Vom Ausziehen.

Die letzten Tage in der Wohnung fühlen sich an wie Umzug – nur ohne Umzug. Ich leide trotzdem, beiße aber die Zähne zusammen und versuche, nach vorn zu schauen und nicht auf die zerlegten Regale, die zusammengerollten Teppiche, die abgedeckten Sideboards, die abgehängten Bilder.

Einige Zimmer sind komplett leergeräumt, andere mit Kisten und Möbeln vollgestellt, es sieht aus wie kurz vor einer Übersiedelung.
Im Flur nur noch ein paar verwaiste Nägel in den Wänden, die einen anstarren und zu fragen scheinen: Und was nun?

Tja, was nun?
Listen abhaken, ‚zig Sachen zurechtlegen, Klappkisten befüllen, Auto beladen. Blumenversorgung planen, Zeitung abbestellen, Kühlschrank leerfuttern. Letzte Wäsche waschen, Müll entsorgen, den Nachbarn Servus sagen.
Fühlt sich an wie Urlaub – nur ohne Urlaub. Denn Anlass des Verreisens sind ja die morgen beginnenden Sanierungs- und Bauarbeiten hier daheim, und das Reiseziel ist nur der Dachboden in dem Papa seiner Lebensgefährtin ihrem Haus (um mal wieder einen Genitiv zu bemühen, der die innere Verfassung recht treffend widerspiegelt).

Am Samstagmittag unterbreche ich das Gewerkel für ein paar Stunden, weil D. mich zu einer Gassirunde abholt. Eine Unternehmung, die quasi unter Praxiseinheit läuft, innerhalb des noch eher neuen Konzepts in meinem Leben, das da lautet: nicht mehr Durchrödeln an solchen Großkampf- und Erledigungstagen, lieber schon ein oder zwei Tage eher loslegen und dafür nicht mehr dieses Dauergerödel von morgens bis abends. Klappt gelegentlich schon ganz gut.

Es ist mild draußen. So mild, dass wir bei der großen Tour durch den Westpark, in dem es überall zu knopsen und zu sprießen beginnt, spontan ins Café „Gans am Wasser“ einkehren – das dortige Badewannenbankerl ist frei!

Erfrischt und erholt nachhause gekommen, noch schnell das Bad ausgeräumt, zu Abend gegessen und nach dem Abwasch die ellenlange Samstags-Liste gegen eine erfreulich kurze Sonntags-Liste ausgetauscht.

Unseren letzten gemeinsamen Abend zuhause verbringen wir damit, die leeren Räume mit den Stimmzetteln zur Kommunalwahl am 15. März auszulegen.
Gerade noch rechtzeitig vor dem Auswandern sind nämlich die Briefwahlunterlagen eingetroffen. Wir sind froh, ausnahmsweise mal zuhause mit diesen Ungetümen hantieren zu dürfen, denn an diesen kleinen Schultischchen, die üblicherweise in den Wahllokalen stehen, hätte man zumindest den Stimmzettel für die Stadtratskandidaten niemals so schön übersichtlich auffalten können wie in einer leeren 14m²-Diele.

Und es ist eh gut, etwas Ruhe und Raum zu haben, um seine Wahlentscheidung zu treffen, angesichts der Kandidatenvielfalt sollte das keinesfalls übers Knie gebrochen werden, schon gar nicht aus Platznot. Es dauert ein wenig, bis wir auf dem leintuchgroßen Stimmzettel unseren seit der morgendlichen Zeitungslektüre zum Favoriten erklärten Kandidaten finden können:

(aus: Süddeutsche Zeitung, Ausgabe vom 29.02.2020)

Dem muss inhaltlich erstmal einer das Wasser reichen können!
Aber nicht auszuschließen, dass noch wer auf die Idee kommt, den Verlauf des Oberjägermeisterbachs im Englischen Garten einer Dachshundsilhouette anzupassen oder den Eichenlaubkranz, den die Bavaria in der Hand hält durch einen Maßkrug zu ersetzen.

Wir werden die Entwicklungen vom Tegernseer Exil aus im Auge behalten, wo wir uns unter die letzten Schneemänner der Saison mischen.

Ihnen einen guten Start in den März & bis die Tage!

6 Gedanken zu „Vom Ausziehen.

  1. Ich bewundere mehr und mehr Deine Organisiertheit und Dein durch und durch planvolles Vorgehen … darf ich Dich Odyssea nennen?
    Ich wünsch‘ angenehmen Aufenthalt im Exil!
    Spike

    Gefällt 1 Person

    • 😬 – nun ja, ich plane das nur deshalb so gut, um dann wieder Kapazitäten frei zu haben für all das, was ungeplant daherkommt (und bei Handwerksarbeiten ist das meist eine ganze Menge).
      Liebe Morgengrüße von Odyssea, der Oberfeldwebelin aus der Ludwigsvorstadt.

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      • Tja, so ist sie, die Listenreiche! … Wobei, a propos Listen: Das nenne ich mal flächendeckende Kommunalwahlen … wenn man da auch noch kumuliert und panaschiert, dann ist das schweißtreibende Arbeit und man muß aufpassen, daß man ob der unendlichen Weite des Stimmzettels nicht versehentlich zuviele Stimmen verteilt oder ein paar auf der falschen Liste landen … 😉

        Ein lieber Gruß auch an den tapferen Lolek, den Herrn der Fliesen!
        Spike

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      • Die unendlichen Weiten haben sich mittlerweile auf einen Mini-Flur verengt, zwischen Planen und Folien kann ich noch hindurchhuschen zu einem unserer Zimmer, das erst ab morgen komplettversiegelt wird. Lolek & Bolek zertrümmern gerade das Bad und – jetzt halt dich fest! – hören dabei BAP (ist mir schon klar, dass es nun keine 3 Min dauern wird, bis du die passende Song-Empfehlung ausspuckst 😉 ). Hab das grad kommentiert und Lolek meinte: „Is gut Musik für Arbeit“. Sollte heute Abend, wenn ich hier letztmals reinkomme, der Boss die Baustelle beschallen („I’ve been working real hard, trying to get my hands clean“ usw. du weißt ja, wie das weiter- bzw. ausgeht), ist nicht auszuschließen, dass ich Lolek noch auf ein Bier ins Lindwurmstüberl einlade. Eh nett, der Typ. Am besten gefällt mir ja seine Grußgeste: mit der einen Hand lupft er kurz das Schiebermützchen, mit der anderen stupst er sich zweifingrig an die Schläfe, dazu ein verschmitztes Lächeln und ein nett akzentuiertes „Tschuss“ (die polnischdeutsche Variante von „Tschüß“). Meine slawischen Gene schlagen Salti! Und sowieso geht nix über Männer, die pünktlich auf der Matte stehen, charmant und höflich sind und den lieben langen Tag über zupacken können, bei gleichbleibend guter Laune (gerade ein Späßchen im Hintergrund: „Frau Natascha, guckstdu, heute Abend schon kann dusche!“ und ich gucke und sehe einen rausgerissenen Wannenträger und einen 1 Meter hohen Berg Kachelreste, Himmel!).
        Tschussikowski & bis bald wieder, lieber Spike!

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      • Ich sach ma so:
        Es begann alles mit „Sinnflut“, der Nachbar von unten rief „Mayday!“, die Wohnung war erstmal „Hoffnungslos hin“ und der Notdienst meinte nur:“Wat jeht uns die Sintflut ahn?“ … von da an war „Nix wie bessher“, und als dann die Corroventen herrschten war es das reinste „Psycho-Rodeo“, alles nur „Widderlich“, Du dachtest sicher mehrmals täglich „Wenn et Bedde sich lohne däät“, kamst Dir vor wie im „Bahnhofskino“ und hättest zu gerne „Drei Wünsch frei“ gehabt, mußtest Dich aber mit einem resignierten „Et ess, wie’t ess“ über die Tage retten … als die Corroventen weg waren, hieß es kurz „Endlich ens Ruh“ … und nun produziert der Lolek erstmal wohl „Bunte Trümmer“ und zelebriert dann „Das große Schu-bi-du“, Ihr drei seid „Flüchtig“ und Du mußt mit der Wäsche in den „Waschsalon“ … aber ich wette am Ende ist dann ein „Happy End“ und „Alles em Lot“ und beim Anblick des neuen Bades und des renovierten Flurs ruft Ihr drei „Wahnsinn!“ und singt dem Lolek ein gepflegtes „Do kanns zaubre!“ … 😉

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