Laura ist wieder nackt oder: Are you lonesome tonight?

Man kann ja dieser Tage kaum noch einen Schritt tun, ohne von dem Coronagedöns terrorisiert zu werden. Das Virus ist nahezu überall präsent, dabei hat die BILD München doch schon einen Plan, wie der Krise beizukommen ist: Laura soll sich wieder nackig machen. Dann wird alles gut und unser Land die Epidemie überstehen.

Sie hat das anscheinend auch gleich getan, die Laura (warum haben sie eigentlich keine Corin(n)a auftreiben können für diese Aktion, fragt man sich), wie man auf dem Titelblatt sieht.

Ich tat es ihr gleich und ging zum Schwimmen. Ein sehr schönes Sportstündchen heute, denn das Lieblingsbad ist krass leer.
Kein Wunder, sagt der Bademeister, denn jeder Zweite wäre verunsichert, ob das Virus einem nicht beim Luftholen (was ja knapp über der Wasseroberfläche stattfindet) in den Rachen oder beim Tauchen in die Nüstern geraten könne.
Die Belegschaft überlegt daher, ein Schild neben dem Kassentresen aufzustellen, um den besorgten Schwimmbadbesucher zu informieren, dass im Becken keinerlei Gefahr bestünde, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren, allein der Chlorgehalt (aber auch andere Faktoren) verhindere dies. Bis die Stadtwerke diesem Schild zugestimmt haben, wird sich die Kassiererin weiterhin den Mund fusselig reden.

In der Schwimmbadumkleide stehe ich in Unterwäsche vor der großen Spiegelfront, um meine Haare trockenzupusten. Das Licht dort ist so grell (und erbarmungslos: nirgends habe ich so viele Falten und graue Haare wie vor dem verdammten Spiegel in der Schwimmbadumkleide) und ein paar Dachfenster sind so ungünstig gekippt, dass ich zur Pollensaison regelmäßig Niesanfälle bekomme, wenn ich mich an diesem Fleck länger als 2 Sekunden aufhalte. 15x hintereinander sind keine Seltenheit, neben der herumfliegenden Hasel befeuert der Lichtreiz das Ganze zusätzlich.

Hinter mir kräht ein kleines Mädchen, das das Geschniefe mitbekommt, weil man es gar nicht nicht mitbekommen kann, entsetzt: „Du, Mama, hat die Frau da vorn Corona?“
Der Mutter ist das peinlich, sie beschwichtigt die Tochter, nimmt sie beiseite und ermahnt sie, nicht so laut zu sprechen.
Ich drehe mich mit triefenden Augen und laufender Nase zu der Kleinen um und sage: „Keine Sorge, die Frau hat nur Heuschnupfen.“

Apropos Herumrotzen. Gestern Nachmittag beiläufig mein persönliches Wort der Woche entdeckt, in einem erfreulich informativen und sachlichen Beitrag der ZEIT zum Coronagedöns, den mein geschätzter Blogkollege Bernd kurz nach Erscheinen gepostet hatte: Niesetikette.

Niesetikette! Ist das nicht großartig? Sprechen Sie’s dreimal hintereinander laut und deutlich aus, spätestens dann werden Sie es lieben!
Ich war jedenfalls sofort völlig aus dem Häuschen und klickte alle weiterführenden Links in dem Artikel an, die dieses sprachliche Kleinod näher illustrierten.
So auch jenen, der zu einem Filmchen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung führte, das mir das ganz genau erläuterte, was es mit der Niesetikette auf sich hat:

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie dieses putzige Rotz-Tutorial angucken – ich für meinen Teil muss zugeben, dass ich davon noch so manches (*hüstelhüstel* – natürlich auch dies nur noch hinter vorgehaltener Hand oder in die Armbeuge hinein oder wie hier: virtuell und damit automatisch mit gebührendem Abstand zu Ihnen) lernen kann. Ich stamme nämlich leider aus einer Familie der hemmungslosen Lautnieser und Taschentuchtrompeter und bin auch mit einem Gleichgenossenen (oder -geniesten?) verheiratet.

Anderes, das mir das Filmchen verklickern will, habe ich aber schon längst gewusst:
1. Zum ersten Date lässt man sich abholen oder gurkt zumindest nicht mit dem Bus dorthin, weil man sich in dem kurzen Röckchen beim Warten an der Haltestelle verkühlen könnte und außerdem auch nicht Gefahr laufen möchte, unterwegs den ollen Ex-Freund mit seinem neuen blonden Gspusi zu treffen, das verhagelt einem ja gleich die Laune.
2. Dem neuen Typen bringt man beim ersten Date doch keine so überdimensionierte Präsentbox mit, schon gar nicht, wenn der Bursche seinerseits nur eine dürftige Rose besorgt hat (sofern die nicht eh eine vom Restaurant gestellte Deko war), eine selbstgebrannte CD tut’s auch und wäre gleich ein erster Lackmustest, ob man sich denn nicht nur was zu sagen, sondern auch gemeinsam was zu hören hat.

Wobei, wie mir gerade einfällt, das mit der selbstgebrannten CD auch ziemlich schiefgehen kann, also der Lackmustest gar kein solcher ist, sondern nur eine fiese Falle (und in dem Sinne dann aber ein Hardcore-Lackmustest), wie es mir zu Studienzeiten mal passiert ist.
Da überreichte mir der attraktive M. beim ersten richtigen Ausgehen (Würzburger Weinlokal mit Schummerlicht) eine CD, hübsch eingepackt, und fixierte mich mit neugierigem Blick während ich das Ding auswickeln sollte, um auch ja meine Erstreaktion haarklein mitzubekommen, total unangenehm war das, ich hasse es, wenn man mich beim Geschenkeauspacken so anstarrt, es macht einen so unfrei, erzeugt so einen Freu-Druck, zumindest, wenn man einander noch nicht jahrelang und gut kennt.
Und tja, was soll ich sagen?!? Prompt ging das auch schief.
Mir fiel nämlich justament die Kinnlade runter als ich das Papier entfernt hatte und eine Compilation der größten Hits von Chris de Burgh in Händen hielt. Und eine verräterische Röte stieg mir auch noch ins Gesicht, weil ja in dem Moment sonnenklar war, dass das nichts werden würde mit uns zwei Hübschen, trotz aller damaligen Hübschheit, denn alles an und in mir war mit Chris de Burgh absolut inkompatibel, aber vor mir saß der attraktive M. und strahlte mich im Kerzenlicht so schön an und wartete auf meine Reaktion, auf ein Zeichen der Rührung und Freude.
Herrje, war das gräßlich, ich stammelte irgendwas, um Zeit zu gewinnen für die Konstruktion eines halbwegs passenden, sozialverträglichen Satzes, da sah ich, dass M. immer noch strahlte und zugleich komisch verkniffen und verkrampft um die Mundpartie wirkte, was meine Augen sogleich genauer untersuchten, weil dieser seltsame Zug um die Lippen ganz untypisch war für M., den ich immerhin schon ein ganzes Semester lang gründlich beobachtet hatte, und dann konnte M. nicht mehr und seine Mimik lockerte sich, der Krampf um den Mund löste sich und er brach in schallendes Gelächter aus.
Weil er natürlich gewusst hatte, dass mich der Schlag träfe, wenn er mir eine CD von Chris de Burgh schenken würde, und mich aber genau damit auf die Probe stellen wollte, um sich daran zu ergötzen, wie wohl eine, die neben dem Boss nur noch Dylan und Waits ähnlich exzessiv hörte, mit der Schmalzmucke von Chris, dieser harmlosen Heulboje mit den Waigel-Augenbrauen und dem Schulbubenpony, umginge. Würde sie ihm Begeisterung vorheucheln? Würde sie sich irgendwie aus der Sache rauswinden, und wenn ja, wie? Oder würde sie die CD auf den Tisch knallen, ihre Serviette obendrauf schmeißen, aufstehen und gehen?

Nun, so weit kam es nicht.
Eben weil M. schon vorher vor Lachen platzte. Und dann in seinen Rucksack griff und zwei weitere Päckchen hervorholte: 1x Dylan und 1x Elvis.
Großartig, beides. Wir haben nächtelang Karaoke-Singen zu der zweiten CD veranstaltet und viele Bocksbeutel dazu geleert. Ich sehe M. noch vor der geöffneten Balkontür stehen und diese göttliche Sprechpassage aus „Are you lonesome tonight“ in die Nacht hinaus schmettern, Sie wissen schon, die, die so beginnt: „I wonder if you’re lonesome tonight, you know someone said that the world’s a stage and each of us must play a part…“
Ein Paar wurden wir übrigens nie, obwohl es vor allem vom Humor und auch vom Gesang her durchaus gepasst hätte.

Haben Sie einen guten Start ins Wochenende – und falls Sie Pollenallergiker sind: werfen Sie unbedingt genug Antihistaminika ein, damit Sie nicht für einen Corona-Infizierten gehalten werden, sich die Menschen also nicht unnötig von Ihnen abwenden oder kleine Kinder sich vor Ihnen ekeln.

Is your heart filled with pain, shall I come back again?
Tell me dear, are you lonesome tonight?

26 Gedanken zu „Laura ist wieder nackt oder: Are you lonesome tonight?

    • Schon vor 28 Jahren habe ich dich nicht immer gleich verstanden. Silberkette: Ja klar! Aber Nieseti? Niegehörti! Wird wohl wieder ein Bröckchen dieser coolen Mediensprache sein oder ein Überbleibsel deiner texanischen Einflüsse. Erbitte Aufklärung.

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      • Schon während meines Volontariats habe ich gelernt: Der Bindestrich ist dein Freund (der Punkt auch, aber das ist ein anderes Thema), da er dich Sachen sehen lässt, die sonst selbst dem Herzen verborgen bleiben. Wie die berühmten Blumento-Pferde. Auch wenn diese höchstens in Ausnahmefällen Nieseti-Ketten tragen.

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      • München. Samstagmorgen um kurz nach 8 Uhr. Nach einer schlechten Nacht (fiepende, fiktive Hundemutter sucht fiepende, fiktive Welpen im ganzen Bett) lese ich die ersten beiden Sätze eines Leserbriefs von Freund P. aus B. und frage mich: Ach du heilige Sch…? Wieso kommt er jetzt auch noch mit dem Franzosen-Anton (oder auch: Franzosenanton) daher? Dann aber vernahm ich überdeutlich das Hufgetrappel der Blumento-Pferde, ein frühmorgendliches Musikerleben (oder: Musik-Erleben), das mir den Marsch blies – ich habe dich nun verstanden! 🙂

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  1. Kurz habe ich gezuckt: Sie tut’s der Laura gleich?? Dann Beruhigung: Sie geht ins Schwimmbad. Im anderen Fall hätte ich mir erstmals in meinem Leben diese Blätter kaufen müssen.
    Ich mag übrigens Chris de Burgh und vor allem seine rote Dame aus denselben Gründen auch nicht: dieses Jammern und dieser Look…
    Und niesen: ja! Laut muss es sein! Und in meinem Fall auch oft. Ich denke, dass es ohnehin besser für die Stabilität der Gefäße ist.
    Birgit

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    • Keine Sorge, liebe Birgit, „gleichtun“ wirklich nur in dem Sinne, dass man sich halt vor und nach dem Schwimmen mal kurz nackig machen muss.
      Dass du mit dem Jammerlappen (Lady in red fand ich entsetzlich) auch nix anfangen kannst, mit lautem Niesen aber schon, das freut mich! Mein ehemaliger Kollege, der das Pech hatte, jahrelang mit mir das Büro teilen zu dürfen, hat ziemlich an meiner Lautnieserei (und der anschließenden Taschentuchtrompeterei) gelitten und mir immer einzureden versucht, da würden mir die Äderchen in der Nasenwand platzen – ich schließe mich gern deiner Theorie an: dass das die Gefäße stärkt.
      In diesem Sinne: Hatschi & Prust (n icht zu verwechseln mit Proust) und einen schönen Samstag 🙂

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  2. Also jetzt muss ich mich nach genüsslicher Lektüre aber bekennen. Also Chris de Burgh geht bei mir auch, nicht die neuen Sachen, also die aus den 90ern aber die Far beyond this castles walls und best moves höre ich heute noch manchmal ganz gern. Das hat natürlich nicht die gleiche Klasse wie Bob Dylan und vor allem dem göttlichen Tom Waits aber manchmal mag ichs…

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    • So lange Einigkeit darüber besteht, dass Bruce einer der (Aller)Größten ist, sehe ich dir diese Anmerkung großzügig nach, lieber Bernd 😉
      (ich könnte mich jetzt auch noch outen und hinzufügen, dass ich damals nahezu alle Balladen von Phil Collins liebte, aber das lass ich besser…)

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  3. Liebe Natascha,

    der Ingenieur fragt sich natürlich, wie die Laura das wohl hinkriegt mit den Corona-Viren: Was für eine Technologie steckt dahinter, die in der High-Tech-Metropole München entwickelt wurde? Sind da irgendwelche aus BMW-Katalysatoren weiterentwickelte Filteranlagen in ihren wohlpropotionierten „Lungenflügeln“ verbaut? Und wozu muß sie sich dafür nackig machen? Wird die von Corona-Virent befreite Luft gar nicht ausgeatmet, sondern durch die Poren der mit weiteren Filterschichten präparierten Haut herausgepreßt?
    Nun, wir werden es wohl nie erfahren, denn das ist streng gehütetes Betriebsgeheimnis und sicher sind schon 35 Patente dafür angemeldet …

    Den Chris de Burgh hab ich sogar als „Beifang“ mal live erlebt im Sommer 1990 … er war Sonntagabend das Finale am Hockenheimring und wir marschierten zu seiner letzten Zugabe „Hey Jude“ mit dem ewig langen Schlußchor aus dem Stadion … okay, das „Vorprogramm“ mit Tina Turner und den Simple Minds als Headliner am Samstag und Gary Moore, Jethro Tull, Gianna Nannini, Alannah Myles und Karat zwischendurch war doch mehr von Interesse – ein gewisser Herr Maffay spielte vor Chris und die damals noch unbekannten Fury in the Slaughterhouse wurden Sonntag früh um zehn mit einem 25-Minuten-Auftritt verheizt von dem ich nur noch weiß, daß es schräg und laut war … die bleibenden Bilder in der Erinnerung waren aber Karat’s „Sieben Brücken“ im Wolkenbruch, wir naß bis auf die Haut, und etwas später Gary Moore, dem im Instrumental „The Loner“ die hohe E-Saite riß und er schnell im weiterspielen an paar Wirbeln drehte und das Teil auf den 5 anderen Saiten nach Hause brachte …

    Ein lieber Wochenend-Gruß von
    Commentatore Spike

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    • So schaut das also aus, wenn der Herr Ingenieur über Lungenflügel sinniert 😉
      Zu der Beifang-Sache: ich glaube, ich war auf demselben Konzert, zumindest erinnerte mich dein Bericht verdammt stark an einen Sommerabend mit dem Papa im Olympiastadion. Er wollte wg Gianna Nannini da hin, und nahm mich mit. Der Chris war auch mit von der Partie, riss mich aber null vom Hocker.
      Liebe Grüße aus dem „Umzug“
      Natascha

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  4. Ich bin ja der reine Toleranzbolzen und habe deshalb „gefällt mir“ geklickt, trotz der Chris de Burgh Passage. Naja. Hat halt jeder so seins. Elvis bleibt ja der King. Hübsche Geschichte. Schöner Geschmackstesteinfall von M.
    Aber zu all dem Chris Bashing muss ich sagen: Echt jetz‘? Für eine CD wie z.B. „Getaway“ oder „Hands of man“ würde ich den ganzen Bruce hergeben, wenn ich sie nicht schon hätte.

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