Song des Tages (47).

Gestern noch ziemlicher Trubel in der Wohnung: Lolek und Bolek sind auf die ersten gravierenderen Probleme gestoßen (ich erspare Ihnen die Details). Weder Franek noch Miroslav, die flugs hinzugezogen werden, können wirklich helfen. Also ein bisserl umdisponieren hier und dort, den Vermieter anrufen, den Hausmeister verständigen usw.
Wurscht. So ist Handwerk, das ist Baustelle. Ich hatte damit gerechnet.
Als ich mich vom Acker mache, hat Lolek wieder alles im Griff.

Punkt 17 Uhr sitze ich in einem Ledersessel, lasse mir von einem coolen, langhaarigen Kerl den Kopf kraulen und eine Stunde später steige ich mit dem frisch gekürzten Kurzhaarschnitt todmüde ins Auto (drei Nächte in Folge beschissen geschlafen), 52 Minuten drauf lasse ich mich beim Papa in den nächsten Ledersessel fallen (und die Lebensgefährtin dröhnt in meinen Ohren).
Früh zu Bett, weil fix und fertig, und wirklich jedes Geräusch zu laut.

Erster Morgenblick aus dem Fenster: Neuschnee.
Nicht nur oben auf dem Wallberg, sondern auch unten im Garten. Toll!
Leider wieder schlecht geschlafen, daher doch nicht ganz so toll, der Schnee. Auf dem Weg zum Bäcker (beste Landbrezen ever!) fast auf die Fresse gefallen und das lag nicht etwa am Hund, der an der Leine gezerrt hätte, denn der Hund zerrt beim Morgengassi nur in eine Richtung: heimwärts, wo der Napf steht.
Ich bin einfach unausgeschlafen, gerädert, auch nervlich ein bisserl derangiert und daher wacklig auf den Beinen.

Vormittags alles ausgepackt, mich eingerichtet, fürs Abendessen eingekauft, alle Geräte mit dem WLAN verbunden, dem Papa am PC geholfen (heute: „Wie stornier‘ ich eine Bestellung bei Amazon“ und „Wie geht das mit den neuen QR-Codes beim Online-Banking“). Schwupps ist der Vormittag rum, die türkische Zugehfrau schellt an der Tür und traut sich kaum ins Haus rein, weil ein Dackelfräulein freudig wedelnd im Flur steht.
Ich flüchte. Ist sowieso Zeit für die Hunderunde.

Rüber nach Kreuth, wo’s ollawei an Schnee hod, mehr als in den see-nahen Orten des Tegernseer Tals, die Stiefel geschnürt und los. Die momentan hormongebeutelte, streckenweise lethargische Hundemadame taut plötzlich auf, hat Lust zu hüpfen und zu graben (doch, Schnee ist schon was Tolles!) und ist sogar zu kleinen Spielchen aufgelegt.

Reiße ich mich also zusammen, dem Hund zuliebe, und mache aus der mittellangen doch eine große Runde, gute zehn Kilometer werden’s (und danach hat man wenigstens allen Grund, sich wieder hinzulegen, ein Stünderl wenigstens, bis man wieder aufsteht und die ganze Familie bekocht, so zum Auftakt und Dank für die Zeit des Asyls).

Unterwegs im Schnee und bei guter Luft endlich zur Ruhe und auch mal wieder zum Denken (einem, das über den Fliesenrand hinausgeht) gekommen, und als wir das Schild nach Siebenhütten passieren, spontan auch zum Dichten.

Manchmal betrittst die Wohnung lieber ohne Blick
Manchmal wünschst dir nur ein ruhig’s Zuhaus‘ zum Glück
Manchmal bricht des Nachbarn Rohr im Nu
Manchmal gießt s’Schicksal dir die Bude völlig zu

Manchmal fühlst dich alt und manchmal greis
Manchmal weißt auch kaum mehr wie du heißt
Meistens bist sogar schon mittags müd
Doch dann fährst du los mit deinem Jeep

Hoch nach Siebenhütten musst du gehn
Sieben dunkle Wochen übersteh’n
Siebzig Jahre lang wirst Mieter sein
Drunt in Minga kriagst koa Eigenheim

Und hier haben Sie den Ton dazu, nicht den Originalton, sondern den vom bayrisch-rumänischen Bruce-Springsteen-Pseudo-Plagiat:

Nach Siebenhütten noch ein Stück Richtung Schildenstein und Halserspitz hinauf, aber ohne Stöcke und Grödeln alsbald vernünftigerweise umgedreht und wieder hinab, an der Herzoglichen Fischzucht vorbei und hinüber nach Wildbad Kreuth.

Unterwegs begegnet einem die Herzogin höchstselbst in Begleitung ihres Jagdteckels (beide in den gleichen Loden gehüllt, beide dennoch eher von zerrupfter Optik), der Rüde verliebt sich sofort ins Fräulein, aber das will lieber den edlen Gebirgsschweißhund im nahegelegenen Gasthaus besuchen und vor lauter Schneegestapfe ist ihr der dann plötzlich auch einerlei (nicht so umgekehrt).

Erst als ich die Speisekarte zuklappe, check‘ ich das plötzlich, wo ich hier eigentlich gelandet bin, und dass es ja kaum einen passenderen Platz geben könnte für einen herzoglich-nachmittäglichen Windbeutel, der die gebeutelte Person, die ihn bestellt, also mich!, wieder aufpäppelt, während Lolek daheim in München die marode Sanitärzelle umbaut.

So begibt man sich vielleicht unbewusst auf genau jene Wege und an jene Orte, die das Alte abzuschließen helfen, es unter einer dicken SahneSchneeschicht begraben und den Blick aufs Neue, Kommende, Zukünftige freimachen.

11 Gedanken zu „Song des Tages (47).

    • Der Windbeutel hätt glatt für zwei gereicht und klar gibt’s hier Dinge, die Wien nicht zu bieten hat 🙂
      Zum Siebehüttensong: Nix „muss“ sein, und natürlich kenn ich das Original und schätze es qualitativ mehr als das Geknödel vom Maffay, aber es war mir einfach nicht danach, außerdem hab ich zum Maffay den persönlicheren Bezug, bin halt von hier und nicht von dort, und außerdem hat er meinen Lieblingsort gepachtet, wo ich meine halbe Jugend verlebt habe:

      Deshalb Maffay. Zumindest heute.

      Gefällt 1 Person

      • Danke für die Aufklärung!
        Zu Herrn Maffay pflege ich eine ambivalente Beziehung, deshalb meine Bemerkung gestern, die ich unbedingt öffentlich an Ort und Stelle deponieren musste… (Bei Chris de Burgh habe ich mich ja zurückgehalten, hihi.)

        Gefällt 1 Person

    • Das sind Spikes, also Leichtsteigeisen für Schnee und Eis, die du dir über bzw. unter die Bergstiefel ziehst. „Grödeln“ ist zudem der bayrische Plural, sonst heißen die Dinger in der Einzahl wie auch in der Mehrzahl „Grödel“.
      Liebe Grüße, von Ausgezogener zu Umgezogener!

      Liken

      • Aaah Dankeschön für die Übersetzung 😊
        Wie lang wirst du „ausgezogen“ sein? Ich drücke dir die Daumen, dass dieses Kapitel bald zu einem guten Ende kommt.
        Ich wiederum lerne nun das neue Zuhause vom Bett aus kennen, die Grippe hat mich im Griff.
        Gutes dir!

        Gefällt 2 Personen

      • Au weia, aber so isses ja oft: Wenn der ärgste Stress vorbei ist, prackt’s einen in die Kissen. Wünsche dir baldige Besserung und dann ein Kennenlernen des neuen Heims in der Vertikalen.
        Ich bin noch bis Ende nächster Woche im Sanierungs-Exil hier am Tegernsee, danach haben wir hoffentlich wieder trockene, saubere Wände und ein neues Badezimmer.
        Gute Besserung & liebe Grüße!

        Gefällt 1 Person

  1. Meine Güte, was für ein Ambiente! Drinnen die wunderschönen Kacheln und überhaupt alles und draußen diese Pracht! Ich sehe direkt die Sissi mit dem Frrrranz durch den Schnee zum Bächlein gehen! Ohne Witz: Wirklich schön habt ihr es da im Bayernland!
    Natürlich drücke ich die Daumen, dass das Werk von Lolek und Bolek bald vollbracht ist und alles neu und nach eigenem Geschmack erstrahlt! Darauf kann man sich doch freuen.
    Liebe Grüße an die süße Pippa!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.