Die Wandlung oder: Da bin i dahoam.

Als die Kraulquappe eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheueren Ungustl verwandelt. Sie lag auf ihrem von zweimonatigem Baustellengenerve verspannten Rücken und sah, wenn sie den Kopf ein wenig hob, ihre winterbleichen Beine, zwei bogenförmigen Gebilde, zwischen denen die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, mit den letzten Traumresten zu einem klebrigen Etwas verschmolz. Ihre vielen, im Vergleich zu ihrem sonstigen Umfang kläglich dürren Morgengedanken flimmerten ihr hilflos vor den Augen.

Sie stand auf, gähnte heftig, rieb sich die Augen, streckte sich, blickte aus dem Fenster und sah wie eine Taube ungeschickt auf einem der Garagendächer des Hinterhofes landete und dabei ins Straucheln geriet.

Ihr Kopf hämmerte heftig, eine düstere Schwere lastete auf ihrer Brust, überhaupt fühlte sich ihr Körper so an, als sei ihm eine Art Leblosigkeit in die Knochen gekrochen und hätte sich dort eingenistet. In die dunkelgrüne Morgenjacke schlüpfend dachte sie: „So ein Schlafmittel, das ist keine Lösung für mich.“ Geschlafen hatte sie nämlich dennoch nur dürftig, stattdessen war ihr übel.

Und kaum hatte sie das vor ihrem sich noch im Prozesse des Erwachens befindlichen Inneren ausgesprochen, wusste sie, was sie tun musste, aller Müdigkeit und aller auf sie wartenden Pflichten zum Trotze.

Sie teilte sich, auf Verständnis hoffend, den ihren mit, packte alsbald ihre Sachen, schnürte ihr Ränzlein – und empfahl sich. Stieg ins Auto, legte den Forenbacher ein und fuhr los. Unterwegs wurde ihr klar, dass nun eine – man will es hoffen: überschaubar kurze! – Zeit des Unsagbaren beginnen würde. Denn es würde ab nun Ereignisse und Situationen geben, die besser ungesagt blieben, und das umso mehr, je schöner und je unsagbarer sie wären.

Denn über die Triftigkeit von Gründen wollte sie weder debattieren noch streiten, schon gar nicht mit Uniformierten, die je nach Landkreis die Dinge mal so und mal ganz anders sahen. Erstmals zog sie in Erwägung, die ihr sonst so verhasste, weil so dämlich und wichtigtuerisch daherkommende Formulierung „aus Gründen“ zu verwenden. Wenn es sogar namhafte und mit Preisen dekorierte Journalisten wagen durften, diese Hohlphrase niederzuschreiben, ja gar eine Überschrift damit zu verhunzen, dann würde sie, sofern man sie an- oder aufhielte, um sie mit einem gestrengen „Quo vadis?“ zu behelligen und im nächsten Schritt sogleich dessen Notwendigkeit zu hinterfragen, einfach keck und hinter ihrer Sonnenbrille verschanzt, zurückflöten: „Aus Gründen!“.

Es hielt sie aber niemand an oder auf, denn sie kannte ja die diversen Schleichwege noch aus den Sommern ihrer Jugend, parkte das Auto an einem einsamen Fleckchen, an das sich nur Einheimische verirren würden und schlich sich durch ein Buchenwäldchen zum Bächlein und an diesem entlang, in stillen Serpentinen immer weiter, der Leere und der Einsamkeit entgegen, die ihr zugleich Fülle und Gesellschaft war, bis sie dort war, wo sie sein wollte, und wo sie sein würde, solange ihre Füße sie trugen und die Lunge ihr Herz mit Sauerstoff füllte und ihre Augen tief hineinblicken konnten in diese Weite, die ihre Heimat war.

Und so war sie ja auf eine gewisse Weise daheimgeblieben und es verging endlich mal wieder ein ganzer Tag voll des Glückes und der Freiheit und der guten Aussichten, in aller Heimlichkeit und in aller Achtsamkeit fern der Horden, die sich täglich durch die städtischen Parks schoben. Schon morgen wird sie dem Staate wieder als brave Bürgerin zur Verfügung stehen, wenn um 10 Uhr der KoCo19-Forschertrupp klingeln und ihre Venen anzapfen wird, wovor es ihr graut, aber sie hat sich ja gottseidank ein Beruhigungsfilmchen mitgebracht.

9 Gedanken zu „Die Wandlung oder: Da bin i dahoam.

  1. Liebe Frau Kraulquappe,
    das Leben haut Ihnen momentan ja unermüdlich „Geschenke“ um die Ohren!
    Einen erneuten Wasserrohrbruch hätte es nun wirklich nicht mehr gebraucht.
    Auch wenn dadurch der nette Herr Lolek wieder mit Pippa spielen kann.

    Es tut mir wirklich leid für Sie.
    Wenn in meinen vier Wänden nicht alles nach meinem Gusto ist, werde ich auch ungustelig!
    Oder was meint dieser wahrscheinlich sehr speziell bayrische Begriff ?

    Wasserschäden sind schlimm und wenn es kein Ende nimmt, dann sehr schlimm.
    Sie verfügen über großartige Ressourcen: Sie finden in der Natur Ihre Stärkung und Glück.
    Und welch ein Segen: Ihre Heimat ist wunderschön.

    So also immer wieder raus und die Akkus aufladen.
    Dort hin, wo kein Sheriff den Weg findet, wo Ruhe und Schönheit ist.

    Viele liebe Grüße,
    Christine

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    • Liebe Frau Christine,
      mit „Ungustl“ ist eigentlich ein grantiger, männlicher Österreicher gemeint, ich hab das mal großzügig und genderunsensibel erweitert…
      Haben Sie vielen Dank für Ihre Anteilnahme ob des undichten Abflussrohres, noch heute werde ich Herrn Lolek für nächste Woche „buchen“, denn zwischenzeitlich ist der Osterhase, zu dem ich den von Loleks Installateurspezl bleistiftumrandeten Wasserfleck ja umgestaltet habe, erneut etwas gewachsen.
      Werden wir also nächste Woche die Wand aufstemmen lassen und zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau beten, dass sich bei diesem Tun nicht auf der anderen Seite der Wand die neu verlegten Bad-Fliesen verabschieden, denn dann würde es so richtig spaßig werden (Zitat Lolek: „Wand is dunn, ganz vorsichtig musse arbeite, sonst Fliese kaputt“).
      Wir futtern uns vorsorglich schon mal mit Lindor-Eiern ein dickes Fell an.
      Und was die Stadtfluchten angeht: Holladrio, seit gestern erlaubt uns die Bayrische Regierung „mit einem Buch auf Parkbänken zu verweilen“ (bislang war das Rasten nicht erwünscht). Das eröffnet einem nun auch in der Stadt eine Option mehr als bisher.
      Ihnen und Ihrer zarten Gefährtin auch schöne, sonnige Ostern und herzliche Grüße aus dem Süden der Republik,
      Frau Kraulquappe & Anhang.

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  2. Pingback: Himmel der Bayern (76): Die Geierwaldi und ich. | Kraulquappe

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