Im Dunstkreis der Drusenfluh (IV).

Dauerregen trommelt mich in den Schlaf.

Es ist unsere letzte Nacht im Graubündner Maiensäss. Um 3:20 Uhr reißt mich wildes Gebell aus dem Schlaf. Ruckartig setze ich mich im Schlafsofa auf und sehe, wie das Dackelfräulein dem hübsch Bewimperten, der im Flur steht, unter lautstarkem Gekläffe entgegenschießt. Als sie ihn erkennt, verstummt sie sofort beschämt und begrüßt ihn umso inniger. Das wiederum erzürnt Fräulein Shiva, die im anderen Schlafraum weilt, sofort ertönt das nächste Bellen. Kurzum: alle vier sind wir nun putzmunter.

Was ist geschehen?
Die kleine Portugiesin hat mitten in der Nacht irgendein Geräusch vernommen, das ihr nicht behagt. Pflichtbewusst schlägt sie an. Da sie nicht gleich zu beruhigen ist, steht M. auf, um nachzusehen, ob vielleicht der Sturm irgendwo einen Fensterladen gelöst hat, der nun scheppert oder ob durch das Gewitter andere Schäden an unserem Häuschen entstanden sind.

Er öffnet seine Schlafzimmertür, tritt auf leisen Sohlen hinaus in den Flur, der nur durch einen Raumteiler von meiner Schlafstatt getrennt ist, betätigt dort bewusst keinen Lichtschalter, um mich ja nicht zu wecken, sondern leuchtet vorsichtig mit einer Taschenlampe auf den Boden.
Das Dackelfräulein wiederum hört die Türklinke und sieht den ungewohnten Lichtstrahl, beides zusammengenommen ist ein eindeutiges Indiz für einen Einbrecher, also muss sofort mit größtmöglichem Getöse und Einsatz das schlafende Frauchen verteidigt werden.

Nach diesem nächtlichen Zwischenfall liegen M. und ich eine gute Stunde wach, die Hunde hingegen ratzen schon fünf Minuten später wieder friedlich in ihren Kuhlen auf den dicken Daunendecken.

Aber es ist nicht weiter schlimm, dass wir unausgeschlafen in den nächsten Tag starten. Außer Packen, Putzen und der Heimreise steht nichts auf dem Programm.

Als ich gegen halb 8 aufstehe und einen ersten Blick durchs Küchenfenster riskiere, bricht mir der Anblick der beiden Kühe im Regen fast das Herz:

Und auch sonst ist die Aussicht gelinde gesagt wenig erheiternd. Die Drusenfluh in dichte Wolken gehüllt, die Almwiesen vor dem Haus so durchweicht, dass die Hundefräuleins nur schwer zu einem Morgengassi zu animieren sind und der Regen so unbarmherzig und trotzig, dass man schon ahnt, er würde das den ganzen langen Tag über hartnäckig so durchziehen.

Die kleine Portugiesin kontrolliert den großen Beladevorgang.

Noch im Schlafgewand packen wir unsere Siebensachen und putzen das Maiensäss gründlich durch. Am späten Vormittag ist alles sauber und das Gepäck (aka „das Nötigste“) steht im Flur vor der Tür. Wir sind startklar. Zum Auto sind es zwar nur ein paar Meter, dennoch wird alles nass, bis es im Kofferraum verstaut ist. Vor allem der Mensch, der es dorthin trägt.

Die wunderbaren Tage in der Einöde sind vorbei, der Sommer wohl auch.
Bedrückt begeben wir uns auf das Serpentinensträßchen. Letzter Stopp auf 1.500 Hm: die Kantonsmülltonne beim Berggasthof.

Von der Rückbank blickt einen das geballte Hundeelend eines Regen- und Abreisetages an.

Stumm legt der hübsch Bewimperte den Gang ein und fährt los, durch das nasse Grau, hinab.
Stumm lege ich die CD ein und filme die Straße, die uns zurückführt, in die Welt, dort unten.


„The path is so long, the river is deep

But soon you’ll be changing the side
The curtains are falling, the audience is gone
I think I’ll escape for a while.“

[Music written by Matthias Forenbacher, Rain filmed by Natascha H., Car driven by Marcus M.]

10 Gedanken zu „Im Dunstkreis der Drusenfluh (IV).

  1. Kühe vorm Fenster irgendwo in den Alpen. Da sitz ich wieder im ICC (Westberlin) und Jon Anderson erzählt, wie das damals war, in Montreux. Als sie „Going for the one“ einspielten.
    The next song is inspired by cowbells. Let me tell you a story.
    We were in Montreux. In 76 to record the „Going for the one“Album, you know? And I sat in my Hotelroom early in the morning. Longing for inspiration. We had not enough ideas for the record. Expensive Studio, you know. Pressure was rising! Write! Write something! The window was open. And I heard something strange coming up. I ran to the window. There was nothing – but wait a little: There comes a cow with this bell on the chest. She was not the only one. The second, the third – and it spoke out of me: Let me hear you wonderous stories!“
    Applaus
    und dann kams:
    http://www.youtube.com/watch?v=9-BMlq_zyko

    Gefällt 1 Person

  2. Ich muß da schmunzelnd an die befreundeten Volleyballer aus Hessen denken, die mal ein Wochenende bei uns in Oppenau verbrachten und z.T. im Zelt übernachteten – und die den selbstgebrannten Blutwurzschnaps unterschätzt und getrunken hatten als sei’s Wasser: Am Sonntagmorgen wurden sie nach durchzechter Nacht in aller Herrgottsfrühe von Kühen geweckt, die neugierig den Kopf in den Iglu-Zelteingang steckten, und erschraken heftigst … 😉
    Freilaufende Rindviecher war man in Rodgau nicht gewohnt …
    Viel Spaß weiterhin beim Gipfelstürmen!
    Spike

    Gefällt 1 Person

    • Eine nette Story rund ums Rind, dank dir, lieber Spike! Bei uns hat es sich vorübergehend ausgegipfelstürmt. Derzeit kühlen wir unsere Flossen in eidgenössischen Gewässern und senden dir herzlichste Grüße und ein wohltemperiertes Grüezi aus der Buslinie 912, die uns vom Nobelvorort nach Zürich hineinkutschiert, wo das Fräulein einen Termin hat und ich darf sie begleiten.
      Muss aufhören, Busfahren ist hier nämlich wie Sightseeing!

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