Song des Tages (32).

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Soundtrack meines Lebens (nach langer Zeit mal wieder gehört, auf dem nächtlichen Heimweg vom Schwimmbad): Something in the night.

Einer dieser Songs, die – wenn man so richtig eintaucht in Text und Ton – weit mehr als nur eine fünfminütige Momentaufnahme oder ein Schlaglicht sind.
Einer dieser Songs, die eine Geschichte erzählen, genauer gesagt: ein Drama.

Ein Drama, das über seine Handlung hinaus so reich an Platzhaltern und Metaphern ist, dass es einem jeden freisteht, hineinzufüllen und herauszulesen, wonach auch immer es ihn drängt. Oder die Leerstellen und Sinnbilder so zu belassen, wie sie sind – als ein Etwas in der Nacht.
Ein Etwas, das sowohl zum Jäger als auch zum Gejagten wird, ein ewiges Wechselspiel zwischen Vergeblichkeit und Verdammnis, dem man sich entweder ausliefert oder dessentwegen man sich tunlichst aus dem Staub macht.

Wohl besser Letzteres, um nicht als Versehrter zu enden oder von der einst so süßen Lady Luck, die sich während dieses Trips als bitterer Mister Misfortune entpuppte, gar den Schierlingsbecher in die klammen Hände gedrückt zu bekommen.

Dieser ebenso simple wie wuchtige Song: ein klassisches Drama, allerdings eines in nur vier Akten statt der üblichen fünf – denn es endet unmittelbar nach der Retardation.
In seinem vierten und finalen Akt werden die Lyrics nur noch von den Drums begleitet – doch was heißt „nur noch“?!

Diese Beats: einem wummerden Herzschlag gleich (so überdeutlich, wie durch ein Stethoskop), ob es der eigene oder der der Nacht ist, das bleibt ebenso im Dunkeln wie eigentlich der ganze Song – vom Piano-Intro über den Urschrei, die Story, das Verschwinden der Band bis hin zu diesem so reduzierten, schlichten, existenziellen Pulsieren – mehr oder minder blind durch die Finsternis irrt.

Es ist daher nur folgerichtig, dass das Stück vor dem fünften Akt, in dem es zur Katastrophe (sehr wahrscheinlich) oder zur Auflösung (hier eher unwahrscheinlich) kommen könnte, retardiert, dass es also sekundenlang in diesem eindringlichen Pochen verharrt und anschließend mit demselben Schrei, aus dem es geboren wurde, ausklingt, um nicht zu sagen abstirbt – und einen erschüttert und verloren zurücklässt (dieser Schrei: eine Reprise ist er, kein Schluss, denn das wäre zu einfach, viel zu einfach).

Einen zurücklässt in der Dunkelheit der Nacht, irgendwo auf einer dieser undeutlich eingezeichneten Straßen der eigenen Lebenslandkarte, auf denen die Gefahr lauert, sich gnadenlos zu verfahren, an den entscheidenden Kreuzungen falsch abzubiegen, irgendwo unterwegs in der Düsternis wegen Spritmangel liegenzubleiben oder wegen schlechter Sicht in die Leitplanke zu rauschen.

When we found the things we loved
They were crushed and dying in the dirt
We tried to pick up the pieces
And get away without getting hurt

Und hier der komplette Text zu den vier Akten:

5 Gedanken zu „Song des Tages (32).

  1. Liebe Natascha,
    ich stelle immer wieder fest, wie reich ich schon bei meinem ersten Springsteen Live-Erlebnis 2008 in Hamburg beschenkt wurde. Bei der persönlichen Premiere gleich so eine Perle aus dem Springsteen-Repertoire erleben zu dürfen … ein absoluter Hammer-Song in seiner Schlichtheit und doch so fesselnden Eindringlichkeit … der Pulsschlag der letzten Strophe hallte durch’s Stadion, Bruce’s Telecaster setzte ein und danach dieser Urschrei …
    Danke für’s erinnern …!
    Spike

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    • Lieber Spike,
      das freut mich, dass du das auch so siehst. Der Song ist die Wucht, ich hab das erst spät geschnallt. Leider aber schon vor HH 2008. „Leider“, weil da stand ich weit hinten in der Arena, wir waren damals ’ne größere Gruppe und hatten ein paar ältere Herrn dabei, die wg. ihrer Bandscheiben (!) nicht in den Pit konnten. Tja. Mein Lebenstraum, 1x bei Bruce auf den Schultern eines großen, starken Mannes sitzen zu können, geriet also bereits dort ins Wanken…
      Sonnige Grüße aus München,
      Natascha
      PS: Bin aufm Weg zum Orthopäden 😖
      PPS: Sapperlott, da hab ich dir ja glatt 23 Jahre Bruce-Live-Erfahrung voraus 😎

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      • … um die ich Dich logischerweise beneide … ! Der späte Live-Einstieg bei Bruce war ne Verquickung von weit-ab-vom-Schuß und lange Zeit schlecht vernetzt, was Musik-Events betraf …
        Aber in Sachen Hamburg stell ich erstaunliche Parallelen fest … ich war mit einem Arbeitskollegen mit Knieproblemen angereist, der ebenfalls nicht in die Crowd wollte, und so standen wir hinter der Menge im Freiraum nahe der Hinterauslinie … Bruce sah ich also nur dank der großen Leinwände … dafür hatte ich genügend Platz für meine Luftgitarrensoli … und ich war eh hin und weg, weil ich neun meiner absoluten Favoriten bekam – und da sind die super-raren „Incident on 57th Street“ und „Held up without a Gun“, die ich damals nicht so auf dem Schirm hatte, noch gar nicht gerechnet …
        Hey, ich hoffe doch das ist nix, was irgendwie einen Theaterabend gefährden könnte? *festediedaumendrück*
        Sonnige Grüße zurück!
        Spike

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      • „Incident“ hab ich auch erst später entdeckt, irgendwie dauert’s halt, bis man sich durchs gesamte Œuvre durchgepflügt hat und manche Songs waren auch nix für die Teeniezeit, dafür hatte man da noch einen heilen Ellenbogen 😬
        Wenn die Spritze dann wirkt, sollte dem Handschlag am Künsterausgang nichts mehr im Wege stehen…
        Winke dir mit links zu und wünsche einen schönen Feierabend.
        Und grüß den Kirschbaum!

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      • Ach die dauer-lädierte Kraulquappenflosse ist’s … dann hoff ich doch die Spritze macht ihren Job gut, so daß das sich-die-Flosse-geben mit dem Künstler einzig und allein Freudentränen verursacht …

        Winke heftigst zurück – Kirschbaum hinter Jalousie auch (vermute ich mal)
        Spike

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