Nebenbei.

Rottach-Egern, im Winter 2015.

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„Jetzt besitz‘ ich nur noch ein Paar Schuhe, das keinen Klettverschluss hat“, sagt der Papa nebenbei.
So wie man nebenbei sagt „Ich geh mal schnell Hände waschen“ oder „Nimmst du bitte nachher den Müll mit runter“ und schon spricht er weiter über seine Pläne zu Korfu und der Schiffsreise, die er ins Auge gefasst hat, weil Reisen, bei denen man sich irgendwie aus eigener Kraft vorwärts bewegen müsste, so ganz nebenbei ein Ding der Unmöglichkeit geworden sind.
Kaum zu glauben, wie schnell das doch gegangen ist, denke ich, die gemeinsame Reise nach Helsinki ist noch keine vier Jahre her und vor drei Jahren hütete er noch relativ munter ein ganzes Wochenende das Dackelfräulein, auch das ist mittlerweile undenkbar geworden, heute bereitet es ihm schon Mühe, sich zu ihr hinunterzubücken.

Als wir schon längst nicht mehr über Korfu reden, sondern über unser nächstes Wiedersehen, erfahre ich nebenbei, dass er Autofahrten vom Tegernsee nach München seit einiger Zeit vermeidet, wegen der schwächeren Sehkraft und den stärkeren Wassereinlagerungen in seinem „Gaspedalfuß“. Er lässt die Lebensgefährtin fahren oder steigt in die BOB oder – und dies vermutlich der häufigste der Fälle – er bleibt zuhause.

Den Polt hätte er vor ein paar Tagen mit „Braucht’s des?“ in Tölz gesehen, erzählt er, und das sei so gut gewesen, und ob ich noch wüsste, wie wir den zusammen im Florianstadl unterhalb vom Kloster Andechs gesehen hätten, damals vor soundsoviel Jahren, er hat’s vergessen und ich weiß auch nur noch, dass, aber nicht mehr, wann. Und ganz nebenbei merkt er an, jetzt hätte er den wohl zum letzten Mal gesehen.
Die Erwähnung dieser letzten Male ist eh seit geraumer Zeit eine seiner Spezialitäten und mit seinem rheinischen Humor heißt es dann trocken: „letzter Matratzenkauf vor Pflegeheim“, „letzte Saison Theater-Abo fürs Resi“, „letztes Auto vor dem Rollator“, „letztes neues Glassortiment vor der Schnabeltasse“.

Eine Weile spielte und lachte ich da noch mit, heute ertappte ich mich dabei, wie ich dem vermeintlich „letzten Polt“ entgegenhielt, dass er den doch bestimmt nochmal sehen würde.
Schon seltsam: so lange ich noch der Ansicht war, dass es sich ganz sicher noch nicht um die letzten Male handeln würde – wie bei Matratze, Theater-Abo, Auto und Gläsern – widersprach ich ihm nicht.
Und nun, da ich denke, er könne recht haben und den Polt tatsächlich zum letzten Mal gesehen haben, behaupte ich auf einmal das Gegenteil.
Was soll das denn? Werde ich ihm in ein paar Jahren womöglich erzählen, der Nikolaus hätte ihm die Schokolade mitgebracht oder das Christkind hätte ihm ein Päckchen geschickt?
Beginnt mit sich anpirschendem Ernst der Lage (um nicht zu sagen: Todernst) nun die Verstellung, das Theaterspielen, das So-tun-als-ob? Hilft das irgendwas oder irgendwem oder sollte man das nicht tunlichst bleibenlassen?

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Nebenbei habe ich die neuen Treter heute erstmals ausgeführt.
Zusammen mit Fräulein Hund, auf obigem Foto als Prinzessin Eisbart zu sehen, eine kleine, vertraute Tour bergauf. Leider kommen wir nicht bis zur Hütte.
Verlaufen (ich! – der Hund hätt‘ an der richtigen Stelle nach rechts gewollt!), da die Spur eingeschneit war und wir treudoof einem Schneeschuhgeher hinterher sind, der dann aber umkehrte, weil sein Trampelpfad nirgendwo hinführte, was er auch nur daran merkte, dass ihm zwei andere Wanderer entgegenkamen, die ebenfalls zur Umkehr gezwungen waren.

Also zu viert wieder ein Stück hinab und dann an eben jener Stelle der Hundenase gefolgt, die den Weg ja sofort gewusst hätte (wie auch immer das geht im tiefsten Tiefschnee und ohne, dass da Spuren ersichtlich waren – weiß sie’s tatsächlich noch vom letzten Sommer, wo wir mehrfach dort hinaufstiegen?), leider dann nach zehn Minuten schon wieder Ende Gelände, diesmal wegen eines Lawinenabgangs (naiv wie ich bin vermute ich sowas ja nicht auf 1.200m Höhe), der beeindruckend aussah.

Gut, dass man eine Banane (schwesterlich mit dem Wanderdackel geteilt) und ein Stück Lindt-extracremig dabeihatte, denn sonst wär’s happig geworden, weil wir ja fest mit der Hütteneinkehr gerechnet hatten und das ist dann schon blöd, wenn man den Dachfirst der Hütte zwar fast schon durch die obersten, lichten Tannen schimmern sieht, aber halt nicht hinaufkommt, zumindest nicht auf dem Weg, den man sich in den Kopf gesetzt hatte.

Trotzdem schön, der kleine Ausflug, denn die neuen Stiefel sind dicht und warm, und ihr Profil tatsächlich so „aggressiv – da hat der nette Verkäufer nicht geflunkert -, dass man nicht mal Grödel brauchte, zumindest nicht auf den Wegstücken mit glatter Schneedecke, an denen man mal nicht alle paar Meter mindestens knietief einbrach.

Schätzungsweise sind das meine vorvorletzten Bergstiefel dieser Güteklasse, wenn die neuen so lang halten, wie es die alten taten und ich noch in derselben Häufigkeit damit unterwegs sein werde.
Mein Berliner Freund M. meinte neulich mal nebenbei, als wir abends zusammensaßen und es auch grad um „letzte Male“ ging (konkret: werden wir Bruce nochmal sehen oder war’s das schon?), er hätte sich ziemlich erschreckt bei der Feststellung, dass er nur noch 4-5 Fußball-WMs miterleben würde – das sei ja nun an einer Hand abzuzählen und das habe ihn sehr beklemmt.

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Ach, Papa.

Und die grauen Strähnen auf dem Kopf von Prinzessin Eisbart werden mehr und mehr. Meine eigenen, nebenbei bemerkt, ebenso.
Was tun, wenn die, die so wichtig sind, sich eines Tages vor einem vom Acker machen werden?

Auf der Heimfahrt dann den Dylan gehört und danach den Ambros und daheim dann noch das hier gefunden.

Und das hier.

Di soll’s geb’n, solang’s die Welt gibt,
und die Welt soll’s immer geb’n,
ohne Angst und ohne Dummheit,
ohne Hochmut sollst Du leb’n.
Zu de Wunder und zur Seligkeit
is‘ dann bloß a Katzensprung,
und wann du wüist,
bleibst immer jung.
Du sollst wachsen bis in‘ Himmel,
wo du bist, soll Himmel sein,
du sollst Wahrheit reden, Wahrheit tun,
du sollst verzeih’n.

Wann’st Vertraun hast in di selber,
dann brauchst ka Versicherung
und wann du wüist
bleibst immer jung.
Du sollst nie aufhörn zum Lernen,
arbeit‘ mit der Phantasie,
wann’st dei Glück gerecht behandelst,
dann verlaßt’s di nie.
Und du sollst vor Liebe brennen,
und vor Begeisterung,
weil dann bleibst
für immer jung.

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12 Gedanken zu „Nebenbei.

  1. liebe kraulquappe,
    danke für meine fast-lieblingsversionen von „forever young / für immer jung“ – jener von AnnenMayKantereit/Niedecken. mir gefällt diese version extrem gut https://www.youtube.com/watch?v=33HrQluMdF0 – sie berührt mich zutiefst weil ich andre heller(’s stimme) sehr mag. da kommt auch die 1982-version von heller/ambros nicht heran !
    lg aus wien, auch an’s dackelfräulein

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  2. Wegen der vorvorletzten Bergstiefel brauchst Du Dir glaub ich gar keine Sorgen machen – schon allein deswegen, weil der Kram heute bei weitem nicht so lange hält wie früher 😉 Wünsche Dir/Euch weitere tolle Wanderungen und hoffe auf die schönen Berichte und Bilder!

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    • Ich fürchte, da hast Du recht: dieses neue Glump hält oft nur halb so lang, aktuell geht’s mir so mit der noch recht neuen Waschmaschine. Selber Hersteller, aber kein Vergleich zu der, mit der ich zuvor 17 glückliche Jahre verbrachte.
      Liebe Grüße!

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  3. Liebe Natascha,

    ihr macht das schon richtig so … carpe diem und dabei Erinnerungen sammeln … und wenn sie auch noch so schön in Wort und Bild festgehalten sind, dann hat die Komplizin des Vergessens schlechte Karten und maximal die Kumpanin der Verklärung kann versuchen, noch etwas güldenen Flitter zwischen die Zeilen zu streuen, so daß Du irgendwann, wenn es WordPress vielleicht schon lange nicht mehr gibt, auf einem mega-aktuellen Gadget, dessen geniale Funktionalität wir noch nicht erahnen, in Deiner Sicherungskopie des Blogs blätterst und schmunzelnd daran zurückdenkst, wie ihr zwei der falschen Fährte gefolgt seid, während Pippa die Nase für den richtigen Weg hatte …

    … und auch ich sag ein Dankeschön für Wolferl und Wolfjang, die ich beide in diesem Sommer live erleben werde … an einem Abend sogar beide nacheinander und sicher auch miteinander – vielleicht sogar mit diesem Song, wer weiß … und im Hintergrund ein fränkisches Kloster …

    Liebe Grüße,
    Spike

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    • Lieber Spike,
      “someday we’ll look back on this and it will all seem funny” (oder gülden oder zumindest erinnernswert), dachte ich so, beim Lesen deiner Zeilen, für die ich dir herzlich danke.
      Fränkisches Kloster? Sommer? Doppelwolferl? Ich hab am 13. Juli Geburtstag und nehme Geschenke bis zu 6 Wochen vorher und 6 Wochen nachher entgegen. Vielleicht passt das zeitlich noch. Bin auch pünktlich am Treffpunkt und sowieso die Zuverlässigkeit in Person.
      Besorge mir jetzt prophylaktisch mal das erste Lehrbuch „Kölsch für Anfänger“ und kauf mir einen Kasten zum Üben (Humor war auch schon mal wendiger, aber die Beine san schwer heut und das Hirn ebenso).
      Liebe Grüße & bis bald,
      Natascha

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      • Ich wußte dieses Zitat mußte kommen …

        Wo hab ich nur meine Brille … winkt da jemand mit nem Zaunpfahl? … Ich seh’s nicht recht … hat jemand nen virtuellen Hut, den man mal rumgehen lassen kann?

        Jaaa … Kölsch, die einzige Sprache, die man auch trinken kann … !
        (… und keine Sorge, das Hirn wird davon nicht wirklich schwerer, solange man die Dinger nicht dutzendweise zu sich nimmt … ;o)

        p.s.: Ähm … ich hab da schon ’ne Natascha dabei … gibt’s da irgendwelche Grenzwerte bei der Dosierung zu beachten?

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      • Lieber Spike,
        nachdem noch kein bleischwerer Hut hier eintraf, bin ich noch am Überlegen, wie ich’s mit Banz mache oder nicht mache. Das muss jetzt noch ein Weilchen in der Schwebe bleiben, denn meine aktuelle Ticket-Hoffnung gilt einem Österreicher auf einer der großen Theaterbühnen, und je nachdem, ob die sich erfüllt oder zerschlägt, sehen wir banztechnisch weiter.
        Was den zulässigen Grenzwert bei der Mitnahme von Na_taschen zu Open-Air-Konzerten angeht, kann ich dich jedenfalls trösten: drei wären erlaubt, sofern das begleitende Geldbörsel in der Lage ist, allen dreien ein Bierchen auszugeben.
        Herzliche Grüße
        Natascha

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      • Liebe Natascha,

        das Geldbörserl sollte die Belastung aushalten, zumal ja noch eine Natascha Luft wäre … (mal schauen, wo ich noch eine herzaubere … ;o)
        Und ich drück jetzt einfach mal die Daumen, daß sich Deine theatralische Ticket-Hoffnung nicht zerschlägt, in der Annahme, daß es sich nicht um eine terminliche Überschneidung handelt, und in der Hoffnung, daß es sich irgendwie ergibt, daß Du dann doch beides erleben kannst …

        *festediedaumendrück*
        Spike

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  4. Naja…. Ambros live auf „Verwahrlost aber live“ ist halt nicht zu toppen. Obwohl: Die Aufnahmetechniker haben dort verpennt, ein paar Mikros ins Publikum zu hängen: Die Massenchöre sind ziemlich weit nach hinten gemischt



    .
    Aber mit dem „vom Acker machen“ der Lieben vor einem selber – da sprichste was an: Bei mir ging das früh los. Fünf Tote in meiner POS-Klasse inzwischen, und bis auf einen – die falschen! Da hätt‘ ich mir doch glatt so eine Alte -Männer-Runde erträumt für später, aber nix war’s.

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