You can’t start a fire without a spark oder: Ein Stück Lebensverfilmung.

Gestern Abend, 20:15 Uhr, München-Schwabing.
Endlich mal das neu umgebaute ARRI-Kino besucht. Eine fantastische Lounge, eine ansprechende, schummrige Bar und ein kleiner, extravaganter Kinosaal mit Wohnzimmerfeeling.
Umgeben von einer deckenhohen Bibliothek sitzt man dort, die Buchreihen werden von geschmackvollen Lämpchen beleuchtet, nix Halogen oder LED, sondern auch hier unaufdringliches Licht, schließlich ist es Abend und der Mensch möchte nicht von irgendeinem Drumrum erleuchtet oder bestrahlt werden, sondern sich dem Inneren zuwenden und den Feierabend vom Außen einläuten.

Die plüschigweichen, samtroten Fauteuils sind nicht nur herrlich groß und bequem, sondern können auch leicht nach hinten geneigt werden, für jene Fimmomente, in denen es einen innerlich umnietet, es die Seele sozusagen in die Kissen drückt (und dann ist es schon sehr schön, wenn sie so weich fällt wie hier).
Der Fußraum ermöglicht auch 2-Meter-Menschen komplette Beinfreiheit und könnte mühelos noch ein Dackelkörbchen beherbergen (ein lang gehegter Traum: den Hund ins Kino mitnehmen können, damit man nicht immer so hetzen muss, vor und nach dem Film).
Neben jedem Sessel breite Armlehnen, mit integrierten Abstellflächen und einem Flaschenkühler davor, ein Kellner im Frack schleicht mit einem Tablett dezent durch die Reihen und serviert Drinks, nicht zu fassen (die Getränkekarte liegt ebenfalls in der Armlehne und hätte man von diesem Luxus vorher gewusst, hätte man glatt die Penunzen für einen Mai Tai mitnehmen müssen, dank der Buy-online-and-print-at-home-Tickets hat man aber nix dabei).
Nicht unbedingt ein Kinosaal für Händchenhalten und Tauschen von Küssen, trotz der dunkelrot-heimeligen Atmosphäre, denn der Sitznachbar ist schon arg gut verschanzt hinter dem ausladenden Lehnstuhl.

Um 20:15 Uhr schiebt sich der Vorhang lautlos beiseite und die Vorführung beginnt.
Und ich muss sagen: Die britische Regisseurin Gurinder Chadha hat einen Film gedreht, der ohnehin kein Händchenhalten und Geknutsche nebenher zuließe. Weil dieses Movie im wahrsten Sinne des Wortes ein Movie ist: Es bewegt einen.
Erst recht, wenn die eigene Frühadoleszenz in dieselbe Zeitspanne fiel wie die des Protagonisten, wenngleich sie glücklicherweise nicht umgeben war von denselben Rassenunruhen und Trostlosigkeiten eines grauen Industriekaffs (dafür von den Scheidungsunruhen daheim).
Vor allem bewegt „Blinded by the light“ wegen seines Soundtracks. Obwohl dieser Satz, aus der Tastatur eines seit 35 Jahren eingefleischten Fans stammend, als tendenziös gewertet werden könnte – ist er dennoch objektiv und zutiefst wahr (lesen Sie die Rezensionen, sogar die taz hat etliche gute Haare an dem Streifen gelassen).

„Blinded by the light“ ist ein großer kleiner Film.
Kein cineastisches Meisterwerk, keine bahnbrechende Filmkunst, aber ein ehrlicher Film über Familie und Freundschaft, über Heranwachsen und Identitätssuche, über Zwänge und Befreiung, über Politik und Kultur, über – und das ist das Herzstück des Films, sein Pulsschlag! – Musik und Liebe (und über die Liebe zur Musik und die erste Liebe mit der richtigen Musik im Herzen und Hintergrund).
Und es braucht wahrlich keine Kinosesselküsse mehr, wenn auf der Leinwand so ein erster Kuss geküsst wird (das sympathische junge Paar abgeschirmt von der Welt, weil beschirmt von den Kopfhörern eines SONY-Walkmans, den man selbst in den 80ern hatte, bloß in einer anderen Farbe) und diese Initiation auch noch zu dieser breathtaking-earthquaking Hammerstrophe aus „Prove it all night“ stattfindet… (was gäbe ich drum, wenn ich meinen ersten Kuss zu diesen Zeilen erlebt hätte, aber das kommt halt davon, wenn man sich vier Wochen vor dem ersten Springsteen-Konzert zum ersten Mal küssen lässt).

Naja, genug geteenelt & geträumt.
Schauen und hören Sie sich das an, wenn Sie bislang Bruce Springsteen nur mit dem totgedudelten „Born in the USA“-Gestampfe assoziieren oder wenn Sie damals in den 80ern jung waren und ebenfalls nicht viel mit Wham, a-ha und all dem Pop-Geplänkel anfangen konnten.
Und erst recht, wenn Sie womöglich einen ähnlichen Moment der Erweckung erlebt haben wie Javed, als er zum allerersten Mal eine Musik hört, die ihn durch und durch berührt, ergreift und aufrüttelt, die ihm einen Teil seiner Perspektivlosigkeit nimmt, von der er sich nicht nur verstanden, sondern behutsam in den Arm genommen fühlt und die ihn fortan ebenso zuversichtspendend wie zukunftweisend dabei begleitet, der zu werden, der er ist, sein möchte oder noch werden kann.

Springsteen selbst sah den Film weit vor Fertigstellung und Veröffentlichung, weil es der Regisseurin wichtig war, vorab zu erfahren, ob er mit der Story einverstanden wäre und gegebenfalls noch was am Plot ändern zu können.
Nach der Vorführung sagte er zunächst kein einziges Wort, dann stand er auf, umarmte Gurinder Chadha, küsste sie auf die Wange und meinte: „Danke, dass du dich so um meine Musik gekümmert hast. Es ist wunderschön. Ich liebe es. Bitte ändere kein einziges Detail.“

Heute in einem Monat wird Bruce Springsteen unglaubliche 70. Die Jahre rasen nur so dahin.
2016 stand ich im Berliner Olympiastadion, hörte mein erstes „Backstreets“ live und hatte das Gefühl, das könne es jetzt womöglich gewesen sein, das könne nun das letzte meiner vielen Springsteen-Konzerte gewesen sein. Weil er nie wieder durch Europa tourt, weil es niemals eine Farewell-Thunderroad-Tour geben wird, sondern es einfach eines Tages vorbei sein würde, ohne Ankündigung, ohne große Inszenierungen.

Seit ich mich gestern Abend aus dem gemütlichsten aller Kinosessel erhob, hinaus ins nächtliche Schwabing trat und mir auf dem Weg zu meinem Fahrrad ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln tupfte, hoffe ich inständig, dass es das doch noch nicht gewesen ist.

Sondern dass er doch nochmal kommt und wir alle uns nochmal gemeinsam um diese Musik kümmern können – und diese Musik sich um uns.
Denn es ist wunderschön. Ich liebe es. Und bitte ändere kein einziges Detail, Bruce.

You sit around gettin‘ older
There’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
Come on, baby, this laugh’s on me

Ganz besondere Grüße sende ich mit diesem Beitrag an meine lang- oder kurzjährigen Bruce-Weggefährten: Helen, Marko, Peter, Robert, Thorsten, Sori und Lukas. Keep on rockin‘, Tramps!

36 Gedanken zu „You can’t start a fire without a spark oder: Ein Stück Lebensverfilmung.

  1. Du Glückliche! Nicht nur, daß Du den Film gleich in der ersten Woche sehen kannst, nein, dann auch noch in solch einem Traum von Kino! Du bist absolut zu beneiden …
    Bei mir zuhause gibt’s im Umkreis von 20km nur noch 3 Kinos (früher hatte alleine Offenburg 3 davon), nur noch eins in Offenburg – nämlich eines dieser 10-Säle-Blockbuster-Multiplex-Teile, wo nur noch die Kassenschlager wochenlang z.T. in mehreren Sälen parallel totgeritten werden … aber auch in Karlsruhe, das mit über 300000 Einwohnern ja eigentlich genug Kino-Publikum haben sollte, läuft der Film nur in einem kleinen Programmkino im Original mit Untertiteln, und zwar heute um 23Uhr, ab morgen dann nachmittags, wenn ich arbeiten muß bzw. mir die 70km Anfahrt für Kino einfach zuviel sind …
    Danke für’s mitnehmen in den Kinosaal … das macht große Lust auf den Film … mal sehen, ob der noch in meiner Reichweite irgendwo ins Programm rutscht …
    Ein sonniger Gruß aus Ettlingen!
    Spike

    Gefällt 1 Person

    • Na, das hoff ich doch schwer, dass du irgendwo in deinem Umkreis noch ein Kino findest, denn der Film ist für dich ja eigentlich schon ein Muss – vielleicht kannst du ja eine Fahrgemeinschaft mit Thorsten (Bobby Jean) bilden?!
      Sonnige Grüße aus der Isarmetropole von Natascha

      Liken

  2. Habe gestern Nachmittag die Filmvorführungen so ziemlich jedes Kino im Umkreis von 50 km angeklickt. Kein einziges zeigte mir „Blinded By The Light“ an.
    Dachte schon, ich hätte mich ob des Veröffentlichungstermins geirrt und der Film käme erst nächste Woche in Deutschland raus. Aber nein – 22.08.
    Es hat also seine guten Gründe, warum sich diese Gegend hier, in der ich lebe, Provinz schimpft.

    Würde mich ja auch mit ’nem Kino ohne Bibliothek und Mai Tai zufrieden geben (sich leicht nach hinten neigende Sessel wären aber schon schön).
    Also keine Melancholie bei mir gestern Abend!

    Jedoch, als einer deiner von dir erwähnten Bruce-Weggefährten, liebe Natascha, kann ich dir gestehen, dass es auch mich 2, 3 Tränen gekostet hat. Und zwar unmittelbar, nachdem ich deinen Beitrag gelesen hatte (genau genommen sogar schon WÄHREND des Lesens).
    Gerade als ich ansetzen wollte, „.. you sit around getting older…“ vor mich hin zu singen, versagte doch glatt meine Stimme und ich bekam keinen einzigen Ton heraus. So ergriffen war ich von deinen Zeilen.

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Thorsten,
      wow! Wenn ein Text von mir in der Lage war, solch eine Rührung zu verursachen, dann ist das fast wie eine Pulitzer-Preisverleihung. Danke!
      Ich hoffe, heut ist die Stimme wieder voll da und du somit wieder sangesfähig.
      Shake this world off your shoulders & have a sunny weekend, Bobby Jean!

      Gefällt 1 Person

    • Hallo Leidensgenosse … !
      Die Hoffnung stirbt zuletzt … vielleicht rückt dieser schöne Film ja nächste oder übernächste Woche noch ins Programm … Daumen drücken!!!
      (da muß es doch mal ne Lücke zwischen zwei Blockbustern geben, in die der Film reinrutschen kann …)

      Gefällt 1 Person

      • Hab nach nochmaliger Suche jetzt doch noch ein Kino gefunden – in der saarländischen Landeshauptstadt Saarbrücken, knapp 40 km Anfahrtsweg. Das nimmt man in Kauf, zumal „Camera Two“ sich wie folgt vorstellt:
        „Das stylishe Programmkino mit Lounge zeigt internationale Arthouse- und Independentproduktionen in drei Sälen.“
        Da streife ich mir dann direkt mein Springsteen On Broadway T-Shirt über und warte mal ab, ob ich angesprochen werde. Nicht das ich dort gewesen wäre, am Broadway. Ist ein von meinem Sohn kreiertes Exemplar…;-)
        Dann drücke ich mal die Daumen, dass du auch noch erfolgreich bist.

        Gefällt 1 Person

      • Bobbygoodlookjean – da hätte ich natürlich auch drauf kommen können. Zumal ich die Windbeutel neuerdings durch Orangen-Banane-Smoothy ersetze und das und weitere Umstellungen in der Ernährung meinem Look echt gut tun…

        Gefällt 1 Person

      • Ähhh… Du wolltest „bobbygoodlookjean“ heißen? „goodluck“ passt doch, bin ich doch jedes Mal ergriffen (oft heule ich Rotz & Wasser, nein, ich brauche keine Tempo-Taschentücher!), wenn dieses „Good luck, good bye..“ kommt und dann das Saxophon-Solo erklingt.

        Gefällt 1 Person

  3. In Köln läuft der Film auch nur in einem kleinen Programmkino. Wenn ich dort mal die Vorstellungen durchklicke, es ist kaum eine Karte verkauft. Das Massenpublikum sieht halt lieber fast and furious 87 oder Transformers 158.
    Macht aber nichts. Habe nichts dagegen, wenn ich dann nächste Woche allein im Kino sitze und mich niemand stört.
    Bruce‘ Musik wieder zu entdecken und erleben macht immer Spaß und gibt so viel. Dazu dann noch 80’s Feeling. Mein Lieblingsjahrzehnt. Wunderbar. Ich freu mich schon auf die Erinnerungen, die dann plötzlich wieder aus einer vergangenen Zeit lebendig werden und für Herzklopfen sorgen…;-)
    Habe auch vor einigen Tagen über YouTube ein Interview mit der Regisseurin gesehen, wo sie die von dir erwähnt Bruce-Story erzählt hat. Sehr sympathische Frau.
    Liebe und Musik. Liebe zur Musik. Damit ist alles gesagt.

    Gefällt 1 Person

    • Stichwort Massenpublikum: Wenn Mario Barth 2x hintereinander das Berliner Olympiastadion voll bekommt, sieht
      man ja, wie es um das Niveau in Deutschland bestellt ist….(hoffe, ich bin hier jetzt keinem zu nahe getreten).

      Gefällt 2 Personen

      • Und selbst wenn du jemandem zu nahe getreten wärst: wurscht & gut so. Mich trifft auch der Schlag, wenn ich lese, dass Andreas Gabalier (kennt man den in Rheinland-Pfalz überhaupt?) hier in München das Olympiastadion füllt…

        Gefällt 1 Person

    • Das Arri-Kino war hier auch nicht ausverkauft. Vielleicht knapp 20 andere Leute mit im Filmsaal, aber recht so, denn bis auf den popcorn-dauerfressenden (ich hasse diese waschmitteltonnengroßen Fresscontainer) Vater samt Tochter neben mir waren nur Fans dort. Woher ich das weiß? Hab mich ein paarmal während des Films und auch nach Filmende umgedreht und den Tränenfaktor gecheckt.
      Ich wünsch dir viel Spaß im Kino und schicke liebe Grüße nach Köln (danke auch noch für die Stadion-Gesänge via Whatsapp!).

      Gefällt 1 Person

  4. Ich fühle wie Thorsten… ich habe diesen Beitrag oft gelesen und habe jedes Mal einen dicken Kloß im Hals und am Schluss kann ich es auch nicht verhindern, dass meine Augen etwas feucht sind.
    Was auch immer kommen mag, aber ich traue es Bruce zu, dass er ohne großes Tamtam abtreten wird. Nur wünsche ich mir, dass es noch sehr lange dauern möge, bis der Tag kommt.

    Gefällt 3 Personen

  5. Die Nürnberger Nachrichten haben üblicherweise gute Besprechungen aus der eigenen Redaktion und druckten gestern zu „Blinded by the Light“ die dpa-Kritik von Philip Dethlefs mit folgendem Schluss:
    „Das ist oft ziemlich ktischig, total übertrieben und doch sehr unterhaltsam – so wie zwei musicalhafte Szenen, in denen Jay zu den Springsteen-Krachern „Born to Run“ und „Thunder Road“ singt, mit Freunden und wildfremden Menschen durch Luton tanzt, bis der ganze Marktplatz rockt. Wunderbar charmant und selbstironisch inszeniert, entlässt dieses Feel-good-Movie den Zuschauer mit einem Lächeln im Gesicht.“
    Hier in Nürnberg aktuell zu sehen im Cinecitta.

    Gefällt 1 Person

    • Die musicalhaften Elemente sind tatsächlich etwas schräg oder einfach eine Geschmackssache – für mein Empfinden war’s so grad noch im Rahmen…
      Ein reines Feel-Good-Movie ist der Film meiner Ansicht nach nicht, aufgrund der inneren und äußeren Konflikte, die er thematisiert.
      Falls du ihn dir ansehen solltest, bin ich gespannt, wie er auf dich wirkt!
      Herzliche Grüße aus München!

      Gefällt 1 Person

  6. Wie schön!! Werde mich gleich mal auf die Suche machen, wo der Film bei uns läuft. Ich hatte nach dem Lesen Deines Blogs sofort das Bedürfnis, in meinem Ordner die Eintrittskarte von unserem ersten gemeinsamen Konzert herauszusuchen und sanft darüber zu streichen. Aus einer Zeit, als Konzertkarten noch schön waren, manchmal sogar kleine Kunstwerke. Gott sei Dank habe ich sie noch.

    Gefällt 1 Person

    • Hui, das hast du aber hochpoetisch ausgedrückt. Höchste Zeit, dass auch ich auf meine Eintrittskarte von damals einen Kuss hauche 🙂
      Du musst dir den Film unbedingt ansehen, das ist wirklich eine Zeitreise back to our youth. Liebe Grüße!

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.