Einer fehlt noch oder: Der Weg ist das Ziel.

Lessen Sie heute aus der Reihe „Schicksalsberge„: Der Krottenkopf.

Zum sechsten Mal war ich nun dort oben. Zweimal habe ich auf der knapp unter dem 2.088m hohen Gipfel des Krottenkopfes gelegenen Weilheimer Hütte genächtigt, die anderen vier Male bin ich an einem Tag rauf & runter gelaufen.

Mindestens ein weiteres Mal werde ich noch auf diesen Berg hinaufgehen, denn: von den möglichen Zustiegen fehlt mir nur noch einer, und der Krottenkopf ist nun mal einer der Berge, den ich mir von allen erdenklichen Seiten erlaufen haben möchte, bevor ich ins Gras beiße.

Aussichtskanzel: Die Weilheimer Hütte.

Bayern par excellence: Was vom Wochenende übrig blieb.

Da wäre man ohne die Beschriftung echt nicht draufgekommen…

Jede der bisherigen Touren erinnere ich präzise. Keiner der wesentlichen Eindrücke ist im Schweiß zeronnen oder über die Jahrzehnte verblasst, denn es waren stets denkwürdige Unternehmungen (logisch, sonst hätte er es ja auch nicht zum Schicksalsberg gebracht):

a) Die Erstbesteigung mit dem Ex-Ehemann im Jahre ’95, als wir noch blutjung, übermütig und unverheiratet waren und gerade erst so richtig anfingen, längere Touren zu gehen.
Von Eschenlohe stiegen wir über das Pustertal und die Hohe Kisten hoch zum Krottenkopf und über eine leicht östlich des Aufstiegsweges verlaufende Forststraße, die ziemlich dröge 12 km lang ist, wieder hinunter. Ich schwor mir damals, die Tour nie wieder auf diesem Weg zu beenden.

b) Die Zweitbesteigung von Wallgau aus, zusammen mit H., dem Mega-Sportler und Mega-Eifersüchtler, mit dem ich beim Abstieg in einer Diskussion über … (ach, vergessen Sie’s, es war einfach unschön) so heftig aneinandergeriet, dass Hs Brille, weil er sich gar so echauffierte, zu Boden fiel und dabei zu Bruch ging, genau wie diese unselige Beziehung, und ich sagte kein Wort mehr und heulte, bis wir wieder in Wallgau am Parkplatz waren (oder heulte ich sogar bis zur Ankunft in München?). Zwei Tage später brachte ihm eine Freundin von mir all sein Geraffel, das er in meiner Wohnung deponiert hatte, in einigen großen Tüten vorbei, und danach war erstmal für ein paar Jahre Schluss mit dem Krottenkopf, ich wollte ihn keinesfalls allzu bald wiedersehen, um mich ja nicht an H. und dieses Ende erinnern zu müssen. Das war 2001.

c) Die Drittbesteigung dann etliche Jahre später, im Sommer 2007, mit dem Mann meines Lebens, dem wenige Tage zuvor die Tour auf den Schachen zu gemütlich gewesen war und der sich nach Größerem sehnte. Sollte er haben! Der Krottenkopf war ihm dann allerdings etwas zu groß, nicht im Aufstieg (wieder von Eschenlohe via Pustertal), dafür aber im Abstieg via Forststraße. Jene, die ich lebenslang nicht mehr hatte gehen wolle , und dann gingen wir sie doch, weil der Gatte in spe keinesfalls durch das Kar voller Geröll, das wir beim Aufstieg im zähen Tippelschrittgang gequert hatten, auch wieder hinuntergehen wollte, also blieb uns nur diese Forststraße, und sie war leider immer noch 12 km lang, und der Zukünftige war gelinde gesagt not amused als wir erst spätabends im (eigentlich ja romantischen) Mondschein das Auto erreichten (die noch frische Verliebtheit half ihm gottseidank bald über dieses Tourerlebnis hinweg, heutzutage dürfte ich es nicht mehr wagen, mit so einem „Spaziergang“ daherzukommen).

d) Zum vierten Erklimmen des Krottenkopfes 2014 schien es mir ratsam, mal alleine zu gehen. No man, no cry, wie es ja schon in der uralten, weisen Reggae-Ballade heißt. Und überhaupt wollte ich diesmal alles anders machen: Nicht per Auto, sondern mit dem Zug anreisen, von Farchant aus auf einem neuen Weg hochgehen, oben auf der Hütte übernachten, über den Fricken nach Oberau hinunterlaufen, mit dem Zug wieder nachhause. Hat auch genauso geklappt. Problem diesmal: ich selbst. Zumindest während des Aufstiegs. Ich wälzte unablässig schwierige Themen (die Kündigung, die Zukunft, der Hirntumor der Mutter), die mir ebenso im Nacken saßen wie der übervolle Tourenrucksack. Auf der Hütte dann halb ohnmächtig vor Erschöpfung angekommen, nach dem sensationellen Sonnenuntergang wurde plötzlich alles besser bzw. leichter und tags drauf hätte ich Bäume ausreißen können, nahm ungeplant einen weiteren Gipfel mit, den Bischof, und hüpfte leichtfüßig hinunter ins Tal.

e) Fünfte Begehung vor drei Jahren, 2017, mit Übernachtung und mit einem, der vorgab, ein Freund zu sein und keiner war (oder sein konnte), weil er fortwährend nur in sich selbst verschraubt war und zur Tour nicht nur eine Überdosis Unausgeschlafenheit mitbrachte, sondern auch ein zu Viel an Unaufrichtigkeit, aber wir wollen das jetzt nicht vertiefen oder wiederkäuen. Denn die Tour, erneut von Eschenlohe aus gestartet, war eine äußerst schöne, zumal ich den ganzen langen Abend (inklusive Alpenglühen drüben im Zugspitzmassiv) für mich allein hatte, weil der Nichtfreund vor lauter Müdigkeit bereits nach dem Abendmahl in die Koje gekippt war und sich erst am nächsten Morgen wieder regte. Der Abstieg via Esterbergalm nach Farchant war dann eine interessante neue Variante und wäre die der Tour folgende Entwicklung mit dem Begleiter eine erfreulichere gewesen, hätte mich Farchant mit Sicherheit nicht erst drei Jahre später wiedergesehen.

f) Der sechste Marsch auf diesen besonderen Berg also vor drei Tagen, mit dem Morgenzug nach Oberau, den Oberauer Steig hinauf, zu Füßen des Hohen Fricken kurze Tomaten-Mozzarella-Rast (keine Alm, eigener Proviant), am Bischof vorbei, an dessen Nordflanke noch eine kleine Trinkpause (dabei an den passenden Springsteen-Song gedacht und fast ein Freudentänzchen vollführt), danach mit Krottenkopfblick flott weiter, erst hoch zum Gipfelkreuz, danach ziemlich bedient von dem stundenlangen Gesteige auf der Hüttenterrasse niedergelassen. Der Wirt weist mir einen Tisch in der Sonne an der Hauswand zu, dort sitzt schon eine Einzelperson. J. ist auch aus München, wir kommen beim Anstoßen mit dem verdienten Weißbier ins Gespräch, über Kuchensorten, über Corona und über die jeweils hinter uns liegenden Aufstiege, und kommen dann gar nicht mehr raus aus dem Gespräch, brechen schließlich gemeinsam auf und als wir die Esterbergalm passieren, liegen nicht nur über 700 Höhenmeter Abstieg in erstaunlicher Harmonie des Gehtempos hinter uns, sondern auch zwei in Auszügen erzählte Biografien, die bis zum Abschied vor meiner Haustür noch diverse weitere Ausschmückungen erfahren, denn J. hat sein Auto unten in Farchant auf dem Wanderparkplatz stehen und ich bin so dermaßen platt von dem Tag, dass ich heilfroh bin, nicht mehr über die ruppigen Asphaltsträßchen bis zum Farchanter Bahnhof laufen zu müssen, sondern direkt am Ende des Bergsteigs die schweren Stiefel ausziehen und mich in den Beifahrersitz plumpsen lassen kann.

Auf geht’s, hinab!

Die spinnen, die Bayern (abgelegene Alm auf 1.300m).

Zurück im Tal & ein Schatten meiner selbst.

Offenbar ist der Krottenkopf für mich ein Berg, mit dem ich so Einiges auszutragen habe, und wenn der Begegnungsrhythmus mit diesem einzigen Zweitausender in der Region sich wie gehabt fortsetzt, dürfte irgendwann zwischen 2023 und 2026 die nächste Begehung anstehen. Und die wird von Krün aus starten, denn das ist der einzige Weg, der mir noch fehlt in meiner Krottenkopfserie (und wer weiß; vielleicht ist es der Zustieg, der alles abrundet und zu einem Ganzen fügt, vielleicht ist es aber auch bloß ein weiterer Zugang, der mich in die Höhen des Estergebirges führt und mit meinen Abgründen bekanntmacht, ich werd’s sehen).

Der Weg ist das Ziel (oder auch einfach nur ein Weg).

Jedenfalls möchte ich Ihnen, so Sie sich denn überhaupt für die Bergwelt interessieren oder gar begeistern können, diese Tour (ganz egal, welche Wegvariante) nicht etwa als möglichen Erkenntnisgewinntrip oder veritablen Verausgabungs-/Fitnesstest oder als gnadenlosen Beziehungsprüfstein ans Herz legen, sondern schlicht und einfach ob ihrer landschaftlichen Schönheit und der atemberaubenden Aussichten, die sie bietet.

Zugspitze zwischen Bischof und Fricken.

Hetzen Sie sich nicht, übernachten Sie unbedingt dort oben, trinken Sie ein süffiges Mittenwalder und keine dürre, blonde Hopf-Weiße und genießen Sie die stille, wohltuende Bergeinsamkeit da heroben, alleine oder in ausgesuchter Gesellschaft, und mit Blick auf wirklich alles, was meine Heimat in alpiner Hinsicht zu bieten hat.

Falls Ihnen das nicht behagt, weil zu lang, zu hoch oder zu was-weiß-ich-was, dann gehen Sie doch einfach mal auf der anderen Seite des Loisachtales ein bisschen auf dem Kramerplateauweg spazieren, von Burgrain oder Sonnenbichl (beides Ortsteile von Garmisch) nur ein paar Meter hinauf und weiter auf dem Höhenweg bis zum Gasthof Pflegersee oder – noch besser – bis zur Werdenfelser Hütte und gucken Sie von dort aus gemütlich hinüber zum imposanten Estergebirge.

Den Krottenkopf sehen Sie zwar von da aus nicht, doch der ihm vorgelagerte Hohe Fricken tut’s auch, denn zum einen muss man ja echt nicht jeden Hügel in Oberbayern gesehen haben und zum anderen hat der Fricken schon auch mal einen Blick verdient, weil er meist achtlos links liegen gelassen wird, denn durch Oberau rauscht man üblicherweise blicklos hindurch (bzw. stur geradeaus guckend, weil da sieht man schließlich schon die Zugspitze) und ist froh, wenn man (mit oder ohne Stau, meist aber mit) überhaupt bis dorthin vorgedrungen ist – und weiter geht’s nach Garmisch oder Mittenwald (das eine ein so hässlicher, verbauter Ort, das andere zwar wunderbar, aber nochmal eine halbe Stunde mehr zu fahren).

Und Oberau wird in nicht allzu ferner Zukunft noch groß rauskommen, das sage ich Ihnen schon heute, denn sobald der Tunnel, über dessen Bau jetzt alle so fluchen, weil er den Erholungssuchenden noch einen Staugrund mehr beschert, mal fertig ist, wird das Dorf sich zu seinem Vorteil verändern, es wird wieder ein Gesicht bekommen, und zwar ein hübsches, so wie es seinerzeit auch Farchant widerfuhr. Es wird im neuen Tunnel oder kurz davor eine Abfahrt geben, die einen explizit in diesen ehemals trostlosen Transit-Ort führt, der dann ein beliebtes Ausflugsziel sein wird und nicht bloß der Blinddarm der A95 oder das unbedeutende Kaff kurz vor dem Olympiaort Garmisch mit seiner gigantischen Bergkulisse.

Aus der Badewanne wünsche ich Ihnen eine gute Nacht und ein schönes Spätsommerwochenende!

6 Gedanken zu „Einer fehlt noch oder: Der Weg ist das Ziel.

    • Freut mich, danke!
      Das Fräulein war auf der Krottenkopftour nicht dabei, das wäre viel zu lang und anstrengend für sie gewesen (und auch zu heiß). Aber am Freitag war sie mit dabei (siehe gestriger Blogbeitrag) und natürlich nehmen wir sie mit, wann immer das gut geht!
      Viele Grüße in die Hauptstadt!

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