Von allerhand Strukturen.

Guten Abend aus der Corroventenhölle und vorweg gleich mal eine kleine, gute Nachricht: Seit heute Morgen um 8:11 Uhr pusten und dröhnen hier nicht mehr vier Trocknungsgeräte, sondern nur noch drei.
Das ist immer noch blöd und belastend genug, aber wir wollen jede – wirklich jede! – Verbesserung sehen und würdigen, uns an jedem Strohhalm hochziehen, den man uns in unser Aquarium steckt!

Der Serienbeauftragte hat dankenswerterweise dafür gesorgt, dass die in der Wohnung zu verbringenden Abende der letzten Tage einfach komplett und ganz wunderbar zugeofczarekt waren („ofczareken“, Verb, ugs.: „sich an Filmen überfressen, in denen Nicholas Ofczarek möglichst in der Hauptrolle zu sehen ist und wenn nicht, zumindest dialektal, akustisch oder wampenmäßig präsent ist, was in jedem Fall besser ist als gar kein Ofczarek“), auch das eine wohltuende Ablenkung von der Baustelle direkt vor unserer Wohnzimmertür.
Immerhin ja noch zwei unversehrte Räume hier herinnen, in denen man die DVD oder die CD so laut stellen kann, dass man das Brummen aus dem Rest der Wohnung nicht hören muss (dennoch langsam eine Tendenz zu Kopfweh und Ohrensausen, wenn man länger als 4 Std hier verweilt, um endlich mal wieder dieses Hasswort zu verwenden).

Ebenfalls wunderbar ist, dass sich jeden zweiten Tag oder Abend ein anderer Freund oder eine andere Freundin erbarmt aufschwingt, mich auszuführen und zum Essen einzuladen (und das Fräulein gleich mit).
Letzten Donnerstag ein köstliches Thai Curry mit B. hier ums Eck, am gestrigen Montag mit dem Physiker auf ein Risotto ins Westend, heute mit D. im ehemaligen Heimatviertel tolle Spinatknödel gefuttert – gute Nahrung hält einen ja innerlich zusammen in solchen Phasen, in denen äußerlich alles irgendwie auseinanderfällt, und überdies ist es ja auch schön, mal wieder ein paar neue Lokalitäten kennenzulernen und viele Stunden mit Menschen zu verbringen, die man gern hat.

Passend dazu purzelt heute noch ein tröstendes und Mut zusprechendes Kärtchen von A. aus dem fernen B. durch den Briefkastenschlitz…

…für das ich hiermit ganz herzlich danke!
Der Spruch auf der Kartenvorderseite hinten ergänzt um die Fußnote, dass damit selbstverständlich auch anderer Kuchen gemeint sei – und Weißbier ebenso).
Sehr gerührt hat mich das, weil ich mich nicht nur verstanden, sondern auch erkannt fühlte, was ja ohnehin eng miteinander verknüpft ist, denn nur was man wirklich erkennt, vermag man auch wirklich zu verstehen.

All das ist mir ein großer Anker in diesen Wochen. Sie müssen nämlich wissen, dass meine innere Strukur eine ist, die von Verhau, Schäden, zu vielen Provisorien und Baustellen im eigenen Zuhause unverhältnismäßig stark erschüttert wird. Andere Menschen sind da viel cooler, rationaler und gelassener, sagen „Mei, sowas passiert halt“ oder „Wird schon wieder“, was ja auch alles stimmt.
Aber für mich ist das nichts Rationales, sondern mir geht’s da brutal ans Eingemachte: schon Umzüge, bei denen ja immer irgendwas schief- oder kaputtgeht, sind ein Alptraum für mich (all das Gewusel, all das Durcheinander), und wenn meine Abstellkammer zusammenbricht, ist das, als hätte mir jemand die Milz rausgerissen, und wenn – wie nun der Fall – die halbe Wohnung von einem Wasserschaden heimgesucht wird, kommt das folglich einem ziemlich umfassenden Ausweiden gleich, und zwar am lebendem Objekt.
Nur ein Brand oder Erdbeben träfe mich noch krasser (oder ein Einbruch mit Totalverwüstung oder eine Sturmflut).

Das kommt – und das ist jetzt keine faule Ausrede! – aus frühester Kindheit und dass ich damals ohne meine Struktur in meinem kleinen Zimmerchen wohl eingegangen wäre. Der kleine Raum war meine Burg, meine Festung, mein Halt, dort spielte ich, dort schrieb ich, dort bastelte und musizierte ich, dort fand ich Ruhe und Muße. Draußen vor der Zimmertür tobte einfach zu oft das Chaos oder der Wahnsinn, ich zog mich also zurück, schloss die Tür und befand mich in meinem kleinen, geschützten Ausschnitt der Welt, in dem ich den Dingen und Ereignissen eine Struktur geben konnte, die mich gleich mit ordnete oder mich zumindest vor dem Auseinanderfallen bewahrte, was freilich nur so lange währte, so lange die Mutter meinen kleinen Ausschnitt der Welt unversehrt ließ, ihn also nicht betrat oder zertrat (vielleicht berichtet ja eine der Matrjoschkas noch von dem Tag, an dem ich es wagte, mich einzusperren oder auch von dem Tag, an dem die Mutter sich einsperrte, ich bin noch unschlüssig, welcher der beiden mitteilbarer wäre).

Dummerweise hat sich dieses Verhaltensmuster im Laufe meines Lebens von einem kleinen Zimmer auf eine ganze Wohnung ausgeweitet und hat selbst vor Ferienwohnungen und Hotelzimmern nicht Halt gemacht: wo auch immer ich mich länger als ein oder zwei Tage aufhalte, muss ich herumräumen, bis sich der Raum nach „Zuhause“ und nach „Struktur“ anfühlt, sonst komm ich dort nicht an oder kann mich dort nicht aufhalten oder muss – wenn es sich gar nicht umstrukturieren lässt oder per se gegen jedes ästhetische Empfinden verstößt – sogar abreisen.
Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich wirklich Freude am (Ver)Reisen empfinden konnte und nicht ständig insgeheim dachte, dass ich mich zuhause ja eigentlich viel wohler fühlen würde als in der relativen Unbehaustheit, in der ich mich nun dort in der Fremde befand.
Aus dem Koffer leben, im Zelt hausen, wochenlange Rucksackreisen oder mit mehr als nur mir in einem Camper unterwegs – undenkbar für mich, bis heute, weil ein einziges gruseliges Baustellengefühl wäre das und ein elendes Dauerprovisorium, dem ich nicht den geringsten Genuss abringen könnte.

Seien Sie aber bitte gänzlich unbesorgt, falls ich mal zu Ihnen zu Besuch käme und über Nacht bliebe: ich bin als Gast äußerst pflegeleicht, schmutze nicht, helfe jederzeit in Ihrem Haushalt mit und benötige nicht mehr als ein Handtuch ohne Weichspülergestank, eine saubere, nicht zu weiche Schlafstatt und neben dieser ein Nachttischlämpchen, das auf halbwegs staubfreiem Untergrund steht und ein Leuchtmittel zwischen 2700 und 3000 Kelvin enthält, meine bescheidenen Frühstückswünsche teile ich gern mit einem Vorlauf von ein paar Tagen mit, damit Ihnen der Einkauf keinerlei Umstände beschert, Sie vor allem nicht zu viel besorgen, wo ich doch nur wenig brauche, und sowieso bliebe ich keinesfalls länger als ein bis drei Nächte.

So. Nun nochmal 9 Tage mit den verbliebenen Corroventen und sofern Atlacoya, die holde Göttin der Trockenheit, uns gnädig gestimmt sein sollte, sind dann alle Wände gelbgrünbraun und durchgetrocknet und harren dem kühlenden Nass der frischen, weißen (und rauchgraublauen) Isolier- und Wandfarbe, die Lolek in absehbarer Zeit auf sie draufpinseln wird, auf dass sie wieder erstahlen in vertrautem Glanze.

Wenn alles gut geht, haben wir nach dem Abbau der Corroventen und vor dem Beginn der großen Badzerstörung sogar 3 (in Worten: d-r-e-i ) Tage vollkommene Ruhe hier daheim, die wir schon im Verlauf des dritten Tages wieder werden eintauschen müssen gegen die Dauerbeschallung durch die Lebensgefährtin des Papas, das ist das große Manko am Tegernseer Ausweichquartier, aber vermutlich immer noch erträglicher als täglich 10 Stunden Fliesenabschlaggeräusche und Gestaube von Lolek und seiner Mannschaft.

Ab morgen teste ich erstmal das Ausweichquartier zum Ausweichquartier, denn die Lebenserfahrung lehrt: Du sollst immer einen Plan B haben!

14 Gedanken zu „Von allerhand Strukturen.

    • Nein, du hast den live am Set erlebt? Und ihm nicht sein Leiberl geklaut und mir geschickt?
      (Von dem Film hab ich gelesen. Eine so vernichtende Kritik in der SZ, dass ich da – nur wegen einer wamperten Szene vom Niki – nicht reingehen werde. Außer du sagst jetzt, dass die Szene mit dir eine spektakuläre ist, dann überleg ich nochmal.)

      Liken

  1. So, und weil ich den Nicholas Ofczarek so gar nicht kenne und dringend mal ausschnaufen muss, schaue ich jetzt gleich einen Tatort mit eben diesem … freue mich drauf.
    Und du, liebe Kraulquappe, bleib tapfer, ich weiß fast genau wie es dir geht – ich brauche auch meine Struktur, meine Ordnung um mich herum, nicht ganz so streng, aber … selbst im Zelt habe ich meine winzigen Einode in einer Ecke stehen, das ist dann so ein kleines bisschen heimatlich – hab ich gelernt, als ich mal 3 Monate aus einem Koffer und einem Rucksack lebte, mal hier, mal dort, am bizzaresten war ein Speicher. Gut, war es Sommer!
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  2. Viel Glück noch mit der Baustelle, musste mal 2 Jahre lang auf, in einer leben, ein Alptraum, der mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat an einem bestimmten Punkt. Mein Mitgefühl ist dir sicher…. 💖🌱🌳 Liebe Grüße aus Wien!

    Gefällt 1 Person

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