Song des Tages (55).

Es müsste eigentlich „Song von gestern“ heißen, aber wie klänge das denn?!

Zumal die Musik von gestern ja auch heute wieder mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem CD-Player ertönen wird, wenigstens für zehn Minuten oder wie lange es halt dauert, zum Wertstoffhof zu fahren, den man nun wieder kennzeichenunabhängig an allen Wochentagen aufsuchen darf, falls es mir zuvor gelingt, trotz des kleinen Muskelkaters und einer gewissen Ganzkörpermüdigkeit vom gestrigen Ausfliegen ins sonnige Oberland die paar auszusortierenden Trümmer aus dem Keller hochzuschleppen und in den Kombi zu verfrachten, was eine gute und auch überfällige Sache wäre, die ich nun zweieinhalb Monate lang vermieden habe, weil ja ständig in der Tagespresse zu lesen war, dass gerade coronabedingt ganz München seine Keller ausmistet, was zu regelrechten Staus vor den Entsorgungsstätten führte (absurde Geschichten: manch ein Münchner fuhr schon um 8 Uhr vors Tor und wartete dort schlappe 2 Stunden, um zur Öffnung um 10 Uhr der Erste zu sein, der dann staufrei seinen Sperrmüll abliefert – fast schon bewundernswert, dieser Langmut und diese Disziplin), aller Voraussicht nach dürften die Keller nun leer und die Schlangen wieder kürzer sein, auch unabhängig von dieser Entsorgungsfahrt heute großer Schreibtisch- und Werkeltag in der Wohnung, ideal, denn draußen eher grau, kühl und regnerisch.

Gestern milde Temperaturen, Sonne satt und kein Wölkchen am Bayernhimmel, allein die Fahrt hinaus schon ein solcher Genuss, potenziert noch durch eine der CDs, die ein Freund dieser Tage im weltschönsten, weil dackelsilhouettenselbstbemalten Kuvert geschickt hatte, beim Anhören wieder nah am Wasser gewesen (dem körpereigenen Salzwasser), dann mit Dauergänsehaut über die Autobahn (die A95 ist ja ab Seeshaupt wie das Blättern in einem Hochglanz-Bayern-Bildband, erst recht an so einem Bilderbuchtag), dazu diese unerwartet glasklare Springsteen-Stimme von 1990 (als sein Organ eigentlich noch nicht die Tiefe und Reife hatte, die es in späteren Jahren zunehmend erreichte) und so schöne Versionen mancher Lieblingslieder (allein die Betonung einzelner Worte oder plötzliche Pausen an Stellen, an denen er sonst nie innehält oder einfach mal Klavier spielt statt Gitarre), dass das in Summe fast schwer zu ertragen war und mich bereits in emotional recht aufgeweichter Verfassung den Kochelsee erreichen ließ.

Am Zielort wartete schon der hübsch Bewimperte mit seiner federleichten Gefährtin, allmählich nervt das Umarmungsverbot wirklich kolossal, vor allem wenn man dann noch zugucken darf, wie die beiden Hundefräuleins sich total distanzlos und liebevoll aufeinander stürzen und später, auf einem Vorgipfel aus einem Napf trinken und sich dann erschöpft nebeneinander ins halbschattige Gras kuscheln und ein kleines Nickerchen machen.

Nicht dass ich mit dem hübsch Bewimperten kuscheln müsste, aber ein bisschen mehr Tuchfühlung wäre manchmal schon stimmiger als immer diese zwei Meter breiten Abstände – so viel Platz ist auf manchen Gipfelwiesen ja gar nicht.

Umso näher dafür die Gespräche, die wir führen, und auch schweigend baden wir in Glück an diesem Tag, weil wir uns so freuen, dass wir am Berg ähnliche Steige bevorzugen und dasselbe Tempo haben, und beim Gipfelbier, das der hübsch Bewimperte für uns aus seinem Rucksack holt, erzählt er mir von einem Hundehotel in Tirol und den dortigen Wiedereröffnungsangeboten und fragt, ob wir da nicht mal zusammen hinreisen wollen mit unseren beiden Hundemädels, und ich freu mich über diesen Vorschlag und willige ganz spontan ein, obwohl ich ja sonst übervorsichtig bin, was das Verreisen mit anderen Menschen betrifft, weil ich a) nicht allzu unkompliziert und b) auch nicht allzu kompromissbereit bin beim reisenden Unterwegssein, weshalb das für mich nur mit manchen entspannt machbar ist, denn es soll sich ja niemand meinetwegen verbiegen müssen (und ich bin eh nur schwer verbiegbar, genau das ist ja das Problem).

Die heißgelaufenen Füße anschließend in den See getunkt, zu kalt noch, um drin zu schwimmen, die Bergluft und die Sonne ausgekostet, bis letztere im See versank, anschließend wieder mit einer der „Springsteen, L.A., Shrine Auditorium, 1990“-CDs im Ohr gemütlich heimwärts gefahren, ein so reicher Tag, innen wie außen.

Tiefe Dankbarkeit, große Zufriedenheit, schwere Beine, wohligwarme Badewanne und schließlich Seit‘ an Seit‘ mit dem Dackelfräulein, das sich in ganz ähnlichem Zustand zu befinden schien, ins Reich der Träume verabschiedet.

Als ich die Augen schließe kurz der Gedanke: Wozu eigentlich in Urlaub fahren, wenn ab und an so ein Tag drin ist?

12 Gedanken zu „Song des Tages (55).

  1. Aus welchem Bildband hast Du nur wieder diese tollen Bilder stiebitzt … ?
    Wobei … das eine mit dem Steg: Ersetze Laubbaum durch Palme und es könnte von einem Pazifikatoll sein, oder? 😉

    Ein sonniger Gruß!
    Spike

    Gefällt 1 Person

    • Die Fotografien entstammen verschiedenen Quellen.
      Die von dir erwähnte ist dem akutellen Lyrikband „Corona Bavariae“ entnommen.
      Das Gstanzl unter dem Foto lautete:
      „Versödert ward die Reiselust
      Doch bevor das führt zu Frust
      steckst kurzerhand du deinen Zeh
      ins Grüntürkis vom Kochelsee!“

      Wir wünschen einen fröhlichen Abend und grüßen aus der Isarmetropole, heute bei Aprilwetter!

      Liken

      • Achso … alles klar … danke für die Aufklärung!
        Ich wollte schon fragen, ob Du mit dem hübsch Bewimperten an der blauen Lagune warst … 😉

        Es grüßt von der sunny Side des Renchufers
        Commentatore Spike

        Gefällt 1 Person

  2. Ich vermisse auch sehr die Begrüßungsrituale mit allen Freunden. Wir sind uns einfach sehr nah gewohnt. Da ist es unwirklich, in vorgegebenen Abständen in Gärten zu sitzen, um zu plaudern.
    Ihr hattet lesbar und sichtbar einen schönen Tag… nun sogar mit Aussicht auf einen gemeinsamen Urlaub. Chapeau!
    Liebe Grüße nach einem Packabend vor einer schönen Pfingsturlaubswoche auf Usedom! Birgit

    Gefällt 1 Person

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