Hygienekonzepte oder: Vorüberlegungen zur Anschaffung eines Neoprenanzugs.

Zwar steht der große Tag seit einer Woche amtlich fest – am Montag, den 8. Juni, öffnen die ersten Münchner Freibäder wieder, bis dahin werden es 12 lange und zähe Wochen ohne Schwimmen gewesen sein (so sehr ich Sätze mit Futur II-Konstruktionen auch liebe, so ätzend finde ich diesen hier inhaltlich)! -, aber nach und nach werden jetzt die Details zur Ausgestaltung der chlorreichen Zukunft bekanntgegeben, allen voran die sogenannten Hygiene-Konzepte und deren Umsetzung.
Und das trübt die Vorfreude nun doch ein wenig, und stellt die subjektive, bisherige Definition des Begriffs „Hygiene“ gehörig auf den Kopf (fairerweise muss man sagen, dass dieses subjektive Verständnis schon immer an der eigentlichen Bedeutung des Wortes vorbeiging, aber Bill Gates Corona rückt auch das nun gerade: der Hygienebegriff entfernt sich momentan von Woche zu Woche mehr von seiner umgangssprachlichen Interpretation und kehrt allmählich zu seinem Bedeutungsursprung zurück).

Ja, ich habe Verständnis dafür, dass man seine Eintrittskarte künftig online und mit 3-4 Tagen Vorlauf buchen soll, ebenso dafür, dass die Besucherzahl limitiert wird und der Bademeister penibel drauf achtet, dass in den einzelnen Bahnen des Sportbeckens nicht zu viel Andrang herrscht – mir persönlich kommt all das sogar entgegen, denn ich fand es eh oft viel zu voll im Becken und ich habe auch kein Problem damit, meine heiligen Schwimmzeiten vorab zu planen.

Was mich aber beschäftigt, ist der Punkt mit den Umkleiden und den Duschen: beides wird geschlossen bleiben.

Konkret bedeutet das: Ich dusche vorher daheim, ziehe am besten auch gleich meinen Badeanzug an, fahre dann zum Freibad, lege meinen Rucksack irgendwo auf dem Gelände im Gebüsch ab, gehe Schwimmen und anschließend habe ich die Wahl zwischen „ungeduscht und frisch gechlort heimfahren“ (um dann erneut daheim zu duschen) oder „eine der beiden immer schlecht funktionierenden Kaltwasserduschen am Beckenrand nutzen“ (freilich wird man sich dort nicht fröstelnd einshampoonieren oder den ganzen Körper einseifen, sondern nur kurz das Schwimmbadwasser von der Haut spülen).
Ja, spitze, man weiß gar nicht, wofür man sich da lieber entscheiden möchte!
An kalten oder verregneten Tagen dürfte das Vergnügen, sich auf der Wiese umzuziehen und sich nicht kurz warm duschen zu können, ganz besonders groß werden!

Doof, lästig, ungewohnt – natürlich trotzdem irgendwie zu bewerkstelligen, erfordert halt alles eine Umstellung der Gewohnheiten und etwas mehr Zeit und Aufwand, wozu uns die Pandemie und ihre Gefolgschaft, all die neuen Regularien, ja eh längst erzogen haben.

Was mir hingegen erst zeitversetzt (und nachdem ich die zentralen Fragen zum Wiedereinstieg ins Wasser für mich mal halbwegs beantwortet hatte) einfiel und mir einen kleinen Schauer über den Rücken jagte:
Wie groß wird wohl der Anteil derer sein, die vor dem Sprungs ins Wasser nicht daheim duschen werden, so wie bisher ja auch nicht, weil sie direkt von der Arbeit kamen und dann eben die Schwimmbaddusche vor Ort nutzten (so hoffte man es zumindest immer, stichprobenhaft durchgeführte Beobachtungen über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten nährten diese Hoffnung auch überwiegend)?
Werden die Stadtwerke dem Wasser künftig mehr Chlor zusetzen, damit nicht nur den eventuell mitschwimmenden pink-lilafarbenen Sars-CoV-2-Kugelfischen, sondern auch der erhöhten Zahl an Bakterien und Grindgrammeln der Garaus gemacht wird?

Ist das die neue Hygiene-Normalität? Und wenn ja, wie wird’s mir damit gehen?
(In der Hauptstadt hat man sich damit schon leidlich arrangiert, wie im aktuellen Beitrag aus der Serie „Angebadet“ im Magazin der ZEIT zu lesen ist – toller Themenschwerpunkt übrigens!)

Ist es dann nicht unter Umständen doch sinnvoller/preiswerter/hygienischer/angenehmer, über den Erwerb eines Neoprenanzugs nachzudenken und sich in Freigewässer zu begeben, selbstverständlich auch das möglichst an Tagen ohne zu viel Sonne/Menschen am Seeufer, damit man sich die Sonnencremeschlieren und das Kleinkindgewusel (und -gepiesel) in der Uferzone erspart und die Algen und Entenhäuflein vom prasselnden Regen schon ein wenig verwirbelt und verteilt wurden? Oder gleich umsteigen auf Bergseeschwimmerei, mit sauberem Wasser und sauberem Aufstieg vorweg, so dass das Schwimmen gar nicht mehr der körperlichen Ertüchtigung, dem in Stille gebetteten Abschalten von allen Unbilden des Alltags sowie der Seelenmüllkompostierung dienen braucht, sondern nur noch der Reinigung vom erwanderten Schweiße? Was kostet eigentlich so ein Neoprenanzug und worauf muss man beim Kauf achten? Kommt man überhaupt allein in so eine Wurstpelle rein und auch wieder raus? Wie schwimmt es sich damit und ist das noch dasselbe freie, leichte, selige Gefühl im Wasser?

Fragen über Fragen.
Und nur noch bis 8. Juni Zeit, Antworten zu finden und eine Entscheidung zu treffen, wie die eh schon verpatzte Schwimmsaison 2020 weitergehen wird.

Aber sie muss weitergehen und sie wird es auch, denn nach bald 30 Joggingrunden, von denen locker die Hälfte ausschließlich zur Kompensation des Schwimmmangels herhalten musste, ist eines klar: eine wirklich passionierte Läuferin wird aus mir nicht, ich bin eine Bewegungsdrang- und Vernunft-Läuferin und ohne Walkman ginge es schon gleich gar nicht und selbst mit Walkman ging es oft genug nur schleppend.

Laufen, das hat für mich meist nichts Leichtes, vom Runner’s High bin ich Lichtjahre entfernt, das Beste, was für mich beim Laufen herausspringen kann, ist eine danach als erfreulich empfundene Ganzkörperbeanspruchung, aber währenddessen…? Manchmal für Minuten ein freies Gefühl im Kopf oder ein Mini-Flow, wenn Musik und Muskeln momenthaft im selben Takt schwingen, aber im Wesentlichen besteht so eine Laufrunde für mich aus tapp-tapp-tapp, keuch-keuch-keuch, juck-juck-juck, stampf-stampf-stampf, hechel-hechel-hechel, pieks-pieks-pieks usw. usf. – Erlebnisse und Zustände, die ich in über 40 Wasserjahren niemals hatte.

Und außerdem mochte ich neben dem Schwimmgefühl auch meine Schwimmfigur viel lieber als meinen Laufkörper.
Als reine Empfindung skizziert ist der gefühlte Unterschied in etwa so groß wie der zwischen der Fortbewegungseleganz eines Delfins und der eines Kiwis (oder eines Albtros‘ beim Start), rein physiognomisch betrachtet ist’s wie Whippet versus Wombat.

17 Gedanken zu „Hygienekonzepte oder: Vorüberlegungen zur Anschaffung eines Neoprenanzugs.

  1. Sehr gut und umfangreich hast du das recherchiert. Ich komme zum Schluß, dass wir da genau umgekehrtproportional gepolt sind. Was du über das Laufen schreibst gilt für mich mit Punkt und Komma für das Schwimmen und das was du über das Schwimmen sagst gilt für mich Stichpunkt und Ausrufezeichen für das Laufen. Da habe ich glaube ich ein bisschen mehr Glück als du, weil das Laufen zu keiner Zeit wirklich beeinträchtigt war…

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    • In Sachen Glücksverteilung hast du da vollkommen recht!
      Aber sind wir dennoch mal froh, dass die sportlichen Leidenschaften nicht bei allen dieselben sind, sonst würde es noch voller werden bzw. das mit dem Abstandshalten würde noch aussichtsloser.
      Und, nebenbei: Ich bin gottseidank nicht nur Schwimmsport-Fan, sondern die Berge kommen ja ganz dicht dahinter und seit 20 Jahren jogge ich auch ca 1x die Woche, so zur Abwechslung (und bei dem einen Mal wird es sich auch wieder einpendeln, sollte die Pandemie beizeiten mal wieder weniger Restriktionen nach sich ziehen).
      Pfundige Pfingstgrüße aus München!

      Liken

      • Oh ja, dir Berge kommen bei mir auch ganz oben leider viel zu selten. Hier von Mainz aus ist es doch ein Stück weit entfernt. Aaaber wie es sich so ergibt, fahre ich am 15. Juni mit meinem Papa nach Osttirol und freue mich schon wie ein Schneekönig.

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  2. Die Delfine waschen sich doch auch im Badewasser, wo ist das Problem… (lach).
    Die Neopren-Anzüge geben mehr Auftrieb evtl. brauchst Du Ausgleichsgewichte. Beim Schnorcheln /Tauchen ist das so allerdings sind die Anzüge wohl dicker als die für die Schwimmer. Gut Kraul wünscht der Kormoran.

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    • Offenbar – wie ich dank eines anderen Kommentares erfuhr – ist das mit dem Auftrieb wohl auch bei den Schwimmer-Neoprenanzügen der Fall. Hm. Muss ich mir alles noch überlegen. Die Anschaffungskosten sind ja auch kein Pappenstiel.
      Liebe Grüße in die Hauptstadt von der Kraulquappe!

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  3. Entscheide Dich unbedingt für den Bergsee, schon wegen der Aussicht … Du kennst ja meine Aversion gegen eingesperrtes Wasser. 😉 Am und im Bergsee triffst Du höchstens Molche, Olme, Lurche…
    Ich kenne nur Neoprenanzüge für Wasserskifahrer (natürlich NICHT aus eigener Erfahrung), ggfs. sieht man aus wie eine Weißwurst, um Dir ein Dir regional bekanntes Bild zu geben. Liebe Grüße und ganz viel Spaß bei der Entscheidungsfindung.

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    • Das mit der Weißwurst ist gut. Nehm ich die Badekappe dann in senfgelb, damit das auch ein stimmiges Bild ist. 🥨🍻😎
      Und „eingesperrtes Wasser“ erinnert mich an einen Film mit Johnny Depp, als der noch bildhübsch war: da wurden Rosinen (die ich hasse) als „gedemütigte Weintrauben“ bezeichnet, das hab ich natürlich sofort übernommen!
      Ganz liebe Grüße in den Norden!
      Natascha
      PS: Wusstest du, das ich das Wort „Olm“ liebe? Und dass der Papa von jeher den Spitznamen „Lurchi“ trägt? Bestimmt!

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  4. Q.: Was kostet eigentlich so ein Neoprenanzug und worauf muss man beim Kauf achten?

    A.: Das hängt von der Qualität ab. Billige gibt es ab rund 100 €, brauchbare ab 300 €, wirklich sinnvolle ab 400 € und hochfunktionale etwa um 600 €.
    Du musst auf optimale Passform achten, dass die Bewegungsfreiheit bleibt, er nicht zu viel Auftrieb hat, gut schließt und nicht scheuert.

    Kommt man überhaupt allein in so eine Wurstpelle rein und auch wieder raus?

    Ja – nein. Reinkommen in den trockenen Anzug ist kein Problem, alles eine Frage der Technik. In einen nassen eher schwierig.
    Das Schließen des Rückenreißverschlusses geht bei den meisten alleine, nur wenn er sehr eng sitzt, wird es schier unmöglich.
    Raus kommen ist nie ein Problem.

    Q.: Wie schwimmt es sich damit und ist das noch dasselbe freie, leichte, selige Gefühl im Wasser?

    A.: Es schwimmt sich anders. Mit viel mehr Auftrieb schneller, weil die Wasserlage besser ist. Es hat aber was für sich, viel früher und auch noch im Herbst ins Freiwasser zu kommen.
    Es lohnt daher unbedingt.

    Liebe Grüße Lutz

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    • Ja sehr schön..Beim Schreiben dachte ich: Hoffentlich liest das der Lutz, der kann dir dann gleich auf jede Frage antworten. Und siehe da… 😊👍🐋🏊‍♀️
      Vielen Dank schon mal! 300€ ist ne Stange Geld, aber der Geburtstag naht ja. Kann gut sein, dass ich nochmal auf dich zukomme, wenn es soweit ist, ok?
      Liebe Grüße & nochmal danke!
      Natascha

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  5. …und was ist das Schlimmste? Diese ganzen Maßnahmen inklusive der Tatsache, dass man sein Hab und Gut nicht mehr wegschliessen kann (und ich mir gerade wasserdichte Täschchen bestellt habe, da ich sicher nicht das Handy mit der Online-Eintrittskarte und den Haustürschlüssel im Gras liegen lasse), gelten in Hamburg auch. Und zwar für die Bäder, die überhaupt geöffnet werden. Und das sind ne Handvoll am Stadtrand, die ich nur mit Auto (hab ich nicht) oder umständlich mit den Öffis (will ich nicht) erreichen kann. Mein öffentliches Bad samt Aussenbecken und dem dazugehörigen Freibad bleibt geschlossen 😭😭😭

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    • Oh je, das tut mir leid für dich! Seltsam, wieso denn nur die Bäder am Stadtrand…, verstehe das, wer will.
      Hier werden allerdings auch ausschließlich Freibäder geöffnet, die Hallenbäder bleiben allesamt zu. Aber es gibt gottseidank genug Freibäder in der Stadt – und „meins“ ist ja eh ein Ganzjahresfreibad.
      Was wirst du tun? Weiter verzichten oder doch irgendwie an den Stadtrand fahren? Oder dein Patenkind (?) in München besuchen?
      Wünsch dir schöne Pfingstfeiertage!

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      • ne, ich fahre nicht an den Stadtrand, zu umständlich. Das Patenkind ruft täglich an und fragt, wann ich es wieder besuchen komme, mal schauen. Ich werde abwarten und hoffen, dass „mein“
        Bad nachzieht. Ich frage mich auch, wie die älteren Herrschaften das machen, online Tickets kaufen? Und unsere Multicard gilt auch nicht 😒 (nörgel ich doch, obwohl ich in der Sonne an der Ostsee sitze)

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