Hund haben (13).

Morgens mit der guten Aussicht aufgestanden, dass so ein Regentag ja der ideale Arbeitstag sein könnte.

Zum Beispiel um den in Kürze abzugebenden Artikel tatsächlich fertigschreiben zu können. Oder um dem neuen Vermieter auf seine Mail zu antworten (es gibt ein paar Hakligkeiten in puncto anstehender Wohnungsübergabe mit dem Vormieter und dem Untermieter des Vormieters). Oder um sich durch ellenlange Eingabemasken des Vodafone-Umzugsportals durchzuklicken (und in der vorletzten Maske von einem Baustellensymbol – ein dämlich winkendes Männlein mit Helm in der einen und Schippe in der anderen Hand – auf Wartungsarbeiten am Server hingewiesen zu werden, danke auch, ihr Vollpfosten, dass ihr das nicht gleich mit dem <Enter> der allerersten Maske verknüpft habt, da lob‘ ich mir mal die Deutsche Post: nur ein Formular, 10 Felder auszufüllen – und schon ist der Nachsendeantrag online beauftragt und bezahlt!).

Wo waren wir doch gleich?
Ach ja, beim heutigen Regentag und dem Vorhaben, es möge ein guter Arbeitstag werden. Ein paar Mails rausgejagt, dann der Schreibarbeit zugewandt, dazwischen ein Gang zur Apotheke (der Ellenbogen bekommt jetzt eine Ibu-Kur bis zum Umzug) und zur Leergutrückgabe (der Gatte weilt grad 10 Tage am Stück im fernen Frankfurt, da muss man leider selbst mal die leeren Bierflaschen, die sowieso alle auf mein Konto gehen, da der Gatte ein Weintrinker ist, zum Automaten schleppen), danach zurück an den Schreibtisch und schon stupst einen die Hundenase an. Man schielt auf die Uhr, denkt „Oh Gott, schon wieder Mittag!“, schaut aus dem Fenster, denkt „Oh Gott, es schüttet ja!“ und vertröstet die Kleine. Die denkt „Oh Gott, ist das langweilig hier!“ und legt dann brav und zugleich mahnend ihr Kinn auf meinem Fuß ab.

Sie machen sich übrigens keine Vorstellung davon, was so ein kleines Dackelkinn wiegen kann, wenn der mit diesem Kinn verbundene Hund unbedingt nach draußen will! Da schläft Ihnen in Nullkommnix der Fuß ein, so schwer ist das! Also dauert es gar nicht lange und Sie wollen sich dann unbedingt selbst bewegen, damit Leben in Ihren eingeschlafenen Fuß zurückkehrt (ein ganzes Kapitel sollte man in dem noch zu schreibenden kynologischen Standardwerk „Der urbane Hund von Welt“ dieser „Sanften Erziehungsmethode“ widmen!).

Wetterfest verpackt (nur ich, denn Regenkleidung für Hunde lehne ich ab!) stiefeln wir zum Wald. Das Dackelfräulein hat blendende Laune. Man selbst war grad gut drin im Arbeiten und ärgert sich, dass man rausgerissen wurde, noch dazu hinaus in den Regen. Der Matsch klebt einem an den Goretexschuhen, die man erst vorgestern vom gröbsten Dreck befreit hatte. So latscht man tapfer vor sich hin, grummelt ein bisschen in den bis unter die Nase hochgezogenen Kragen der Regenjacke hinein, wirft Bälle und Tannenzapfen auf schlammige Waldwege, dass es nur so spritzt. Der Hund hat Spaß. Riesenspaß sogar. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir beide von oben bis unten nass und dreckig.

Und dann geschieht es!
Diese unnützen menschlichen Zwänge und Gedanken, was man alles müsste/könnte/wollte, wenn man nicht hier im Wald stünde, so nass und dreckig, sie fallen von einem ab. Sie fallen einfach hinunter in die matschige Erde.
In die matschige Erde, in die meine emsige Hundemadame 2 Meter von mir entfernt gerade ein beeindruckendes Loch buddelt. Der Dackel ist nämlich ein Erdhund (auch Bauhund genannt, was die ausgehobene Grube eindrücklich widerspiegelt)!

Erdhund at work.

Überall Erde. Der ganze Hund ist erdverschmiert, meine Schuhe und meine Hose ebenfalls.
Und ich fühle mich so wie ich aussehe: geerdet!

So ein Hund ist ein perfektes Erdungsprogramm, sag ich Ihnen. Da können Sie sich ein paar dieser ollen Ratgeber (á la „Sich erden: 9 Mittel und Wege für mehr innere Stabilität“ oder „Achtsamkeit für jeden Tag: Wie Sie sich erden und zu einer bewussten Lebensgestaltung finden“) sparen, indem Sie sich einen Hund zulegen und bei jedem Wetter mit dem rausgehen müssen.

Ok, so ein Hund kostet Zeit und Geld, deutlich mehr als für ein paar Ratgeber draufgehen würde, aber dafür sparen Sie an ganz ungeahnten anderen Ecken: edle Pumps adé, gute (helle) Hosen adé, Röcke und schicke Strumpfhosen sowieso – es lebe die Funktionskleidung, die täglich abwischbare!
Oder denken Sie an all die Urlaube, diese sauteuren Fernreisen, die Sie wegen Ihres Hundes nicht mehr machen können – was das Kohle spart!
Oder an das kostspielige Theater-Abo, das Sie gar nicht mehr haben wollen, weil Sie abends viel lieber im Rudel auf der Couch rumlümmeln und total spannende, preiswerte Serien auf DVD gucken, während Ihr Vierbeiner glücklich – weil Sie bei ihm daheim sind! – auf Ihnen liegt und schnarcht!

Aber ich bin schon wieder abgeschweift. Zurück in den Wald, in den erdigen Matsch, zum Regenspaziergang mit dem Hund.
Nach anderthalb Stunden kommen Sie also triefnass und spotzdreckig wieder nachhause. Ihr Hirn ist durchgepustet, Sie fühlen sich erfrischt, rundum geerdet eben. Denn Sie haben sich bewegt, haben den Boden unter Ihren Füßen gespürt und die Luft in Ihren Lungen. Sie sind gleichwohl ein wenig müde, wohlig müde aber, weshalb Sie beschließen, dass nur ein starker Kaffee nötig sein wird, um die Rückkehr an den Schreibtisch zu erleichtern.

Sie sperren die Tür auf, schälen sich aus all Ihrem Drecksgewand, wickeln die vierbeinige Erdwurst in ein Schmuddelhandtuch und tragen sie zur Wanne, auch hier wieder eine große Erdaktion, diesmal bräunlich dahingluckernd im Abfluss verschwindend. Sie wischen die Wanne sauber, hängen das ganze triefende Glump auf, derweil Ihr Dackel wie eine wildgewordene Hummel durch die Wohnung pest und so eine Art Schnelltrocknungsprogramm abfackelt, dem zuzusehen Ihnen größte Verzückung bereitet und zugleich die wiederkehrende Frage aufwirft, ob denn so ein Hund nicht auch mal wenigstens ein bisschen müde sein könnte, wenn er doch grad so ausgiebig draußen war!?!

Auf dem Weg zur Kaffeemaschine wehren Sie alle Bälle und Stofftiere ab, die Ihnen gekonnt zwischen die Füße gepfeffert werden, schließlich sind Sie der Chef in dieser Hütte und haben sich jetzt redlich Ihren Kaffee verdient. Genug gespielt! Schluss jetzt!
Mit klaren Worten schicken Sie den Hund in seinen Korb und wenden sich dem Kaffeekochen zu.

Während Sie dann müde an der Anrichte lehnen und dem Sprotzeln der Kaffeemaschine lauschen, vernehmen Sie ein leises Fiepen. Sie lehnen sich ein Stück über die Anrichte und schauen zum Körbchen hinüber, denn von dort kommt das Geräusch. Woher auch sonst.

Und dann sehen Sie das hier:Ihr noch nicht hinter den Ohren trockener vierbeiniger Terrorist traktiert Sie mit DIESEM Blick!
Und hat sich völlig eigenständig aus seinen 5 Spielsachen genau DIESE ausgewählt!
Wie kann das sein? Geht das noch mit rechten Dingen zu?

Ich sag Ihnen, es gibt eine geheime Akademie, auf der unsere Haushunde sich zu heimlichen Seminaren treffen, die ACLF (Academia Canis lupus familiaris) nämlich, in denen sie von den Ausgebufftesten ihrer Artgenossen in der hohen Kunst der Zweibeiner-Erdung und Menschen-um-die-Pfoten-Wickelung unterwiesen werden. Da steht irgendein weiser, graunasiger Labradoodle am Flipchart, skizziert Alltagsszenarien und sagt Sätze wie: „(…) und wenn gar nichts mehr zieht, dann müsst ihr sie eben zum Lachen bringen, dann habt ihr sie sofort wieder, und sie können nicht anders und werden weiterspielen mit euch, und es wird ihnen Spaß machen!“.

Ich sehe also meine Pippa an, wie sie ihr Kinn auf diesem beknackten Emoji geparkt hat und wie sie mich ansieht. Und kann nicht anders und muss lachen, aus tiefster Seele lachen.
Erneut löst sich etwas in mir in Wohlgefallen auf: die Fixierung aufs Koffein, die eben noch vorhandene Müdigkeit, das gedanklich schon vorweggenommene Eintreffen am Schreibtisch.

Hunde sind so wunderbar.
Und das letzte Wort über die Wunder des Hundes ist auch noch längst nicht geschrieben worden (frei nach Jack London).

Amen.

Einen schönen Wochenbeginn – mit oder ohne Hund – und allzeit gute Erdung wünscht Ihnen
Die Kraulquappe.

PS: Der Dackel von Kaiser Wilhelm II trug übrigens den wunderbaren Namen „Erdmann“.PPS: Es wird noch ein langer Arbeitsabend werden, an diesem schönen Regenmontag.

 

 

14 Gedanken zu „Hund haben (13).

  1. @Bauhund
    Haben Sie eigentlich auch immer einen Klappspaten dabei im Wald? Las neulich, dass ein im Bau gestellter Dachs oft amal einen Erdpropf zwischen sich und den kleinen Verfolger schiebt im Wurzellabyrinth, worauf man den Dachshund dann gelegentlich [sic] ausgraben müsse 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • Sakradi!
      Das las ich noch nicht, aber in dem konkreten Fall dürft’s unkritisch sein, da Pippa nicht auf Dachse aus ist, sondern nur ihren Ball verscharren will.
      Also: ich gehe (noch) klappspatenfrei in den Wald. 🙂

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  2. Kann denn Erde dreckig sein? Dreck ist etwas Unappetitliches, Unangenehmes. Etwas vor dem man sich ekelt, das riecht, das gar stinkt. Einfach etwas, mit dem man nichts zu tun haben möchte, vor dem man sich hütet, das man vermeidet. Ich habe zwar keinen Hund, aber einen Garten. Deshalb weiss ich, dass Erde organischer Schmutz ist, sozusagen biologisch rein und sauber. Und ich kann mir vorstellen, dass es für einen Hund manchmal ein Vergnügen ist, so richtig schön schmutzig zu sein. Auch wir Menschen brauchen Hautkontakt zur Erde. Bertolt Brecht hat sich jeden Morgen mit einem eigens konstruierten Maschinchen Dreck unter die Fingernägel geschoben, um glaubhaft proletarisch zu wirken. So was hast du mit deinem Erdhund bestimmt nicht nötig.

    Gefällt 3 Personen

    • Vielen Dank für deinen klugen und ausführlichen Kommentar!
      Schon die im Eingangssatz aufscheinende Analogie gefiel mir außerordentlich gut (ganz zu schweigen von der Anekdote über Brecht).
      Und überdies hast du natürlich recht: Erde ist im eigentlichen Wortsinne kein Dreck, so meinte ich das auch nicht. Hättest du mein Outfit und den Hundebauch/-pfoten nach dem Spaziergang gesehen, hätten wir gemeinsam nach dem passenden Begriff für die ganze Chose suchen können. Bleiben wir vorerst bei „organischer Schmutz“, wobei ich auch den „Schmutz“ noch gern ersetzen würde.
      Herzliche Grüße einstweilen!
      Natascha

      Gefällt 2 Personen

  3. Genau so ist es! Wer einen Hund hat braucht keine Lebensratgeber und keinen Therapeuten, entlastet die Krankenkasse und die Wartezimmer in den Arztpraxen. Hunde retten Menschenseelen und Menschenleben! Hach, ich sehe diesen graunasigen Labradoodle genau vor mir, wie er da am Flipchart steht. Jedoch: was genau dort in den Seminaren des ACLF passiert, werden wir nie begreifen. Aber wir werden es durch das Zusammenleben mit unseren Hunden merken und spüren: Das was wirklich wichtig ist im Leben! Und Pippa wird bestimmt mal die Ehrenvorsitzende der geheimen Akademie 🙂

    Gefällt 4 Personen

    • Für den graunasigen Doodle stand natürlich Bobby vor meinem geistigen Auge Pate, den hab ich also für dich da reingeschrieben, bereits ahnend, dass der Beitrag auch dir aus der Seele sprechen würde.
      Das Seminarangebot der ACLF ist übrigens in drei Level unterteilt (hat mir mal ein altersschwacher Dackel geflüstert): „basic“ – „advanced“ – „expert“. Und es gibt Hunderassen, die überspringen mindestens ein Level, kaum dass sie den Welpenschuhen entwachsen sind.
      Muss leider weiterarbeiten, aber wir tauschen uns dazu nochmal in Ruhe aus (wenn Bobby und Pippa mal schlafen), gell?

      Gefällt 2 Personen

  4. Köstlich!! Und ja, es stimmt, ein Hund erdet. Seelt. Glückt. Wenn wir, mein Askan und ich, abends dem Sonnenuntergang entgegen gehen, das Dorf zur Ruhe kommt, über Felder und Wiesen der Wind rauscht, dann bin ich einfach nur da. Es ist wunderbar! Ohne Hund geht gar nicht. Ich habe es versucht, nach 9 Monaten war ich reif für die Gummizelle. Entweder Einweisung oder neuer Hund. Und so zog Askan ein. Jetzt lebe ich wieder!! ❤️
    Grüße aus dem Neanderthal!

    Gefällt 2 Personen

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