Vorfreudeplatzen.

Morgens unter der Dusche. Neues Medikament = neuer Spaß. War bei mir schon immer so. Die neueste Autoimmunerkrankung keinen Deut besser, dafür nun ein Ausschlag, der genauso auch im Beipackzettel aufgeführt ist.

Aber nicht jammern, sag ich mir, denn immerhin sitzt die neue Frisur wie angegossen und ohne jede Nebenwirkung, und freundlich Gesonnene sagen einem, man sähe nun ein bisschen aus wie Jean Seberg – ha! Eine Aussage, die sich ja hoffentlich nicht gleich von einer hässlichen dermatologischen Nebenwirkung wird zunichte machen lassen.

Vormittags im Kämmerchen. Für den zerbrechlichen Inhalt im Nikolauspäckchen für A. aus B. nach Luftpolsterfolie gefahndet. Irgendwo in den unteren Regalreihen muss die doch sein. Ist sie auch, ist ja schließlich ein ordentlicher Haushalt hier. Aber in den unteren Regalreihen ist auch noch was Anderes. Nämlich ein erschreckend großer feuchter Fleck an der Wand. Da ich fast nie die Luftpolsterfolie, die Post-Packsets, die große Acetondose oder die hochhackigen schwarzen Wildlederstiefel – um den gesamten Inhalt dieses Regalsegments zu benennen – brauche, guck ich da nur alle paar Monate mal vorbei.

Bei näherer Betrachtung des Flecks gleich die Eingebung gehabt, dass das ja nur vom Bad kommen kann, weil ja direkt hinter dieser Wand die Badewanne steht, bei der grad erst, nach einem Installateurs- und Terminzirkus erster Güte, die defekte Armatur ausgetauscht wurde.

Kurzes Frustheulen, denn dem erfahrenen Mieter schwant ja sogleich, was dieser feuchte Fleck in Zeit, Nerven und Dreck bedeuten wird.

Aber nix da, hier wird nicht rumgeflennt – denn der tolle neue Kurzhaarschnitt, der rettet einen innerlich und äußerlich ja sicher auch noch über ein paar ätzende Wochen der Vermieterkommunikation und Handwerkerbesuche hinweg! So dynamisch wie man jetzt aussieht, wird man das doch mit links wuppen (ein Wort, das ich übrigens extrem hasse und daher auch nur in hassenswertem Kontext verwende).

Also Nase geputzt, zusammengerissen, Fotos gemacht und sofort ein ausführliches Schreiben an den Vermieter aufgesetzt, dieses gegen Ende hin noch mit der freundlich verpackten Forderung nach einer Neuverfliesung des Bades und einer neuen Badewanne garniert, denn wenn man da jetzt eh schon ran muss, dann doch bitte gleich gscheid (der Vormieter hat Wanne und Kacheln vermutlich mit Stahlwolle gereinigt, so wie das ausschaut, aber hier im schönen München, da brauchen Sie wegen sowas nicht meckern, bevor Sie den Mietvertrag nicht sicher in der Tasche haben).

Mittags. Nach diesen unvorhergesehenen Sonderaktivitäten dann doch noch das Päckchen für A. fertig gepackt. Das war ja mal das eigentliche Vorhaben.

Auf dem Weg zur Post beim Aufheben der Hinterlassenschaften des Fräuleins in einen Fremdhaufen getreten, der sich unter den Laubresten versteckt hatte. So laut geflucht, dass das Fräulein sich vor Schreck mitten auf dem kalten Trottoir auf den Rücken wirft. Möge so eine flotte neue Frisur auch über die Zornesröte und -falten hinwegtäuschen!

Auf der Post eine Schlange von zwei Dutzend Omis, die früh dran sind mit den Geschenkebergen für die Enkel und ein paar routinierten Retourenabgebern, die man gleich an den trostlos grauen Zalando- und Amazonsäcken und den ebenso trostlosen Gesichtern erkennt. Nach 20 Minuten sind meine drei Nikolaussendungen frankiert und können ihre Reise antreten.

Später Mittag. Direkt nach der Post in den Bavariapark, der momentan einer Generalrestaurierung unterzogen wird. Wege und Bänke, in einem Zustand, nach dem sich Parks in Berlin alle zehn Finger ablecken würden, werden sinnloserweise runderneuert. München geht’s offenbar gut, mir ham’s ja.

In einer großen Pfütze schrubbe ich die Fremdhaufenrückstände von meinem Stiefel. Ein Eichhörnchen guckt mir dabei interessiert zu. Das Sonnenlicht bescheint sein rötliches Schwänzchen so hübsch, es sieht aus wie eine leuchtende Feder.

Als ich das Smartphone zücke, um ein Foto vom Hörnchenschwänzchen zu machen, meldet mir das mobile Endgerät eine neue Mail. Die ELSTER hat mir geschrieben. Der Steuerbescheid 2018 läge nun zur Abholung im Postfach bereit.

Will ich den heute, an diesem bekackten Feuchtfleckentag sehen? Erst vor drei Wochen habe ich der Sachbearbeiterin vom Finanzamt auf Ihre Nachfragen hin ein 12-seitiges Schreiben mit allen möglichen Nachweisen, Tabellen und Berechnungen geschickt. Da springt jetzt idealerweise doch noch eine fette Rückerstattung raus oder es tut sich eine neue, tiefe Frustgrube auf. In letzterem Fall wäre ich nicht mehr sicher, ob der so erfreuliche und verfassungsstützende Haarschnitt auch diese Katastrophe noch abmildern könnte. Es gibt Widerfahrnisse, die auch von der besten Frisur nicht mehr aufzufangen sind.

„Du, Pippa“, sage ich, „lass uns in unser Stammcafé im Westend gehen. Ich brauch jetzt was Süßes und du bekommst ein Würstchen!“

Nach Kaffee und Kuchen noch ein frühes Unertl und zwei erbauliche Zeitungsartikel. Die Laune fängt sich wieder ein bisschen, und der Hopfen beruhigt tatsächlich das Gemüt.

Morgen fahren wir in die Berge, wo es sonnig und menschenleer sein wird. Weit, weit weg von allen Feuchtigkeitsflecken, Fremdhaufen und Finanzamtmitteilungen. Stattdessen in Begleitung von D., dem Dackelfräulein und der mützenfreundlichsten Frisur aller Zeiten. Ich vorfreue mich nun.

12 Gedanken zu „Vorfreudeplatzen.

  1. Hier scheint die Sonne, ich hoffe D., das Dackelfräulein und Du habt auch richtig schönes Winterwanderwetter … genießt die frische Luft und lauft Euch den Alltagsfrust aus den Haxen … !
    Ein lieber Gruß aus der „Albtalmetropole“!
    Spike

    Gefällt 1 Person

  2. Ich kenne das sehr gut: Wenn die Haare sitzen, dann übersteht man Vieles wesentlich leichter. Ich bin früher oft weite Strecken zum Friseur gefahren, von Braunschweig nach Augsburg oder von Salzburg nach Köln. Natürlich war das auch immer mit Besuchen bei guten Freunden verbunden. Aber ich muss zugeben, manchmal war tatsächlich der dringende Friseurbesuch der eigentliche Anlass 😉 Sieht bestimmt toll aus, dein neuer Haarschnitt! Ganz liebe Grüße und ich bis bald mal ausführlicher auf anderen Kanälen!!

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Himmel der Bayern (68): Vom Lauf der Zeit (und dem Lauf zur Brotzeit). | Kraulquappe

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