Alle Zeit der Welt oder: Es hängt.

Ein schwieriger und seltsamer Tag heute.

Im Grunde fing’s schon gestern an, mit der Zitterpartie im Innenstadtklinikum (je älter, desto verspannter vor und bei speziellen Arztterminen), der Hagebuttenkrapfen im Anschluss und der überfällige Erstbesuch der Buchhandlung hier im Viertel haben’s kurzfristig ein bisserl rausgerissen…

Das „Buch & Bohne“, endlich mal aufgesucht.

…abends folgte noch das wöchentliche Zähneputzritual mit dem Dackelfräulein, ein die Nerven aller Beteiligten stets ziemlich strapazierendes Unterfangen, dessen Durchführung uns die Tierärztin täglich anriet, was absolut undenkbar ist.
Danach ein niederschmetternder Austausch mit einem, der in eine Nachfrage ein Urteil hineininterpretierte, seinerseits aber nicht nachfragte, ob er damit richtig läge, sondern brüskiert zu dem Schluss kam, ich hätte ihn extrem missverstanden – und auch dabei blieb (was soll man da noch tun, sagen, denken?).

*****

Heut Morgen dann früh raus und – wie in alten, vertrauten Springsteen-Vorverkaufsbeginn-Zeiten – mit Kaffee und Kreditkarte bewaffnet an den Schreibtisch gesetzt, vor fünf Browserfenstern wartend, vermeintlich gewappnet für alles, trotz begleitender gastrointestinaler Symptome (wie immer bei solchen Anlässen konstatierend: zu dünnhäutig und zu wenig robust, für so vieles), sich nach 15 Minuten gefragt, warum man sich diesen Mist eigentlich antut (man möcht‘ so gern einfach wo anrufen oder hingehen und sagen: „Guten Morgen, ich hätt‘ gern zwei Karten für…“), denn es kommt, wie es kommen musste, sobald der Online-Vorverkauf freigeschaltet wird: das erste Fenster hängt sich wegen Überlastung des Servers auf, das zweite bricht kurz vor dem Bezahlvorgang ab, das dritte verkündet, man sei bereits eingeloggt und könne sich nicht erneut einloggen, das vierte zeigt eine Sanduhr und im Hintergrund verschwommen den Warenkorb und das fünfte schafft ums Verrecken den Bildaufbau der Saalplanmaske nicht.

Also alles wieder von vorne, parallel auch noch alles auf dem Laptop – und nach 45 Minuten sind tatsächlich zwei Theaterkarten bestellt, für den Geburtstag des Gatten. Darauf einen Nutella-Toast!
Das eigentliche Geschenk ist ja in solchen Fällen sowieso der Buchungsvorgang, nicht etwa der Theaterbesuch (denn der Gatte wäre allein wohl gar nicht bis zu diesem Punkt gekommen, weil der hat’s nicht so mit den Widrigkeiten der Technik).

Aber jetzt haben wir ihn in der Tasche, den Ofczarek – für drei Stunden diese Stimme, diesen Dialekt und diese Wien-Visage der Extraklasse!

*****

Auch der weitere Tagesverlauf passt zu den fünf Browerfenstern am Morgen: er hängt.

Alles hängt, auch das, von dem man dachte, es würde jetzt voran- oder vorübergehen (muss man hier nicht im Einzelnen notieren, denn es geht ja auch vorüber, nur eben nicht heute).
Das Dackelfräulein nicht gut in Form: die Hormone mal wieder, bald wird sie Mutter, meint sie, und schaltet schon mal um auf den Omi-Schlurf-Modus, damit sie bis zur fiktiven Niederkunft möglichst ressourchenschonend über die Runden kommt (ein minimal zu strenges Wort und schon hängen die Ohren bis zum Trottoir hinunter und dazu ein Blick, als hätte man ihr ohne Anästhesie die Milz rausgerissen).
Mittags ein kurzer Besuch von dem, der sich missverstanden fühlte: ich bemühe und erkläre mich, und er meint schließlich, er glaubt mir nicht (was soll man da noch tun, sagen, denken?).
Danach ein Anruf vom Papa: dass die beiden neuen Parkinsontherapien ihn irgendwie überfordern und er nicht wisse, ob er da weiter hingehen solle, wolle, könne.
Irgendwann zwischendurch trudelt ein trostloses Foto ein, vom Gatten aufs Handy geschickt: darauf ein trostloses Hotel in einer trostlosen Stadt, eine Vortragsreise, gottseidank morgen schon wieder vorbei.
Vor dem Supermarkt schließlich ein uralter Hund: die Pfote verbunden, mit leerem Blick geduldig wartend, ein vorbeigehender Prolet pöbelt ihn an, weil der Hund ein wenig im Weg sitzt, woraufhin ich so tue, als wäre es mein Hund, zu ihm gehe, um so den Pöbler zu vertreiben, was auch gelingt und sogleich von einem schwachen Wedeln quittiert wird, aber ich (kurz vor dem Losheulen) flüchte schnell in den Laden.

*****

Am Abend ganz unerwartet ein Umschwung.
Bis dahin aber bereits so gerädert, dass man sich gar nicht gleich so richtig freuen kann, wenn eines der beruflichen Projekte sich plötzlich genau so fügt, wie man’s haben wollte, nahezu mit allen Details. Das ist doch was (hätte man’s nur morgens schon gewusst, dass das noch kommen würde).

Darauf einen Grünen Veltliner!
Und dem Papa eine Mail geschrieben, dass er doch bitte nicht so früh die Flinte ins Korn werfen solle, was die neuen Behandlungsmethoden beträfe, und dass ich ihm dankbar sei, weil er mich schon als Kind dazu ermutigt habe, immer offen zu artikulieren, was ich gern hätte und was nicht („Andere können nicht riechen, was du möchtest, das musst du ihnen schon sagen!“ / „Mehr als Nein sagen kann der andere ja nicht!“).

Meine Kindheit war keine allzu lustige oder schöne, aber dieser Appell, der war wirklich gut für mich.

*****

11 Gedanken zu „Alle Zeit der Welt oder: Es hängt.

  1. Guten Morgen Natascha,

    Gratulation zur erfolgreichen Buchung – und mein aufrichtiges Mitgefühl zum Ablauf derselben … erinnert auch mich an meine 2016er Springsteen-Buchung für München und Berlin parallel auf Läppi und PC bei jeweils 2 Anbietern, also in 4 Fenstern … da wird Adrenalin ausgeschüttet wie sonst in Summe im ganzen Jahr nicht …

    Das Video absolut genial … da fällt mir spontan ein Text ein, den ich Anfang der 90er mal ins Badische übertragen hab – das englische Original kennst Du sicher …

    Häb mer ä Magnum gekauft, ä vierevierzjer Rohr,
    für Gott un Elvis häb i abdrickt – de anner Finger im Ohr –
    bis de Kaschte in Trümmer war, kei Lämpl meh glimmt.
    De Noochber ruft d‘ Polente, sagt:“Der Kerl do spinnt!“
    De Richter frogt:“Was hasch zu deiner Vertaidigung?“
    Ich sag:“Fuchzig Kanäl, Herr Richter! Fuchzig Kanäl, zum Deifel!
    Fuchzig Kanäl un wirklich nix wie Schund …!!!“

    Sonnige Grüße!
    Spike
    p.s.: … und doch welch mitfühlende Seele … erspart dem armen Läppi mit dem Kissen, dem Tod direkt ins Auge schauen zu müssen …

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    • Lieber Spike,

      ich liebe solche kleinen Rätsel! Hab das kurz so auf mich wirken lassen, deine Übersetzung ins Badische und schon war’s präsent (man hört’s ja dann richtig in sich, es singt in einem):
      „So I bought a 44 magnum it was solid steel cast
      And in the blessed name of Elvis well I just let it blast
      Til my TV lay in pieces there at my feet
      And they busted me for disturbing the almighty peace…“

      Sehr schön. Danke!
      Ein Bruce am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen.
      Heut brech ich mir hier einen ab, um die passende Unterkunft zu den gestern so mühsam gebuchten Tickets zu finden. Kennst du ja auch zur Genüge. Wobei das nicht mit Konzerttrips zu vergleichen ist, die man ohne Dackel unternimmt…
      Suchkriterien: schön, ruhig, groß, sauber, Grünfläche vor der Nase, Aufzug oder im Erdgeschoss, passable Gegend, U-Bahn oder Tram vor der Tür, ein nettes Café ums Eck, ein paar Lokale in der Nähe, am besten auch noch ein Schwimmbad, wenn möglich auch eines mit 50m-Becken. Da wird so eine kleine Reise schon mal ein großes Projekt! Wo war doch gleich die 44er Magnum?
      Bis bald und liebe Grüße
      Natascha

      PS: Ja, Berlin und München 2016 haben wir buchungstechnisch auch so erlebt. Wir waren zu dritt am Werk, jeder vor 4 Fenstern und in Panik, und schlussendlich hatten wir 12 Tickets, obwohl wir nur 5 brauchten, aber die gingen dann (ich sag lieber nicht, wo und wie) weg wie die warmen Semmeln.

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      • Da juckt’s ja zu fragen, wie denn die musikalische Begleitung im inneren Ohr klang … erklang da die Studio-Version von 1992 oder eher eine Solo-Live-Version?
        Ich muß gestehen, daß ich Hotel-Buchungen so gar nicht gerne mach, schon gar nicht für andere noch mit … meist mach‘ ich da Arbeitsteilung mit meiner Konzertbegleitung: Ich buch die Tickets, der/die andere das Hotel – zumal ich da recht anspruchslos bin, solange es sauber ist und die sanitären Anlagen nicht mit Fremden geteilt werden müssen … ich drück mal die Daumen, daß Du Deine Wohlfühl-Oase für den Theater-Trip findest und buchen kannst …
        Ich hatte 2016 genaue Instruktionen: Je 3 Tickets pro Location … Berlin klappte FoS, in München war ich froh, wenigstens Innenraum zu bekommen – FoS war weg, als ich durchkam … wir landeten dann aber fast direkt am FoS Wellenbrecher und genau beim 1. Podest: Bei Jake’s Solo in „Hungry Heart“ hatte ich sozusagen Bühnensound, denn sein Sax hörte ich aus 3m Entfernung lauter, als es aus den Boxen klang …
        Ja, überzählige Springsteen-Tickets waren noch nie ein Problem …

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      • Bingo! Meine Übersetzungsvorlage war damals der „Acoustic Tales“ Bootleg von den Shrine Auditorium-Konzerten 1990 … da hatte der Song auch noch paar Zeilen mehr Text als in der offiziellen Version … glaub ich hab damals um die 50DM für die 2CD-Box bezahlt …

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