Song des Tages (29).

Ich kann diesen Ort nicht ausstehen.
Scheinheilig liegt das Radiologicum an der Münchner Freiheit, aber von Freiheit ist nichts spürbar dort, es ist ein Ort der Enge, der Beklemmung, der Sterilität und der Technik. Es thront im 5. OG über den Dächern Schwabings, im gläsernen Aufzug schwebt man hinauf, trockene Lippen, kreislaufschwach, klamm an Händen und Füßen. Immer im Januar. Und immer ist alles grau: der Himmel, die Fassaden, die Stimmung. Heute auch ich: graue Stiefel, graue Jeans, grauer Mantel, graue Handschuhe. Nur der Schal ist türkis und die Überweisung hellgelb und der U-Bahnhof eigentlich auch ganz farbenfroh.

Der Befund dann allerdings der Beste seit Jahren, so dass der Radiologe nach kurzem Grübeln meint, man könne künftig glatt nur alle zwei Jahre kommen, was einen nach 16 Jahren schon sehr zu hören freut.
Erleichtert verlasse ich die Praxis, gehe zum Aufzug, eine kleine Frau steht dort und wartet. Wir steigen gemeinsam in den Glaskubus ein, ich meine, ich hätte sie schluchzen hören, bin mir aber nicht sicher. Als ich die „EG“-Taste drücke, sehe ich ihr Gesicht. Sie weint. Wie eine Comicfigur weint sie: die Tränen spritzen regelrecht links und rechts aus ihren Augenwinkeln heraus. Ihre Arme hängen wie leblos links und rechts neben ihrem recht rundlichen, in einen gesteppten Daunenparka gezwängten Körper herunter. Sie ist schätzungsweise so alt wie ich.
Ich fummle ein Päckchen Taschentücher aus meiner Manteltasche heraus, halte sie ihr hin und sage „Nehmen Sie doch eines!“.
„Jetzt habe ich Krebs…“, entgegnet sie, greift nach den Taschentüchern und fährt nach kurzem Naseputzen fort: „…und mein Freund hat sich zu Silvester aus dem Staub gemacht. Jetzt bin ich allein, jetzt bin ich nichts als allein.“.

Was ich ganz spontan antworten möchte, wage ich nicht zu sagen (zu banal und zu unpassend womöglich), also sage ich gar nichts und greife stattdessen mit beiden Armen um die schluchzende Daunenkugel herum und halte sie fest bis der Aufzug fünf Etagen später „Bing“ macht, weil er das Erdgeschoss erreicht hat, und dann nochmal „Bing, bing“, weil seine Tür sich öffnet und er die beiden Frauen gemeinsam in die Kälte und das Grau entlässt, wo sich ihre Wege alsbald trennen.

*****

But there’s things that’ll knock you down
You don’t even see coming
And send you crawling like a baby back home
You’re gonna find out that day sugar

When you’re alone you’re alone
When you’re alone you’re alone
When you’re alone you’re alone
When you’re alone you ain’t nothing but alone

I knew some day your runnin‘ would be through
And you’d think back on me and you
And your love would be strong
You’d forget all about the bad and think only of all the laughs that we had
And you’d wanna come home

Now it ain’t hard feelings or nothin‘ sugar
That ain’t what’s got me singing this song
It’s just nobody knows honey where love goes
But when it goes it’s gone gone

*****

Im Spätsommer 2014, auf meiner Reise durch Südschweden und Gotland, hörte ich viel Musik. Lange Autofahrten sind ja wie gemacht dafür und zu fast jeder meiner Stationen erinnere ich noch das Lied, das ich zur Ankunft oder bei der Abreise hörte.

Fünf Songs kristallisierten sich im Laufe dieser Wochen als die hartnäckigsten, besten und stimmigsten Begleiter heraus. Zu jedem einzelnen notierte ich mir damals, weshalb ich das so empfand.

When you’re alone, B. Springsteen. Lifetime really does have a tendency of sliding away faster than we can control. We have to learn to take life in its pleasures as it comes – and above all: spend time with people that make your life brighter, deeper, more complete and even more worth living. That’s what I realized while listening to this song. (Ronehamn, Kapten Grogg, am 3. Sept. 2014).“

Meine Güte, wie ich dieses Lied damals liebte und jede seiner Strophen mich so erfüllte, beglückte, befreite.
Ewig nicht mehr dran gedacht, ewig nicht mehr gehört.

*****

12 Gedanken zu „Song des Tages (29).

  1. Liebe Natascha,

    da kommen mir gleich mehrere Geschichten in den Sinn, die ich in den letzten 10 Jahren erlebt habe … alle bekamen sie Rückhalt, hatten Unterstützung in einer so schweren Zeit, wie Du ihn spontan und natürlich auch nur für diese wenigen Momente dieser Frau gegeben hast – ich wünsch ihr, daß sie sich irrt und unverhofft in ihrem Umfeld diesen Rückhalt findet … seien es Freunde, Bekannte, Kollegen oder Nachbarn, wenn sie wirklich sonst alleine dasteht … niemand sollte so etwas alleine durchstehen müssen …

    … und ich erinner mich an einen Tag im Mai 2012, an dem ich Bruce in Frankfurt sausen hab lassen, um mit einer Freundin ganz groß einen 40sten zu feiern, von dem sie lange nicht wußte, ob sie ihn erleben durfte. Sie feiert auch diesen Mai wieder – ganz normal im Kreis ihrer Familie …

    Liebe Grüße
    Spike

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    • Lieber Spike,
      da hast du wahrlich ein großes Opfer erbracht. Denn im Mai 2012 in Frankfurt hab ich das beste „Point blank“ ever erlebt (guck mal auf YouTube, falls du’s nicht eh kennst).
      Frankfurt im Mai 2012 wär‘ glatt mal einen eigenen Beitrag wert, das war die verpeilteste Reise meines Lebens: grad frisch Mutter geworden, also Dog-Ma, und erstmals haben wir den kleinen Stinker für 3 Tage weggeben müssen, zu meinen Schwiegereltern, damit wir gemeinsam zu Bruce gehen konnten. Die Schwiegereltern kamen zu uns, holten sie ab und ich seh mich noch auf dem Balkon stehen und ihnen nachschauen (das Hundemädchen so klein und so brav hinter ihnen herwackelnd!), bis ich nix mehr sehen konnte, weil ich so heulen musste. Absurd, aber so war das. Noch absurder war dann, dass ich – einer der größten Listen- und Organisationsjunkies unter der Sonne – beim anschließenden Packen meines Tramp-on-tour-Köfferchens eigentlich alles Wichtige vergaß: Zahnbürste, Unterwäsche, Nachthemd, nur 1 T-Shirt. Völlig idiotisch, halt dermaßen gefangen in meinem Trennungsschmerz…
      In Frankfurt angekommen durfte der Gatte erstmal mit mir Einkaufen gehen, was den Konzerttrip erheblich verteuerte, allein schon, weil ich von Frankfurt aus ja noch nach Köln weiterreiste und es daher mit dem Kauf nur eines weiteren T-Shirts etc. nicht getan war.
      Nun ja, jetzt isses auch erzählt, das Frankfurt-Mai-2012-Debakel.
      Liebe Grüße aus jenem Kaffeehaus, in dem wir letzten Herbst gemeinsam mit Sori über „Rosalita“ diskutierten und uns kennenlernten!

      Gefällt 1 Person

      • Liebe Natascha,

        sei mir nicht bös‘, aber Du bringst wieder FFM 2009 und 2012 durcheinander 😉 In 2012 gab es kein „Point Blank“, dafür ein fröhliches „Summertime Blues“ und mein bestes „Cadillac Ranch“.

        Aber wenn ich mir die Anekdote durchlese, fällt mir ein Zitat aus „Rosalita“ ein:
        „Someday we’ll look back on this and it will all seem funny.“

        Liebe Grüße aus dem kalten Wien,

        S.

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      • Liebe Sori,

        verdammter Obermist, verdammter. Ich glaube, ich sollte mir die beiden Setlists mal nebeneinander aufhängen…
        Aber komm du erst mal in mein Alter!
        Bitte hab ein Auge auf mich und korrigier mich weiterhin, wenn ich mal wieder verwechsle, welcher Psalm auf welcher Messe zum Besten gegeben wurde.

        Liebe Grüße aus dem ebenfalls kalten München!
        Natascha

        Gefällt 2 Personen

      • Guten Morgen ihr beiden Tramps!

        Ich stell einfach mal fest, daß wer „Point blank“ mal gehört hat, das nicht vergißt – und weil dieser Moment einfach erhebend ist, drängelt er sich in der Erinnerung dann auch mal einfach vor und mogelt sich unverschämterweise in ein weiteres Konzert am selben Ort …
        „Youngstown“, „Darkness“ und „Cadillac Ranch“ in Frankfurt verpaßt zu haben hat geschmerzt, denn die fehlten mir damals noch … zwei davon bekam ich mittlerweile, aber Bruce muß unbedingt nochmal mit der E Street Band auf Tour, damit ich auch „Darkness“ mal live erleben darf …

        Der Herr Kunze gestern abend war grandios und hat auch ein paar ewig nicht mehr gespielte Perlen gebracht – und weil die wackeren Schwaben alle auf die Sitztribüne wollten, landeten wir 20min nach Saalöffnung in Reihe 2 im schmalen Stehbereich vor der Bühne mit bester Sicht auf das Bühnengeschehen …

        Liebe Grüße aus dem Pulverschneetreiben in Ettlingen!
        Spike

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  2. In Köln war ich dabei, die Geburtstagsfeier lag auf halbem Weg … und natürlich hab ich die Crystal Cat von Frankfurt – ganz ohne Frage hab ich das bessere Konzert der beiden verpaßt … aber diese Feier gab’s nur einmal, und auch die war unvergeßlich … und ich war 2009 in Frankfurt, ebenfalls mit einem genialen „Point blank“, vor allem aber einem grandiosen „Jungleland“, das mit „Backstreets“ in Berlin zu meinen absoluten Highlights zählt …

    So, und jetzt mach ich mich mal klar für die Fahrt nach Stuttgart zu Heinz Rudolf Kunze – bei Pforzheim ist schon wieder Stau – durch diese hohle Gasse muß er kommen … es führt kein andrer Weg nach Küssnacht … !
    (p.s.: Mein Tour-Trolli ist dauer-gepackt … )

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