Tickticktick.

Es könnte der letzte Frühlingstag in diesem Jahr gewesen sein…

…und nach dem gestrigen Abend ist uns sowieso nach Auslüften zumute, also laufen wir von St. Quirin (an dem man immer nur vorbeifährt, zu Unrecht!) über Gmund (Hundestrand, Thomas-Mann-Skulptur) nach Gut Kaltenbrunn (seit einiger Zeit in der Hand vom Käfer)…

…wo sie auf der Terrasse des Cafés tatsächlich nochmal Gartenpolster auf ein paar Stühle und Bänke gelegt haben…

…so dass sich das Dackelfräulein genüsslich auf den Holzplanken in der Sonne ausstreckt und eine Mütze Schlaf nimmt und ich mich mal wieder in der Kunst des Geradeausguckens übe, der Blick also nach Wiessee hinüberschweift, und sehe ich Wiessee, denke ich unweigerlich an H., die dort geheiratet hat, und ich überlege, wie lange das nun eigentlich schon her ist, 14 Jahre müssten es sein, meine Güte, was sind die Jahre schnell verflogen, damals allein im grünen Seidenkleid zu der Hochzeitsfeier gegangen, weil der U. mal wieder einen Totalausfall hatte, also lieber allein als mit ihm im Schlepptau, hätte H. nur noch ein Jahr gewartet mit ihrer Eheschließung, hätte ich mit einem vernünftigen Begleiter kommen können, aber was soll’s, alles Schnee von gestern, sowieso unzählige Erinnerungen an diesen See und sein bergiges Umland, weil der Haubau der Lebensgefährtin vom Papa ja bereits 17 Jahre her ist, so lange fahre ich nun schon regelmäßig hier raus, um die 200 Mal dürften es locker schon gewesen sein bislang, obwohl’s nie mein Liebslingstal und auch nicht mein Lieblingssee werden wird, aber manche Weichen stellt man eben nicht selbst, denn wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte der Papa sein Altersdomizil ein Tal westlicher wählen sollen, in dem zwar der See fehlt, aber die Bergwelt die schönere ist, und während ich die Gedanken von A wie Abwinkl bis Z wie Zenettihäusl kreisen lasse, beiße ich auf eine matschige, große Rosine, obwohl ich den Kellner sogar zweimal fragte, ob sich in dem Apfelstreuselkuchen auch ganz sicher keine gedemütigten Weintrauben befänden, weil mir sein wackliges Ja beim ersten Mal nicht so geheuer war, fast immer wird man in puncto Rosinen beschissen, vor allem, wenn Apfel mit im Spiel ist, dann wird’s unseriös, und beim Herausfieseln der Rosine aus dem Mund, um sie am Tellerrand abzustreifen, denke ich an den Papa und dass Rosinen zu den Dingen gehören, in denen unsere Vorlieben konträrer nicht sein könnten, und dass es eigentlich eh immer eine Menge solcher Dinge gab und gibt, bei denen wir uns massiv unterscheiden oder uneins waren, es ist gut, dass einem sowas auch mal wieder ein- und auffällt, denn je älter er wird und je gebrechlicher, desto verklärter und friedvoller betrachte ich ihn und uns, erst heute Vormittag wieder eine Aufwallung größter Rührung, als wir zusammen am PC sitzen, weil er einige Fragen hat, er, der früher nie Fragen an die Tochter hatte, außer vielleicht Wann kommst du heim? oder Wie alt ist der Knilch? und plötzlich hagelt es nun Fragen, weil er mit der Technik nicht klarkommt und beispielsweise die Speicherkarte die Fotos nicht rausrückt, ich sehe ihm zu, wie seine zittrige Parkinsonhand die Maus bewegen will, gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis der Zeigefinger endlich den Klick ausführt und noch eine weitere Ewigkeit, bis er mir sein Problem vorgeführt hat, unterm Tisch liegt das Dackelfräulein und leckt ihm den großen Zeh ab, was ihn freut, so wie ihn überhaupt die Gegenwart des kleinen Hundes unglaublich erheitert, dann überlässt er mir Maus und Tastatur, und ich helfe ihm, lege Ordner an, kopiere 352 Russlandfotos an zwei verschiedene Stellen, tippe ihm eine Anleitung für zwei weitere Probleme, und er sitzt da neben mir auf dem Stuhl in seinem Morgenmantel, staunt und guckt, was ich da mache und dass ich Antworten habe, kindlich wirkt er, immer kindlicher, auch morgens kicherte er heute wie ein Kind, als ich das Fräulein zu ihm ins Schlafzimmer ließ, sie mit Anlauf in sein Bett sprang und schwanzwedelnd über ihn herfiel, ihm die Ohren polierte, was ihn so kitzelte, dass er sich zur Seite rollte und kicherte, wie ich ihn lang nicht mehr kichern hörte, sich das Kissen über den Kopf hielt, was natürlich einen waschechten Teckel keinesfalls von seinem Tun abhalten kann und so ging das Gebalge weiter, bis ich den Hund wieder aus seinem Bett klaubte und auf den Boden zurücksetzte und beide noch ein Weilchen erschöpft hechelten, aber ziemlich glücklich wirkten, kostbare Momente, und immer kostbarer wird ja die Zeit, wenn da auf einmal eine Uhr tickt, die vormals vierzig Jahre oder länger eine solch geräuschlose Existenz führte, dass man nie dran erinnert wurde, dass diese Uhr überhaupt Zeiger hat, die sich – tickticktick – bewegen und auf etwas zuschreiten, ja, da naht etwas, das spüre ich deutlich, ein Advent der anderen Art, dieses Nahen, denn wenn es angekommen sein wird, ist keine Geburtstagsfete angesagt, so viel ist klar.

Was man nicht so alles erinnern und denken kann, wenn man mal ein Dreiviertelstündchen dasitzt und den letzten Frühlingstag inhaliert und einen niemand vollquatscht oder anderweitig auf den Wecker geht.

7 Gedanken zu „Tickticktick.

  1. Ich habe letztens beim ausmisten das letzte Kreuzworträtsel gefunden, das ich mit meiner Mutter versucht habe, als die Demenz schon recht fortgeschritten war – sie war da 89 oder 90 … ich weiß noch, „Gurkengewürz -> Dill“ kam noch wie aus der Pistole geschossen: das war tief verwurzeltes Wissen der Hausfrau – bei anderen Begriffen mußte ich ihr mit geschickten Fragen auf die Sprünge helfen, vieles war in ihrem Zustand auch einfach unlösbar … vielleicht 10 oder 12 Begriffe waren ausgefüllt, 2/3 des kleinen Rätsels blieben leer … aber diese 10 oder 12 Erfolgserlebnisse ließen ihre Augen nochmal leuchten …
    Früher brauchte sie mich nur für den neumodischen englischen Kram, die aktuellen Schauspieler und Rockstars und das Lateinische … nun brauchte sie mich als Augen zum lesen, als Hand zum schreiben und eben auch irgendwie als Souffleur …

    Nutze die Zeit, liebe Natascha, und halte diese Momente fest: Du machst das ganz richtig so …

    Ein mitfühlender Gruß,
    Lukas

    Gefällt 3 Personen

    • Ja sowas. Grad komm ich mit einer Dillcreme (für aufs Brot, nicht für ins Gesicht oder so!) von Einkaufen nachhause, die sprach mich spontan an und schon les‘ ich auch hier was von Dill…

      …vielen Dank, lieber Spike, für die Erinnerung an deine Mutter – eine wirklich sehr vergleichbare Situation, von der du da erzählst. Es ist einfach eine große Umstellung, wenn eine neue Ära anbricht, die mit allem bisher so Vertrauten aufräumt, ein Loslassen auf Raten, ein langsames Sich-Gewöhnen an einen Abschied, der eines Tages kommen wird.
      Herzlich,
      Natascha

      Liken

  2. „Wie alt is der Knilch?“ 🙂
    Ja, irgendwann überholt man ohne es zu merken. Mittlerweile 20 jahre her, da saß ich mit meinem Vater in Rheinsberg im Schloss an der Kaffeetasse und wir kamen über die Prinzen Friedrich und Heinrich der Preußen auf Literatur /“Königliche Hoheit“/Thomas Mann und ich spulte allerlei ab über Zusammenhänge von Erziehung, Prägung,späterem Handeln; erst am Beipiel von Friedrich dem Großen und dann anhand der gelebten Arroganz von Thomas Mann – dann seine Reaktion an einer Stelle: „Interessant. wo westn das her?“ Ich: „Von dir. Das hast du mal erzählt.“ Er: „Hm. Sowas hab ich mal gewusst?“

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Tacktacktack. | Kraulquappe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.