Die Welt ist nicht größer als das Fenster, das du ihr öffnest.

Gestern Mittag auf der Gindelalm.

Ein weiß-blaues Fenster öffnet sich.
Auf der Holzbank direkt darunter sitze ich. In der Sonne. Denke die ersten paar gewichtigeren Gedanken in diesem neuen Lebensjahr. Erfreue mich an der Wärme, dem Licht, dem Panorama. Habe mir vorgenommen, hier heroben in Ruhe tippenderweise den letzten Gratulanten zu danken, um den Geburtstagsreigen abzuschließen. Daraus wird aber nichts, das Handy bleibt im Rucksack.

Ich komme mit zwei Kielern ins Gespräch bzw. die mit mir, natürlich zunächst wegen des Dackelfräuleins, diesem Plauschinitiator der Extraklasse. In den folgenden drei Stunden geht’s dann um alle möglichen Themen. Ja, Sie lesen richtig: drei Stunden. Sowas passiert mir quasi nie. Mit Fremden, und einfach so, und trotz meiner misanthropischen Tendenzen. Und ausgerechnet gestern, wo ich mich nach Alleinsein gesehnt hatte und was zu denken mit auf den Berg geschleppt hatte, was ja auch gerade im Begriff war, gedacht zu werden als diese Unterhaltung ihren Anfang und dann kein Ende mehr nahm.

Noch ungewöhnlicher als das lange Gespräch auf der Alm ist, dass wir dann sogar beschließen, zu dritt hinabzugehen ins Tal. Normalerweise beende ich solche Berghüttenkontakte spätestens mit dem letzten Schluck aus meinem Weißbierglas oder Kaffeehaferl, weil ich gern in Ruhe und in meinem Tempo gehe, und bei Fremden, tja, da weiß man ja erst recht nicht, wie’s läuft und wie sich’s läuft.
Aber es hat alles gepasst mit den beiden Kielern, es war so offen, interessiert, lustig und einfach, dass ich fast schon geneigt war, mich für kontaktfreudiger zu halten als ich es mir bislang unterstellt hätte, und dass es völlig krampfig gewesen wäre, nicht gemeinsam mit den netten Nordlichtern abzusteigen, zumal wir unsere Autos am selben Parkplatz stehen hatten.
Zu guter Letzt tauschen wir auch noch Telefonnummern aus (ebenfalls eine Seltenheit für mich) und wenn ich möchte, kann ich im Spätsommer den bereits gebuchten, letzten Hotel-Zwischenstopp vor der dänischen Grenze wieder stornieren und mitsamt Pippa im schönen Kiel in einem Gästezimmer logieren.

Soweit der beschwingte Teil des Tages.

Anschließend noch eine Viertelumdrehung am See weitergefahren, um den Papa zu besuchen, wie immer eigentlich, wenn ich in den Tegernseer Bergen herumstiefle.

Stehen wir gemeinsam in der Küche, der Papa am Herd und schon mit dem Abendessen beschäftigt, ich an der Spüle, um den Wandernapf vom Fräulein und meine Trinkflasche auszuwaschen.
Er rührt in einem großen Wok, es gibt ein Curry. Wenn er sich neben dem Herd zur Anrichte beugt, um ins Rezept zu gucken, meint man, er fiele gleich vornüber, so schief ist seine Haltung. Auch wenn er sich nicht zu einem Rezept beugt, meint man das häufig.
Seine Lesebrille beschlägt von den Dämpfen, die aus dem Wok aufsteigen. Alles wirkt angestrengt und beschwerlich.

Schließlich ist eine Limette auszupressen. Seine linke Hand hält die kleine Edelstahlpresse fest, die rechte versucht, die halbierte Limette im Uhrzeigersinn zu drehen, um ihr den Saft abzuringen. Ja, „abzuringen“. Das trifft es genau, denn die Szene wirkt wie ein Ringkampf im Kleinen.
Und der Papa verliert diesen Kampf, die Limette rutscht ab und plumpst in die Spüle, wo ich sie auffange und dann sage: „Lass mich das machen.“. Er sagt daraufhin gar nichts, dreht sich zurück zum Herd und rührt wieder stumm in seinem Wok herum.
Wie er da so steht, dieser voluminöse Mensch, dieser Fels, der er immer war, und kaum noch rühren kann, das rührt mich wiederum so sehr, dass ich die Küche verlassen muss und lieber draußen auf der Terrasse den Tisch decke.

Die Lebensgefährtin vom Papa sitzt am Tisch und flucht leise und ein bisschen senil über einem Sudoku, das sich offenbar nicht lösen lässt. Ich ignoriere sie, was unserem Verhältnis auch irgendwie angemessen ist oder zumindest keinem von uns als störend aufstößt.
Hinter der Hecke hört man aus dem Garten nebenan den unerzogenen Terrier der beiden uralten Nachbarinnen kläffen und ich denke in dem Moment: Halb Rottach-Egern besteht aus Rentnern und Greisen, die andere Hälfte sind Sportler, Tagesausflügler und Touristen.
Im Grunde ist es beklemmend, was aus diesem einst bäuerlichen Dorf am Fuße des Wallbergs geworden ist. Alle fünf Minuten donnert ein Krankenwagen mit Blaulicht durch die Hauptstraße, vorbei an all den Nobelboutiquen und Zweigstellen von Sansibar, Dallmayr & Co., in denen geliftete und betuchte Urlauberinnen absurd teure Tees trinken oder dämliche Accessoires kaufen und danach mit ihrem straßbehalsbandeten Chihuahua in der Designerumhängetasche in der Gondel auf den Wallberg hinaufschweben, um in dem potthässlichen Panoramarestaurant einen Prosecco zu trinken.
Dieses Tegernseer Tal ist ein so wunderschöner Fleck Oberbayerns, aber zum einen sehen das zu viele so und zum anderen hat das Geld die Einheimischen so sehr an die Randbereiche der vier den See umgebenden Ortschaften verdrängt, dass man sie in den Orten mittlerweile schon mit der Lupe suchen muss.
Ab und an sieht man noch einen, abends am Lago di Bonzo, wenn die Ausflügler alle wieder weg sind und die Touristen sich ihr 4-Gang-Dinner in der „Überfahrt“ oder beim „Bachmair“ reinziehen. Abends gehen die Einheimischen baden, oder frühmorgens. Da haben sie ihre Ruhe und ihren See einen Moment lang für sich und so wie er war, als hier noch nicht die Prominenz regierte, die Reichen ihre Zweitwohnsitze hierher verlegt hatten und die Almwiesen für ihre Doppelgaragen plattmachen ließen. Aber ich schweife ab.

Das Curry schmeckt sehr gut. Alles schmeckt sehr gut hier, immer noch. Der Papa war zeitlebens ein passionierter Hobbykoch und sah auch immer so aus. Es ist neben dem Reiseführer- und Zeitunglesen die letzte Passion, die ihm noch geblieben ist.
Beim Essen fallen ihm ein paarmal die Augen zu und sein Kinn sinkt zum Brustkorb, er ist für einen Moment komplett weg und bekommt nichts mehr mit. „Papa, schläfst du?“, frage ich und er schreckt hoch, reißt die Augen auf, lächelt und meint: „Aber nein, ich bin doch wach!“
Nach solchen Szenen leite ich dann gern über zum Thema Autofahren und ob das denn alles noch gut ginge, was von ihm beharrlich bejaht und von mir ebenso beharrlich nicht geglaubt wird.

Weil es sich so ergibt und die Lebensgefährtin gestern auch Einiges zu beklagen hat („Dein Vater wird immer unbeweglicher!“ / „Manchmal verlässt er das Haus zwei Tage lang nicht!“) sprechen wir auch noch über Treppenlifte, Rollatoren, Rollstühle und einen Umzug vom Haus der Lebensgefährtin in eine Wohnung, in der manches einfacher zu bewerkstelligen wäre.
Damit wollen dann aber doch beide noch nichts Näheres zu tun haben und wir verheddern uns recht bald ungut in Details zu Treppenliftkonstruktionen und der albernen Frage, ob dann das Treppenhaus überhaupt noch für Gehende zu benutzen wäre, was natürlich hanebüchen ist, weil das Rottacher Treppenhaus weder besonders eng, noch baulich irgendwie speziell beschaffen ist.
Ich mache also mal wieder einen Punkt (der insgeheim ein Gedankenstrich ist, was ich aber nicht verrate) und erzähle von der Tour in Oberammergau letzte Woche, weil der Papa dort noch jeden Stein und Pfad erinnert und das ein Thema ist, bei dem die Wege gleich wieder zusammenführen und der Geruch von Alter und Gebrechlichkeit und noch Schlimmerem, den die Treppenliftsache unweigerlich mit sich bringt, so wieder einigermaßen verfliegt, während die Sonne idyllisch hinter dem Ringberg versinkt und man in ihren letzten Strahlen schon den Fuchs über das Feld schleichen sieht.

Als der Papa nochmal in die Küche schlurft, um einen Wein zu holen, sehe ich ihm durch die geöffnete Terrassentür hinterher. Und sehe auf einmal unseren alten Nachbarn aus dem ehemaligen Mietshaus in Neuhausen in ihm. Der alte Oberstudienrat, mit dem wir Tür an Tür lebten und in seinen letzten Jahren sehr befreundet waren – bis zu seinem Ende, d.h. bis er beschloss, sterben zu wollen, was ihm binnen weniger Wochen gelang.
Es ist dieselbe Schwerfälligkeit, dieselbe Art, mitten im Gehen zu schwanken und zu pausieren, dasselbe Schnaufen bei jedem Schritt (und als ich beim Heimfahren noch weiter drüber nachdenke: es ist sogar derselbe Galgenhumor, nur leider nicht dieselbe Offenheit für Hilfe und Unterstützung).
Der Papa wirkt viel älter als er ist, aber Krankheit ist nunmal keine Frage des Alters und das Alter nichts weiter als eine Zahl (erst letzte Woche auf der Hütte einen Mann getroffen, der mit 75 fit wie ein Turnschuh da heraufspaziert war und zwar über den Steig, über den Pippa und ich uns später doch etwas mühsam hinunterzitterten).

Momente, in denen kurz aufscheint, wie es noch werden könnte und was uns noch so bevorstünde – und die mir mit etwas Abstand zu dem Trübsal und den Ängsten, die sie jedes Mal in mir auslösen, auch eine seltsam intensive Art von Lebensimpuls und -gier geben und recht deutlich zurufen, dass man verdammt nochmal das Glück am Schopf packen solle, wenn es einem denn vor den Augen steht oder gar vor die Füße fällt, und dass man dort, wo man sogar selbst den Glücksschmied spielen kann, weil Gesundheit und Umstände das jetzt gerade erlauben, das auch tun sollte ohne zu viel Wenn und Aber und Konjunktive.

Gelegenheiten ergreifen, sich ein Stück vom Himmel oder der Welt schnappen – so lange sich diese weiß-blauen Fenster noch öffnen und man noch Herr oder Frau über seine zwei Haxn ist.

Heute Mittag in München.

11 Gedanken zu „Die Welt ist nicht größer als das Fenster, das du ihr öffnest.

  1. Zum letzten Absatz, ich sage das immer so: Wenn nicht jetzt – wann dann?
    Unter dieser Maxime fliegen wir im nächsten Jahr nach Singapur und feiern während der Reise nach Dubai meinen 70.Geburtstag, sollte die politische Situation die Reise ermöglichen.
    Die Reise selbst ist ja ein Nichts, aber eben die Anreise nach Singapur …

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  2. Ein gelebter Tag. – Mit gut nachvollziehbaren (weil parallel gelebten) Gedanken zur Elterngeneration und einer richtigen Folgerung. – Es bleibt die Kunst und die Aufgabe, die gesammelten Verplichtungen, Wünsche und Ansprüche unter einen Hut zu bringen. (Und da uns das allen so geht, wirkt der Text. Sehr schön.)

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  3. Ja, die Nordlichter, auch wir sind hier in der neuen Heimat angekommen und zählen uns jetzt dazu 😁. Dänemark hat wunderschöne Strände und ist ein Wasserparadies für unkaputtbare Dackel ☝️.
    LG Anja und Charly 🙋‍♀️🐶

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    • Wenn Dänemark dann irgendwann auch noch Hotels und Pensionen hat, in denen sie nicht für einen Dackel zwischen 20 und 30€ pro Nacht (!) abzocken wollen und auch ein paar mehr Hotels und Pensionen, in denen Hunde überhaupt gern gesehene Gäste sind, dann würde es uns auch noch öfter dort hinziehen…
      Dass es an den Stränden unkompliziert ist, hab ich auch gehört. Genießt es & grüß mir das Meer!
      Natascha & Pippa, grad vom Berg wieder unten.

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      • Grüße zurück in die Berge. 😊
        Ich würde meine eigene Pension aufmachen, Hunde würden bei mir nichts bezahlen und zum Empfang gäbe es selbstgebackene Hundekekse ☝️. Jetzt fehlen nur noch das passende Haus am Meer, die finanziellen Mittel und der Mut. Aber einen Ofen zum backen hätte ich schon mal… 😏🤔
        LG Anja und Charly 🙋‍♀️🐶

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