Himmel der Bayern (64b): Von Hornochsen und anderen Rindern.

Wenn Sie noch mehr als das Kuhglockengeläut vom heutigen Bergtag hören wollen – bitte gern!

Heute also von Ohlstadt über die Kaseralm auf den Rötelstein, dann auf den Heimgarten, Einkehr in der DAV-Hütte, anschließend weiter zum Rauheck und via Bärenfleckalm wieder zurück nach Ohlstadt.

In einer Gehzeit von 4:20h drei Gipfel bestiegen bzw. 1.300 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter gelaufen, mit Lichtschutzfaktor 30 von Kopf bis Fuß, 2 Litern Flüssigkeit und 2 Pausen von insgesamt 1:30h.

Traumwetter, tolle Fernsicht, wenig los. Oberbayern at its best.

Merke: Fällt der letzte Hochsommertag auf einen Wochenendtag und du willst in die Berge, meide eine zu frühe Abfahrt in München (der Großteil fährt vor 10 Uhr los und verstopft Züge oder Autobahnen), wähle einen Berg ohne Bahn, möglichst hoch, möglichst steil, möglichst keine Einkehroption unterwegs (für einen möglichst hohen Ruhefaktor) und beiß oben auf der Hütte für die Dauer deiner Rast die Zähne zusammen (es führen 6 Wege auf den Heimgarten, da menschelt es dann an einem solchen Tag doch gewaltig).

Sitze ich da in aller Ruhe mit meinem Hopf und gucke hinüber zum Krottenkopf. Unweigerlich muss ich an den ehemaligen Berg- bzw. Handwerksfreund denken, beide Titulierungen so unpassend in der Retrospektive, denn außer einem Berg leerer Versprechungen und einer handvoll Schreinerarbeiten ist nichts, aber auch gar nichts von der Zeit mit ihm geblieben, Freundschaft schon gleich gar nicht, zuletzt bloß noch eine schnöde, schäbige Lektion in „Ghosting“. Jedenfalls war man gemeinsam sowohl hier (Heimgarten) wie dort (Krottenkopf), so erinnert man sich bei dem Hopf, aber weiter vertiefe ich mich auch nicht in dieses traurigtrostlose Kapitel der Vergangenheit, weil ein Weibertrupp sich hechelnd an meinem bisher so schön ruhigen und leeren Tisch niederlässt. Die drei schwäbischen Endvierzigerinnen (warum treffe ich nur überall auf diesen Dialekt?!) legen unter großem Getöse und Gelabere ihr Glump ab und begeben sich in die Hütte, um sich was zu Essen und zu Trinken zu holen. Kommen kurz drauf mit drei Getränken und laut schimpfend zurück. Der blöde Wirt wolle sie nicht bewirten und sie stattdessen nach nur einem Getränk wieder fortschicken. Das sei ja mal wieder typisch Bayern, so eine Unverschämtheit.

Ich kann den Fortgang der Unterhaltung gar nicht nicht mitbekommen, schließlich hocken sie direkt neben mir, und so traue ich meinen Ohren kaum, als ich wenig später erfahre, dass der Hüttenwirt ihnen die weitere Verpflegung verweigert hat, weil die drei Frauenzimmer mit Pferden hier hinauf gekommen sind. Pferde? Hier heroben? Ist das die Möglichkeit?! Sie müssten mal die Wege sehen, die hier hoch führen: nix Forststraße oder Waldweg. Das sind steinige Bergpfade, teils immer noch übel von Sturmschäden oder den Spuren des letzten Winters gezeichnet! Und es sind in jedem Fall 1.000 Höhenmeter, egal auf welchem Weg, außer man hätte die Seilbahn auf den benachbarten Herzogstand genommen und wäre über den Grat herübergeritten, was ich dann aber doch mal ausschließe, weil der Grat viel zu schmal für so ein Pferd ist. So wie ich eigentlich auch ausgeschlossen hätte, dass man überhaupt mit einem Pferd bis hier oben gelangen könnte.

Aber tatsächlich: etwas unterhalb der Hütte stehen die drei Tiere, bei einem Schuppen, im Halbschatten angebunden. Der Wirt hat extra die Vorräte unter dem Schuppenvordach beseite geräumt, damit die völlig erschöpften Pferde nicht in der prallen Sonne warten müssen, bis ihre bekloppten Reiterinnen sie wieder den steilen Berg hinunter treiben. Wasser hat er ihnen auch gebracht.

Eines der Pferde hat sich verletzt und blutet am Bein. Auch dafür hat der Wirt noch Verbandszeug spendiert. Danach ist ihm der Kragen geplatzt und er hat die drei Schwäbinnen zammgeputzt, wie man hier so sagt. Aber so richtig. Gestern erst hätte er zwei depperte E-Biker verarzten müssen, die verdammt nochmal nix mit diesem E-Zeug hier oben zu suchen hätten (keine Mountainbikestrecke!) und heut kämen die nächsten Idioten sogar mit Pferden auf den Berg!

Die Stimmung ist gelinde gesagt angespannt und als Tischgenossin bleibt es mir leider nicht erspart, irgendwann Stellung zu beziehen, weil die drei Frauen ohnehin jeden im näheren Umfeld mit ihrem Unmut traktieren und befragen, wie man das denn fände, das sei doch das Allerletzte, wie sie hier behandelt würden.

Ja, sage ich dann, ich finde auch, dass es das Allerletzte ist, bei der Hitze und in solchem Gelände drei Pferde auf fast 1.800m hinaufzuscheuchen und so gesehen sei es durchaus angemessen, wenn es ihnen nun auch nicht besser erginge als den armen Tieren (und verkneife mir, zu erwähnen, dass ich grundsätzlich allen Tierquälern wünsche, dass sie wenigstens mal für einen Moment ähnliche Qualen erleiden sollen wie das Lebewesen, das sie malträtiert haben: erst letzte Woche wurde im Ruhrgebiet ein Hund aus einer Wohnung befreit, der dort wochenlang von seinen anwesenden (!) Besitzern an die Heizung gekettet wurde, fast verhungert wäre, deformierte Gliedmaßen und eine völlig verkümmerte Muskulatur hatte, wovon er sich vermutlich nie wieder ganz erholen wird – schon beim Lesen dieser Zeitungsmeldung hatte ich die wildesten Rachephantasien…).

Nach meinem dezenten Statement verlasse ich den Tisch sofort, man schwäggert (=meckern auf Schwäbisch) mir hinterher. Das Rauheck wartet und wenn ich mich noch mehr aufrege, greift das womöglich noch die an sich gute Konstitution an – und das hilft den Pferden ja leider auch nicht.

Kurz vor einer Steilwand treffe ich dann Gunnar. Gunnar kommt aus Gunzenhausen, ist ca. 165cm hoch und wiegt vermutlich doppelt so viel wie ich, ist für drei Wochen auf Reha in Ohlstadt – und er kommt mir aus der Steilwand entgegen. Wieder so ein Wunder am Berg: wie ist der da nur durchgestiegen? Da er mich um einen Schokoriegel und etwas Wasser anfleht, kommen wir ins Gespräch und ich erfahre: es ist die allererste Bergtour seines Lebens (er kichert wirr und der Schweiß strömt ihm über die roten Pausbacken), er hat bis hierher 4 Std gebraucht (für 2/3 der Strecke bis zur Hütte, normale Wanderer brauchen dafür maximal 2,5 Std) und alle seine Getränke und Schokoriegel, er möchte aber unbedingt noch „ganz nach oben“. Er wirkt vergnügt, fast euphorisch und zugleich ziemlich entkräftet. Ich mag ihn aber irgendwie und schenke ihm daher meinen Müsliriegel und fülle einen halben Liter meines Wassers in seine leere Fanta-Flasche um, lasse ihn zum Dank noch ein Foto von mir schießen, wünsche ihm alles Gute und frage, ob ich unten in Ohlstadt der Reha-Klinik schon mal Bescheid geben solle, dass er erst morgen wiederkäme. Bellendes Lachen, wirrer Blick, Gunnar winkt fröhlich und stolpert weiter bergauf. Herrje.

Auf dem restlichen Abstieg nur noch ein gewöhnliches, streitendes Paar (er sportlich, sie übergewichtig, er Lust auf die Tour, sie nicht, beide zutiefst frustriert), zwei Kreuzottern und eine Kuhherde.

Eine der Kühe kommt mir nah und näher und schleckt mir meine salzigen Knie ab. Erinnere mich nicht, wann ich zuletzt so intensiv eine Kuhzunge gefühlt habe – ein Peeling ist nix dagegen! Mit sauberen Knien zurück ins Tal, dort in den kühlen Biergarten und nun mal langsam nach Hause.

29 Gedanken zu „Himmel der Bayern (64b): Von Hornochsen und anderen Rindern.

  1. Vielleicht hast Du von den Sommerloch-Schockmeldungen gelesen, dass sich in diesem Sommer die Angriffe der, überwiegend Tiroler, Kühe auf die Wanderer häuften?
    Das letzte Foto ist der beste und wunderbarste Beweis, dass es Zweibeiner gibt, die einen oder mehrere Sprünge in der Schüssel haben, was Du leider auch mit dem schwäbischen Dreimäderltrio eindrucksvoll beschrieben hast.

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    • Äh, wieso habe ich da nun kuhmäßig einen Sprung in der Schüssel? Weil ich mir die Knie polieren ließ? Die Gute stand mitten auf dem Wanderweg und war extrem zutraulich…, so wie ich auch.
      Oder meintest du ein ganz anderes Foto?

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      • Ich schrieb von den Angriffen der Kühe auf die Wanderer, die sich in diesem Sommer extrem angehäuft haben. Und dann sehe ich das Foto und lese von Deinem Erlebnis, dass die Kuh ganz friedlich Dein Knie abgeschleckt hat.
        Also schlussfolgerte ich daraus, dass an den oben erwähnten Angriffen solche Zweibeiner wie zB das schwäbische Trio nicht ganz unschuldig sind.

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      • Du wirst aber nicht mit dem Mobiltelefon herumspielen, wenn Du hinter dem Lenkrad sitzt? *entsetztschau*
        „…wenn man den hört!“ Meinst Du die metallisch klingende Band? Die vor wenigen Tagen tatsächlich im Wiener Happel-Stadion „Schifoan“ gespielt haben?!

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      • Nein, nur wenn ich im Stau stehe (wirklich stehe!).
        Das „nothing else matters“ war ganz wörtlich gemeint und keine Anspielung auf die Metallarbeiter. Solte so viel heißen wie: wenn ich den Forenbacher höre, kann mir nix sonst was anhaben.
        (Im Ernst jetzt? Metallica hat „Schifoan“ gespielt?!?)

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  2. Mir kam bei Deiner Schilderung der Schwäbinnen, die sich anscheinend in schwäbischer Sparsamkeit zu dritt ein Hirn teilen (müssen?) unmittelbar der alte Leitspruch in den Sinn:
    „Was du nicht willst, daß man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu!“
    Finde der Hüttenwirt hat das genau richtig gemacht … das i-Tüpfelchen wäre vielleicht noch gewesen, wenn er den dreien einfach auch einen Eimer Wasser hingestellt hätte …

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      • Das ist vielleicht in Bayern nicht so, aber in der Schweizer Alpen muss man sich neben dem Gebimmel der Kuhglocken auch an das Donnern der Miltärflugzeuge gewöhnen. Für die meisten Touristen scheint das aber kein Problem zu sein.

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      • Liebe Kraulquappe, Deine Frage ist berechtigt: Hat Deutschland überhaupt noch flugfähige Kampfjets? ;o)
        In Kindertagen gehörten Düsenlärm und Überschallknall bei mir irgendwie zum alltäglichen Soundtrack, da in Lahr ein Flugplatz der kanadischen Luftwaffe war – aber gottseidank sind diese Zeiten lange vorbei und Tiefflug-Übungen über Deutschland schon lange verboten …

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      • Lieber Spike,
        ah so ist das. Dann hat ja die liebe Kuh auch weiterhin ihre Ruh‘.
        Übrigens gab es noch nie einen Blogbeitrag von mir, der sowohl Anlass für Diskussionen über Kampfjets als auch über BH-Größen war. Was für ein Spektrum an Kommentaren!
        Wünsche einen guten Wochenstart nach Ettlingen,
        Frau Kraulquappe

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      • Ja, ich staune auch, vor allem, woher die Kampfjets eigentlich kamen?
        Ich hörte nur den heiligen Bimbam beim Video kucken und Windgeräusche – aber das brauchen wir nicht weiter vertiefen …
        Auch Dir einen angenehmen Rest-Montag mit lieben Grüßen aus dem Südwesten der Republik!
        Spike
        p.s.: Aus Deiner Sicht ist es ja eher West-Nord-West auf der Windrose … ;o)

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  3. Ui, da ist ja was los! Jetzt verstehe ich auch deine Bemerkung (Pferd und Rad) zu meinem Kommentar deines letzten Beitrags. Mir sind diese E-Mountainbiker in den Bergen auch ein absoluter Dorn im Auge. Aber die Schwäbinnen mit den Pferden toppen das ja wirklich noch mal aufs Schlimmste! Ich finde in dem Satz „Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen“ (oder aus eigener Kraft, aber dann auch selbst in die Pedale treten) steckt viel Wahrheit. Und schon packt mich das schlechte Gewissen, dass ich die Seilbahn für unsere gemeinsame (freu, freu!) Tour am Herzogstand in Erwägung gezogen habe. So, und heute fange ich an zu trainieren für den Aufstieg zu Fuß! Dann hat man sich den Weizensmoothie (danke!) auch wirklich verdient. Und wenn wir doch mit der Bahn fahren, dann kannst du alles auf die untrainierte, norddeutsche Flachländerin schieben 😉 Liebe Grüße von Andrea

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    • Liebe Andrea,
      also jetzt bitte keinen Trainingsstress wegen dieser Gratwanderung. Denn das ist ja so: die ist ja nicht ganz kurz, zumal wir sie hin und zurück gehen müssen, also bin ich auf jeden Fall für die Seilbahn, denn sonst wird das für uns und die zwei Hunde ein bisserl viel. Die Heimgartenhütte schließt Mitte Oktober (vielleicht haben wir aber noch Glück), das Herzogstandhaus ist vom Essen her eher gruselig, auch das sollte man bei der Tourplanung bedenken. Oder gar, ob man nicht eine viel lohnendere Tour macht als dieses teils recht überlaufende Herzogstand-Ding, z.B. auf den benachbarten Jochberg (Aussicht mindestens ebenso gut, aber keine Bahn, viel ruhiger, schöne Alm und bessere Hundewege) oder auf die – jetzt kommt’s! – Tutzinger Hütte im Schoße der Benediktenwand (auch eine sehr schöne Tour im Herbst, ohne Bahn, tolle Wege, gute Einkehr), wo ja quasi eine der Wiegen unserer Freundschaft steht (von dort aus schriebst du mir einen deiner ersten Kommentare in meinen Blog und ich antwortete dir von der Hüttenterrasse aus…) – und nach Nörten-Hardenberg kommen wir nunmal nicht alle Tage! Musst du beizeiten dann mal in dich gehen, welche der Revival-Trips du alle machen möchtest und wo du unsere Begleitung wünschst (ins Wellenbad käm ich übrigens auch mit, logo). Ich freu mich jedenfalls auf deine Heimat-Woche!!!
      Schönen Abend nach Braunschweig und ganz liebe Grüße –
      Natascha
      PS: Schön, dass der Weizensmoothie ankam!

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  4. Wieder ein sehr schöner Bericht und Bilder. Ich komme jedesmal regelrecht in Urlaubsstimmung. Aber dennoch bin ich gerade als Tierschützer sehr verärgert. Schade das ich diese kein Hirn Damen nicht gesehen habe, denn sowas geht ja garnicht. Denen gehört das Pferd abgenommen!
    Lg
    Sandra

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