Herzblut.

September 2019. Gotland. Viel Zeit, Sonne und Ruhe. Erinnerungen an eine wunderbare Reise mit meiner kleinen Gefährtin.

Na endlich!
Auftrag erledigt. Die vermutlich letzte der Reisereportagen pünktlich abgegeben. Wieder ein Kapitel, einen Lebensabschnitt abgeschlossen, zumindest fühlt sich’s so an. Vielleicht auch nur, weil’s eine so schwere Geburt war? Es wird sich rausstellen.

Dabei immer der Gedanke: Wenn das dein letztes Werk aus der Sparte ist, dann muss es besondere Würde haben. Werk? Würde? Oh Gott, was für eine Anmaßung und Übertreibung (oder Ausflucht, um den eigenen Perfektionismus von der Leine zu lassen?). Kein Wunder, dass es sich auf diese Weise beschwerlich gebar!

Alles Schall und Rauch, speziell jetzt, weil derzeit ja sowieso niemand ernsthaft Reisepläne schmiedet. Wohin auch? Und erst recht nicht nach Schweden, oder doch?

Mancher Bestandteil des erforderlichen Vokabulars mittlerweile nah am Brechreiz (Idylle, Urlaubsglück, Erkunden, Einladen, Verweilen, Genießen – bäh! – manchmal juckt’s mich glatt, eine monströse Seele in so einen Text hineinbaumeln zu lassen, wobei die Ironie womöglich nicht mal auffiele, weil das absurde Baumelnlassen derselben in den vermeintlich „schönsten Wochen des Jahres“ ja tatsächlich eine so große Hoffnung, ein Lichtblick von so vielen ist, denen ihr trister Alltag und das tägliche Einerlei so vergällt ist, dass sie einzig die Flucht daraus heiß ersehnen und ansonsten längst zu träumen und zu gestalten aufgehört haben).
Die meisten Worte und Sätze werden dem, was man einst fühlte, sah und erlebte eh nicht mehr gerecht, und daher geht’s bestenfalls als Annäherung durch, das, was da letztlich niedergeschrieben steht, aber der Redakteur ist zufrieden, sehr sogar, und die paar Leser werden es schon auch sein.

Und ich? Was bin ich?
Leer. Ausgewrungen. Ausgezuzelt (wie man hier sagt). Blankgeschrieben. Wortwund.

Und doch: es hat auch was gehabt, dieses Sich-Durchquälen durch Strukturfetzen und Erinnerungsmosaike und dieses Wortefinden und -winden, bis sie sich wundgescheuert haben, um einen Platz zu finden, an den sie gehören oder an dem sie sich zumindest gut anhören.

Da steckt ja Herzblut drin!, so äußert sich jemand dann anschließend über den eigenen Text. Aha!, denke ich, und erwäge für einen Moment, mich zu freuen, aber es bleibt zu fraglich, welcher Art das Blut ist, das da drinsteckt, denn vieles, was ich hätte schreiben wollen oder können, blieb unbeschreiblich oder für die Zielgruppe so gänzlich ungeeignet, also kann es gut sein, dass es nichts als nur schnödes Fingerkuppenblut vom vielen Tippen und Am-Kopf-Kratzen war, und dass das Herz bestenfalls organimmanent blutete, weil es eben nicht ungehindert und frei nach außen fließen durfte, dieses wunderbare Herzblut.

(An dieser Stelle nochmals ein Dankeschön an Blog- und Bruce-Kollegin Anna aus Göteborg, die mir ein paarmal mit wertvollem schwedischen Input behilflich war beim Schreiben!)

9 Gedanken zu „Herzblut.

  1. Ganz offensichtlich war das Schreiben dieses Artikels auch ein Abnabelungsprozeß von diesem Teil Deines schreibenden Schaffens: War die Reise und der Artikel ursprünglich eine Herzensangelegenheit, so geriet die Vollendung des Artikels mehr und mehr zur professionell zu Ende gebrachten Dienstleistung.
    Und doch zeigen die Rückmeldungen, daß trotz aller Glattschmirgelei und Hochglanzlackierung des Textes, trotz Weglassen mancher Dinge, die für Dich die Reise ausmachten, die aber für den Auftraggeber nicht zweckdienlich oder die Leserschaft unerheblich bzw. zu persönlich waren, zwischen den Zeilen wohl immer noch gut erkennbar ist, daß hier keine bezahlte Claqueurin die Sehenswürdigkeiten Gotlands bejubelt und keine Journalistin zu Recherchezwecken den Mietdackel durch Gotland zerrte, sondern eine, die eine persönliche Verbindung zu Gotland hat, mit ihrer treuen Begleiterin die Insel erkundete … vielleicht ist das Blut aus den Fingerkuppen, aber das Herz hat doch hie und da seine Spuren hinterlassen – und das ist finde ich ein tolles Arbeitszeugnis …

    … und einfach klasse beschrieben, dieser Schreibprozess und Deine Gefühlswelt drumherum … tolle Bilder (also nicht nur das eine reale vom Dackelfräulein), tolle Worte gefunden …

    Gratuliere! … Und nun auf, zu neuen Ufern …
    Spike

    Gefällt 2 Personen

    • Werter Herr Spike,
      die Chefredaktion ist bereits unterwegs zu neuen Ufern und befindet sich dort in der Orientierungsphase (siehe Foto unten).
      In ihrem Namen möchten wir uns aber für Ihren so wohlwollenden und wertschätzenden Kommentar bedanken. Diese so objektive und zugleich differenzierte Sichtweise ehrt uns natürlich! Hätten wir einen Bart, tröffe/triefte/truf/träf (?) der Honig in Strömen aus diesem!
      Scheuen Sie sich bitte nicht, Ende Juni das Magazin, in dem die Reportage erscheinen wird, auch käuflich zu erwerben und hinterlassen Sie gerne auch dort einen ähnlichen Leserbrief. Damit die auch wissen, welch Perle ihnen nun Adieu zuruft, falls man so einen Ruf von den neuen Ufern bis in die Hauptstadt hören können sollte.
      Beste Grüße aus München –
      Die stv. Kraulquappen-Redaktion.

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