Song des Tages (34).

Schon der zweite Traum von B. innerhalb weniger Tage.
Und eine völlig neue Traumkategorie erlebt: den Traum im Traum, sozusagen.

*****

In dem zu Pfingsten geträumten war ich mal wieder (eine schon vertraute Traumsequenz) im selben Hotel gelandet wie B., und nicht die Einzige, die sich über das zufällige Entdecken dieser Prominenz freute. Nett, wie er in meinen Träumen immer ist, lässt er sich ganz spontan an der Bar zu einem kleinen Signier- und Plauderstündchen nieder.

Die anderen interessierten Hotelgäste rücken mit seiner Autobiographie unterm Arm an und wünschen sich ein Autogramm auf der vordersten Vakatseite, vielleicht noch mit ihrem Namen davor.
Mir ist das zu schnöde. Ich sause auf mein Hotelzimmer und hole ein Album im DIN A3-Format aus meinem Koffer. Seitliche Spiralbindung, schwarzer Karton mit breiten Rillen außen, die schwarzen Seiten im Inneren mit weißer Tusche beschriftet, alle Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte etc. seit 1985 sorgsam eingeklebt (nein, ein solches Album gibt es in echt nicht bzw. nicht mehr). Zufällig habe ich dieses Riesending dabei, wie das halt in Träumen so ist.

Bis ich wieder in der Bar ankomme, ist von der kleinen Schlange vor dem Tresen nur noch eine Person übrig, B. signiert fix das Buch, die beiden tauschen noch zwei Sätze aus, dann bin ich dran. Ich lege das unhandliche Album auf den Tresen, er guckt verdutzt, ich schlage es auf, reiche ihm einen Silberlackstift und bitte ihn, er solle sich ein freies Fleckerl aussuchen. Er blättert es durch und bleibt auf der seltsamsten aller Seiten in diesem Buch hängen: eine schwarze Doppelseite, auf der lediglich links oben ein Aufkleber pappt: ein knallroter Kussmund mit herausgestreckter Zunge. Ja genau, der von den Stones. Was auch immer der in dieser Devotionaliensammlung verloren hat. Egal.

B. bleibt bei dieser Seite, zieht die Kappe vom Silberlackstift ab und guckt mich erwartungsvoll an. Siedend heiß fällt mir ein, dass ich mir ja noch gar nicht überlegt habe, was ich da gern für eine Widmung drinstehen hätte. Am liebsten freie Prosa, aber so läuft das ja nicht, wenn man sich nicht kennt.
Sonst ein wandelndes Songbook und überhaupt ja mit einer gewissen textlichen Spontaneität ausgestattet, ist mein Hirn in dem Augenblick wie leergefegt.

B. lacht mich an und kratzt sich mit der Hinterseite des Lackstifts im Nacken. Der erste Textfetzen, der mir wieder zu Bewusstsein kommt, ist eine eine Zeile aus Badlands. Zufällig auch der Untertitel des Blogs einer Freundin. Den stammle ich dann: It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Er schmunzelt, fragt nach meinem Namen, schüttelt den Stift nochmal, das Kügelchen im Inneren des Stifts scheppert wie wild, und dann schreibt er – in dem Augenblick ganz ernst und konzentriert dreinblickend – diesen Satz quer über die schwarze Doppelseite. It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Drunter noch eine persönliche Widmung, die ich nicht erinnere, weil ich ja wie gelähmt bin von dem Moment selbst, der Atmosphäre, der fehlenden Distanz, der Intimität dieses Augenblicks.

Wir unterhalten uns noch kurz – er spricht sogar ein paar Brocken Deutsch – und danach ziehe ich mit meinem monströsen Album, das ich wie einen Pokal in beiden Händen halte, selig von dannen.

*****

Heute Nacht dann eine andere Szenerie.
My Hometown. Das Fräulein und ich abends auf dem Flauchersteg, große Abendgassirunde am Ende eines heißen Sommertages.
Dort steht ein Mann mit Stadtplan am Geländer und guckt abwechselnd in den aufgefalteten Plan oder gen Süden. In einer eher seltenen Aufwallung von sommerlicher Lockerheit und menschlicher Zugewandtheit gehe ich hin und frage, ob ich helfen könne. Kann ich bestimmt, sagt er, und als er sich zu mir dreht, erkenne ich B. Und er mich.
Wir hätten uns doch erst neulich im Hotel getroffen, meint er. Ich bin perplex, weil mir im Traum bewusst ist, dass diese Hotelbegegnung doch eine geträumte war, aber wie er das so sagt, bin mir dann nicht mehr sicher und nicke zustimmend.

Er suche einen Biergarten, sagt er, in dem er vor über 30 Jahren mal war, den Bruckenfischer. Himmel, der ist in Schäftlarn, antworte ich, da sei er hier aber reichlich falsch. Empfehle ihm den nahegelegenen Flaucherbiergarten. Aber er will unbedingt zum Bruckenfischer. Ob ich ihm den Weg erklären könne. Immer der Isar entgegen, sage ich, und zeige nach Süden. Es wären aber locker 18km, gebe ich zu bedenken.

B. schaut mich von der Seite an, die Abendsonne leuchtet auf seinen Hals und sein Gesicht, ich nehme wahr, wie alt er geworden ist, wie müde er aussieht, dann räuspert er sich und fragt mich, ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen. 18km, das sind, wenn wir nicht rennen, knapp vier Stunden, denke ich. Aber vor allem denke ich: das ist eine dieser Chancen, die man nur einmal im Leben bekommt und die man ergreifen muss.
Also sage ich: Ja, sehr gerne. Und wir gehen gemeinsam auf dem schönen Flauchersteg weiter, durch die Isarauen, immer weiter, down to river.

*****

That night we went down to river, denke ich träumend und wache leider zu früh auf.

15 Gedanken zu „Song des Tages (34).

  1. „Is a dream a lie if it don’t come true/Or is it something worse/That sends me down to the river…“

    Ich wollte Dich schon länger fragen, wie es Deinem Inneren gelingt, solche Träume zu konstruieren. Ich hatte so etwas nur als ganz kleines Kind gehabt – an viele Träume erinnere ich mich nach mehr als 30 Jahren immer noch gut. Der nächste Schub war dann während meiner Jugendzeit, wo 99 % meiner Träume auch wahr wurden.
    Aber seitdem? Nur kurze, intensive Träume, wo ich nachher den halben Tag lang neben der Spur bin oder ich erinnere mich überhaupt nicht an sie.

    Und ich bin immer noch gerührt ob der Erwähnung des allerallerbesten Zitats. So etwas könnte ich mir auf einem Körperteil eintätowieren lassen, aber wenn ich dann tot auf einem Tisch liege, werden die Bestatter sich einen Ast lachen, dass nicht stattdessen ein „It was no sin to be glad you’re alive“ draufsteht.
    Also, kein Tattoo! 😉
    Stattdessen freue ich mich auf das nächste Konzert, damit ich IHM diese Worte entgegenschreien kann!

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    • In meinem ja schon etwas gesetzteren Alter, liebe Sori, erlebt man dann den sogenannten zweiten Frühling. Das ist nochmal ein bisschen sowas wie Jugend. Nur mit weniger Pickeln und Gewichtsproblemen, ansonsten aber recht ähnlicher Symptomatik. Also auch solchen Teenie-Träumen. Was gäbe ich drum, öfter sowas zu träumen (du weißt ja, da gibt’s auch ganz anderes)!
      So, ich muss los. Treffe mich mit B., am See.
      Liebe Grüße nach Wien, auf das ich heut gar nicht gut zu sprechen bin (schickt uns doch glatt irgendsoein Vollkoffer von der Magistratsabteilung 67 einen Schrieb, der mit „Anonymverfügung“ betitelt ist, a Geld will er haben, de oide Beamtenforelle, fürs Falschparken, du weißt schon, die Sache ist aber die, dass wir den Strafzettel längst bezahlt haben).

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      • Das ist meinen Eltern auch passiert – sie haben ihr Auto aus Versehen in einer Parkverbotzone abgestellt, es war schon finster und das Parkverbotsschild war von überragendem Blätterwerk eines Baumes supergut verdeckt.
        Was war? Auto abgeschleppt. Meine Eltern mussten die Abschleppkosten und die Standmiete zahlen und ein paar Wochen später haben sie auch ein Schreiben vom Magistrat bekommen, wo sie noch für das widerrechtliche Parken zahlen mussten.
        Wenn Ihr bei der ADAC oder ähnliches seid und eine Rechtsschutzversicherung habt, dann kontaktiert sie – oder Euren befreundeten Rechtsanwalt. So etwas sollt Ihr nicht stehen lassen!

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      • Na du machst mir ja Mut… Du meinst also, es kann tatsächlich sein, dass die auf dem Wisch vom Magistrat aufgeführte Gebühr additiv zu dem Strafzettel hinzukommt? Für 15 Minuten in der Belvederegasse? San die total deppert???
        Ich werde es meinem großen Freund S. umgehend melden (hab aber erstmal selbst nachgefragt, wie das Schreiben zu deuten ist). Für die Summe kannst du dich hier in München eine Woche lang in die Altstadt-Parkgarage stellen.

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      • Wien ist ja die lebenswerteste Stadt der Welt und so etwas kostet. Aber wenn ich mich an die Vorlesung zur Einführung in Öffentliches Recht erinnere, was auch schon fast 16 Jahre her ist, ist es dennoch nicht gerechtfertigt, dass Ihr nach dem umgehend bezahlten Strafzettel noch etwas zahlen müsst. Aber in der Hinsicht vermute ich ganz stark, dass die Ösis mal wieder ihre Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Piefkes ausleben müssen…

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      • Grad muss ich an eine Postkarte denken, die ich in der alten Wohnung in meinem Zimmer hängen hatte. Auf der stand: „Alle, die mich verarscht haben, sind entweder tot oder pleite.“
        Vermute mal, die hängt in der Magistratsabteilung 67 auch.
        Gute Nacht nach Hernals, liebe Sori!

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  2. Da bin ich mir doch fast sicher, dass du während der 18 km genügend Überzeugungsarbeit leisten konntest, ihn zu einer kleinen Konzert-Tour zu bewegen, um das neue Album zu promoten (wie man so unschön sagt).
    Bitte für dieses Album aber keine Stadien, sondern kleine Hallen. Gerne auch im benachbarten Frankreich, vorzugsweise im Palais de la Musique et des Congrės in Straßburg….

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    • Mein Lieber, wir wollen am heutigen Abend keine Worte mehr verlieren über dieses neue Album, das bei dir schon auf dem neuen Küchentisch liegt – und bei mir nicht, weil… (naja, das bleibt diskret unter uns). Dieser Fauxpas kostet dich jedenfalls eine kleine Hallentour 😉
      Wünsche eine gute Nacht bei „Hello sunshine“ & Co.

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  3. Pingback: Gedacht durch meine Augen. | Kraulquappe

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