nicht alle ein bisschen Faust & Mephistopheles? Die innere Zerrissenheit, die (im Grunde genommen) ewige Suche nach dem eigentlichen Ich spiegelt sich in vielen Menschen wieder und die Gretchenfrage habe ich schon in meinem Alltag kalauern lassen.
    (Ok, als Finanzminister in Thüringen hat der Wolferl nicht besonders geglänzt. Aber welcher Finanzminister tut das schon?)

    Das „Mia san mia“ habe ich in erster Linie als identitätsstiftendes (oder identitätssuchendes) Motto interpretiert. Ich fand den Vergleich und die Konnotation zu den Brezn und zu dieser Ausstellung wunderbar. Deshalb kann ich den ersten Kommentar von Stern des Südens nachvollziehen. (Ok, über den fragwürdigen Status von Uli Hoeneß kann man wirklich diskutieren.)

    Ich wiederhole mich, ein wunderbarer Beitrag, wo eigentlich das Für oder Wider vom FCB leider fehl am Platz ist. (Was auch S. d. S. in seinem ersten Kommentar erwähnt hat.)

    Liebe Grüße aus Wien

    S.

    PS: Ach ja, in Erfurt gibt’s sogar eine Peter-Cornelius-Straße. Aber nicht daran glauben, dass sie das Stück Weg nach diesem Wiener Barden benannt haben.

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