Herbstpredigt aus Colts Neck. Ein homiletischer Interpretationsversuch.

„In this life nobody gets away unhurt.“ (Bruce Springsteen in his movie „Western Stars“)

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Als Bruce Springsteen die ausgehungerte Fangemeinde im Juni mit seinem 19. Album namens „Western Stars“ beehrte, befand ich mich gerade in der ersten forenbacherschen Vollvernebelung und konnte deshalb anfangs nur sehr am Rande Notiz nehmen von dem neuesten Werk meines seit frühester Jugend so bewährten Allzeitseelenretters.

Erst viele Wochen später wandte ich mich nach und nach den 13 (!) Songs zu und fand langsam einen Zugang zu dem Album, wenngleich nur zu einem Drittel der neu veröffentlichten Lieder.
Spontan mochte ich bloß die Lieder, bei denen durchgehend oder zumindest zwischen den Zeilen und Akkorden diese tiefe Melancholie und be(d)rückende Authentizität hindurchschimmerte, die „Nebraska“ (für mein Empfinden eines seiner wichtigsten Alben überhaupt) uns Langzeit-Fans vor ein paar Jahrzehnten unter die Haut geätzt und dort für immer konserviert hatte – ein Widerfahrnis, das wir mit Ehrfurcht und Stolz in und an uns tragen wie andere ihre Tattoos oder Schmisse.

Die anderen beiden Drittel empfand ich zunächst wie ein etwas ausgeleiertes Echo von bereits Gesagtem bzw. Gesungenem. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Referenzsongs die passenden gewesen wären und die Ingredienzen dieser neuen Stücke nicht dem Topf der Bedeutungslosigkeit und Unerheblichkeit entnommen worden wären, den der Boss mit einigen Kellen voll Songs aus seinen letzten Alben (allen voran „Magic“ und das bald darauf folgene „Working on a dream“) schon reichlich gefüllt hatte (was ich ihm gleichwohl längst verziehen habe, aus alter, immerwährender Zuneigung und Verbundenheit).
Aber genau aus diesem Topf schienen sie mir zu entstammen, sie klangen wie etwas, das wirklich nicht zwingend hätte erzählt und vertont werden müssen – und genau deshalb wurde ich mit mehr als der Hälfte der Songs dieses neuen Albums nicht so recht warm.

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Nun also, vier Monate später, der Film zum Album: „Western Stars“, gestern Abend europaweit als einmalige (!) Kinoaufführung zelebriert. Für mich eine weitere Chance zur Annäherung an dieses Werk, die durchaus als gelungen bezeichnet werden kann.

Schöne Vorstellung, dass fast all meine Fanfreundinnen und -freunde gestern zeitgleich im Kinosessel saßen, die meisten sogar um Schlag 20 Uhr, so wie ich. Großes Synchrongucken und -hören war somit angesagt, eine Prise brotherhood-feeling, wenn auch meilenweit von jenem entfernt, das man in Live-Konzerten spüren kann. Eher so die Feierabend-Couch-Community-Variante, dafür ohne Rückenschmerzen und Heiserkeit am nächsten Morgen, aber eben auch ohne dieses tiefe, tagelang anhaltende und vorübergehend seelenheilende und lebensverändernde Glücksgefühl solch gemeinsam erlebter, dreistündiger Live-Segnungen.

Ansonsten nervt diese Eventisierung total: Nur an einem einzigen Abend, nur in ausgewählten Kinos… – absurd!

Ich meine, als Bruce-Fan seit bald 35 Jahren fühl ich mich ja sowieso längst auserwählt, da braucht’s diesen Kult doch überhaupt nicht.
Und die damit einhergehende Vermarktung nervt ebenso: Natürlich folgt jetzt noch eine CD zum Film, die dieselben 13, im Juni veröffentlichten Songs enthält, nur eben in den Live-Versionen aus dem Film, die allerdings nicht so bahnbrechend anders klingen als die Studio-Versionen, aber damit auch jener Konsument anbeißt, der genau so denkt, packen sie noch einen Bonus-Track mit drauf, der bislang nirgendwo anders zu hören war als im Kinofilm, nämlich ein Cover von „Rhinestone Cowboy“, und selbstverständlich singt und interpretiert Bruce diesen Uralt-Country-Hit von Glen Campbell um Welten besser als dieser ihn je hätte darbieten können (und trägt dazu auch noch die bessere Frisur und das schönere Hemd als seinerzeit Mr. Campbell).
Trotzdem kauf‘ ich die CD nicht, ein bisschen mehr muss man mir schon bieten!

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München, gestern Abend um 19:45 Uhr.
Etliche Brucianer und Tramps hatten sich an diesem nasskalten Oktoberabend vor Saal 5 des Cinemaxx am Isartor eingefunden, um der groß angekündigten, einmaligen Herbstpredigt zu lauschen.

“Bruce Springsteen turns a concert film into a transcendental experience”, schrieb der Rolling Stone ein paar Tage zuvor, und so waren manche der Zuschauer mit Taschentuchpäckchen bewaffnet angerückt, andere mit zwei Flaschen Bier, denn wenn womöglich ein Transzendenzerlebnis bevorsteht, dann will ja man entsprechend gerüstet sein, um diesem zu begegnen (ich hatte den Gatten dabei sowie ein halbes Päckchen Tempos, eine Flasche Wasser und ein paar Gummibärchen).

Was haben wir zu sehen und zu hören bekommen?
Wie war es um die Transzendenz bestellt? Und kamen die Taschentücher zum Einsatz?

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Geschmeidig traben Wildpferde im Sonnenuntergang durch eine gigantische Steppenlandschaft. Dann Wechsel zu einer Gegenlichtszene, in der ein Rancher sein Pferd lässig am Zügel durch ebendiese Landschaft führt und uns bedächtig entgegenschreitet. Es dauert einen Moment, bis wir feststellen: Nein, das ist keine Zigaretten-Werbung, sondern der Film hat bereits begonnen, und der lässige Typ auf der Leinwand, das ist Mr. Bruce Springsteen aus Freehold, New Jersey, und kein cool vor sich hinqualmender Macho aus dem Marlboro-Country (die trugen ja außerdem weiße Westernhüte, was halt zunächst im Gegenlicht schwer zu erkennen war).

Zum einen präsentiert uns der Film „Western Stars“ alle Songs des zugehörigen Albums live und in der ebenso intimen wie feierlichen Umgebung einer alten Scheune auf Springsteens Anwesen in Colts Neck, die mit etwas Fantasie architektonisch und atmosphärisch locker als Kathedrale durchgeht: am Hauptaltar Bruce Almighty, gelegentlich bei Gesang und Gitarrenspiel unterstützt von Ehefrau Patti, im Chorraum drumherum die Band und ein beachtliches Orchester.

Manche der Lieder gehen mir plötzlich viel mehr unter die Haut, wenn ich nicht nur höre, wie er sie singt, sondern sein Gesicht dabei betrachten kann, eine Band im Hintergrund sehe, auf einer in blaues Licht getauchten Bühne. Beispielsweise kommen mir „Drive fast“ oder „Chasin‘ wild horses“ gestern beinahe wie ganz andere Songs vor als die, als die ich sie bisher wahrgenommen hatte. Ich kann auf einmal genauer hinhören, mich anders drauf einlassen, besonders Letzterer erreicht mich mehr denn je (die Frau neben mir schnieft heftig und aus der Reihe hinter uns ist ebenfalls Taschentuchpäckchenknistern vernehmbar) und als wir am späten Abend heimkommen, muss ich sofort die CD einlegen und den Song gleich nochmal anhören.
Anderes, wie beispielsweise „Sundown“ oder „There goes my miracle“, erscheint mir hingegen genauso unerheblich wie bislang auch, egal, welche Geschichte die Lyrics erzählen wollen, es erreicht mich musikalisch (und auch sonst) einfach nicht.

Überhaupt: Zu viele Backgroundsänger, zu viele Streicher, zu viel orchestrale Weichspülung und cineastisch zurechtgefiedelte Dramaturgie. In manchen Momenten des Films meint man fast, der optisch leider mehr und mehr wächsern anmutenden Patti könnten jeden Moment Engelsflügel unter ihrem Rotschopf hervorwachsen, die sie in die Kuppel der Kathedrale hinauftrügen und dank derer sie durch die alten Holzbalken der Scheune in den amerikanischen Nachthimmel entschweben würde, empor zu den Western Stars, die von dort oben auf uns Normalsterbliche hier unten herabstrahlen.

Etwas arg viel Pathos, so insgesamt, aber wenigstens die Grenze zum Kitsch wurde meistens gewahrt.

Zum anderen ist der Film ein elegischer Roadtrip, eine sehr persönliche Seelenschau und Bilanz, ein meditativer Marsch durch ein Lebenswerk und ein im Stil einer Messe inszeniertes, selbstreferentielles Vermächtnis, das uns der nunmehr 70-Jährige zu treuen Händen übergibt.

Der Boss streift nämlich zwischen den einzelnen Tracks philosophierend durch die Badlands of New Jersey, durch die kalifornische Wüste oder durch diverse Stationen seiner Vergangenheit. Dabei blickt er nicht nur fragend auf die vergilbten Seiten seiner Notizbücher oder durch die verschmierte Windschutzscheibe seines Pickups, sondern auch nachdenklich in die Ferne und lässt seinen teils müde wirkenden Blick über die unendlichen Weiten karger Canyons und staubiger Steppen schweifen, während ein Voiceover – natürlich von Springsteen selbst gesprochen – dem geneigten Zuschauer sehr wissend und teils sogar sehr weise vom Leben, von Heimat, von der Liebe, von Schmerz, Destruktion, Isolation sowie vom Davonlaufen und Zurückfinden (und vielleicht auch ein Stück weit vom Ankommen und Erlöstwerden) erzählt.

Manchmal leider etwas zu weise und aphoristisch, aber Schwamm drüber.
Mit 70 ist das schon ok so und als wahrer Fan sieht man ihm selbstverständlich die eine oder andere etwas triviale Sentenz nach, die man aus anderem Munde vernommen vielleicht als banal abgetan hätte, aber von der so geliebten Stimme verkündet erstrahlt eben manch noch so schlichte Aussage trotzdem in einem gewissen Glanz – und alles in allem spricht hier ja nach wie vor ein großer Geschichtenerzähler zu uns (und etliche der existenziellsten Dinge sind ja auch genau das: schlicht, banal, trivial).

Und gelegentlich spricht er wohl auch nur zu sich selbst: denn manche der Kommentare sind ganz persönliche Erkenntnisse (oder Bekenntnisse), hören sich wie Tagebucheinträge an, die oftmals erst im Herbst des Lebens verlesen werden können, wenn ihr Verfasser sich in all seinen Facetten (und auch in all seiner Verletzlichkeit) zu zeigen wagt und weitgehend Frieden mit sich und seinem So-Sein geschlossen hat: „The older you become the heavier the baggage becomes that you haven’t sorted through. So you run.“

Der schwarze Cattleman wirft einen Schatten auf sein Gesicht, er vermag die Spuren gelebten Lebens nicht zu verdecken und das haben er und das von ihm behütete Gesicht auch weder beabsichtigt noch nötig.

Denn unser Wandererprediger hat längst ein Stadium der Zeitlosigkeit und Unzerrüttbarkeit erreicht. Er ist zu einem Solitär geworden, genau wie die Josua-Palmlilie, die im Film gelegentlich seinen Wegesrand ziert und jeder Dürreperiode (ganz gleich ob es eine der Politik, der Gesellschaft oder der eigenen Kreativität, des persönlichen Lebensweges samt der begleitenden Gemütszustände ist) standhaft trotzt.
Die kalifornische Wüstensonne flirrt durch ihre schwertförmigen Blätter und unter der Hutkrempe des lonesome cowboys summt es womöglich ganz zart:

This is your sword, this is your shield
This is the power of love revealed
Carry them with you wherever you go
And give all the love that you have in your soul

The times they are dark, darkness covers the earth
But this world’s filled with the beauty of God’s work
Hold tight to your promise, stay righteous, stay strong
For the days of miracles will come along

Genau dieser Song vom Album „High Hopes“, um das es hier überhaupt nicht geht, kommt mir plötzlich in den Sinn während ich Springsteen ganz alleine durch den Joshua Tree Nationalpark marschieren oder in seinem Geländewagen durch die Gegend kurven sehe.

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Einigen der Dämonen, die wir aus dem springsteenschen Kosmos bereits kennen, begegnen wir auch in „Western Stars“ erneut. Und vielleicht schließt sich damit ein Kreis.

Denn wenn man so möchte ist „Western Stars“ an manchen Stellen quasi das Diapositiv zu „Nebraska“: vordergründig leichter und lichter kommt es daher, dringt man allerdings unter die Oberfläche, kann man wieder eintauchen in die Welt altbekannter Springsteen-Melodien, -Motive, -Bilder und -Charaktere. Dieselbe Medaille, nur ihre Kehrseite? Es ist alles eins geworden (oder vereint sich nun).

All das wirkt jetzt – zu Beginn seines letzten Lebensquartals – deutlich weniger düster und auch weniger resignativ als noch vor 37 Jahren im in jeder Hinsicht sehr schwarzweißen Nebraska. Als hätten Licht und Schatten einander erstmals die Hand gereicht und sich zum Tanz aufgefordert. Als hätten sich all die schmerzhaften Gegensätze zwar nicht gänzlich auflösen, aber doch ein wenig aussöhnen können.

Als hätte manch einer der früheren Johnnys sich nach durchlittenen Seelenqualen zum geläuterten John gemausert und hätte nach langen Irrwegen in abgewrackten Used Cars auf schier endlos erscheinenden, grauen, trostlosen Highways und trotz all der Narben, die ihm zahlreiche und hartnäckige Devils & Dust(s) während seiner langen Reise zugefügt haben, nun doch noch nachhause gefunden.

Was ja nicht die schlechteste Bilanz wäre, die man nach sieben Jahrzehnten ziehen kann.

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So meine Gedanken, Gefühle und Interpretationsversuche gestern nach dem Kino der abendlichen Herbstpredigt, auf dem Nachhauseweg durch die nächtliche Stadt, noch ganz im Bann der fast 90-minütigen Liturgie.

Vielleicht ist es so, vielleicht aber auch ganz anders.

Denn ein bisschen sieht/hört man ja immer auch das, was man sehen/hören möchte, weil das gerade einen Widerhall in der eigenen Innenwelt erzeugt, der morgen auch schon wieder irrelevant oder ein ganz anderer sein kann.

Oder, um es mit Springsteens Worten zu sagen:
„You lose track of time, it’s all just storms blowin‘ through“ (aus: „Chasin‘ wild horses“).

8 Gedanken zu „Herbstpredigt aus Colts Neck. Ein homiletischer Interpretationsversuch.

  1. Liebe Natascha,

    hier im Badischen war’s ein eher kleines Häuflein von ca. 30 Leuten im 150 Sitze-Saal, aber immerhin waren sogar zwei bekannte Gesichter aus meiner BAP-Truppe dabei – okay eins davon kam mit mir … 😉
    Es war ein schöner Kino-Abend, der sich aber irgendwie seltsam anfühlte, weil man’s eigentlich gewohnt ist, nach ’nem Song dem Künstler zu applaudieren – aber der Künstler war ja gar nicht real anwesend, und so verharrte der ganze Saal in andächtiger Stille …
    … und mir blutete das Herz, Sister Soozie als „Chormädel“ vergeudet zu sehen, auch wenn sie ihr schönstes Sonntagslächeln dazu aufsetzte … aber ich schätze ihre Fiddle wäre nicht „Hochglanz“ genug gewesen für diese wort-wörtliche Film-Musik … die hätte am Ende noch richtig Leben in die perfekten Arrangements gebracht … 😉

    Liebe Grüße nach München und Wien … war schön mit Euch beiden den Film zu sehen!
    Spike

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    • Lieber Spike,
      das mit dem Applaus ging uns auch so, das war im Film ja auch nicht gut gemacht, dass sie den Applaus dort immer so kurz und leise eingeblendet haben, nur einmal haben sie’s hinbekommen, nach dem Ende eines Songs einfach einen Schnitt zu machen, bevor wieder der Text-Part drankam.
      Am Schluss aber haben dann in dem Münchner Kino doch noch alle geklatscht.
      Herzliche Grüße aus München,
      Natascha

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  2. Im Kinosaal des Wiener Filmhauses hat niemand in die Hände geklatscht, aber ich hoffe, das Publikum war dennoch ergriffen genug.
    Mir hat in Deinem Interpretationsversuch die Verbindung zu „Nebraska“ sehr gefallen. Ich habe sogar nach der Vorstellung zu einem Tramp gesagt, dass es leiwand gewesen wäre, gäbe es auch einen Film zu „Nebraska“. Aber ja, Sean Penn hat mit dem „Indian Runner“ einen Anfang gemacht…

    Ich habe kürzlich erfahren, dass der Film sogar auf BluRay/DVD veröffentlicht wird 🙂

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  3. Wow, was für eine Rezension, liebe Natascha!

    Ich wusste, es würde nicht lange dauern, bis wir hier (d)einen Kommentar zu lesen bekommen – und ich war schon wahnsinnig darauf gespannt.

    Vieles von dem, was du schreibst, sehe ich genauso. Eigenartig nur, dass es erst deinen „Interpretationsversuch“ brauchte, um zu merken, dass ich genauso darüber denke.

    Unmittelbar nachdem ich aus dem Kino/der Messe raus bin, war ich erstmal geflasht, aber auch irgendwie irritiert.

    War das „normal“, dass ich nicht das Bedürfnis hatte, nach den Songs klatschen zu wollen? Oder lag es daran, dass keiner der anderen Besucher mal einen Versuch unternahm? Oder hatte ich einfach nur Bruce‘ Worte noch im Ohr, als er bei den Previews anmerkte, nach den einzelnen Songs doch bitte nicht zu applaudieren.

    Tatsächlich ging es mir so, als könne ich was verpassen, würden ich oder eben das Kinopublikum nach den Stücken Beifall klatschen. Schließlich handelte es sich ja um eine „Meditation“.

    Vielleicht wollte ich auch einfach nur meine Freundin nicht aufwecken, die neben mir immer wieder einnickte, mir aber nach dem Film versicherte, quasi alles im Unterbewusstsein mitbekommen zu haben. Was ich insofern anzweifele, dass sie ja weder den Gesichtsausdruck von Bruce während der Songs sehen konnte, noch das backroundsingende Wachsfigurenkabinett. Wobei: Susie und Lisa sahen tatsächlich so alt aus wie sie sind. Einzig Patti erschien mir von den mir bekannten Gesichtern doch relativ unecht.

    Ansonsten hatte die Freundin trotz geschlossener Augen aber wohl doch relativ viel mitbekommen. Wie sonst ist es zu erklären, dass sie mich auf der Nachhausefahrt auf Springsteens Zitate ansprach und Songs vor sich her summte.

    Geklatscht wurde übrigens im Saal auch nach dem Film nicht, wohl aber blieb das gesamte Publikum (so um die 40 bis 50 Leute), bis auf 2 Ausnahmen, bis zum Erhellen des Kinosaals sitzen. Man spürte irgendwie die Ergriffenheit und ich mir kam es so vor, als fühle fast jeder im Publikum dasselbe. Vielleicht waren aber viele auch genauso eingenickt wie die Freundin.

    Ich jedenfalls war hellwach und dachte nur: was würde ich dafür geben, an einem dieser Tische in der Kathedrale (Scheune) zu sitzen, 2 Meter von Fucking Old Bruce entfernt!

    Evtl. war es, über die komplette Distanz gesehen, zu viel Gestreiche, zu viel Orchester, zu viel Backing Vocals.

    Nun muss ich aber erwähnen, dass ich das Album bis auf max. 2 bis 3 Ausnahmen komplett mag. Bruce hatte mich mit dem Album spätestens ab dem Moment, als bei Wayfarer das Orchester nach ca. zweieinhalb Minuten voll „aufdreht“.

    Im Film hätte ich Patti weder bei Stones noch bei Moonlight Motel gebraucht, respektiere und akzeptiere aber, das Bruce ihr diesen Spielraum gibt.

    Ich mag ihren Gesang nicht (mochte ich noch nie) und finde, sie trifft die Töne aber wirklich nie mal komplett richtig.

    Warum akzeptiere ich sie dennoch? Weil mir zum einen gar nichts anderes übrig bliebt. Vor allem aber, weil sie wohl der wesentliche Faktor ist, dass es Bruce jetzt und heute noch so gibt wie es ihn gibt.

    Wer weiß, wie und wohin er abgedriftet wäre mit seinen Depressionen, ohne eine starke Partnerin an seiner Seite und ohne Familie.

    Vielleicht hätten wir ohne diese seine Familie auch noch viele „dunkle“ Meisterwerke ala „Nebraska“ geschenkt bekommen, anstelle von „Working On A Dream“.

    Für mich wahrscheinlicher aber ist die Vermutung, dass es mit Bruce ohne die Verantwortung für Frau und Kinder, aber auch ohne die Familie als Stütze, irgendwann ab Mitte vierzig, Anfang Fünfzig hätte böse enden können – und die „broken pieces“ für alle Zeit ein großer Scherbenhaufen geblieben wären.

    Freitag Abend werde ich mir den Film nun nochmal anschauen, in einem kleinen Kino mit lediglich Dolby 5.1 Sound, kleiner Leinwand und wahrscheinlich maximal einer Handvoll Leuten.

    Mal sehen, wie dann meine Eindrücke sind.

    Und zu guter Letzt am nächsten Dienstag dann ein drittes und letztes Mal (so viel zu dem EINMALIGEN Event!) mit meinem Sohn, auf Riesen-Leinwand und mit Dolby Atmos.
    Und dann hoffentlich auch mit der richtigen Lautstärke, die am Montag Abend für meine Verhältnisse einfach noch zu schwach war.

    Und spätestens dann sollte ich auch wissen, ob die Putzkraft am Ende des Films tatsächlich richtig fegt bzw. aufwischt, während Bruce und Patti an der Theke fachsimpeln. Oder ob es ein Komparse ist (vielleicht sogar Thom Zimny, der wie anno dazumal Alfred Hitchkock in seinem eigenen Film auftaucht).

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    • Ebenfalls: Wow!
      Das dürfte einer der längsten Kommentare sein, die hier je geschrieben wurden, lieber Bobbygoodluckjean (aka Bobbyjean), eine Zeichenbeschränkung scheint es in dem Textfeld also definitiv nicht zu geben, prima!
      Am meisten hab ich mich drüber gefreut, dass uns dieselbe Frage umtreibt: wer zum Jersey devil ist die ominöse Putzkraft am Ende des Films und – noch wichtiger: fegt die überhaupt richtig oder ist das ein plumper Feg-Fake?
      Bitte schau morgen Abend ganz genau hin und klär dann umgehend darüber auf, ok?
      Was ich nicht wusste: dass es geheime Ort gibt, an denen das einmalige Event nochmal aufgeführt wird, da werd ich mal googeln, ob’s das hier auch irgendwo gibt, denn im grauen November kann eine weitere Abendandacht wirklich nicht schaden.
      Aus München grüßt dich herzlich
      Natascha
      PS: Schön, dass du mal wieder hier bist, warst ja lang abgetaucht!

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  4. Gestern Abend also zum zweiten Mal „Western Stars“ gesehen.
    Freie Platzwahl (wer zuerst kommt, sitzt zuerst) im großen Saal (Kino 2) des alten, aber schmucken Arthouse-Kinos und eine stattliche Zahl von Besuchern. Ich schätze mal, dass der Saal seine 200 Plätze hat und würde sagen, er war zu 2/3 gefüllt.
    Bequeme Sitze und viel Beinfreiheit. Technische Ausstattung wie bereits erwähnt Dolby 5.1, klanglich m. E. kein Unterschied zum ersten Kino am Montag mit Dolby 7.1. Und das Ganze gestern für 7,50 Euro (!!) Da kann man echt nicht meckern.
    Wie gewünscht, hier die „Aufklärung“ zur Rolle der ominösen Putzkraft:
    Ich hab erstmal keine Ahnung, wo der ganze Dreck herkam. Das Publikum sah doch eher so aus, als würde man es aus dem „Nachtcafe´“ im dritten Programm kennen.
    Auf jeden Fall ist diese Szene zusammengeschnitten bzw. besteht aus sich wiederholenden Sequenzen. Eine „Fachputzkraft“ scheint es mir jedenfalls nicht zu sein. Sieht fast so aus, als hätte er die Intention, dem Gespräch zwischen Bruce und Patti zu lauschen.
    Als er dann offensichtlich genug gehört und den Schmutz zu einem großen Haufen zusammengekehrt hat, hat er wohl die Schnauze voll und verlässt den Raum.
    Der Film beantwortet nicht die Frage, ob er Feierabend macht oder etwa die Kehrschaufel aus dem Pferdestall holt und lässt so natürlich jede Menge Interpretationsspielraum.
    Von mir aber nun auch noch ’ne Frage zum Sound.
    In beiden Kinos kam der Sound hauptsächlich von vorne, sowohl Gesang als auch die Streicher und Bläser. Und das, obwohl doch im Kino seitlich überall Boxen installiert sind, um einen Surround Sound zu erzielen.
    Lediglich bei Chasing Wild Horses hört man von der Seite dann deutlich ein Instrument heraus. Ich würde auf ein Banjo tippen.
    Hätte mir einen noch kräftigeren Sound insgesamt gewünscht. Lauter und mehr im gesamten Raum des Kinosaales. Beispielsweise das Orchester von den Seiten, während Bruces Gesang von vorne kommt.
    So, wie es eben beim Banjo (oder was auch immer) zu hören ist.
    War das in München, Wien und anderen Lokalitäten genauso?
    Jetzt bin ich auf Dienstag gespannt, im nagelneuen Kino mit allem Schnickschnack.
    Und dann kann ich wahrscheinlich die Augen auf die Szenerie und Gestik richten, anstatt ständig auf den Untertitel zu schielen, aus Angst, ich könnte was nicht oder missverstehen.
    Wurdest du auch nochmal fündig, was den Film in deiner Nähe angeht, liebe Natascha?
    PS: ja, wurde mal wieder Zeit, mich zu Wort zu melden, war wirklich länger abgetaucht.
    Dachte bei meinem letzten Kommentar zwischendurch tatsächlich auch, dass es bestimmt eine begrenzte Zeichenanzahl gibt und mein Kommentar nur zur Hälfte ankommt.
    Falls es so eine begrentze Anzahl geben sollte, ist diese aber offensichtlich recht groß.

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    • Hi BobbyJean,
      zur Frage nach dem Sound: In Offenburg war es ein 150-Leute-Saal in einem modernen Multiplex-Kino, der soundtechnisch 5.1 oder 7.1 können müßte – mein Eindruck jedoch wie Deiner: Stereo, alles nur von vorne … und die Lautstärke war zwar schon laut, aber nicht so raumfüllend daß ein „Mittendrin statt nur dabei“-Feeling bei mir aufkam … kein Vergleich zur Lautstärke und dem Konzertfeeling bei „Bohemian Rhapsody“ – wobei dort allerdings bei der Live-Aid-Sequenz bei mir auch extremst Live-Erinnerungen an das Konzert auf dem Mannheimer Maimarkt-Gelände 1986 aufkamen, die das mittendrin-Gefühl logischerweise nochmal steigerten …
      Naja, am Ende kann man allerdings ein Wohnzimmerkonzert auch nicht mit einem Stadion-Event vergleichen …
      Ansonsten gab’s zwischendrin immer mal wieder ein dumpfes Rumpeln zu Anfang eines Songs, bei dem ich am rätseln war, ob das nun zum Film gehörte oder zum Blockbuster im Saal nebenan, wo vielleicht gerade ein U-Bahnzug vorbeidonnert oder ein Erdbeben passiert … gab’s das bei Dir auch?
      Ein Gruß aus der verregneten Rheinebene!
      Spike

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  5. Huiuiui…ein langes Ding. Danke für’s Nacherleben lassen. Nee, ich würde dafür nicht selber ins Kino gehen wollen – aber was deutlich wird: Da altert einer den Lebensjahren angemessen in Würde. Deuitsche Rocker schaffen das eher nicht. Warum bloß?

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