Himmel der Bayern (62): Unterwegs mit dem FSH.

Nein, nein, beim FSH handelt es sich nicht um eine Motorenbezeichnung.
Wobei, im übertragenen Sinne vielleicht doch. Aber der Reihe nach.

Die bisherige Zwischenbilanz in Sachen Bewegung ist zwar sehr passabel, allerdings hauptsächlich an der Schwimmfront und was die Kontinuität der Park-Läufe betrifft. Der Bergsport hingegen kam in letzter Zeit etwas zu kurz. Aus mehreren Gründen, von denen der mitteilbarste noch der ist, dass ich diese Zwischensaison in den Bergen einfach nicht mag. Wenn noch überall graue, harsche Schneereste herumliegen (und im Mai kam ja noch haufenweise Neuschnee dazu), es unten im Tal schon warm, aber oben noch arschkalt ist. Das ist nix für mich.
Wintertouren sind total ok, kalt, mit oder ohne Schnee, alles recht, aber diesen Mix kann ich nicht leiden. Jacke-an-Jacke-aus nervt mich.

Also sind wir erst seit ein paar Wochen wieder gelegentlich im Voralpenland unterwegs. Konditionell bringt einem das Schwimmen hier nur bedingt Vorteile und da demnächst eine größere Hüttentour ansteht, wird es nun Zeit, vorher ein paar kleinere alpine Unternehmungen gemacht zu haben, damit das dann auch gut klappt (bzw. keiner zusammenklappt bei dem 5-Stunden-Aufstieg auf weit über 2.000 Meter – die zur Expedition angemeldeten Teilnehmer sind das Dackelfräulein und meine Wenigkeit).

Nun gut. Sind wir heut sehr früh aufgestanden, damit ich bis 11 Uhr noch arbeiten konnte, dann ins Auto und los.

Die ersten 30 Minuten Aufstieg eine einzige Qual. Nicht für mich, es war eine schnöde, wenn auch etwas steile Forststraße. Aber Pippa hing in den Seilen wie noch nie, trotz bester Witterung (Wolken, Sonne, 20 Grad im Tal, keinesfalls zu heiß). Als die Forststraße dann in einen Waldweg überging, der weniger steil war, besserte sich die Lage ein bisschen, verschlechterte sich aber umgehend wieder, als das letzte steile Stück vor dem Ziel anstand.

Zwischendurch zog ich schon eine Umkehr in Erwägung, weil ich meinen Hund nicht schinden oder dauernd antreiben möchte. Grübelte, ob sie eventuell gesundheitliche Probleme haben könnte, beobachtete sie beim Hinaufschlurfen sehr genau – aber nichts wies auf irgendwelche Gelenkschmerzen oder andere Beeinträchtigungen hin. Fragte mich, ob sich nun einfach ihr Alter bemerkbar macht, mit siebeneinhalb Jahren ist sie ja jetzt kein junger Hund mehr, aber eigentlich doch für einen Dackel in den besten Jahren.

Auf der Hütte angekommen, wirkte alles wieder normaler: Der Hüttenhund wurde auf jeder seiner Patrouillen über die Terrasse 1x angewufft, nach jeder Fliege wurde geschnappt, der Napf in der üblichen Zeit geleert. Alles wie immer. Gottseidank! Ich schöpfte Hoffnung, dass es sich um eine vorübergehende Unpässlichkeit gehandelt hatte und beim Abstieg sowieso alles leichter liefe.

Beim Aufbruch – und nun ging’s ja wohlgemerkt ständig bergab! – Pippa aber sogleich wieder in Zeitlupe unterwegs, extremes Kriechtempo, unglücklicher Blick, sogar gelegentliches Hinsetzen. Sofort machte ich mir noch größere Sorgen als beim Aufstieg. Was war denn nur mit dem Hund los?

Nach den ersten 150 Höhenmetern Abstieg im Schneckentempo kamen wir an eine Abzweigung. Ein kleiner Steig ging rechts Richtung Sonnenspitze ab.
Ich wollte den breiten Wanderweg, den wir hinaufgegangen waren, auch wieder hinuntergehen. Pippa aber bog in den schmalen Bergpfad ein, sah dann, dass ich den anderen Weg nahm, hockte sich hin wie ein Pflock, ein Geschau dazu wie der personifizierte Vorwurf, und war nicht mehr weiterzubewegen.
Also gut, sagte ich, dann gehen wir eben deinen Weg, du kleiner, sturer Stinker.

Schild stand keines an der Abzweigung, was sicher an den Holzarbeiten lag, die überall noch im Gange sind (wegen der zahlreichen Schäden, die der heftige Winter hinterlassen hat) und wo manch bekanntes Wegstück kaum wiederzuerkennen ist. Ich erinnerte mich aber, diesen Steig vor ca. 15 Jahren schon mal gegangen zu sein, vergaß allerdings, dass ich damals jünger, fitter und ohne Hund unterwegs war.

Und dann vollzog sich eine Wandlung, mit der ich heute nicht mehr gerechnet hätte: Als Pippa merkte, dass es ab sofort auf dem von ihr präferierten Weg weitergehen würde, peste sie voraus. Munter und bester Laune wieselte sie den schmalen Steig entlang, kein Hinsetzen mehr, der Blick ein völlig anderer, der ganze Hund wie ausgewechselt, und das, obwohl der Weg sich permanent bergauf und bergab dahinschlängelte und wirklich anstrengend zu gehen war.

Tja, hätte ich mal ein bisschen intensiver nachgedacht, hätte mir durchaus einfallen können, dass das Dackelfräulein ja Forststraßen hasst. Zumindest die, die bergauf führen (und nun offenbar auch bergabführende). Das ist schon seit Jahren so und im Nachhinein ist mir schleierhaft, wie ich nur nicht daran denken konnte, wo ich das doch eigentlich weiß.
Mein Fokus lag heute ausschließlich auf: Jetzt gehen wir mal ein paar bequemere Strecken, bis wir wieder in Übung sind.

Seit der Forststraßenhasser (kurz: FSH – womit wir die Kurve zum Beitragstitel bekommen hätten, was nach dem Tag und um die Uhrzeit keine Selbstverständlichkeit mehr ist) sich wieder auf einem Weg befand, der – und das scheint das entscheidende Kriterium zu sein – maximal dreimal so breit ist wie er selbst schmal ist, waren die Bergwelt und die performance für und von Fräulein Hund wieder vollkommen in Ordnung.

Ich war einerseits erleichtert, dass mit Pippa alles ok ist, andererseits ad hoc ziemlich gefordert. Denn mir war eigentlich nach Abstieg und Dahintrotten auf breiterem Weg. Nach ein paar Eingewöhnungsminuten ging’s dann schon. Bis der Pfad schmaler und schmaler wurde und irgendwann die erste drahtseilversicherte Stelle kam.

Ja verdammt, auch das hatte ich nicht mehr parat.
Also Stöcke an den Rucksack und Hund in die eine Hand, die andere Hand fest ans Seil. Wenn’s steil runtergeht, ist das aber vorwärts so nicht machbar (wegen der Gefahr des Übergewichts und Vornüberfallens), daher das Ganze rückwärts. Auf sowas war ich heut nicht vorbereitet und entsprechend hat’s mich beansprucht.

Ich kürze jetzt mal etwas ab, denn diese Alpinabenteuer anderer Leute, bei denen jeder Tropfen Angstschweiß und jede Serpentine wortreich gewürdigt wird, gehen einem ja schnell auf den Wecker.

Es ging eine Stunde lang so dahin: mal an der Seilsicherung nach oben, mal nach unten steigend, mal mit Hund im Arm, mal mit Hund im Tragetuch vor der Brust (wir haben jetzt so ein Baby-Ding, perfektes Dackelformat, nur ein elendes Gefummel, bis die Vergurtung fest sitzt und der Hund drin ist), vorwärts, rückwärts, freihändig, festgekrallt. Das Dackelfräulein hat das alles super gemacht, ist sofort stehengeblieben, wenn so eine Drahtseilstelle kam und hat toll stillgehalten während sie getragen wurde, ich wie eine Irre schnaufte und absurde Kurzmonologe hielt (alles dabei, was es an existenziellen Restgedanken so geben kann).
Physisch und psychisch war’s ein bisschen wie dies hier (nur ohne Schlucht in der Mitte) oder wie das (nur ohne Tiefschnee und Sturm).

Auf der ersten Almwiese nach dieser Kletterpartie – es war zwischenzeitlich nach halb sechs, was so auch nicht geplant war und auf dem anderen Weg nie passiert wäre – erstmal große Erleichterung: ein Gemeinschaftspipi und eine Verschnaufpause mit dem letzten Käsebrot (fair geteilt in der Seilschaft) und dem restlichen halben Liter Wasser.

Schließlich auch wieder auf den Weg gestoßen, den wir hochgekommen waren, dort eine Beschilderung entdeckt, die auf der anderen Seite des Berges, wo wir auf diesen Steig abgebogen waren, leider fehlte, aber echt hilfreich gewesen wäre, weil ich den Weg nach dem Hinweis nämlich nicht genommen hätte (auf das Risiko hin, dass der FSH dann halt einen Scheißtag gehabt hätte).

Ein paar Meter neben dem Schild noch der Beweis, dass solche Schilder wirklich wichtig und auch ernst zu nehmen sind, weil einfach nicht alle den Grat über die Sonnenspitze bewältigen.

Endlich den Kolbensattel erreicht, von dem aus es nur noch 40 Minuten bis ins Tal wären (wenn auch auf einer Forststraße), aber wegen etwas wackliger Knie doch mal am Sessellift gefragt, ob die einen da mit Hund noch hinunter befördern würden, obwohl sie schon Feierabend haben.

An meinem Charme kann’s nicht gelegen haben, dass das klappte, weil ich sah, wie Sie sehen können, schon etwas derangiert aus.
Das Dackelfräulein hingegen war bester Dinge und fand den Tag, den Abend, den Berg, die Menschen und sogar diesen Sessellift total prima, wedelte den Liftboy fröhlich an und der öffnete dann ebenso fröhlich nochmal den Zugang zum Lift („Kann er nimmer, der Waki? Ja dann kemmts her!“ – ich ließ das mal so stehen und konzentrierte mich aufs Einsteigen, denn Sessellift hatten wir zusammen auch noch nie).

Jedenfalls sind wir jetzt wieder in Übung. Ging wirklich ungeahnt schnell.
Das nächste Mal such ich vorher gleich Wege aus, die dem FSH liegen und auf die ich dann aber auch rundum vorbereitet bin.

Machen Sie so einen Mist, den wir heute gemacht haben, bloß nicht nach.
Egal, wie Ihr Hund Sie anguckt.
Bleiben Sie der Chef, sonst hängen Sie womöglich ungewollt in den Seilen – und das auch noch mit Ihrem Hund.

Gute Nacht!

14 Gedanken zu „Himmel der Bayern (62): Unterwegs mit dem FSH.

  1. Meine liebe Lotte! Das war auch ein Abenteuer zu lesen, für mich Flachlandmenschen ganz besonders. Meine Hündin verfügt auch über ein großartiges Repertoire an Verhaltensweisen, um mich in jeder Weise auf den „rechten Weg“ zu bringen. Egal ob es um Futter, Leckerlies, Spazierwegrouten oder andere Belange geht, sie weiss genau, wie sie zum Ziel kommt. Fräulein Pippa kann man sich ja so praktisch vor die Brust binden…..herrliches Foto! Tolles Halsband!

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      • Ja, meine Hündin ist etwas größer. Knappe 38 Kilo schaffe ich auch nicht mit Babytragetuch! ;-)) Sie ist eine bezaubernde spanische Mischung und ich liebe sie heiß und innig. Im Dezember wird sie drei Jahre alt und ich hoffe, dann auch bald erwachsen und ausgewachsen sein.
        Wenn ich Pippa sehe, geht mir auch das Herz auf. Sie hat so etwas Kühnes und zugleich Niedliches. Hunde sind was Wunderbares!

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  2. Ich würde mal sagen bei dieser Tour stand „FSH“ eindeutig für Frauchen-strapazier-Hund … ;o)

    Aber Respekt für dieses Pensum so fast ohne „warmlaufen“ (als was es ja eigentlich gedacht war) … ich sag jetzt lieber nicht, wo ich schon auf der Strecke geblieben wäre so als – wollte schon Flachland-Tiroler schreiben, aber so ganz trifft’s das nicht, denn schließlich hab ich mit der Hornisgrinde den höchsten Berg des Nordschwarzwalds fast vor der Haustür … aber die 1164m wären aus Deiner Sicht tatsächlich nur warmlaufen …

    Ein herzlicher Gruß aus der heute kühl-verregneten Rheinebene nahe Karlsruhe …
    Spike

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    • Was die Berghöhen angeht, so kommt’s ja immer auf die Ausgangshöhe beim Losgehen an, daher kann ich’s nun schlecht beurteilen, was für eine Tortur das Erklimmen der Hornisgrinde (was für ein Name!) bedeutet…
      Der FSH (in beiden Bedeutungsvariaten) und ich sind vorgestern auf 837Hm losgelaufen und die Kletterpartien absolvierten wir ca. 750m darüber (genau weiß ich’s nicht, ich hatte da oben andere Sorgen).
      Apropos andere Sorgen: Das vorhin unter Bellen eingetroffene Packerl wirkt ja sehr dünn und leicht. Ich nehme an, es ist ein Schlüssel zu einem 2-3 Kubikmeter Schließfach? Soll ich da heut schon hin oder darf ich erst morgen?
      Herzliche Grüße aus dem ebenfalls kühlen, aber noch unverregneten München,
      Natascha

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      • Es gibt sicher Möglichkeiten, eine ausgedehnte Wanderung auf die Hornisgrinde zu unternehmen, aber da auf ca. 1030m Höhe am Hang der Hornisgrinde der Mummelsee direkt an der Schwarzwaldhochstraße liegt, ist das für die meisten der Einstiegspunkt, und die letzten 130 Höhenmeter sind eher ein manchmal etwas steiler Spaziergang … im Sommer ist da alles furchtbar überlaufen – daher bin ich da eigentlich gar nicht …
        Kannst ja in der Wiki mal die Fotos zu Hornisgrinde und Mummelsee anschauen.
        (ich schick Dir per Email mal noch nen Link zu anderem Bildmaterial …)

        Naja, da steht doch was drauf auf dem Packerl, oder? Ich würde sagen beim öffnen sollte das Datum schon das richtige sein … und 3 Kubikmeter reichten nicht: das Tretboot für die im Wunschzettel erwähnte Tretbootfahrt füllt schon ne richtige Garage … ich hoffe ihr habt am Auto ne Anhängerkupplung?

        Hier haben wir gerade einen ordentlichen Dauerregen … die nicht funktionierende Klimaanlage ist seit ein paar Tagen kein Problem mehr …
        Ein lieber Gruß zurück!
        Spike
        p.s.: Hatte leider nicht die zündende Idee, wie man die frisch geschüttelten Kirschen vom Schwager sicher verschickt … daher keine platzraubende verderbliche Ware im Packerl …

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      • @Bildmaterial: siehe Mail.
        @Packerl: da steht – wir wollen in solchen Dingen schon genau sein! – drauf: „Nicht öffnen, bevor der Zug hält.“ Der Zug ist aber nie losgefahren! Aber na gut, ich warte trotzdem noch, so wie sich das bei der Deutschen Bahn gehört.
        @Tretboot: ja super, das ist mal ein Wort bzw. eine Tat! Zumal derjenige, der seinerzeit versprach, diesen Wunsch übernehmen zu wollen, kurz darauf untergetaucht ist. Es ist hoffentlich eines mit Rutsche hinten drauf? AHK brauch ich keine, ich binde es auf der Dachreling fest und binnen 5x „Sherry darling“-Hören ist man ja eh schon am Starnberger See!
        @Wetter: nehmen wir’s sportlich, heut ist ja der Tag des Schwimmens, der Gatte krault gerade mit dem Fräulein durch den Englischen Garten und ich gleich durchs menschenleere Freibad. Ahoi!

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      • Ja, wenn man nach Mitternacht noch Packerl beschriftet, passiert sowas … wußte nur ich will was mit „nicht zu früh öffnen“ drauf schreiben … ein Glück, daß ich nicht noch „Ne pas se pencher au dehors!“ aus studentischer Bahnreisezeit dazugeschrieben habe – das hätte die Verwirrung maximiert … ! (Was da in den Zugwagen nicht alles für Warnschilder in allen Zungen der Welt zu lesen waren … ;o)
        Aber immerhin weiß ich dadurch nun mit Sicherheit, daß Du das richtige Päckchen in Händen hast …
        „Sherry Darling“ beim Autofahren zu hören ist fahrlässig … ich ertappe mich bei dem Song immer dabei, im Rhythmus die Fahrspur zu wechseln … die Arme sind da einfach das hin- und her winken gewohnt …
        Die Rutsche hat nen Looping … schlimm?
        Ja, die Namen haben was, gar keine Frage … es gibt da auch entsprechende Sagen mit Nixen und allem drum und dran … leider aber ist der Mummelsee fest in der Hand der Schwarzwald-Touristikbranche mit Souvenir-Ständen, Hotel, Restaurant und Tretbootverleih … dreimal darfst Du raten, wo ich das Tretboot geklaut hab … ;o)
        Ein sonniger Gruß ins Schwimmbad!
        Spike

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  3. Pingback: Deckl drauf & bloß nicht Verweilen. | Kraulquappe

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