Matrjoschka (2).

Zusammen mit dem Advent kommt Jahr für Jahr auch die Erinnerung an das abgebrochene Blatt zurück.
Spätestens, wenn ich den ersten Adventskranz sehe, fällt es mir ein.

Matrjoschka Nr. 2 tritt aufs Podest, erhebt ihr dünnes Stimmchen und spricht: Über damals und über den Advent.

*****

Meist konnte die Mutter nicht allzu gut mit der Tochter umgehen. Sie gab sich dabei wie jemand, dem das Leben eine Rolle vor die Füße geworfen hatte, die ihn permanent überforderte, derer er sich aber leider nicht entledigen konnte.

Dieses kleine, lebendige, ganz eigene und zugleich völlig fremde Wesen zu erziehen – und zwar Erziehen im Sinne einer aufrichtigen Unterstützung beim Sich-Herausbilden-Lassen dessen, was da in diesem kleinen Menschen dringend zum Vorschein kommen will, wie ein Pflänzchen, das für sein Emporkommen aus dem Erdreich, sein erstes Blatt, seine erste Blüte nach einer verlässlichen und konstanten Menge Wasser verlangt, so dass der zuständige Gärtner nicht nur an gut gelaunten Tagen mal mit der Gießkanne vorbeischlendern und ein paar Tröpfchen verlieren darf – war eine Aufgabe, der sie nicht gewachsen war und deren möglicher Verlauf sie auch erschreckte.
Wer würde da heranwachsen?
Und wie würde sie eventuellem Wildwuchs beikommen können?

Notgedrungen eignete sie sich schließlich ein wenig Teilzeitgärtnereiwissen an, verlegte sich hierbei vor allem aufs Zurechtstutzen des Pflänzchens, zupfte beständig an ihm herum, riss ihm hier und da ein Blättchen aus, kürzte Verästelungen, die entstehen wollten und ihr nicht gefielen, steuerte die Blütephasen durch gezielte Düngung und topfte es nach Belieben um, wann immer sie der Meinung war, es sei mal wieder an der Zeit für einen Standortwechsel.
Das Pflänzchen wuchs über viele Jahre langsam, aber wunschgemäß in die Höhe und in die Breite, beides nicht zu üppig und nicht zu karg, ganz so wie die unfreiwillige Hobbygärtnerin es vorgesehen hatte.

Nur Wurzeln zu schlagen, das gelang ihm nicht, dafür wurde es zu oft versetzt in seinem noch jungen Leben. Es blieb ein wackliges Pflänzchen, das oft kränkelte. Und auch das mit dem Erblühen fiel ihm schwer: Denn kaum hatte es seine kleinen Knospen mühsam zu Blüten geöffnet, welkten diese rasch, fielen früh zu Boden, landeten neben dem Übertopf aus Terracotta, in den das Pflänzchen gestellt worden war, und harrten dort ihrem Schicksal, von der Gärtnerin oder einem Windstoß weggefegt zu werden.

*****

Was der Mutter weitaus mehr lag als Gärtnerei oder Kinderei, war Ton. Terracottafarbener, weicher, formbarer Ton. Sie kaufte ihn säckeweise, bearbeitete ihn mit einer Engelsgeduld, übte leidenschaftlich mit und an ihm, schenkte ihm viel Zeit und große Aufmerksamkeit.
Mit dem Ton verstand sie sich von Anfang an hervorragend, denn der Ton war stumm, stellte keine Fragen und wollte nichts von ihr, aber je intensiver sie sich mit ihm befasste, desto mehr tat er, was sie von ihm wollte und das wiederum bescherte ihr eine Zufriedenheit, die sie in ihrem Alltag niemals fand.
Der Ton ärgerte sie auch nicht mit Wildwuchs, er fügte sich geschmeidig in ihre Hände und nahm meist willig die Form an, die sie ihm geben wollte. Die Mutter und er wurden ein inniges, eingeschworenes Team, erschufen zusammen die tollsten Dinge und fuhren sogar gemeinsam in Urlaub.
Zwei Abende pro Woche verbrachte sie in einer benachbarten Keramikwerkstatt, der Papa und ich verbrachten diese Abende mit Lettra-Mix-Partien und Kniffel-Orgien, ab und zu brachte er auch mal den tragbaren Fernseher aus dem Büro mit und wir sahen zusammen einen Film an.
Töpferabende waren gute Abende, denn mit dem Papa allein zuhause zu sein, war in diesen Jahren durchweg entspannt.

*****

Die Mutter bestückte und dekorierte nach und nach den gesamten Haushalt mit ihren tönernen Objekten, eines schöner und kunstvoller als das andere, viele davon sogar auch noch nützlich.
Und eines Tages schleppte sie den Adventskranz nachhause. Einen riesigen, rötlich glänzenden Kranz aus Ton, rundum verziert mit hell lasierten, aufgesetzten Blüten, die der Papa und ich, wir ollen Banausen, natürlich nicht sofort als Christrosen identifizierten. Die Halterungen für die vier Adventskerzen waren exakt symmetrisch auf dem Kranz angeordnet, jede war mit einem Dorn in der Mitte versehen, der die Wachslichter fixieren sollte.
Es war ihr Meisterstück, ihr Werk für die Ewigkeit.

Der Papa und ich bewunderten es ausgiebig, würdigten jedes winzige, perfekt modellierte Blütenblättchen, damit die Mutter strahlte.
Als der erste Advent nahte, wurde das Kunstwerk prominent in Tischmitte platziert, ein eigens auf die Maße des neuen Tonobjekts zugeschnittener, dunkelgrüner Filzuntersetzer wurde daruntergeschoben, um das Holz des Esstisches vor Kratzern zu bewahren.
Der Kranz war so ausladend, dass man Acht geben musste, bei den Mahlzeiten ja nicht mit dem Speiseteller an ihn zu stoßen, und überhaupt ist es in meiner Erinnerung ein einziger großer Eiertanz gewesen, der um diesen Kranz zu machen war und das vier quälende Wochen lang.

Denke ich an die Advente meiner Kindheit zurück, so muss ich feststellen, dass viele Erinnerungen an diese vorweihnachtliche Zeit von jenem Tonkranz geprägt sind. Er war weit mehr als bloß eine gelungene Keramik oder ein besonders individueller Adventskranz. Er war die tongewordene Mutter, ihr Ebenbild, das dort prachtvoll glänzend inmitten des Wohnzimmers thronte und ob seiner filigranen Form ständig zur Vorsicht mahnte.
Wie ein übergroßer, roter fragile-Aufkleber prangte dieser Kranz auf unserem Tisch und er symbolisierte das, was man sowieso das ganze Jahr über zu praktizieren hatte: Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht!

*****

Auch die Tochter hatte Freude am Ton, war voller Neugier und Tatendrang, durfte sogar einen Töpferkurs für Kinder besuchen.
Und brachte eines Tages eine kleine Schildkröte aus terracottafarbenem Ton mit nachhause. Die Schildkröte bestand aus zwei Teilen: einem Unterteil in Form einer Schale mit einem Kopf und vier Füßen dran sowie einem Panzer, mit dem man die Schale abdecken konnte. Beim Brennen hatte es den Panzer ein wenig verzogen, so dass er nicht passgenau auf dem unteren Teil aufsaß, sondern leicht wackelte, und einer der Schildkrötenfüße hatte eine Delle bekommen.
Die Tochter war trotzdem voller Stolz, als sie mit der etwas windschiefen Schildkrötenschatulle heimkam und präsentierte sie der Mutter. Die bemerkte sofort den wackelnden Panzer und kommentierte ihn mit den Worten: „Da hast du aber nicht gut aufgepasst, der rutscht ja runter!“

In einem Akt von tollkühner Selbstbehauptung stellte ich meine Schildkröte auf den Esstisch, neben den Adventskranz der Mutter. Das zog sogleich einen Aufschrei nach sich, weil der eingedellte Fuß der Schildkröte, der der Mutter ebenfalls nicht entgangen war, den Tisch hätte beschädigen können. Daraufhin setzte ich meine Schildkröte kurzerhand in das große, leere (und wie ich fand: sehr einladende) Rund des Adventskranzes hinein, denn zum einen war dort genug Platz für die Schildkröte und zum anderen stand sie nun auch kratzsicher zusammen mit dem Kranz auf dem grünen Filzboden.
Ein wirklich gutes Gefühl hatte ich bei dieser Aktion nicht, vermutlich schwante mir bereits, dass mein reptiler Erstling dort nicht willkommen sein würde.

Und so war es auch. Als die Mutter die Schildkröte im Herzen ihres Adventskranzes entdeckte, war sie fassungslos und zitierte mich sofort zu sich. Was ich mir denn dabei gedacht hätte, ihren schönen Kranz mit sowas zu verschandeln. Dass diese Schildkröte doch auch überhaupt nicht zu Weihnachten passe. Wie das denn jetzt aussähe auf dem Tisch und dass ihr Kranz dort alleine wirken müsse und in seiner Mitte allenfalls Tannenzweige oder -zapfen liegen dürften.
Sie griff nach der Schildkröte, hob sie aber in ihrem Zorn etwas zu hastig hoch, wollte sie möglichst schnell der Umarmung ihres Meisterwerkes entreißen. Dabei verrutschte der wacklige Panzer und fiel hinunter.
Er fiel – Sie ahnen es schon – auf den Adventskranz. Genauer gesagt auf eine seiner besonders empfindlichen Blüten und brach dem Christröslein eines seiner Blätter ab.
Die Mutter war außer sich und führte sich auf, als hätte ihr meine kleine Schildkröte die Kehle durchgebissen.

Den Fort- und Ausgang dieser Vorweihnachtsidylle erspare ich Ihnen – und mir.
Nur so viel: Die Schildkröte ist damals bald eingegangen, sie verkümmerte einfach, so wie manche der Pflänzchen um sie herum es ja auch taten, mangels Licht, Wasser oder Raum.

Adventskränze und Christrosen zieren seither eher selten meinen Tisch und nach diesem Vorfall wagte ich es auch nie mehr, ein Stück Ton anzurühren, obwohl ich es damals geliebt habe, den nassen Ton anzufassen und nie vergessen habe, wie gut sich das anfühlte.

Nur Schildkröten, die mag ich immer noch.
Vor allem die mit einem krummen Panzer und einer Delle am Füßchen.

22 Gedanken zu „Matrjoschka (2).

  1. Dann wäre, denke ich gerade spontan und sicherlich zu leichtfüßig, liebe Natascha, eine Schildkröte ein guter Adventsschmuck… Und für jeden Adventssonntag ein Kratzer… irgendwo… nur nicht auf der Seele…

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  2. Das ist also die Geschichte, liebe Natascha, auf die ich schon gespannt gewartet habe… mannmannmann einmal mehr…
    Sollten der Ton und Du jemals einen Neuanfang wagen: komm gern dafür vorbei. 😉
    Ich habe auch ein großes Herz für Beeinträchtigte aller Art (Schildkröten eingeschlossen). Liebe Grüße. Birgit

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, das ist sie, die Tonadventskranzgeschichte. Das mit dem Neuanfang zwischen dem Ton und mir kann ich mir glatt vorstellen und würde beizeiten auf dein Angebot zurückkommen. Und falls das dann nix würde, weil ich mich zu sehr anstellen sollte, könnte ich ja vielleicht bei der Quittenernte helfen. Wäre auch ein gänzlich unbelastetes Thema, so eine Quittenernte… 😉 Was meinst du?
      Liebe Grüße zurück,
      Natascha

      Gefällt 1 Person

      • Ich weiß nicht, ob die Quitten ein unbelastetes Thema sind. Für mich schon, aber ich kann noch nicht einschätzen, was die restlichen fünf Matrjoschkas zu erzählen haben…🥴
        So oder so findet sich bestimmt ein schönes Einsatzgebiet für Dich. 😊

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      • Weil du das per Mail fragtest: keine Sorge, die Geschichtenwucht bemisst sich nicht an der Matrjoschkagröße. Eine faulige Quitte ist auch nicht mit von der Partie.
        Bestimmt findet sich bei dir ein Einsatzgebiet für mich, beispielsweise eigne ich mich auch hervorragend als Lasagneverzehrerin 🙂

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  3. Wenn die Matrjoschkas ihre Geheimnisse lüften, wird Platz geschaffen und es kann viel Neues und Gutes in die Welt kommen! So zum Beispiel eine Schildkröte aus Ton mit abnehmbarem Panzer …unglaublich tolle Idee, so eine Deckeldose zu kreieren…von der erwachsenen Kraulquappe ganz nach ihrem Gusto getöpfert. Darin wäre zum Beispiel Platz für Pippas Leckerlies ;-))
    Liebe Grüße in den Süden.

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    • Das hast du sehr treffend ausgedrückt, liebe Christine: Das, was die Matrjoschkas da nun so hinausposaunen, das hat was von einer Entrümpelung. Vielleicht melde ich mich gleich im Anschluss zu einem Töpferkurs an, wer weiß.
      Liebe Grüße zurück,
      Natascha

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  4. Schlimme Erinnerung, wenn sich Erwachsene (noch dazu dem eigenen) Kindern gegenüber nicht im Griff haben. Das holt Erinnerungen hoch! Der Klassiker ist ja – als Mutter dem Kind vorzuwerfen, dass es entstanden ist: „Wenn es dich nicht gäbe, hätte ich den(Vater) nicht heiraten müssen.“ Da biste dann auch als zuhörender Spielkamerad geschockt.

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      • Die Ähnlichkeit hab ich irgendwie geahnt.

        Schwacher Promi-Trost: Kaiser Wilhelm II. war eine Steißgeburt. Man zerrte ihn halt irgendwie raus. Ergebnis: Beide Elternteile warfen ihm hinterher vor, die Mama schon bei der Geburt umbringen gewollt zu haben. Soviel zum Thema echt preußischer Nestwärme. … Da löste dann später eben einen Weltkrieg aus…

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  5. Für ein ‚Gefällt mir‘ bin ich zu betroffen. Die eigene Kindheit taucht auf. Beschädigungen. Beschädigungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Bis es eine Generation gibt, die es neutralisieren oder das Pendel in die andere Richtung bewegen kann oder mit der die Familiengeschichte endet. Vielleicht wollte ich deswegen keine leiblichen Kinder, dem Vererben der familiären Traumata ein Ende setzen. Jetzt habe ich Adoptiv- und Pflegekinder, die ihre eigenen Traumata mitbringen. Die Kinder sind für meine Traumata glücklicherwiese nicht empfänglich. Mir jedenfalls tun alle Beteiligten leid. Liebe Grüße, Bernd

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    • Lieber Bernd,
      hab Dank für deinen langen Kommentar! Kann durchaus sein, dass ich auch deshalb nie eigene Kinder in die Welt setzen wollte… Ich betrachte mich als Endpunkt dieser Geschichte und komme mittlerweile auch gut damit klar. Es ist Vergangenheit, noch dazu eine, die ich bearbeitet und aus der ich mich – so gut ich konnte – befreit habe. Seit dem Tod der Mutter ist Ruhe eingekehrt, der gemeinsamen Geschichte können keine weiteren Kapitel hinzugefügt werden. Das ist zwar traurig und zugleich aber gut so, nach allem, was da war und nicht sein konnte. Nur deshalb kann ich mittlerweile auch darüber schreiben, ohne dass es mir die Laune verhagelt (vielmehr fühlt sich’s nach einer Entrümpelung an).
      Das mit dem „Gefällt mir“ seh ich übrigens nicht so eng, erst recht nicht bei denen, die ich näher kenne. Die Bedeutung reicht für mich von „hab’s gelesen“ bis hin zu „wow, toller Beitrag“ (und eben alles dazwischen).
      Liebe Grüße zurück
      Natascha

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  6. Pingback: Tacktacktack. | Kraulquappe

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